Du Chaillu kamen die Tränen, die schließlich überflossen und ihr über die Wangen rollten. »Sie haben die Menschen dort abgeschlachtet. Die Alten, die Jungen und die kleinen Kinder. Aber erst, nachdem sie tagelang…«
Du Chaillu brach in Schluchzen aus. Kahlan legte der Frau verständnisvoll einen Arm um die Schultern. In Kahlans Umarmung wirkte Du Chaillu plötzlich wie ein kleines Kind. Ein kleines Kind, das zuviel erlebt hatte.
»Ich weiß«, versuchte Kahlan sie zu trösten. »Ich weiß. Ich bin auch in einer großen, ummauerten Stadt gewesen, in der die Männer aus Jagangs Troß gewütet hatten, und ich weiß, was du gesehen hast. Ich bin zwischen den Toten innerhalb der Mauern von Ebinissia umhergelaufen. Ich habe das Gemetzel gesehen, das durch die Hand der Imperialen Ordnung angerichtet wurde. Ich habe gesehen, was diese Bestien zuvor mit den Lebenden gemacht hatten.«
Du Chaillu, die ihr Volk mit Tatkraft und Entschlossenheit führte, die mutig und voller Verachtung monatelang ihrer Gefangenschaft und der Aussicht auf ihre bevorstehende Opferung die Stirn geboten hatte, die mitangesehen hatte, wie ihre Ehemänner fielen, um einem Gesetz Genüge zu tun, dessen Hüterin sie war, die bereitwillig dem Tod ins Auge gesehen hatte, um Richard bei der Zerstörung der Türme der Verdammnis zu helfen, weil sie hoffte, ihr Volk könnte in sein Land zurückkehren, vergrub ihr Gesicht an Kahlans Schulter und weinte wie ein Kind, als sie die Bilder aus Renwold wieder vor sich sah.
Die Meister der Klinge wandten den Blick ab; sie wollten ihre Seelenfrau nicht so zutiefst betroffen sehen. Chandalen und seine Jäger, die nicht weit entfernt darauf warteten, daß die anderen ihre Beratung beendeten, wandten sich gleichermaßen ab.
Richard hätte nicht gedacht, daß irgend etwas Du Chaillu dazu bringen könnte, vor anderen Tränen zu vergießen.
»Dort war ein Mann«, erzählte Du Chaillu, unterbrochen von Schluchzen. »Der einzige Überlebende, den wir finden konnten.«
»Wie hat er überlebt?« Richard kam das ziemlich an den Haaren herbeigezogen vor. »Hat er das gesagt?«
»Er hatte den Verstand verloren. Jammernd flehte er die Gütigen Seelen um seine Frau und seine Kinder an. Unablässig weinte er wegen seiner Torheit, wie er es nannte, und bat die Seelen, ihm zu vergeben und ihm seine Lieben zurückzugeben. Er hielt den zerschmetterten Kopf eines Kindes in den Händen. Auf ihn redete er ein, als wäre er lebendig, und bat ihn um Vergebung.«
Kahlans Gesicht nahm einen traurigen Zug an. Langsam, mit offenkundigem Widerwillen, fragte sie: »Hatte er langes, weißes Haar? Eine rote Jacke, mit goldenen Litzen auf den Schultern?«
»Du kennst ihn?« fragte Du Chaillu.
»Botschafter Seidon. Er hat den Angriff nicht überlebt – er war zu diesem Zeitpunkt gar nicht in der Stadt, sondern in Aydindril.«
Kahlan sah hoch zu Richard. »Ich bat ihn, sich uns anzuschließen. Er weigerte sich mit der Begründung, er sei derselben Überzeugung wie der Rat der Sieben, daß sein Land Mardovia verwundbar wäre, sobald es sich auf die eine oder andere Seite schlüge. Er lehnte es ab, sich uns oder der Imperialen Ordnung anzuschließen, und meinte, Neutralität biete ihnen Sicherheit.«
»Was hast du ihm geantwortet?« wollte Richard wissen.
»Genau deine Worte – dein Erlaß, demzufolge es in diesem Krieg keine Unbeteiligten geben werde. Ich erklärte ihm, als Mutter Konfessor hätte ich verfügt, gegenüber der Imperialen Ordnung kein Erbarmen walten zu lassen. Ich erklärte Botschafter Seidon, wir – du und ich – seien in diesem Punkt einer Meinung, daß sein Land nur für uns oder gegen uns sein könne und die Imperiale Ordnung dies ebenso sehe.
Ich versuchte ihm die Folgen klarzumachen. Er wollte nichts davon hören. Ich bat ihn, das Leben seiner Familienangehörigen zu bedenken. Er behauptete, sie seien hinter den Mauern Renwolds sicher.«
»Diese Lektion wünsche ich niemandem«, meinte Richard leise.
Du Chaillu fing abermals an zu schluchzen. »Ich bete, daß der Kopf nicht seinem eigenen Kind gehört. Ich wünschte, ich hätte ihn nicht in meinen Träumen gesehen.«
Richard berührte Du Chaillu sachte am Arm. »Das verstehen wir, Du Chaillu. Die Schreckensherrschaft der Imperialen Ordnung zielt darauf ab, zukünftige Opfer zu demoralisieren und sie so sehr einzuschüchtern, daß sie kapitulieren. Deshalb kämpfen wir gegen diese Menschen.«
Du Chaillu schaute zu ihm hoch und wischte sich mit dem Handrücken über die Wange.
»Dann bitte ich dich, dorthin zu gehen, wohin die Imperiale Ordnung marschiert. Oder wenigstens jemanden dorthin zu schicken, der die Menschen warnt. Sorg dafür, daß sie fliehen, bevor sie gefoltert und abgeschlachtet werden wie die Menschen, die wir in dieser Stadt Renwold gesehen haben. Man muß diese Anderier warnen. Sie müssen unbedingt fliehen.« Wieder kamen ihr die Tränen, während sie von heftigem Schluchzen geschüttelt wurde.
Richard spürte Kahlans Hand auf seinem Rücken und drehte sich um. »Dieses Land, Anderith, hat sich uns noch nicht ergeben. Sie hatten doch Abgesandte in Aydindril, die sich unseren Standpunkt angehört haben, oder nicht? Sie kennen doch unsere Position?«
»Ja«, meinte Kahlan. »Ihre Abgesandten sind ebenso gewarnt worden wie die der anderen Länder. Sie wurden über die Bedrohung unterrichtet und über unsere Absicht, sich ihr zu widersetzen. In Anderith weiß man, daß der Bund der Midlands der Vergangenheit angehört, und wir erwarten, daß man die Souveränität an das d’Haranische Reich abtritt.«
»Das d’Haranische Reich.« Die Worte hatten einen harten, kalten Beiklang. Hier war er, ein Waldführer, der sich fühlte wie ein Hochstapler auf einem Thron, von dessen Existenz er, außer vom Hörensagen, kaum etwas gewußt hatte, und trug die Verantwortung für ein ganzes Reich. »Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich entsetzliche Angst vor D’Hara. Ich befürchtete, es könnte sich alle Länder einverleiben. Und jetzt ist genau das unsere einzige Hoffnung.«
Die Ironie ließ Kahlan schmunzeln. »Nur der Name D’Hara ist noch derselbe wie zuvor. Die meisten Menschen wissen, daß du für die Freiheit der Menschen und nicht für ihre Versklavung kämpfst. Die Tyrannei trägt jetzt das eiserne Gewand der Imperialen Ordnung.
Anderith kennt die Bedingungen, es sind dieselben, die wir jedem Land gestellt haben. Wenn sie sich uns freiwillig anschließen, werden sie mit uns zusammen ein Volk bilden, ein Anrecht auf die gleiche ehrliche Behandlung wie alle haben und mittels gerechter und fairer Gesetze regiert werden, denen wir alle unterworfen sind. Sie wissen, daß es keine Ausnahmen gibt. Außerdem sind ihnen sowohl die Zwangsmaßnahmen als auch die Folgen bekannt, falls sie sich uns nicht anschließen.«
»Renwold wurde dasselbe mitgeteilt«, erinnerte er sie. »Dort hat man uns nicht geglaubt.«
»Nicht jeder ist bereit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Das kann man nicht erwarten, daher müssen wir uns mit denen befassen, die unsere Überzeugung teilen, daß wir für den Frieden kämpfen. Man kann für die, die nicht begreifen wollen, keine rechtschaffenen Menschen opfern und eine gute Sache aufs Spiel setzen. Das wäre ein Verrat an denen, die sich uns mutig angeschlossen haben.«
»Du hast Recht.« Richard stieß einen verhaltenen Seufzer aus. Er empfand ganz genauso, trotzdem war es ein Trost, es aus ihrem Mund bestätigt zu bekommen. »Besitzt Anderith eine große Armee?«
»Nun … das schon«, meinte Kahlan. »Aber die eigentliche Verteidigung Anderiths ist nicht ihre Armee, sondern eine Waffe mit Namen Dominie Dirtch.«
Er fand zwar, daß der Name einen d’Haranischen Einschlag hatte, trotzdem fiel ihm in Anbetracht der vielen Dinge, die ihm im Kopf herumgingen, die Übersetzung nicht sofort ein.
»Können wir die Imperiale Ordnung damit aufhalten?«
Kahlan blickte gedankenversunken in die Ferne, während sie die Spitzen der Grashalme abzupfte und über seine Frage nachdachte.