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Richard schüttelte unsicher den Kopf. Wenn es nur nicht so schwierig wäre, sich für die richtige Vorgehensweise zu entscheiden. Er war hin und her gerissen, neigte mal zur einen, mal zur anderen Lösung. Was hätte er darum gegeben, im Besitz der entscheidenden, ausschlaggebenden Information zu sein.

Manchmal wünschte er sich, einfach herausschreien zu können, er sei doch nur ein einfacher Waldführer, der nicht wisse, was er tun soll, und es gäbe jemanden, der einschreiten und dafür sorgen könnte, daß alles ganz einfach wurde.

Manchmal kam er sich in seiner Rolle als Lord Rahl wie ein Hochstapler vor, hätte am liebsten einfach alles hingeworfen und wäre nach Hause, nach Westland, zurückgekehrt. Jetzt war einer dieser Augenblicke.

Hätte Zedd ihn nur nicht angelogen. Menschenleben waren in Gefahr, nur weil sie die Wahrheit nicht kannten und Richard keinen Gebrauch von Zedds Weisheit gemacht hatte, als er noch Gelegenheit dazu hatte. Hätte er doch bloß seinen Verstand benutzt und Du Chaillu nicht vergessen.

»Warum bist du eigentlich dagegen, nach Aydindril zu gehen?« wollte Kahlan wissen.

»Das wüßte ich selber gerne«, antwortete Richard. »Auf jeden Fall wissen wir, wohin Jagang marschiert. Das müssen wir unbedingt verhindern. Wenn er die Midlands erobert, sind wir erledigt, ganz unabhängig davon, ob wir gegen die Chimären vorgehen oder nicht.«

Er begann, auf und ab zu gehen. »Und wenn die Chimären gar nicht die befürchtete große Bedrohung wären? Ich meine, letztlich natürlich schon, aber was wäre, wenn sie Jahre für die Erosion der Magie benötigten, bis diese wirklichen Schaden anrichtet? Schaden, der nicht wiedergutzumachen wäre? Soweit wir wissen, könnte das Jahrhunderte dauern.«

»Was ist bloß mit dir los, Richard? Sie töten bereits jetzt Menschen.« Kahlan deutete über das Grasland in die Richtung, wo das Dorf der Schlammenschen lag. »Sie haben Juni umgebracht. Sie haben einige Baka Tau Mana getötet. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um ihnen das Handwerk zu legen. Davon hast du selbst mich gerade überzeugt.«

»Lord Rahl«, sagte Cara, »ich gebe der Mutter Konfessor recht. Wir müssen nach Aydindril gehen.«

Du Chaillu erhob sich. »Darf ich sprechen, Caharin

Richard wurde aus seinen Gedanken gerissen. »Ja, selbstverständlich.«

Sie wollte gerade ansetzen, als sie offenen Mundes innehielt. Ihr Gesicht nahm einen verwirrten Ausdruck an. »Dieser Mann, der sie anführt, dieser Jagang, ist er ein Mann der Magie?«

»Ja, in gewisser Weise jedenfalls. Er besitzt die Fähigkeit, in den Verstand der Menschen einzudringen und sie auf diese Weise zu kontrollieren. Er wird Traumwandler genannt. Darüber hinaus besitzt er jedoch keine Magie.«

Du Chaillu ließ sich seine Worte einen Augenblick durch den Kopf gehen. »Keine Armee kann lange ohne die Unterstützung der Bevölkerung ihres Landes durchhalten. Dann beherrscht er auf diese Weise also alle Menschen seines Landes – jeden, der auf seiner Seite steht?«

»Nein. Er kann das nicht bei allen gleichzeitig tun. Er muß sich die Menschen aussuchen. Ganz so wie ein Meister der Klinge sich im Kampf zuerst die wichtigsten Ziele aussucht. Er wählt die aus, die Magie besitzen, um deren Magie zu seinem Vorteil zu nutzen.«

»Dann werden die Hexen also von ihm gezwungen, Böses zu tun. Mit ihrer Magie halten sie sein Volk im Würgegriff?«

»Nein«, meinte Kahlan, die hinter Richard stand. »Das Volk unterwirft sich freiwillig.«

Du Chaillu schien das zu bezweifeln. »Ihr glaubt, daß Menschen einen solchen Mann freiwillig zu ihrem Führer wählen?«

»Tyrannen können nur mit Zustimmung ihres Volkes herrschen.«

»Dann ist sein Volk ebenfalls schlecht, nicht nur er selbst?«

»Es ist ein Volk wie alle anderen auch«, sagte Kahlan. »Wie Hunde bei einem Festessen versammeln sich die Menschen um den Tisch der Tyrannei und gieren nach jedem Brocken, der ihnen zugeworfen wird. Nicht jeder wird einen Tyrannen sozusagen schwanzwedelnd begrüßen, aber die meisten sind bereit dazu, vorausgesetzt, es gelingt ihm vorher, einen geifernden Haß in ihnen zu erzeugen und ihrer Gier Rechnung zu tragen, indem er ihnen das Gefühl gibt, sie handelten aus Pflichtgefühl. Viele greifen lieber einfach zu, als sich die Dinge zu verdienen. Tyrannen geben den Neidischen die Möglichkeit, sich in ihrer Gier behaglich einzurichten.«

»Schakale«, sagte Du Chaillu.

»Schakale«, pflichtete Kahlan ihr bei.

Du Chaillu schlug verwirrt die Augen nieder. »Dann ist es also noch viel schrecklicher. Die Vorstellung, daß dieses Volk von der Magie dieses Mannes oder vom Hüter persönlich besessen ist, wäre mir sehr viel angenehmer, als denken zu müssen, daß sie einer solchen Bestie aus freien Stücken folgen.«

»Wolltest du nicht etwas sagen?« fragte Richard. »Ich würde es gerne hören.«

Du Chaillu faltete die Hände. Ihre Miene wurde noch ernster.

»Auf unserem Weg hierher beschatteten wir die Armee, um zu sehen, wohin sie marschiert. Zur Sicherheit nahmen wir auch einige der Soldaten gefangen. Diese Armee kommt nur sehr langsam voran. Ihr Führer läßt jeden Abend für sich und seinen Harem Zelte aufschlagen. Die Zelte sind groß genug, um viele Menschen aufzunehmen, und verfügen über zahlreiche Annehmlichkeiten zu seiner Bequemlichkeit. Für die anderen wichtigen Männer werden ebenfalls Zelte errichtet. Jeder Abend gerät zum Fest. Ihr Führer, Jagang, gleicht einem mächtigen und reichen König auf Reisen.

Sie führen Karrenladungen voller Frauen mit – manche willig, manche nicht. Nachts werden sie unter den Soldaten herumgereicht. Diese Armee wird gleichermaßen von ihrer Vergnügungssucht getrieben wie von ihrer Gier nach Eroberungen. Sie ist bei der Suche nach Eroberungen sehr auf ihr Vergnügen bedacht.

Die Männer haben viel Gerät. Sie besitzen zahlreiche Ersatzpferde und haben ganze Herden Lebendvieh. Endlose Karrentrecks transportieren Lebensmittel und andere Vorräte jeder Art. Auf ihren Karren befördern sie alles, angefangen bei Getreidemühlen bis hin zu Essen für die Schmiede. Sie führen Tische und Stühle mit, Teppiche, feines Porzellan und Gläser, die sie mit Holzwolle gefüllt in hölzerne Kisten legen. Jeden Abend wird alles ausgepackt, um Jagangs Zelte in einen von den Häusern seiner wichtigen Begleiter umgebenen Palast zu verwandeln. Mit ihren großen Zelten und all den anderen Annehmlichkeiten, die sie mitführen, wirkt es fast wie eine Stadt auf Reisen.«

Du Chaillu machte eine gleitende Bewegung mit der flachen Hand. »Diese Armee bewegt sich wie ein langsam fließender Strom. Sie braucht ihre Zeit, aber nichts kann sie aufhalten. Sie drängt unablässig weiter, jeden Tag ein kleines Stück. Eine Stadt, die über das Land hinweggleitet. Es sind viele, und sie sind langsam, aber sie kommen mit unerbittlicher Gewißheit.

Ich wußte, daß ich den Caharin warnen mußte, daher wollten wir diese Männer nicht länger beschatten.« Sie ließ die Hand wie von einem heftigen Wind aufgewirbelten Staub in der Luft kreisen. »Wir nahmen unser schnelles Reisetempo wieder auf. Die Baka Tau Mana sind zu Fuß genauso schnell wie Reiter auf flinken Pferden.«

Richard war bereits mit ihr unterwegs gewesen. Die Prahlerei war übertrieben, wenn auch nicht sehr. Einmal hatte er sie auf einem Pferd reiten lassen. Sie hatte das Tier für einen Teufel gehalten.

»Während wir rasch in nordwestlicher Richtung über dieses endlose Land zogen, gelangten wir überraschend zu einer großen Stadt mit hohen Mauern.«

»Das dürfte Renwold gewesen sein«, meinte Kahlan. »Es ist die einzige größere Stadt in der Wildnis auf deiner Route hierher. Sie hat Mauern, wie du sie beschreibst.«

Du Chaillu nickte. »Renwold. Wir kannten ihren Namen nicht.« Ihr stechender Blick, gleich dem einer Königin, die ernste Neuigkeiten mitzuteilen hat, wanderte von Kahlan zu Richard. »Sie war von der Armee dieses Mannes, Jagang, heimgesucht worden.«

Du Chaillu blickte in die Ferne, als hätte sie sie wieder vor Augen. »Ich hätte nicht gedacht, daß Menschen so grausam zueinander sein können. Die Majendie, so sehr wir sie auch haßten, würden niemals tun, was diese Männer den Menschen dort angetan hatten.«