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»Sag den Männern, sie sollen dies dem Tee beigeben und etwas ziehen lassen. Es wird ihrem Magen guttun. Sag Chandalen, Nissel hat es uns mitgegeben – er kann es dann Du Chaillus Leuten erklären, damit sie sich nicht sorgen.«

Cara nickte. Er legte ihr die Blätter in die Hand. »Erkläre ihr, sie soll, sobald sie den Tee getrunken hat, ein paar von diesen Blättern kauen. Das wird ihre Schmerzen lindern. Sollte ihr später erneut übel werden oder sie Magenschmerzen bekommen, kann sie noch ein weiteres Blatt zerkauen.«

Cara machte sich prompt an die Arbeit.

Vermutlich würde sie es niemals zugeben, doch Richard wußte, daß sie das befriedigende Gefühl, einem Menschen in Not zu helfen, durchaus schätzte. Er vermochte sich nicht vorzustellen, wieviel größer dieses Gefühl sein mußte, wenn man jemanden ins Leben zurückholte.

»Und was geschah daraufhin mit den Hakeniern und Anderiern? Hat alles bestens funktioniert? Haben die Anderier von den Hakeniern gelernt?« Er nahm sein Tavabrot zur Hand, um ein Stück abzubeißen. »Es herrschte nichts als Brüderlichkeit und Friede?«

»Größtenteils ja. Die Hakenier führten ein geordnetes Regierungssystem ein, während die Anderier früher untereinander völlig zerstritten waren, was oft zu blutigen Auseinandersetzungen führte. Tatsächlich hatten die erobernden Hakenier weniger Anderier getötet als diese untereinander bei ihren territorialen Streitigkeiten. Zumindest erklärten das die Zauberer, die mich unterrichteten.

Ich will zwar nicht behaupten, es sei in jeder Hinsicht fair und unparteiisch gewesen, aber immerhin verfügten die Hakenier über ein Rechtssystem: Es war besser als das primitive Gesetz der Straße, das die Anderier kannten. Nachdem sie Anderith erobert und die Menschen dort mit ihrer Lebensweise vertraut gemacht hatten, brachten sie ihnen das Lesen bei.

Die Anderier, ehedem ein rückständiges Volk, mögen vielleicht unwissend gewesen sein, aber sie waren überaus klug. Vielleicht hatten sie selber keine Ideen, aber sie verfügten über eine rasche Auffassungsgabe und eigneten sich Dinge in völlig neuem Maßstab an. In dieser Hinsicht waren und sind sie wohl noch immer brillant.«

Richard gestikulierte mit seinem eingerollten Tavabrot. »Wieso heißt es eigentlich nicht Hakenien oder ähnlich? Du hast selbst gesagt, der überaus größte Teil der Bevölkerung in Anderith sei hakenischer Abstammung.«

»Das kam später, darauf komme ich noch zu sprechen.« Kahlan riß abermals ein dickes Stück Tava ab. »So wie die Zauberer es mir erklärten, besaßen die Hakenier ein Rechtssystem, das nach ihrer Ansiedlung in Anderith und mit der Ausweitung des Wohlstandes immer weiter verbessert wurde.«

»Ein Rechtssystem, von den Eroberern?«

»Eine Zivilisation entsteht nicht in voll entwickeltem Zustand, Richard. Sie entwickelt sich in einem langwierigen Prozeß. Ein Teil dieses Prozesses besteht in der Vermischung der Völker, und zu dieser Durchmischung kommt es oft durch Eroberung, trotzdem entstehen dadurch häufig neue und zweckmäßigere Sitten und Gebräuche. Man kann Situationen nicht spontan nach so schlichten Kriterien wie Invasion und Eroberung beurteilen.«

»Aber wenn ein Volk ein Land überfällt und ein anderes Volk zwingt…«

»Nimm zum Beispiel D’Hara. Aufgrund der Eroberung – durch dich – wird es zu einem Ort der Gerechtigkeit werden, wo Folter und Mord als Herrschaftsmethoden ausgedient haben.«

Richard hatte nicht die Absicht, diesem Argument zu widersprechen. »Schon möglich. Trotzdem scheint es eine Schande, wenn eine Kultur durch eine andere zerstört wird, die sie überschwemmt. Das ist nicht fair.«

Sie bedachte ihn mit einem jener Blicke, die so sehr Zedds Art, ihn anzusehen, glichen: mit einem Blick, der besagte, sie hoffe, er werde die Wahrheit erkennen, statt mechanisch ebenso weit verbreitete wie irrige Ansichten nachzuplappern. Aus diesem Grund hörte er ihrer Erklärung aufmerksam zu.

»Keine Kultur hat von sich aus ein Recht auf Existenz. Kulturen sind nicht allein deshalb wertvoll, weil es sie gibt. Ohne manche Kulturen wäre die Welt besser dran.« Sie zog eine Braue hoch. »Ich möchte dich bitten, in diesem Zusammenhang an die Imperiale Ordnung zu denken.«

Richard entfuhr ein langer Seufzer. »Jetzt verstehe ich, was du meinst.«

Er trank einen Schluck Wasser, während sie noch etwas Tava aß. Trotzdem erschien es ihm noch immer als Unrecht, daß eine Kultur mitsamt ihrer Geschichte und Tradition ausgelöscht wurde, auch wenn er bis zu einem gewissen Punkt verstand, worauf sie hinauswollte.

»Die anderische Lebensart hörte also auf zu existieren. Du wolltest gerade etwas über das hakenische Rechtssystem sagen?«

»Ungeachtet dessen, was wir jetzt über ihre Gründe für ihre Anwesenheit dort denken, sind die Hakenier ein Volk, bei dem Fairneß in hohem Ansehen steht. Tatsächlich sehen sie darin eine wesentliche Voraussetzung für eine gerechte und gedeihende Gesellschaft. Daher räumten die folgenden Generationen von Hakeniern den von ihnen eroberten Anderiern, die sie schließlich als gleichberechtigt ansahen, im Lauf der Zeit immer mehr Freiheiten ein. Diese nachfolgenden Generationen entwickelten mit der Zeit Ansichten, die den unseren ganz ähnlich sind, bis sie das, was ihre Vorfahren dem Volk der Anderier angetan hatten, schließlich als Schande empfanden.«

Kahlan ließ den Blick über die Ebene schweifen. »Natürlich ist es einfacher, Schande zu empfinden, wenn die Schuldigen seit Jahrhunderten tot sind, vor allem, wenn einem ein solches In-Verruf-Bringen aus Nachlässigkeit einen höheren moralischen Standard verleiht, ohne daß man unter den damals gegebenen Umständen selber die Probe aufs Exempel machen mußte.

Wie auch immer, das Festhalten an ihren Vorstellungen von Gerechtigkeit erwies sich als der Anfang vom Niedergang des hakenischen Volkes. Wegen der Eroberung waren die Hakenier den Anderiern, die nie aufhörten, insgeheim auf Rache zu sinnen, stets verhaßt geblieben.«

Einer der Jäger, der Hafergrütze aufgekocht hatte, brachte ihnen ein warmes, dick mit breiiger, dampfender Hafergrütze belegtes Stück Tavabrot, das er in beiden Händen hielt. Die beiden waren froh über das warme Essen, und Kahlan bedankte sich bei ihm in seiner Sprache.

»Wie konnte es dann geschehen«, meinte Richard, nachdem sie beide einen Teil der mit süßen, getrockneten Beeren versetzen Hafergrütze verspeist hatten, »daß das hakenische Rechtssystem sich aufgrund des anderischen Rechtsempfindens dahingehend auswirkte, sie bis in unsere Zeit zu regelrechten Sklaven zu machen. Das erscheint doch kaum möglich.«

Ihm fiel auf, daß Du Chaillu, neben dem Feuer in eine Decke gehüllt, an der Hafergrütze nicht interessiert war. Cara hatte den Beutel mit den Kräutern im Tee ziehen lassen, hockte neben Du Chaillu und trug dafür Sorge, daß sie wenigstens einen kleinen Schluck aus der hölzernen Tasse trank.

»Das Rechtssystem war nicht der Grund für den Niedergang der Hakenier, Richard, sondern lediglich ein Schritt auf dem Weg nach unten – eine der ungeschminkten Tatsachen der Geschichte. Ich erzähle dir nur von den herausragenden Ereignissen, den Folgen. Kulturelle Verschiebungen wie diese sind im Laufe der Zeit ganz unvermeidlich.

Aufgrund der gerechten Gesetze gelang den Anderiern ein gesellschaftlicher Aufstieg, der sie schließlich befähigte, die Macht zu ergreifen. Anderier unterscheiden sich in ihrem Hunger nach Macht nicht von anderen Menschen.«

»Die Hakenier waren ein herrschendes Volk. Wie konnten sich diese Verhältnisse völlig ins Gegenteil verkehren?« Richard schüttelte den Kopf. Es fiel ihm schwer, der Darstellung der Zauberer Glauben zu schenken.

»In der Zwischenzeit war viel geschehen.« Kahlan leckte sich Hafergrütze von einem Finger. »Als die Anderier schließlich Zugang zu den gerechten Gesetzen bekamen, wurden diese für sie zu einem spitzen Werkzeug. Sofort nach ihrer Eingliederung in die Gesellschaft nutzten die Anderier ihre Freiheiten zur Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Stellung. Anfangs äußerte sich dies in der Teilhaberschaft an Geschäften, in der Beteiligung an den Handelsorganisationen, aus denen schließlich die Gilden hervorgingen, in der Mitgliedschaft in kleinen, örtlichen Ratsversammlungen und ähnlichem. Das Ganze vollzog sich Schritt für Schritt.