Ich möchte Reibischs Soldaten nicht in Gefahr bringen, wenn dies nicht unbedingt erforderlich ist. Aber ich brauche ihn als Notbehelf, falls etwas schiefgeht. Und falls Anderith kapituliert, können wir deren Armee mit unserer vereinigen. Wenn es uns gelingt, die Chimären zu vertreiben, die anderische Armee unter unser Kommando zu bringen und weitere Truppen von uns rechtzeitig hierher zu verlegen, sind wir möglicherweise sogar imstande, Jagangs Armee mit dem Meer im Rücken zu umschließen. Vielleicht wäre es im Anschluß daran sogar möglich, ihn mit Hilfe unserer Truppen in die Fänge der Dominie Dirtch zu treiben. Mit dieser Waffe könnten wir sie töten, ohne einen einzigen Mann zu verlieren.«
»Und in Aydindril?« wollte Cara wissen.
»Ihr habt mitgehört, als Zedd erklärte, was man tun muß?«
»Ja. Auf der fünften Säule rechts in der Enklave des Obersten Zauberers steht ein schwarzes Fläschchen mit einem Verschluß aus Filigran. Es muß mit dem Schwert der Wahrheit zerbrochen werden. Berdine und ich haben Euch in die Enklave des Obersten Zauberers begleitet, ich erinnere mich noch gut an diesen Ort.«
»Gut. Ihr könnt das Fläschchen ebensogut mit dem Schwert zerbrechen wie ich.« Sie nickte. »Stellt das Fläschchen einfach auf den Erdboden, wie Zedd es uns aufgetragen hat, beschafft Euch das Schwert, und zerbrecht das Fläschchen.«
»Kein Problem«, meinte Cara.
Richard wußte nur zu gut, wie ungern Cara etwas mit Magie zu schaffen hatte. Er erinnerte sich, wie sehr Berdine und sie sich dagegen gesträubt hatten, die Enklave des Obersten Zauberers zu betreten. Außerdem war da noch die Frage der magischen Schilde in der Burg.
»Wenn die Magie der Burg tatsächlich daniederliegt, werdet Ihr keine Schwierigkeiten haben, die Schilde zu passieren, ihre Magie wird dann ebenfalls unwirksam sein.«
»Ich erinnere mich noch, wie sie sich angefühlt haben. Ich werde wissen, ob sie noch von Magie erfüllt sind oder ob ich passieren kann.«
»Erklärt Berdine alles, was Ihr über die Chimären wißt. Möglicherweise ist sie bereits im Besitz von verwertbaren Informationen. Auf jeden Fall hat sie Kolos Tagebuch, und aufgrund Eurer Erklärungen wird sie wissen, wonach sie zu suchen hat.«
Richard hob zur Betonung einen Finger. Mit der anderen Hand faßte er sie bei der Schulter.
»Aber vor Berdine kommen zuerst das Schwert und das Fläschchen. Setzt keines länger als nötig der Gefahr aus, beschädigt zu werden.
Möglicherweise werden die Chimären versuchen, Euch aufzuhalten. Nehmt Euch davor in acht. Seid auf der Hut und wachsam. Haltet Euch, so gut es geht, von Wasser und Feuer fern. Setzt nichts als selbstverständlich voraus. Vielleicht wissen sie, daß der in dem Fläschchen enthaltene Bann ihnen schaden kann.
Bevor Ihr aufbrecht, werden wir mit Du Chaillu sprechen und sehen, ob sie eine Antwort auf die Frage weiß, wie sie einen Menschen in den Tod locken. Erinnert sie sich, könnte das eine wertvolle Hilfe gegen die Chimären sein.«
Cara nickte. Falls sie Angst hatte, ließ sie sich zumindest davon nichts anmerken.
»Wenn ich erst einmal bei General Reibisch bin, werde ich reiten wie der Wind. Ich werde zuerst die Burg der Zauberer aufsuchen, mir Euer Schwert beschaffen und anschließend das Fläschchen zerbrechen. Danach werde ich Euch das Schwert, Berdine und das Buch bringen. Wo werde ich Euch finden?«
»In Fairfield«, sagte Kahlan. »Höchstwahrscheinlich bei unseren Truppen, unweit der Stadt, in der Nähe des Anwesens des Ministers für Kultur. Sollten wir von dort abziehen müssen, werden wir Euch entweder eine Nachricht oder einige von unseren Männern hinterlassen. Ist das nicht möglich, werden wir versuchen, General Reibisch zu unterrichten.«
Richard zögerte. »Cara … Ihr werdet das Schwert aus der Scheide ziehen müssen, um das Fläschchen zu zerbrechen.«
»Natürlich.«
»Aber seid vorsichtig. Es handelt sich um eine Waffe der Magie, und Zedd ist überzeugt, daß sie noch immer funktioniert – und noch immer Magie enthält.«
Cara seufzte. Unangenehme Gedanken gingen ihr durch den Kopf. »Was wird es tun, nachdem ich es gezogen habe?«
»Das vermag ich nicht mit Gewißheit zu sagen«, meinte Richard. »Möglicherweise reagiert es auf verschiedene Menschen unterschiedlich, je nachdem, was diese zur Vollendung der Magie mitbringen. Ich bin zwar nach wie vor der Sucher, möglicherweise jedoch funktioniert es bei jedem, der es in Händen hält. Ich weiß einfach nicht, welche Wirkung seine Magie auf Euch haben wird. Auf jeden Fall handelt es sich um eine Waffe, die sich des Zorns bedient. Seid einfach vorsichtig und macht Euch klar, daß es Euch ebenso zur Geltung bringen will wie Ihr das Schwert. Es wird Eure Gefühle schüren, vor allem Euren Zorn.«
Caras blaue Augen funkelten. »Da wird es sich nicht lange bemühen müssen.«
Richard schmunzelte. »Seid einfach vorsichtig. Nehmt das Schwert, sobald Ihr das Fläschchen zerbrochen habt, nur noch dann aus der Scheide, wenn es um Leben und Tod geht. Wenn Ihr damit tötet…«
Sie runzelte die Stirn, als er den Satz unbeendet ließ.
»Wenn ich damit töte … was dann?«
Richard mußte es ihr sagen, damit sie nichts Gefährliches anstellte. »Es bereitet Schmerzen.«
»Wie der Strafer?«
Er nickte zögernd. »Vielleicht schlimmer.« Er senkte die Stimme, als ihn die Erinnerungen überkamen. »Um die Schmerzen zu überwinden, braucht man Wut. Seid Ihr von aufrechtem Zorn erfüllt, wird Euch das schützen, aber bei den Gütigen Seelen, es wird noch immer überaus schmerzhaft sein.«
»Ich bin eine Mord-Sith. Ich werde den Schmerz mit Freuden willkommen heißen.«
Richard tippte sich gegen die Brust. »Es schmerzt hier drinnen, Cara. Glaubt mir, diese Schmerzen werden Euch nicht gefallen. Dann schon eher die Eures Strafers.«
Sie bedachte ihn mit einem traurigen, verständnisvollen Lächeln. »Ihr braucht Euer Schwert, und ich werde es Euch bringen.«
»Danke, Cara.«
»Aber daß Ihr mich zwingt, Euch schutzlos zurückzulassen, werde ich Euch niemals verzeihen.«
»Er wird nicht schutzlos sein.«
Alle drehten sich um. Die Bemerkung kam von Du Chaillu. Sie war aschfahl, ihr Haar ein wildes Durcheinander, doch jetzt, in eine Decke gehüllt, zitterte sie nicht mehr. Ihr Gesicht war ein Bild wilder Entschlossenheit.
Richard schüttelte den Kopf. »Du mußt zu deinem Volk zurückkehren.«
»Wir werden meinen Gemahl begleiten. Wir beschützen den Caharin.«
Richard beschloß, die Gattenfrage nicht zu diskutieren. »Bevor wir Anderith erreichen, werden wir Truppen zu unserer Begleitung haben.«
»Das sind keine Meister der Klinge. Wir werden Caras Platz übernehmen und dich beschützen.«
Cara verneigte sich vor Du Chaillu. »Sehr gut. Ich werde besser schlafen, wenn ich weiß, daß Ihr und die Baka Tau Mana sich dessen annehmen.«
Richard warf einen genervten Blick in Caras Richtung, bevor er seine Aufmerksamkeit der Seelenfrau der Baka Tau Mana zuwandte.
»Jetzt, da du in Sicherheit bist, Du Chaillu, werde ich nicht zulassen, daß ihr unnötig euer Leben riskiert. Du bist dem Tod bereits einmal knapp entkommen. Du mußt zu deinem Volk zurückkehren, es braucht dich.«
»Wir sind die wandelnden Toten. Es spielt keine Rolle.«
»Was redest du da?«
Du Chaillu faltete die Hände. Hinter ihr standen verteilt die Meister der Klinge, ihre königliche Eskorte. Dahinter warteten die Jäger der Schlammenschen und sahen zu. So krank sie noch immer wirkte, hatte Du Chaillus Aussehen doch wieder etwas Edles.
»Bevor wir aufbrachen«, erläuterte sie, »erklärten wir unserem Volk, wir seien für die Welt des Lebendigen verloren und würden nur dann zu ihm zurückgeschickt werden, wenn wir den Caharin warnen und alles daran setzen, daß er in Sicherheit ist. Bevor wir aufbrachen, beweinte und betrauerte uns unser Volk, denn dort gelten wir als tot. Wir werden nur dann zurückkehren können, wenn wir unser Versprechen einlösen.