Selbst wenn dies nicht der Fall sein sollte und man sein Denken respektiert hat, so hat das Land seinen Namen in Anderith geändert, nachdem Zedd die Midlands verlassen hatte. Manchmal werden Menschen nur deshalb verehrt, weil von ihrem Denken so wenig übrigbleibt, daß sich niemand mehr daran stößt, wodurch die betreffende Person zu einem wertvollen Symbol werden kann. Höchstwahrscheinlich ist von Joseph Ander überhaupt nichts erhalten.«
Richard rieb sich, verblüfft über Kahlans Logik, nachdenklich das Kinn.
»Die andere Unbekannte ist«, meinte er schließlich, »daß in Reisebücher geschriebene Worte wieder gelöscht werden können, um Platz für neue Mitteilungen zu schaffen. Selbst wenn alle meine Überlegungen richtig sind und er die Lösung zur Frage der Chimären an die Burg der Zauberer geschrieben hat, das Buch noch existiert und sich tatsächlich in Anderith befindet, könnte es sein, daß es uns immer noch nichts nützt, da die betreffende Stelle gelöscht worden sein könnte, um Raum für zukünftige Mitteilungen zu schaffen.« Richard überlegte kurz.
»Andererseits«, fügte er dann hinzu, »ist es die einzig greifbare Möglichkeit, die wir haben.«
»Nein, ist es nicht«, beharrte Kahlan. »Eine weitere, überdies plausiblere Möglichkeit bietet der Auftrag, den wir in der Burg der Zauberer ausführen sollen.«
Richard fühlte sich unwiderstehlich zu Joseph Anders Vermächtnis hingezogen. Hätte er einen Beweis gehabt, daß diese Anziehung nicht nur in seiner Einbildung existierte, er wäre vollends überzeugt gewesen.
»Ich weiß, Kahlan…«
Er ließ den Satz unbeendet. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf und brannten wie eiskalte Nadeln. Sein goldenes Cape hob sich träge in der flauen Brise. Die langsame Wellenbewegung, die es erfaßte, endete am Zipfel in einem peitschenartigen Knall. Eine Gänsehaut überzog kribbelnd seine Arme.
Richard spürte, wie das Böse mit feinen Fingern seine Wirbelsäule hinaufkroch.
»Was ist?« erkundigte sich Kahlan, das Gesicht starr vor Bestürzung.
Ohne zu antworten, drehte er sich von Angst gepackt um und ließ den Blick suchend über das Grasland schweifen. Leere starrte ihm entgegen. Vor seinen Augen kräuselten sich Wellen üppigen Grüns, vom Sonnenlicht mit kühnem Strich gemalt. In der Ferne zuckten flackernd Blitze im Innern dunkler Wolkenballungen. Obwohl er den Donner nicht hören konnte, spürte er gelegentlich den Trommelschlag unter den Füßen.
»Wo ist Du Chaillu?«
Cara, die ein paar Schritte abseits stand und ein Auge auf die untätigen Männer hielt, deutete die Richtung an. »Vor ein paar Minuten noch habe ich sie dort drüben gesehen.«
Richard suchte, konnte sie aber nicht entdecken. »Was tat sie?«
»Sie weinte. Dann sah es so aus, als wollte sie sich hinsetzen und ausruhen oder vielleicht beten.«
Genau das hatte Richard auch gesehen.
Er rief Du Chaillus Namen über das Grasland. In der Ferne trällerte ein Wiesenstärling sein kristallklares Lied durch die grenzenlose Stille der Ebene. Er formte seine Hände zu einem Trichter und wiederholte seinen Ruf. Als beim zweiten Mal wieder keine Antwort kam, wurden die Meister der Klinge mit einem Schlag munter, schwärmten aus und machten sich auf die Suche.
Richard trabte los in die Richtung, die Cara angedeutet hatte, in die Richtung, wo er sie ebenfalls zuletzt gesehen hatte. Kahlan und Cara folgten ihm dicht auf den Fersen, als er sich, durch Pfützen platschend und immer schneller werdend, einen Weg durch das hohe Gras bahnte. Die Meister der Klinge und die Jäger suchten im Laufen, und ihre Suche nahm, als auf ihr gemeinsames Rufen keine Antwort erfolgte, immer hektischere Züge an.
Das Gras, ein eigentümlich wogendes, zu Empfindungen fähiges Wesen, beseelt, so schien es, von spöttischer Verachtung, neckte sie mit wogendem Nicken, wodurch es das Auge erst hier-, dann wieder dorthin lenkte und anzudeuten schien, nie aber klar verriet, wo es sie verborgen hielt.
Aus den Augenwinkeln erblickte Richard eine dunkle Silhouette; sie hob sich deutlich vom sanften Grün des frischen Grases ab, das sich über dem ausgewaschenen Braun der abgestorbenen Stengel unterhalb der Wellenbewegung hob und senkte. Er schwenkte nach rechts, mühte sich bleischwer durch ein schwammiges Gelände, wo die Grasnarbe, die auf einem Meer aus Schlamm zu schwimmen schien, immer wieder unter seinen Füßen nachgab.
Der Boden wurde fester. Er erblickte die nicht hierher gehörende dunkle Form und korrigierte, durch eine ausgedehnte Fläche stehenden Wassers stapfend, leicht seine Laufrichtung.
Richard wäre fast über sie gestolpert. Du Chaillu lag ruhig im Gras und sah aus, als ob sie schliefe. Ihr Kleid war bis zu den Knien glatt heruntergezogen, ihre Beine darunter von teigig weißer Farbe.
Sie lag mit dem Gesicht nach unten in nur zolltiefem Wasser.
Richard, der durch das feuchte Gras angerannt kam, sprang über sie hinweg, um nicht über sie zu stürzen. Er packte die Schultern ihres Kleides, riß sie zurück und wälzte sie im Gras auf den Rücken. Die Vorderseite ihres völlig durchnäßten Kleides schmiegte sich um ihren deutlich angeschwollen Bauch. Strähnen nassen Haars hingen in ihr blutleeres Gesicht.
Du Chaillu starrte aus dunklen, toten Augen in den Himmel.
Sie hatte denselben eigenartig sehnsuchtsvollen Blick in den Augen wie Juni, als Richard ihn ertrunken in einem seichten Bach vorgefunden hatte.
Richard schüttelte ihren erkalteten, schlaffen Körper. »Nein! Du Chaillu! Nein! Ich hab dich doch noch vor einer Minute lebend gesehen! Du kannst nicht tot sein! Du Chaillu!«
Der Mund erschlafft, die Arme unbeholfen ausgebreitet, zeigte sie keinerlei Reaktion. Als Kahlan ihm eine tröstende Hand auf die Schulter legte, zuckte er mit einem wütenden, gequälten Aufschrei zurück.
»Eben hat sie noch gelebt«, meinte Cara. »Noch vor wenigen Augenblicken habe ich sie lebend gesehen.«
Richard vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich weiß. Bei den Gütigen Seelen, ich weiß. Hätte ich doch nur begriffen, was hier vor sich geht.«
Cara zog ihm die Hände vom Gesicht. »Ihre Seele weilt vielleicht noch in ihrem Körper, Lord Rahl.«
Ringsum fielen die Meister der Klinge und die Jäger auf die Knie.
Richard schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, Cara. Aber sie ist verloren.« Lebhafte, beharrliche Bilder von ihr in lebendigem Zustand schossen ihm ungefragt durch den Kopf.
»Lord Rahl…«
»Sie atmet nicht mehr, Cara.« Er streckte die Hand vor und schloß ihr die Augen. »Sie ist tot.«
Wütend riß Cara seine Hand fort. »Hat Denna Euch das nicht beigebracht? Gewöhnlich bringt eine Mord-Sith ihrem Gefangenen bei, wie man den Atem des Lebens teilt!«
Richard verzog das Gesicht und wich Caras blauen Augen aus. Es war ein abstoßendes Ritual, den Schmerz auf diese Weise zu teilen. Die Erinnerung daran durchströmte ihn mit einem Gefühl des Grauens, das kaum geringer war als das über Du Chaillus Tod.
Die Mord-Sith teilten den letzten Atemzug mit ihrem Opfer, das auf der Schwelle des Todes stand. Für eine Mord-Sith war es eine heilige Handlung, an seinen Qualen, seinem letzten Atemzug teilzuhaben, wenn der Tod nahte, so als wollte sie lustvoll den verbotenen Ausblick auf das genießen, was dahinter, in der nächsten Welt, lag. Als wollte sie seinen Tod teilen, indem sie seinen allerletzten Atemzug miterlebte.
Bevor Richard seine Herrin getötet hatte, um fliehen zu können, hatte sie ihn gebeten, den letzten Atemzug mit ihr zu teilen.
»Cara, ich weiß nicht, was das jetzt…«
»Gebt ihn ihr zurück!«
Richard konnte nur entgeistert starren. »Was?«
Knurrend stieß Cara ihn aus dem Weg. Sie ließ sich neben den Körper fallen und stülpte den Mund über Du Chaillus Lippen. Richard war entsetzt wegen Caras Handlungsweise. Er hatte geglaubt, den Mord-Sith eine größere Achtung vor dem Leben beigebracht zu haben.
Der erschütternde Anblick weckte ekelerregende Erinnerungen, als er jetzt abermals Zeuge wurde, wie sie nach dieser abstoßenden Intimität gierte. Zu seinem Entsetzen mußte er mit ansehen, wie Cara sich nach ihrer gräßlichen Vergangenheit zurücksehnte. Es ärgerte ihn, daß sie ihre brutale Ausbildung und Lebensweise nicht wie erhofft hatte ablegen können.