Du Chaillu die Nase zuhaltend, blies Cara der Frau Atemluft ein. Am liebsten hätte Richard Cara an ihren breiten Schultern gepackt und sie von Du Chaillu heruntergerissen. Der Anblick erregte seinen Zorn, es machte ihn wütend, mit ansehen zu müssen, wie eine Mord-Sith in dieser Weise über eine soeben Verstorbene herfiel.
Dann stockte er, und seine Hände verharrten über ihr.
Caras Eindringlichkeit, irgend etwas in ihrem Verhalten sagte ihm, daß nicht alles so war, wie es anfangs ausgesehen hatte. Eine Hand unter Du Chaillus Genick und mit der anderen ihre Nase verschließend, blies ihr Cara einen weiteren Atemzug ein. Gleichzeitig hob sich Du Chaillus Brust, um sich unmittelbar darauf wieder zu senken, als Cara selber Atem holte.
Da Richard offenbar seine Meinung geändert hatte, versuchte ein Meister der Klinge mit zornrotem Gesicht Cara zu packen. Richard bekam das Handgelenk des Mannes zu fassen. Er blickte in Jiaans fragende Augen und schüttelte einfach nur den Kopf. Widerwillig zog Jiaan seine Hand zurück.
»Richard«, flüsterte Kahlan, »was in aller Welt tut sie da? Warum macht sie so etwas Groteskes? Handelt es sich etwa um ein d’Haranisches Totenritual?«
»Ich weiß nicht«, erwiderte Richard, ebenfalls flüsternd. »Jedenfalls ist es nicht, was ich dachte.«
Kahlan wirkte zunehmend verwirrt. »Und was dachtest du?«
Es widerstrebte Richard, ein solches Vorgehen in Worte zu fassen, daher blickte er ihr einfach in ihre grünen Augen. Er hörte, wie Cara einen weiteren tiefen Atemzug in Du Chaillus leblosen Körper blies.
Unfähig hinzusehen, wandte er sich ab. Er konnte nicht verstehen, was Cara damit zu bewirken hoffte, andererseits konnte er auch nicht einfach dasitzen, während die anderen zusahen.
Vergeblich versuchte er sich einzureden, es sei, wie Kahlan vermutet hatte, ein d’Haranisches Ritual zugunsten der den Körper verlassenden Seele. Richard erhob sich wankend. Kahlan bekam seine Hand zu fassen.
Er vernahm ein prustendes Husten.
Richard drehte sich um und sah, wie Cara Du Chaillu auf die Seite rollte; Du Chaillu schnappte hustend nach Luft. Cara schlug der Frau auf den Rücken, bis sie sich keuchend erbrach. Richard ließ sich auf die Knie fallen und hielt ihren dichten Haarschopf aus dem Gesicht, während sie sich übergab.
»Was tut Ihr da, Cara?« Der Anblick einer wieder zum Leben erwachten Toten verschlug Richard die Sprache. »Wie habt Ihr das gemacht?«
Cara trommelte auf Du Chaillus Rücken und brachte sie dazu, noch mehr Wasser auszuspucken. »Hat Denna Euch nicht beigebracht, wie man den Atem des Lebens teilt?« Sie klang verärgert.
»Ja, schon, aber … aber das war doch nicht…«
Du Chaillu klammerte sich an Richards Arm, während sie keuchend immer mehr Wasser ausspie. Richard strich ihr tröstend das Haar aus dem Gesicht, um ihr zu zeigen, daß sie bei ihr waren. Der feste Griff auf seinem Arm verriet ihm, daß sie verstand.
»Cara«, fragte Kahlan, »was habt Ihr getan? Wie habt Ihr sie aus dem Tod zurückgeholt? War das Magie?«
»Magie!« schnaubte Cara verächtlich. »Nein, keine Magie. Nichts, was Magie auch nur ähnlich wäre. Ihre Seele hatte den Körper noch nicht verlassen, das ist alles. Wenn die Seele noch keine Gelegenheit hatte, aus dem Körper zu fliehen, bleibt einem manchmal etwas Zeit. Aber man muß augenblicklich handeln, dann kann man einem Menschen den Atem des Lebens wiedergeben.«
Die Männer plapperten wild gestikulierend durcheinander. Sie waren soeben Zeugen eines Wunders geworden, das mit Sicherheit der Ursprung einer Legende werden würde. Ihre Seelenfrau war in die Welt der Toten eingegangen – und zurückgekehrt.
Richard starrte Cara offenen Mundes an. »Das könnt Ihr? Ihr könnt Toten den Atem des Lebens wiedergeben?«
Kahlan zupfte Du Chaillu, ihr leise aufmunternde Worte zuflüsternd, die nassen Strähnen aus dem Gesicht. Sie mußte ihre Arbeit unterbrechen und das Haar zurückhalten, als das Gehuste der Frau von dem nächsten Würgeanfall unterbrochen wurde. So schlimm und krank Du Chaillu auch aussah, das Atmen fiel ihr bereits wieder leichter.
Kahlan nahm eine Decke, die ihr die Männer reichten, und hüllte sie um Du Chaillus bebende Schultern. Cara beugte sich dicht zu Richard, damit niemand mithören konnte.
»Wie, meint Ihr wohl, hat Denna Euch so lange vor dem Tod bewahrt, als sie Euch folterte? Niemand war darin besser als Denna. Ich bin eine Mord-Sith, ich weiß, was man Euch angetan hat, und ich kannte Denna gut. Sie hat dies bestimmt so manches Mal tun müssen, um zu verhindern, daß Ihr sterben würdet, bevor sie mit Euch fertig war. Nur dürfte es in Eurem Fall Blut und kein Wasser gewesen sein.«
Auch daran konnte Richard sich nur allzu gut erinnern – an das Ausspeien schäumenden Blutes, bis er glaubte, darin ertrinken zu müssen. Denna war Darken Rahls Favoritin, denn sie war die Beste; es hieß, sie könne ihre Gefangenen länger als jede andere Mord-Sith an der Schwelle des Todes halten. Und dies war eine ihrer Techniken.
»Aber ich hätte nie gedacht…«
Cara runzelte die Stirn. »Was hättet Ihr nie gedacht?«
Richard schüttelte den Kopf. »Ich hätte nie gedacht, daß so etwas möglich wäre. Nicht, nachdem jemand gestorben ist.« Sie hatte soeben etwas sehr Nobles getan, daher brachte er es nicht übers Herz, Cara zu sagen, er sei in dem Glauben gewesen, sie befriedige einen widerwärtigen Trieb aus ihrer Vergangenheit. »Ihr habt etwas Wundervolles getan, Cara. Ich bin stolz auf Euch.«
Caras Miene verfinsterte sich. »Hört auf, mich anzusehen, als sei ich eine Große Seele, die in unserer Welt erschienen ist, Lord Rahl. Ich bin eine Mord-Sith. Jede Mord-Sith wäre dazu in der Lage gewesen. Wir wissen alle, wie man so etwas macht.«
Sie packte den Kragen seines Hemdes und zog ihn zu sich. »Ihr wißt es auch. Denna hat es Euch beigebracht, das weiß ich. Ihr hättet es ebenso leicht tun können wie ich.«
»Ich weiß nicht, Cara. Ich habe den Atem des Lebens nur empfangen. Nie gespendet.«
Sie ließ seinen Kragen los. »Das ist dasselbe, nur umgekehrt.«
Du Chaillu streckte sich in Richards Schoß. Zärtlich, voller Mitgefühl, strich er ihr das Haar glatt. Sie klammerte sich an seinen Gürtel, in sein Hemd, an seine Hüfte, hielt sich fest, als ginge es ums Überleben, während er versuchte, sie zu beruhigen.
»Mein Gemahl«, brachte sie zwischen Husten und Keuchen hervor, »du hast mich … vor dem Kuß des Todes gerettet.«
Kahlan hielt eine von Du Chaillus Händen fest. Richard nahm die andere und legte sie auf das in Leder gehüllte Bein.
»Cara war es, die dich gerettet hat, Du Chaillu. Cara hat dir den Atem des Lebens zurückgegeben.«
Du Chaillus Finger kneteten Caras in Leder gehülltes Bein und tasteten sich hinauf, bis sie ihre Hand gefunden hatten.
»Und das Kind des Caharin … du hast uns beide gerettet … ich danke dir, Cara.« Sie rang ein weiteres Mal nach Atem und sog rasselnd Luft ein. »Richards Kind wird leben, und das verdankt es dir. Ich danke dir.«
Richard hielt dies nicht für den geeigneten Augenblick, seine Vaterschaft zu betonen.
»Schon gut. Lord Rahl hätte es genauso getan, aber ich war näher dran und bin ihm zuvorgekommen.«
Cara drückte kurz die Hand, dann erhob sie sich, um einigen der dankbaren Meister der Klinge Platz zu machen, die sich um ihre Seelenfrau drängten.
»Danke, Cara«, wiederholte Du Chaillu.
Cara verzog das Gesicht. Es war ihr zuwider, daß jemand sie wegen einer aus Mitgefühl ausgeführten Tat lobte. »Wir freuen uns alle, daß deine Seele dich noch nicht verlassen hatte und du bleiben konntest, Du Chaillu. Genau wie Lord Rahls Ungeborenes.«
34
Nicht weit entfernt wurde Du Chaillu von den Meistern der Klinge sowie den meisten Jägern versorgt. Die Seelenfrau der Baka Tau Mana war aus der Welt der Seelen zurückgekehrt, beinahe jedenfalls, doch Richard erkannte, daß sie dabei ihre Körperwärme verloren hatte. Die Decken reichten nicht aus, daher hatte Richard den Männern erlaubt, ein Feuer anzuzünden, das sie zusätzlich wärmen sollte – unter der Bedingung, daß sie alle dicht beieinander blieben, um die Chance, überrascht zu werden, so gering wie möglich zu halten.