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»Was ist so wichtig, daß du dort hinein willst? Was hast du vor? Ich erwarte eine Antwort, Margaret. Eine ehrliche Antwort. Ich lasse mich nicht abwimmeln. Dort drinnen ist es gefährlich, und ich lasse mich nicht fortschicken.«

Sie betastete die fein gearbeitete Goldblume, die sie an einer Kette um den Hals aufbewahrte. Jedidiah hatte sie selbst für sie gemacht, nicht mit Hilfe von Zauberei, sondern mit eigener Hand. Es war eine Prunkwinde, die das erwachende Bewußtsein seiner Gabe darstellen sollte, ein Bewußtsein, zu dessen Blüte sie ihm verholfen hatte. Die kleine Blume aus Gold bedeutete ihr mehr als alles andere, was sie besaß.

Sie ergriff seine Hand und lehnte sich bei ihm an. »Also gut, Jedidiah, ich werde es dir verraten. Aber ich kann dir nicht alles verraten. Es wäre zu gefährlich für dich, wenn du alles weißt.«

»Was ist zu gefährlich? Wieso kannst du es mir nicht erzählen?«

»Sei still und hör zu, oder ich schicke dich auf der Stelle zurück. Du weißt, daß ich dazu in der Lage bin.«

Er faßte sich mit seiner freien Hand an seinen Halsring. »Das würdest du nicht tun, Margaret. Sag mir, daß du das nicht tun würdest, nicht, nachdem wir zusammen…«

»Psst!« Er schwieg. Sie wartete einen Augenblick, bevor sie weitersprach. »Ich hatte schon seit einiger Zeit den Verdacht, daß es bei einigen, die die Gabe besitzen und uns verlassen haben oder gestorben sind, nicht mit rechten Dingen zuging. Ich glaube, sie sind ermordet worden.«

»Was!«

»Nicht so laut!« fauchte sie ihn wütend an. »Willst du vielleicht auch umgebracht werden?« Er war wieder still. »Ich glaube, im Palast der Propheten geschieht etwas Ungeheuerliches. Ich glaube, ein paar der Schwestern haben sie ermordet.«

Er starrte sie in der Dunkelheit an. »Ermordet? Die Schwestern? Margaret, du mußt verrückt sein, nur so etwas zu denken.«

»Nein, das bin ich nicht. Doch würde das jeder glauben, wenn ich dergleichen innerhalb der Palastwände aussprechen würde. Ich muß irgendeinen Weg finden, es zu beweisen.«

Er dachte einen Augenblick lang nach. »Nun, ich kenne dich besser als jeder andere, und wenn du sagst, es stimmt, dann glaube ich dir. Ich werde dir helfen. Vielleicht können wir die Leichen ausgraben, irgend etwas finden, einen Beweis oder jemanden, der etwas gesehen hat. Wir könnten vorsichtig das Personal ausfragen. Ich kenne welche, die…«

»Jedidiah, das ist noch nicht das Schlimmste.«

»Was könnte noch schlimmer sein?«

Sie hielt die goldene Blume zwischen Daumen und Zeigefinger und rieb mit dem Daumen daran. Ihre Stimme wurde noch leiser als zuvor. »Im Palast gibt es Schwestern der Finsternis.«

Auch ohne es in der Dunkelheit sehen zu können, spürte sie die Gänsehaut auf seinen Armen. Die Insekten der Nacht zirpten ringsum, während sie den dunklen Umriß seines Gesichtes musterte. »Margaret … Schwestern der … das ist unmöglich. So etwas gibt es gar nicht. Das ist doch nur eine Legende … eine Sage.«

»Es ist keine Legende. Es gibt Schwestern der Finsternis im Palast.«

»Margaret, bitte, sag das nicht. Für eine solche Beschuldigung könnte man dich hinrichten. Wenn du eine Schwester dessen bezichtigst und es nicht beweisen kannst, wirst du hingerichtet. Und du kannst es nicht beweisen, weil es nicht möglich ist. Das gibt es gar nicht, so etwas wie die Schwestern der…«

Die Vorstellung allein jagte ihm einen solchen Schrecken ein, daß er das Wort nicht einmal laut aussprechen konnte. Sie wußte, welche Angst er hatte. Sie hatte dieselbe Angst gespürt, bis sie auf etwas gestoßen war, das sie nicht länger übergehen konnte. Sie wünschte, sie hätte an jenem Abend den Propheten nicht aufgesucht oder ihm wenigstens nicht zugehört.

Die Prälatin war erbost darüber gewesen, daß Margaret die Nachricht des Propheten nicht an eine ihrer Gehilfinnen weitergegeben hatte. Schließlich, bei der endlich gewährten Audienz, hatte die Prälatin sie nur leeren Blicks angestarrt und sie gefragt, was der ›Kiesel im Teich‹ zu bedeuten hätte. Margaret wußte es nicht. Daraufhin hatte die Prälatin ihr eine ernste Standpauke gehalten, weil sie sie mit Nathans Unsinn behelligt hatte. Margaret war außer sich gewesen, als Nathan abstritt, ihr je eine solche Nachricht für die Prälatin mitgegeben zu haben.

»Ich wünschte, du hättest recht, aber das ist nicht der Fall. Sie sind Wirklichkeit. Sie sind unter uns. Sie befinden sich im Palast.« Sie betrachtete einen Augenblick lang seinen dunklen Schatten. »Deswegen bin ich hier draußen. Um Beweise zu suchen.«

»Und wie willst du das anstellen?«

»Sie sind hier draußen. Ich bin ihnen gefolgt. Sie gehen hinaus in den Hagenwald, um irgend etwas zu tun. Ich will herausfinden, was.«

Er drehte den Kopf nach allen Richtungen, suchte die Dunkelheit ab. »Wer? Welche Schwestern? Kennst du sie?«

»Ja. Ein paar von ihnen jedenfalls.«

»Welche sind es?«

»Jedidiah, das kann ich dir unmöglich sagen. Wenn du es wüßtest und dir nur der kleinste Fehler unterliefe … du könntest dich nicht mehr wehren. Wenn ich recht habe und sie tatsächlich Schwestern der Finsternis sind, würden sie dich für dieses Wissen töten. Der Gedanke, daß dir etwas zustößt, ist mir unerträglich. Ich verrate es dir erst, wenn ich mit den Beweisen in der Hand zur Prälatin gehe.«

»Woher weißt du, daß es Schwestern der … Und welche Beweise hast du? Welche Beweise könntest du dafür finden?«

Sie suchte die Dunkelheit nach irgendeinem Anzeichen von Gefahr ab. »Eine der Schwestern besitzt etwas. Einen magischen Gegenstand. Einen Gegenstand Schwarzer Magie. Ich habe ihn in ihrem Arbeitszimmer gesehen. Es ist eine kleine Figur. Sie ist mir einmal aufgefallen, weil sie eine ganze Reihe von Dingen besitzt, alte Dinge, die jeder nur für alte Andenken hält. Ich hatte sie schon einmal gesehen, und wie all die übrigen Gegenstände war sie unter einer Schicht von Staub verborgen. Dieses eine Mal jedoch ging ich nach dem Tod eines der Knaben zu ihr, um mit ihr darüber zu sprechen — über ihren Bericht. Die kleine Figur stand versteckt in einer Ecke, und davor lehnte ein Buch, um sie zu verbergen — und sie war nicht mehr von Staub bedeckt. Sie war sauber.«

»Da haben wir’s! Diese Schwester staubt eine Figur ab, und du glaubst…«

»Nein. Niemand weiß, was das für eine Figur ist. Als ich sah, daß sie sie abgestaubt hatte, hatte ich allen Grund, mich zu fragen, worum es sich handelte. Ich mußte vorsichtig sein, niemand sollte wissen, was ich vorhatte, aber schließlich bin ich dahintergekommen, was es ist.«

»Wie? Wie bist du dahintergekommen?«

Sie mußte an ihren Besuch bei Nathan denken und an ihren Schwur, niemals zu enthüllen, wie sie hinter das Wesen der Figur gekommen war. »Schon gut. Das darfst du nicht wissen.«

»Margaret, wie konntest du…«

Sie schnitt ihm das Wort ab. »Ich habe gesagt, ich werde es dir nicht verraten. Außerdem ist es ohnehin nicht wichtig. Wichtig ist, was die Figur bedeutet, nicht, wie ich dahintergekommen bin. Es ist ein Mann, der einen Kristall in die Höhe hält. Der Kristall ist ein Quillion.«

»Was ist ein Quillion?«

»Ein überaus seltener magischer Kristall. Er besitzt die Macht, einem Zauberer die Magie zu entziehen.«

Vor Überraschung war er einen Augenblick lang sprachlos. »Woher weißt du, daß es ein Quillion ist, wenn er so selten ist? Woran hast du ihn erkannt? Vielleicht ist es irgendein anderer Kristall, der ihm nur ähnlich sieht?«

»Das hätte zutreffen können, wenn er nicht benutzt worden wäre. Wenn ein Quillion benutzt wird, um einem Zauberer die Magie zu entziehen, dann leuchtet er wegen der Kraft seiner Gabe, seines Han, orange auf. Ich habe die Figur eine knappe Sekunde lang gesehen, beim Verlassen ihres Arbeitszimmers — sie war völlig sauber und stand versteckt hinter diesem Buch. Der Quillion leuchtete orange. Aber da wußte ich noch nicht, um was es sich handelt. Als ich es herausgefunden hatte, ging ich zurück, um ihn als Beweis zur Prälatin zu bringen, doch er glühte nicht mehr.«