Richard rollte seinen letzten Bissen Tava mit Hafergrütze zusammen. »Und wie ist es jetzt dort?« Er schob sich den Bissen in den Mund.
»Da nur die mit den Füßen Getretenen – die Anderier – unbescholten sein können, eben weil sie unterdrückt werden, dürfen auch nur sie herrschen. Sie lehren, die hakenische Unterdrückung dauere bis zum heutigen Tag an. Schon der Blick eines Hakeniers kann als Ausdruck des Hasses gewertet werden. Hakenier dagegen können niemals unterdrückt und damit unbescholten sein, da sie von Natur aus korrupt sind. Zur Zeit ist es gegen das Gesetz, daß Hakenier lesen lernen, aus Angst, sie könnten abermals die Herrschaft an sich reißen und das Volk der Anderier weiterhin brutal behandeln und massakrieren – so sicher wie auf den Tag die Nacht folgt, um es mit ihren Worten auszudrücken. Man verlangt von den Hakeniern, daß sie Bußversammlungen genannte Schulungen besuchen, um sie bei der Stange zu halten. Die Vorherrschaft der Anderier über die Hakenier ist zur Zeit völlig durchorganisiert und in Gesetzen festgelegt.
Vergiß bitte nicht, Richard, die Geschichte, wie ich sie dir jetzt erzähle, wurde mir von den Zauberern beigebracht. Was die Anderier lehren, ist etwas vollkommen anderes. Sie lehren, sie seien ein unterdrücktes Volk gewesen, das nach jahrhundertelanger Unterdrückung aufgrund seines höheren Wesens einmal mehr seine kulturelle Überlegenheit geltend gemacht hat. Nach allem, was ich weiß, könnte ihre Version sogar stimmen.«
Richard war mittlerweile aufgestanden und zog, die Hände in die Hüften gestemmt, ein ungläubiges Gesicht. »Und das hat der Rat in Aydindril gestattet? Dort hat man zugelassen, daß die Anderier die Hakenier auf diese Weise zu Sklaven machen?«
»Die Hakenier unterwerfen sich widerstandslos. Sie glauben, was ihnen die anderischen Lehrer beigebracht haben – daß es so besser ist.«
»Aber wie kann der Zentrale Rat eine solche Verdrehung der Gerechtigkeit zulassen?«
»Du vergißt, daß die Midlands ein Bund souveräner Länder waren. Die Konfessoren setzten sich dafür ein, daß die Herrschaft in den Midlands bis zu einem gewissen Maß gerecht war. Wir haben nie die Ermordung politischer Gegner und ähnliches hingenommen, wenn sich aber ein Volk wie die Hakenier bereitwillig mit den Zuständen in ihrem Land einverstanden erklärte, hatte der Rat wenig Einfluß. Brutale Formen der Machtausübung stießen auf Widerstand, bizarre Formen der Machtausübung nicht.«
Richard warf die Hände in die Höhe. »Aber die Hakenier sind nur deswegen einverstanden, weil sie diesen Unsinn eingetrichtert bekommen. Sie wissen doch überhaupt nicht, wie lächerlich das ist. Das ist dasselbe wie der Mißbrauch eines unwissenden Volkes.«
»In deinen Augen ist es vielleicht Mißbrauch. Sie sehen das anders, nämlich als einen Weg zum Frieden in ihrem Land. Das ist ihr gutes Recht.«
»Die Tatsache, daß man sie absichtlich unwissend hält, beweist, daß es sich um einen Mißbrauch handelt.«
Sie neigte den Kopf in seine Richtung. »Hast du mir nicht gerade selbst erklärt, die Hakenier hätten kein Recht, die anderische Kultur zu zerstören? Und jetzt argumentierst du, der Rat hätte ebendies tun sollen?«
Die Enttäuschung stand Richard ins Gesicht geschrieben. »Du sprichst vom Rat der Midlands?«
Kahlan trank noch einen Schluck und reichte ihm dann den Wasserschlauch.
»Dies alles liegt Jahrhunderte zurück. Kein Land war stark genug, ein Gesetz in den übrigen Midlands durchzusetzen. Wir versuchten lediglich, mit Hilfe des Rates zusammenzuarbeiten. Die Konfessoren schritten ein, sobald ein Herrscher seine Schranken überschritt.
Hätten wir vorschreiben wollen, wie die einzelnen Länder zu regieren seien, wäre der Bund auseinandergebrochen, und an die Stelle von Vernunft und Zusammenarbeit wären kriegerische Auseinandersetzungen getreten. Ich behaupte nicht, er war perfekt, Richard, aber zumindest hat er den meisten Menschen ein Leben in Frieden ermöglicht.«
Er seufzte. »Vermutlich. Ich bin kein Experte in Regierungsdingen. Vermutlich hat er den Völkern der Midlands über Jahrtausende gute Dienste geleistet.«
Kahlan nagte an ihrem Tavabrot. »Geschehnisse wie die in Anderith sind der Grund dafür, daß ich verstanden habe, was du erreichen möchtest, und daran glaube, Richard. Bis zu deinem von D’Hara unterstützten Aufstieg war kein Land alleine stark genug, ein gerechtes, für alle Völker geltendes Recht festzuschreiben. Gegen einen Widersacher wie Jagang war der Bund der Midlands chancenlos.«
Richard vermochte sich nicht recht vorzustellen, wie es für sie als Mutter Konfessor gewesen sein mußte, ihr Lebenswerk in die Brüche gehen zu sehen. Richards Vater, Darken Rahl, hatte Ereignisse in Gang gesetzt, die die gesamte Welt verändert hatten. Zumindest Kahlan hatte das Chaos als Chance begriffen.
Richard rieb sich die Stirn und überlegte, was als nächstes zu tun war.
»Also gut, jetzt weiß ich ein wenig über die Geschichte Anderiths. Wäre mir die Geschichte D’Haras bekannt, würde ich sie bestimmt noch unerquicklicher finden, trotzdem erkennt man mich dort als Führer an und kämpft für die Gerechtigkeit – so seltsam das auch klingen mag. Die Seelen wissen, einige Völker haben mir die Verbrechen aus der Vergangenheit D’Haras um meinen Rahl’schen Hals gehängt.
Nach dem, was du mir von der anderischen Geschichte erzählt hast, handelt es sich offenbar um ein Volk, das sich niemals der Herrschaft der Imperialen Ordnung unterwerfen würde. Glaubst du, wir könnten Anderith dazu bringen, sich uns anzuschließen?«
Kahlan atmete tief durch, während sie darüber nachdachte. Er hatte gehofft, sie würde zustimmen, ohne lange überlegen zu müssen.
»Sie werden von einem Herrscher regiert, der gleichzeitig ihr religiöser Führer ist. Dieser Aspekt der anderischen Gesellschaft geht auf den religiösen Glauben der Anderier zurück. Die Direktoren des Büros für Kulturelle Zusammenarbeit entscheiden darüber, wer auf Lebenszeit zum Herrscher ernannt wird. Angeblich sind die Direktoren eine moralische Instanz, die den zum Herrscher Ernannten überwacht – in etwa vergleichbar mit dem Obersten Zauberer, der die Aufgabe hat, den Richtigen zum Sucher zu ernennen.
Das anderische Volk glaubt, wenn der zum Herrscher Ernannte erst von den Direktoren gesalbt ist, überschreitet er die Grenzen fleischlichen Seins und tritt mit dem Schöpfer selbst in Verbindung. Manch einer ist der tiefen Überzeugung, er sei die Stimme des Schöpfers in dieser Welt. Einige betrachten ihn mit derselben Ehrerbietung, die eigentlich dem Schöpfer vorbehalten sein sollte.«
»Dann ist er es also, den wir überzeugen müssen, sich uns anzuschließen?«
»Teils, teils. Genaugenommen führt der Herrscher jedoch gar nicht die Alltagsgeschäfte der Regierung. Er ist mehr eine Art Symbolfigur, die vom Volk für das geliebt wird, was sie repräsentiert. Heutzutage stellen die Anderier weniger als vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung, trotzdem hat sich an der Einstellung der Hakenier für ihren Herrscher nichts geändert: Er besitzt die Macht, der übrigen Regierung einen bestimmten Kurs zu verordnen, häufiger jedoch stimmt er einfach dem von ihr beschlossenen zu. Die Verwaltung Anderiths obliegt größtenteils dem Minister für Kultur. Der Minister legt fest, was im Land geschehen soll. Das wäre in unserem Fall ein Mann namens Bertrand Chanboor.
Das Büro des Ministers für Kultur unmittelbar vor den Toren Fairfields bildet das Regierungsgremium, das letztlich die Entscheidungen trifft. Die Abgesandten, die ich in Aydindril angetroffen habe, werden unsere Worte an Bertrand Chanboor weiterleiten.
Unabhängig von seiner dunklen Vergangenheit, stellt Anderith heute unbestritten eine Macht dar, mit der man rechnen muß. Die alten Anderier mögen ein primitives Volk gewesen sein, doch diese Zeiten sind vorbei. Es sind wohlhabende Kaufleute, die über weitreichende Handelsbeziehungen und unermeßliche Reichtümer verfügen. Mit ebensolchem Geschick regieren sie, sie haben ihre Macht und das Land sicher im Griff.«