Zieh bitte keine falschen Schlüsse, auch die Anderier waren harte Arbeiter. Da die Gesetze für alle gerecht waren, konnten sie plötzlich durch Arbeit dieselben Dinge erreichen wie die Hakenier. Sie hatten Erfolg und wurden geachtet. Am wichtigsten war jedoch, sie wurden zu Geldverleihern. Wie sich herausstellte, hatten die Anderier eine Begabung für geschäftliche Dinge. Mit der Zeit vollzogen sie den Wandel von der einfachen Arbeiterklasse zur Klasse der Kaufleute. Als Kaufleute bekamen die Familien Gelegenheit, im Laufe der Jahre Vermögen anzuhäufen.
Schließlich wurden sie also Geldverleiher und dadurch zu einer finanziellen Macht. Einige wenige große und weitverzweigte anderische Familien kontrollierten einen beträchtlichen Teil der Finanzen und wurden in großem Umfang zur verborgenen Macht hinter der hakenischen Regierung. Die Hakenier wurden selbstzufrieden, die Anderier dagegen behielten ihr Ziel stets im Auge.
Zudem wurden Anderier zu Lehrern. Fast von Anfang an betrachteten die Hakenier das Unterrichten als einfache Funktion, die den Anderiern offenstehen sollte. Das gab den Hakeniern die Freiheit, sich reiferen Aspekten der Herrschaft zu widmen. Die Anderier übernahmen sämtliche Zweige des Unterrichtens – nicht nur das Unterrichten selbst – und gewannen so zunehmend die Kontrolle über die Ausbildung geeigneter Lehrer und damit über die Lehrinhalte.«
Richard schluckte einen Mund voll Hafergrütze hinunter. »Ich nehme an, das war für die Hakenier irgendwie ein Fehler?«
Kahlan gestikulierte mit ihrem angebissenen Tavabrot, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Neben Lesen und Rechnen wurden die Kinder in Geschichte und Kultur unterrichtet, angeblich damit sie in Kenntnis ihrer Stellung innerhalb der Kultur und der Gesellschaft ihres Landes aufwachsen konnten.
Nach dem Willen der Hakenier sollten alle Kinder etwas Besseres lernen als Krieg und Eroberung. Sie waren überzeugt, die anderischen Lehren von den brutalen hakenischen Eroberungen auf Kosten des edlen anderischen Volkes würden den Kinder helfen, zivilisiert und mit Achtung vor anderen aufzuwachsen. Stattdessen führten die Schuldgefühle, die dadurch in den jungen Köpfen entstanden, zum Abbau des Zusammenhalts innerhalb der hakenischen Gesellschaft und des Respekts vor der hakenischen Herrschaft.
Die gesamte Wirtschaft fußte auf der Erzeugung von Getreide – hauptsächlich von Weizen. Farmen machten Bankrott, und die Farmer konnten das für die Ausfuhr bestimmte Getreide nicht liefern, für das die Kaufleute sie bereits bezahlt hatten. Schulden wurden für fällig erklärt, als jeder versuchte, in diesen schweren Zeiten zu überleben. Wer über keine größeren finanziellen Rücklagen verfügte, verlor seine Farm.
Möglicherweise verordnete die Regierung dem ökonomischen System bestimmte Zwangsmaßnahmen, um die Panik einzudämmen, die herrschenden Hakenier befürchteten jedoch, das Mißfallen der Geldverleiher zu erregen, die sie unterstützten.
Und schließlich entstanden noch gewaltigere Probleme: Die ersten Menschen starben, es kam zu Hungeraufständen. Fairfield wurde bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Hakenier und Anderier gleichermaßen erhoben sich in gewalttätigen, zügellosen Aufständen. Das Land versank im Chaos. Viele wanderten in andere Länder aus, in der Hoffnung, dort eine neue Existenz zu finden, ehe sie verhungerten.
Die Anderier jedoch benutzen ihr Geld, um Lebensmittel aus dem Ausland zu kaufen. Nur dank der finanziellen Mittel der wohlhabenden Anderier war es möglich, Lebensmittel von weit her einzukaufen, und diese Vorräte waren es, die den meisten Menschen die Hoffnung auf ein Überleben gaben. Die Anderier mit ihren Lebensmittelvorräten aus dem Ausland wurden als Erretter angesehen.
Die Anderier kauften bankrotte Geschäfte und Farmen auf von Leuten, die dringend Geld benötigten. Allein dem Geld der Anderier, so wenig es war, sowie ihren Lebensmittelvorräten war es zu verdanken, daß die meisten Familien nicht verhungern mußten.
Erst in diesem Augenblick begannen die Anderier, ihren wahren Preis einzufordern und Rache zu nehmen.
Der Mob auf den Straßen machte die von den Hakeniern geführte Regierung für die Hungersnot verantwortlich. Anderier mit ihren Handelsverbindungen schürten den Aufstand und weiteten ihn von einem Ort zum nächsten aus. Das Land versank in Anarchie, während die hakenischen Herrscher in den Straßen gelyncht und ihre Leichen vor den jubelnden Massen durch die Straßen geschleift wurden.
Hakenische Gelehrte weckten die Blutgier des verängstigten Volkes, da sie irgendwie für die Hungersnot verantwortlich zu sein schienen. Gut ausgebildete Hakenier wurden als Feinde des Volkes angesehen, selbst von der Mehrheit der Hakenier, die Bauern oder Arbeiter waren. Es kam zu blutigen Säuberungswellen gegen die Gebildeten. Im Verlauf dieser Aufstände und dieses Zustandes der Gesetzlosigkeit wurde die gesamte herrschende Klasse der Hakenier systematisch umgebracht. Jeder Hakenier, der über irgendwelche höheren Qualifikationen verfügte, war verdächtig und wurde hingerichtet.
In kurzer Zeit hatten die Anderier, sei es auf finanziellem Weg oder durch den Pöbel, jedes noch verbliebene Geschäft und Unternehmen in den Ruin geführt.
In diesem Vakuum ergriffen die Anderier die Macht und schufen Ordnung – mit Lebensmitteln für ein verhungerndes Volk, das aus Anderiern und Hakeniern gleichermaßen bestand. Als sich der Staub legte, hatten die Anderier die Kontrolle über das Land an sich gerissen, und dank der starken Söldnerstreitkräfte, die anzuheuern sie sich leisten konnten, hielten sie das Land bald darauf in eisernem Griff.«
Richard hatte zu essen aufgehört. Er konnte kaum glauben, was er hörte, und blickte wie erstarrt vor sich hin, während Kahlan mit ausholenden Handbewegungen den Niedergang der Vernunft schilderte.
»Die Anderier stellten alles auf den Kopf, aus Schwarz wurde Weiß und umgekehrt. Sie verkündeten, Hakenier seien aufgrund der uralten hakenischen Tradition des Unrechts gegenüber den Anderiern nicht imstande, einen Anderier gerecht zu beurteilen. Die Anderier dagegen beteuerten, sie hätten, da sie so lange Opfer der gottlosen hakenischen Oberherren gewesen seien, das Wesen der Ungleichheit verstanden und seien demzufolge als einzige berechtigt, in Fragen der Gerechtigkeit zu entscheiden.
Schreckliche Geschichten hakenischer Grausamkeit wurden zur Währung gesellschaftlicher Geltungssucht. In dem Versuch, die entsetzlichen Vorwürfe zu entkräften, und um zu verhindern, von den gut bewaffneten Truppen selektiert zu werden, unterwarfen sich verängstigte Hakenier bereitwillig der anderischen Autorität und den erbarmungslosen Söldnern. Die Anderier, die so lange auf Macht hatten verzichten müssen, nutzten ihren Vorteil gnadenlos aus. Hakeniern wurde verboten, Machtpositionen zu bekleiden. Wahrscheinlich, weil die hakenischen Oberherren von den Anderiern verlangt hatten, sie mit Nachnamen anzureden, wurde den Hakeniern nach einer Weile das Recht auf einen Nachnamen verweigert, es sei denn, sie erwiesen sich als würdig und erhielten eine besondere Erlaubnis.«
»Aber haben sie sich denn nicht vermischt?« fragte Richard. »Haben die Hakenier und Anderier nach all diesen Jahren nicht untereinander geheiratet?«
Kahlan schüttelte den Kopf. »Die Anderier, ein großgewachsenes, dunkelhaariges Volk, hielten es von Anfang an für ein Verbrechen gegen den Schöpfer, die rothaarigen Hakenier zu ehelichen. Sie waren überzeugt, der Schöpfer habe in seiner Weisheit die Menschen unterschiedlich erschaffen. Sie glaubten nicht daran, daß die Menschen sich mischen sollten wie Vieh, dem eine neue Eigenschaft angezüchtet werden soll – wie die Hakenier dies getan hatten. Ich will nicht behaupten, daß es nicht gelegentlich vorkam, aber bis zum heutigen Tag ist dergleichen überaus selten.«