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»Er kann unmöglich wissen, daß die Chimären der Auslöser sind, doch selbst wenn, woher soll er wissen, wie er sie vertreiben kann?«

»Er hat einige mit der Gabe Gesegnete dabei, mit der Gabe Gesegnete aus dem Palast der Propheten. Diese Männer und Frauen haben sich ausgiebig mit den Büchern in den dortigen Gewölbekellern befaßt, und das über viele Jahrhunderte. Ich vermag mir nicht vorzustellen, was sie alles wissen. Du etwa?«

Angesichts der Möglichkeiten und Zusammenhänge, die sich daraus ergaben, nahm Kahlans Gesicht einen bestürzten Zug an. »Du glaubst, sie wissen einen Weg, die Chimären zu vertreiben?«

»Keine Ahnung. Aber wenn doch – oder wenn sie nach Anderith marschieren und dort die Lösung finden –, stell dir vor, was das bedeuten würde. Jagangs Armee stände in gewaltiger Truppenstärke in den Midlands, hinter den Dominie Dirtch, und wir hätten keine Möglichkeit, sie aus dem Land zu jagen: Sie könnten nach Belieben, wann und wo immer sie wollen, in die Midlands vordringen. Anderith ist ein großes Land. Hat Jagang erst einmal die Kontrolle über die Dominie Dirtch, könnten wir keine Späher mehr jenseits der Grenzen einsetzen und wüßten somit nicht mehr, wo seine Truppen sich zusammenziehen. Wir können unmöglich die gesamte Grenze bewachen, seine Spione dagegen wären imstande, heimlich das Land zu verlassen, um in Erfahrung zu bringen, wo unsere Armeen stehen, um dann wieder zurückzuschleichen und Jagang Bericht zu erstatten.

Anschließend könnte er durch die Lücken des zu weit gespannten Netzes vordringen und einen Vorstoß in die Midlands wagen. Falls erforderlich, könnte er einen Schlag führen und sich anschließend sofort hinter die Dominie Dirtch zurückziehen. Mit ein wenig Planung und Geduld könnte er abwarten, bis er eine Schwachstelle findet, zum Beispiel, wenn unsere Truppen zu weit entfernt sind, um rechtzeitig eingreifen zu können, und mitsamt seiner gesamten Armee durch die Lücken in unseren Linien in die Midlands vordringen. Haben sie unsere Streitkräfte erst einmal hinter sich gelassen, könnten sie praktisch ungehindert wüten, wir dagegen könnten ihnen bei der Verfolgung bestenfalls ein wenig in die Hacken treten.

Ist er erst einmal sicher hinter dem steinernen Vorhang der Dominie Dirtch, würde die Zeit für ihn arbeiten. Er könnte eine Woche abwarten, einen Monat oder auch ein Jahr. Er könnte zehn Jahre warten, bis uns die Belastung pausenloser Wachsamkeit abgestumpft und geschwächt hätte. Anschließend könnte er unvermittelt einen Vorstoß wagen und über uns herfallen.«

»Gütige Seelen«, meinte Kahlan leise. Sie bedachte ihn mit einem stechenden Blick. »Das ist alles reine Spekulation. Was ist, wenn sie in Wirklichkeit gar keine Möglichkeit haben, die Chimären zu vertreiben?«

»Ich weiß es nicht, Kahlan. Ich sage lediglich ›Was wäre, wenn‹. Wir müssen entscheiden, was wir wollen. Treffen wir die falsche Entscheidung, könnten wir auf der ganzen Linie verlieren.«

Kahlan entfuhr ein Stoßseufzer. »Da hast du allerdings recht.«

Richard drehte sich um und sah Du Chaillu niederknien. Sie hatte die Hände gefaltet und hielt den Kopf, wie es schien, in ernstem Gebet gesenkt.

»Verfügt Anderith über Bücher, über irgendwelche Bibliotheken?«

»Nun, ja«, antwortete Kahlan. »Es gibt dort eine riesige Bibliothek der Kultur, wie sie dort genannt wird.«

Richard zog eine Braue hoch. »Wenn es eine Antwort gibt, warum dann unbedingt in Aydindril? In Kolos Tagebuch? Was wäre, wenn sich die Antwort, so es denn eine gibt, in ihrer Bibliothek befindet?«

»Vorausgesetzt, die Antwort läßt sich überhaupt in einem Buch finden.« Erschöpft griff Kahlan nach einer Strähne ihres Haars, das über ihre Schulter hing. »Ich gebe zu, Richard, das alles ist besorgniserregend, aber wir sind anderen gegenüber zu verantwortungsbewußtem Handeln verpflichtet. Menschenleben, ganze Nationen stehen auf dem Spiel. Sollte es darauf hinauslaufen, daß ein Land geopfert werden muß, um die übrigen zu retten, würde ich dieses Land, wenn auch widerstrebend und unter großen Qualen, seinem Schicksal überlassen und der Mehrheit gegenüber meine Pflicht tun.

Zedd hat uns erklärt, wir müßten nach Aydindril gehen, um das Problem von der anderen Seite her anzugehen. Er mag es anders genannt haben, das Problem bleibt mehr oder weniger dasselbe. Wenn das, was er von uns verlangt, den Chimären Einhalt gebietet, müssen wir es tun. Es ist unsere Pflicht, nach bestem Wissen und Gewissen zum Wohl aller zu handeln.«

»Ich weiß.« Die Verantwortung wurde zunehmend zu einem zermürbenden Mühlstein. Im Grunde mußten sie beide Orte aufsuchen. »Aber eins macht mir Sorgen an dieser ganzen Geschichte, nur komme ich einfach nicht dahinter. Schlimmer noch, ich befürchte, es wird Menschenleben kosten, wenn wir die falsche Entscheidung treffen.«

Ihre Finger schlossen sich um seinen Arm. »Das weiß ich, Richard.«

Er warf die Hände in die Höhe und wandte sich ab. »Ich muß unbedingt einen Blick in dieses Buch ›Des Berges Zwilling‹ werfen.«

»Aber hat Ann nicht davon gesprochen, sie habe in ihrem Reisebuch an Verna geschrieben und Verna habe geantwortet, es sei zerstört worden?«

»Ja, es gibt also keine Möglichkeit…« Richard wirbelte zu ihr herum. »Reisebuch.« Die Erkenntnis durchfuhr ihn wie ein Blitz. »Diese Reisebücher, Kahlan, werden von den Schwestern benutzt, um miteinander in Verbindung zu bleiben, wenn eine von ihnen sich auf einer Reise weit von den anderen entfernt.«

»Ja, ich weiß.«

»Die Reisebücher wurden von den Zauberern aus alter Zeit für sie erschaffen – damals zu Zeiten des Großen Krieges.«

Sie runzelte verwirrt die Stirn. »Ja, und?«

Richard hatte Mühe, seine Aufregung im Zaum zu halten. »Diese Bücher existieren jeweils paarweise. Man kann nur mit dem Zwilling desjenigen kommunizieren, das man selber besitzt.«

»Ich verstehe nicht, Richard, was…«

»Angenommen, die Zauberer haben es damals genauso gemacht? Die Burg der Zauberer in Aydindril hat laufend Zauberer mit Aufträgen ausgesandt. Was wäre, wenn sie sich auf diese Weise über das Geschehen überall auf dem laufenden gehalten hätten? Alles koordiniert hätten? Was wäre, wenn sie diese auf die gleiche Weise benutzt hätten wie die Schwestern des Lichts? Schließlich haben die Zauberer aus jener Zeit sowohl den Bann geschaffen, der den Palast umgibt, als auch die von den Schwestern benutzten Reisebücher.«

Sie hatte die Stirn in Falten gelegt. »Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich ganz verstehe…«

Richard faßte sie bei den Schultern. »Angenommen, bei dem Buch, das zerstört wurde, Des Berges Zwilling, handelt es sich um ein Reisebuch? Um das Gegenstück zu Joseph Anders Reisebuch?«

33

Kahlan war sprachlos.

Richard faßte sie fester bei den Schultern. »Was wäre, wenn das andere Buch, Joseph Anders Hälfte des Paares, noch existierte?«

Sie benetzte ihre Lippen. »Durchaus möglich, daß so etwas in Anderith aufbewahrt wurde.«

»Ganz bestimmt sogar. Die Menschen dort verehren ihn – schließlich haben sie das Land nach ihm benannt. Es wäre nur logisch, wenn man ein solches Buch, vorausgesetzt, es existiert noch, aufbewahrt hätte.«

»Denkbar wäre es. Aber das ist nicht immer die übliche Vorgehensweise, Richard.«

»Was meinst du damit?«

»Manchmal erfährt ein Mensch zu Lebzeiten überhaupt keine Anerkennung. Manchmal wird seine Bedeutung erst sehr viel später erkannt, und dann auch nur, um den zeitgenössischen Vorhaben des jeweils Machthabenden Vorschub zu leisten. In diesem Fall könnte sich ein Beweis für das, was jemand tatsächlich gedacht hat, als hinderlich herausstellen und würde höchstwahrscheinlich vernichtet werden.