Offenkundig war sie der Annahme, für die Erteilung der unvermeidlichen Befehle sei einer zuviel anwesend, daher sagte sie leise zu ihm: »Ich werde nachsehen, wie es Du Chaillu geht.«
Cara begann zu sprechen, als Kahlan außer Hörweite war. »Es ist meine Pflicht, Lord Rahl zu bewachen und zu beschützen, daher werde ich nicht…«
Richard brachte sie mit erhobener Hand zum Schweigen.
»Cara, bitte hört mir einen Moment zu. Wir haben eine Menge zusammen durchgemacht, wir alle drei. Wir drei standen gemeinsam an der Schwelle des Todes. Wir alle haben uns gegenseitig in mehr als einer Hinsicht das Leben zu verdanken. Ihr seid mehr für uns als nur eine Bewacherin, und das wißt Ihr auch.
Kahlan ist Eure Schwester des Strafers. Ihr seid meine Freundin. Ich weiß, daß ich für Euch mehr bin als einfach nur Lord Rahl, sonst wärt Ihr nach Auflösung der Bande nicht bei mir geblieben. Wir sind alle in Freundschaft miteinander verbunden.«
»Deswegen kann ich Euch auch nicht verlassen. Und ich werde Euch nicht verlassen, Lord Rahl. Ich werde über Euch wachen, ob Ihr es nun erlaubt oder nicht.«
»Was ist das für ein Gefühl, ohne Euren Strafer?«
Sie antwortete nicht; offenbar traute sie sich selber keine Antwort darauf zu.
»Würde es Euch überraschen, Cara, wenn Ihr erführet, daß ich bei dem Schwert der Wahrheit ebenso empfinde? Ich vermisse es schon länger als Ihr Euren Strafer. Es ist ein entsetzlich nagendes Gefühl in meiner Magengrube, ein gleichbleibendes, schmerzhaftes Gefühl der Leere, als brauchte ich nichts so dringend wie diesen Gegenstand in meiner Hand. Fühlt Ihr Euch ebenso?«
Sie nickte.
»Ich hasse dieses Schwert, Cara, genau wie Ihr irgendwo in Eurem Innern auch Euren Strafer hassen müßt. Einmal hättet Ihr ihn mir beinahe überlassen, wißt Ihr es noch, Ihr, Berdine und Raina? Ich bat Euch, mir zu verzeihen, daß ich Euch bitten mußte, Eure Waffe erst einmal zu behalten, damit Ihr uns in unserem Kampf unterstützen konntet.«
»Ich erinnere mich.«
»Nichts wäre mir lieber, als auf das Schwert verzichten zu können. Ich wünschte, die Welt wäre friedlich und ich könnte diese Waffe in der Burg der Zauberer wegschließen und sie dort vergessen. Aber ich brauche sie, Cara. Genau wie Ihr Euren Strafer braucht, genau wie Ihr ohne ihn diese Leere verspürt, Euch verletzlich fühlt, hilflos und verängstigt, und Euch schämt, es zuzugeben. Mir geht es ganz genauso. Genau wie Ihr Euren Strafer braucht, weil Ihr nichts lieber tätet, als uns zu beschützen, so benötige ich mein Schwert, um Kahlan zu beschützen. Wenn ihr irgend etwas zustieße, weil ich mein Schwert nicht bei mir habe…
Cara, ich mag Euch, deswegen ist es so wichtig, daß Ihr versteht. Ihr seid längst nicht mehr nur eine Mord-Sith, nur unsere Beschützerin, Ihr seid längst mehr als das. Es ist wichtig, daß Ihr überlegt und nicht bloß reagiert. Ihr müßt mehr sein als eine Mord-Sith, wenn Ihr mir als Beschützerin eine wirklich Hilfe sein wollt.
Ich bin auf Euch angewiesen, wenn ich weiterhin eine wichtige Figur in dieser Auseinandersetzung sein will, eine Figur, die eine wichtige Rolle übernehmen kann. Daher müßt Ihr an meiner Stelle nach Aydindril gehen.«
»Ich werde diesen Befehl nicht befolgen.«
»Ich befehle Euch nichts, Cara. Ich bitte Euch darum.«
»Das ist nicht fair.«
»Dies ist kein Spiel, Cara. Ich bitte Euch um Hilfe. Ihr seid die einzige, an die ich mich wenden kann.«
Sie blickte mit finsterer Miene hinüber zu dem Unwetter am fernen Horizont und zog ihren langen, blonden Zopf über die Schulter. Sie umschloß ihn mit der Hand, so wie sie den Strafer im Ungestüm ihres Zorns umschlossen hatte. Die Brise wehte ihr blonde Strähnen seitlich über das Gesicht.
»Wenn Ihr es wünscht, Lord Rahl, werde ich gehen.«
Richard legte ihr zum Trost eine Hand auf die Schulter. Diesmal geriet ihr Körper nicht unter Spannung, sondern nahm die Hand bereitwillig hin.
»Was soll ich dort für Euch tun?«
»Ich möchte, daß Ihr dort hingeht und so schnell wie möglich wieder zurückkommt. Ich brauche mein Schwert dringend.«
»Verstehe.«
Als Kahlan kurz zu ihnen herübersah, machte Cara ihr ein Handzeichen, und Kahlan kam herbeigeeilt.
Cara drückte den Rücken durch, als sie das Wort an Kahlan richtete. »Lord Rahl hat mir befohlen, nach Aydindril zurückzukehren.«
»Befohlen?« wunderte sich Kahlan.
Cara schmunzelte nur. Sie hielt Kahlan ihren Strafer vor die Brust. »Für einen Waldführer bringt er sich in eine Menge Schwierigkeiten. Ich würde Euch als Schwester des Strafers bitten, an meiner Stelle über ihn zu wachen, aber ich weiß, daß diese Worte überflüssig sind.«
»Ich werde ihn keinen Moment aus den Augen lassen.«
»Zuerst werdet Ihr General Reibischs Armee einholen müssen«, sagte Richard. »Von ihm könnt Ihr Pferde bekommen, was Euch schneller nach Aydindril bringen wird. Außerdem ist es für mich überaus wichtig, daß er erfährt, was wir vorhaben. Erzählt ihm die ganze Geschichte, erzählt sie auch Verna und den Schwestern. Sie müssen ebenfalls informiert sein, möglicherweise sind sie im Besitz von Kenntnissen, die für uns von Nutzen sind.«
Richard blickte zum südwestlichen Horizont. »Außerdem benötige ich eine Eskorte, wenn wir nach Aydindril einmarschieren und ihre Kapitulation verlangen wollen.«
»Seid unbesorgt, Lord Rahl, ich habe die feste Absicht, Reibisch zu befehlen, Männer zu Eurer Bewachung abzustellen. Das wird nicht so gut sein, als hättet Ihr eine Mord-Sith bei Euch, aber beschützen werden sie Euch auch.«
»Ich brauche eine eindrucksvolle Eskorte. Wenn wir nach Anderith einmarschieren, sollten wir den Eindruck erwecken, daß wir es ernst meinen – ein Auftritt von Kahlan und mir mit ein paar Bewachern wird nicht genügen. Zumal Kahlans Konfessorenkraft jederzeit nachlassen kann. Ich möchte den Menschen dort unmißverständlich zu verstehen geben, daß wir es ernst meinen.«
»Das klingt schon besser«, meinte Cara.
»Eintausend Mann sollten ausreichend sein für eine eindrucksvolle Eskorte«, meinte Kahlan. »Schwertträger, Lanzenträger und Bogenschützen – die besten, die sie haben –, dazu natürlich Ersatzpferde. Außerdem brauchen wir Boten. Es gibt wichtige Nachrichten – die Chimären und Jagang betreffend –, die umgehend verschickt werden müssen, auch müssen wir unsere Streitkräfte aufeinander abstimmen und alle auf dem laufenden halten. Wir haben in verschiedenen Ländern Armeen stehen, die wir möglicherweise sofort in den Süden beordern müssen.«
Cara nickte. »Ich werde die Soldaten, die Euch als Eskorte geschickt werden, persönlich auswählen. Bestimmt verfügt Reibisch über Elitetruppen.«
»Gut, aber ich möchte nicht, daß seine Schlagkraft beeinträchtigt wird, indem wir Männer in Schlüsselstellungen abziehen«, gab Richard zu bedenken. »Erklärt dem General, ich möchte außerdem, daß er Sonderkommandos aussendet, die jene aus der Alten Welt nach Norden führenden Straßen beobachten, die er ohnehin beobachten lassen wollte – für alle Fälle.
Das wichtigste bleibt jedoch, ich möchte, daß seine Hauptstreitmacht kehrtmacht und hierher zurückmarschiert.«
»Hat er die Erlaubnis, nach eigenem Gutdünken anzugreifen?«
»Nein. Ich möchte nicht, daß er seine Armee hier draußen in der Ebene gegen die Imperiale Ordnung aufs Spiel setzt, denn die Verluste wären zu groß. So gut seine Männer auch sind, gegen eine Streitmacht von der Größe der Imperialen Ordnung hätten sie keine Chance, solange es uns nicht gelingt, zusätzliche Truppen nach hier zu verlegen. Und ich möchte auf keinen Fall, daß er angreift, denn Reibisch ist am wertvollsten, solange Jagang nicht weiß, daß seine Streitmacht sich hier befindet.
Reibisch soll nach Osten marschieren und Jagang beschatten, sich aber nördlich von ihm halten und ausreichend auf Distanz bleiben. Teilt ihm mit, er soll so wenig wie möglich Kundschafter einsetzen – gerade genug, um die Imperiale Ordnung nicht aus den Augen zu verlieren, mehr nicht. Jagang darf auf keinen Fall Wind davon bekommen, daß Reibischs Streitmacht hier bereitsteht. Diese d’Haranischen Soldaten werden alles sein, was zwischen der Ordnung und den Midlands steht, sollte Jagang plötzlich auf die Idee verfallen, nach Norden zu schwenken. Die Überraschung wird sein einziger Verbündeter sein, bis wir Boten aussenden können, die weitere Truppen hierherschaffen.