20
Ihr Puls pochte ihr in den Ohren. Sie hatte Mühe, ihren panischen Atem zu beherrschen, als sie sich hinter den dicken Stamm einer alten Fichte duckte und sich an die rauhe Borke preßte. Wenn die Schwestern dahinterkämen, daß sie ihnen folgte…
Sie sog die dunkle, feuchte Luft in kurzen Zügen ein. Ihre Lippen sandten stumme Gebete an den Schöpfer, in denen sie um Schutz flehte. Mit Augen so groß wie Goldstücke starrte sie in die Dunkelheit, schluckte und versuchte, ihre Kehle zu befeuchten.
Die dunklen Umrisse glitten lautlos näher. Wenn sie um den Rand des Baumes linste, konnte sie sie gerade eben so erkennen. Sie unterdrückte ihren Wunsch, laut loszuschreien, davonzurennen, und bereitete sich darauf vor zu kämpfen. Sie griff nach dem süßen Licht, umschloß ihr Han.
Der Schatten kam zögernd, suchend näher. Noch ein Schritt, nur noch einer, und sie würde hervorspringen. Sie würde es richtig machen müssen — damit es keine Gelegenheit gab, Alarm zu schlagen. Es mußte schnell gehen, und es würde verschiedene Arten von Netzen erfordern, die alle gleichzeitig geworfen werden mußten. Aber wenn es ihr gelang, schnell und präzise vorzugehen, blieb keine Gelegenheit, zu schreien oder Alarm zu schlagen, und sie würde ganz sicher wissen, wer es war. Sie hielt den Atem an.
Endlich machte die finstere Gestalt den nächsten Schritt. Sie wirbelte hinter dem Baum hervor und warf die Netze. Ein Strang aus Luft, so dick wie ein Ankertau, wand sich peitschenschnell um die Gestalt. Als der Mund sich öffnete, rammte sie einen festen Knoten aus Luft hinein und knebelte ihn damit, bevor er eine Gelegenheit hatte aufzuschreien.
Erleichtert sank sie ein wenig in sich zusammen, als kein Geräusch zu hören war, aber ihr Herz raste noch immer, während sie keuchend um Atem rang. Mit Mühe gelang es ihr, wieder Ruhe in ihre Gedanken zu bringen, obwohl sie ihr Han noch immer fest umschlossen hielt, aus Angst, ihre Vorsicht könnte nachlassen. Schließlich konnten noch andere in der Nähe sein. Sie holte tief Luft und trat näher an die gelähmte Gestalt heran. Als sie nahe genug war, um den Atem auf ihrem Gesicht zu spüren, hielt sie die geöffnete Hand in die Höhe und setzte einen Glühfaden frei, um eine kleine Flamme zu entzünden, gerade hell genug, um das Gesicht zu erkennen.
»Jedidiah!« flüsterte sie. Sie drückte ihm die Hand in den Nacken und betastete das glatte, kühle Metall des Rada’Han, dann legte sie ihren Kopf an seine Stirn und schloß dabei die Augen. Tränen liefen ihr über die Wangen. »Oh, Jedidiah. Du hast mir einen solchen Schrecken eingejagt.«
Sie machte die Augen auf und betrachtete sein entsetztes Gesicht im Licht der winzigen, zuckenden Flamme. »Ich werde dich befreien«, flüsterte sie sanft, »aber du mußt ganz still sein. Versprochen?«
Er nickte, so gut es ging, wenn man bedachte, wie fest sie ihn gefesselt hatte. Sie streifte die Netze ab und zog den Luftknebel heraus. Jedidiah atmete erleichtert auf.
»Schwester Margaret«, sagte er leise und mit unsicherer Stimme, »fast hättet Ihr es geschafft, daß ich mich beschmutze.«
Sie kicherte lautlos. »Tut mir leid, Jedidiah, aber das gleiche wäre mir beinahe auch passiert.«
Sie kappte das dünne Fädchen, das die winzige Flamme speiste, und die beiden sanken aneinandergelehnt zu Boden, um sich von dem Schrecken zu erholen. Jedidiah war mehrere Jahre jünger als sie und größer — ein gutaussehender junger Mann. Fast zu gutaussehend, überlegte sie.
Sie war ihm zugeteilt worden, gleich als er in den Palast gekommen und sie noch Novizin gewesen war. Er hatte sich sehr lernbegierig gezeigt und sich sehr viel Mühe gegeben. Vom ersten Tag an war er die reinste Freude gewesen. Sie wußte, wie schwierig andere waren — nicht jedoch Jedidiah. Sie brauchte bloß einen Wunsch zu äußern, und schon stürzte er sich darauf, ihn zu erfüllen.
Andere waren der Ansicht, daß er mit dem, was er tat, eher ihr gefallen als sich selbst nützen wollte, doch niemand konnte leugnen, daß er ein besserer Schüler als alle anderen war und ein besserer Zauberer werden würde — und das war von Belang. Allein die Ergebnisse, nicht die Methode zählte, und sie hatte sich rasch durch die Art, wie sie ihn vorangebracht hatte, ihre volle Schwesternschaft verdient.
Jedidiah war bei ihrer Ernennung zur Schwester des Lichts stolzer auf sie gewesen als sie selbst. Sie war auch stolz auf ihn. Vermutlich war er der mächtigste Zauberer, den der Palast in tausend Jahren gesehen hatte.
»Margaret«, flüsterte er, »was tust du hier draußen?«
»Schwester Margaret«, verbesserte sie.
»Ist doch niemand in der Nähe.« Er gab ihr einen Kuß aufs Ohr.
»Hör auf«, schalt sie ihn. Das Kribbeln des Kusses lief ihr den gesamten Rücken hinunter — er hatte ihm einen Hauch von Magie beigegeben. Manchmal wünschte sie, sie hätte ihm das nicht beigebracht. In anderen Augenblicken verging sie fast danach, daß er es tat. »Jedidiah, was tust du hier? Wie kommst du dazu, mir, einer Schwester, aus dem Palast zu folgen?«
»Du führst irgend etwas im Schilde. Ich weiß es genau, versuch gar nicht erst, es mir auszureden. Etwas Gefährliches. Anfangs war ich nur ein wenig besorgt, aber als ich merkte, daß du zum Hagenwald wolltest, bekam ich Angst um dich. Ich werde dich an einem gefährlichen Ort wie diesem nicht einfach so herumspazieren lassen. Jedenfalls nicht allein. Nicht, wenn ich nicht mitkommen und dich beschützen darf.«
»Mich beschützen!« stieß sie schroff hervor. »Dürfte ich daran erinnern, was gerade passiert ist? Du warst im Nu hilflos. Du hast nicht mal ein einziges meiner Netze abwehren können. Du hast kein einziges brechen können. Du warst kaum in der Lage, dein Han zu berühren, geschweige denn, es zu benutzen. Du mußt noch eine Menge lernen, bevor du Zauberer genug bist, um jemanden zu beschützen. Im Augenblick kannst du schon froh sein, wenn du dir nicht ständig selbst auf die Füße trittst!«
Die Schelte brachte ihn zum Schweigen. Eigentlich mochte sie es nicht, wenn sie ihn so scharf zurechtwies, aber wenn das stimmte, was sie vermutete, dann war das hier viel zu gefährlich für ihn. Sie hatte Angst um ihn und wollte nicht, daß ihm etwas zustieß.
Was sie gesagt hatte, entsprach außerdem nicht ganz der Wahrheit. Auch wenn es nicht oft gelang — wenn er alles richtig zusammenbekam, war er bereits mächtiger als jede Schwester. Bereits jetzt gab es Schwestern, die Angst hatten, ihn zu sehr bedrängen. Sie spürte, wie er den Blick abwendete.
»Entschuldige, Margaret«, sagte er leise. »Ich hatte Angst um dich.«
Der verletzte Unterton in seiner Stimme tat ihr im Herzen weh. Sie beließ ihren Kopf ganz dicht an seinem, damit sie sich in leisem Flüsterton unterhalten konnten. »Das weiß ich, Jedidiah, und ich weiß deine Sorge zu schätzen, wirklich. Aber das ist Sache der Schwestern.«
»Margaret, der Hagenwald ist ein gefährlicher Ort. Hier gibt es Dinge, die dich töten können. Ich will nicht, daß du dort hineingehst.«
Der Hagenwald war in der Tat gefährlich. Das war er schon seit tausend Jahren. Es hieß, der Hagenwald sei das Ausbildungsgelände für eine ganz besondere Art von Zauberern. Diese Art Zauberer wurde nicht dorthin entsandt, sondern ging aus freien Stücken dorthin. Weil sie es so wollten. Es sie danach verlangte … weil sie mußten.
Doch das war nur Gerede. Sie hatte von keinem Zauberer gehört, der losgezogen war, um eine gewisse Zeit im Hagenwald zu verbringen, wenigstens nicht in den letzten tausend Jahren. Wenn es überhaupt stimmte. In den Geschichten hieß es, in alten Zeiten hätte es Zauberer mit einer derartigen Macht gegeben, und diese wären in den Hagenwald gegangen. Wenige nur seien je wieder herausgekommen, hieß es dort auch. Doch es gab Regeln, selbst an diesem Ort.
»Die Sonne ist nicht untergegangen, seit ich hier bin. Ich bin nach Einbruch der Dunkelheit gekommen. Solange du keinen Sonnenuntergang im Hagenwald erlebst, kannst du ihn wieder verlassen, und ich habe nicht die Absicht, bis zum nächsten Sonnenuntergang hierzubleiben. Es ist hier durchaus sicher. Wenigstens für mich. Ich möchte, daß du nach Hause gehst. Sofort.«