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Es ist noch nicht lange her, da habe ich die Glocken des Todes läuten hören. Cara, die Beschützerin des Caharin, hat mich aus der Welt der Seelen zurückgeholt. In ihrer Weisheit haben die Seelen meine Rückkehr erlaubt, damit ich meine Pflicht erfüllen kann. Erst wenn Cara mit deinem Schwert zurück ist und du in Sicherheit bist, erst dann werden wir unser Leben zurückerhalten, um in unsere Heimat zurückkehren zu können. Bis dahin sind wir die wandelnden Toten. Ich bitte nicht um Erlaubnis, mit dir reisen zu dürfen. Ich erkläre dir, wir werden dich begleiten. Ich bin die Seelenfrau der Baka Tau Mana. Ich habe gesprochen.«

Die Zähne zusammengebissen, wollte Richard ihr mit erhobenem Finger drohen, doch Kahlan bekam sein Handgelenk zu fassen.

»Du Chaillu«, sagte Kahlan, »auch ich habe einen solchen Eid geschworen. Als ich zur ummauerten Stadt Ebinissia kam und die von der Imperialen Ordnung massakrierten Menschen sah, schwor ich Rache. Chandalen und ich stießen auf eine kleine Armee junger Rekruten, die den Untergang ihrer Heimatstadt ebenfalls hatten mitansehen müssen. Sie waren wild entschlossen, die dafür verantwortlichen Männer zu bestrafen.

Ich legte ein feierliches Gelübde ab, ich sei tot und könne nur ins Leben zurückkehren, wenn die Männer, die diese Verbrechen begangen hatten, bestraft würden. Auch die Soldaten in meiner Begleitung schlossen mit ihrem Leben ab, um nur im Falle unseres Erfolges weiterzuleben. Jeder fünfte dieser jungen Männer kehrte zusammen mit Chandalen und mir zurück unter die Lebenden. Vorher aber starb jeder einzelne jener Männer, die die Bevölkerung von Ebinissia abgeschlachtet hatten.

Ich verstehe einen Eid, wie du ihn geleistet hast, Du Chaillu. So etwas ist heilig und muß unbedingt beachtet werden. Du und die Meister der Klinge habt die Erlaubnis, uns zu begleiten.«

Du Chaillu verneigte sich vor Kahlan. »Danke, daß du die Sitten meines Volkes respektierst. Du bist eine weise Frau und würdig, ein Weib meines Gemahls zu sein.«

Richard verdrehte die Augen. »Kahlan…«

»Die Schlammenschen brauchen Chandalen und seine Männer. Cara tut, was du von ihr verlangst, und trifft sich erst mit General Reibisch, um anschließend nach Aydindril zu reisen. Bis der General Truppen entsenden kann, die sich uns anschließen, werden wir auf uns gestellt und angreifbar sein. Du Chaillu und ihre Männer werden einen wertvollen und willkommenen Schutz bieten. Wenn so viel auf dem Spiel steht, Richard, ist unser Stolz das letzte, was wir in Betracht zu ziehen haben. Sie werden uns begleiten.«

Richard musterte aufmerksam Caras blaue, vor Entschlossenheit eiskalte Augen. Sie hatte sich entschieden. Du Chaillus dunkle Augen waren hart wie Eisen. Sie hatte einen Entschluß gefaßt. Kahlans grüne Augen … nun, er wollte nicht einmal darüber nachdenken, was sich hinter diesen grünen Augen verbarg.

»Also schön«, willigte er ein. »Bis die Soldaten zu uns stoßen, dürft ihr uns begleiten.«

Du Chaillu warf Kahlan einen verwirrten Blick zu. »Erklärt er dir auch ständig Dinge, die du längst weißt?«

36

Wenn Snip den Kopf senkte, konnte er Meister Spinks Beine und Füße beobachten, während dieser zwischen den Bänken hin und her lief und seine Stiefel auf den Dielenboden pochten. Überall im Klassenzimmer weinten vereinzelt Leute leise schniefend vor sich hin, vor allem die älteren Frauen.

Snip konnte es ihnen nicht verdenken, auch er war während der Bußversammlungen manchmal in Tränen aufgelöst. Die Lektionen, die sie lernten, waren notwendig, wenn sie ihr schändliches hakenisches Wesen bekämpfen wollten – soviel verstand er, aber es machte das Zuhören trotzdem nicht einfacher.

Wenn Meister Spink seine Strafpredigten hielt, zog Snip es vor, auf den Fußboden zu starren, um nicht aus Versehen den Blick des Mannes zu kreuzen. Es galt als unverschämt, den Blick eines Anderiers zu kreuzen, während dieser einen über die Schrecknisse unterrichtete, die seinen Vorfahren von denen Snips angetan worden waren.

»Und so geschah es«, fuhr Meister Spink fort, »dass die hakenischen Horden durch einen Zufall auf jenes arme Bauerndorf stießen. Die Männer, außer sich vor Sorge um ihre Familien, hatten sich mit den anderen einfachen anderischen Männern von den Farmen und aus den Dörfern in der Umgegend versammelt. In einem gemeinsamen Gebet flehten sie den Schöpfer an, ihr Versuch, die blutrünstigen Eindringlinge zurückzuwerfen, möge erfolgreich sein.

In ihrer Verzweiflung hatten sie den Hakeniern bereits fast alle ihre Lebensmittel sowie ihr gesamtes Vieh als Friedensopfer dargebracht. Sie hatten Boten ausgesandt, um ihre Opfergabe zu erläutern und zu erklären, dass sie keinen Krieg wollten, doch keiner dieser tapferen Boten war je zurückgekehrt.

Daher schmiedeten diese Männer einen einfachen Plan. Sie beschlossen, zu einer kleinen Anhöhe zu ziehen und dort ihre Waffen über den Köpfen zu schwenken, selbstverständlich nur, um ihre Stärke zu demonstrieren und nicht etwa als Aufforderung zum Kampf, sondern in dem verzweifelten Bemühen, die Hakenier dazu zu bringen, ihre Dörfer zu verschonen. Diese Männer waren Farmer, keine Krieger, und die Waffen, die sie schwenkten, waren einfaches Farmgerät. Sie wollten nicht kämpfen, sie wollten Frieden.

Und da standen sie nun, die Männer, von denen ich euch berichtet habe – Shelby, Willan, Camden, Edgar, Newton, Kenway und all die anderen –, all die guten und rechtschaffenen Männer, die ihr kennen gelernt habt im Laufe der letzten Wochen, in denen ich euch von ihren Geschichten erzählt habe, von ihren Liebschaften, ihrem Leben, ihren Hoffnungen, ihren einfachen und bescheidenen Träumen. Dort oben auf der Anhöhe standen sie und hofften nichts weiter, als von den hakenischen Rohlingen verschont zu werden. Dort standen sie und schwenkten ihre Werkzeuge – ihre Äxte, ihre Hacken, ihre Sicheln, Heugabeln und Dreschflegel –, schwenkten sie durch die Luft in der Hoffnung, die Frauen und Kinder, die ihr ebenfalls kennen gelernt habt, vor Schaden zu bewahren.«

Das rhythmische Pochen von Meister Spinks Stiefeln kam Snip immer näher.

»Die hakenische Armee beschloss, diese einfachen Männer nicht zu verschonen. Stattdessen richteten die Hakenier ihre Dominie Dirtch lachend und johlend auf diese friedfertigen anderischen Männer.«

Einige der Mädchen stöhnten auf. Andere stimmten lautes Wehklagen an. Snip verspürte ein quälendes Angstgefühl im Bauch und hatte einen Kloß in der Kehle. Er musste selber schniefen, als er sich ihren grauenhaften Tod vorstellte. Diese Männer auf der Anhöhe waren ihm ans Herz gewachsen. Er kannte die Namen ihrer Frauen, die Namen ihrer Eltern und Kinder.

»Und während diese mörderischen hakenischen Bastarde in ihren eleganten, prunkvollen Uniformen« – Snip sah, wie die Stiefel genau neben seinem Platz am Ende der Bank in der Nähe des Mittelganges Halt machten –, »lachend dastanden und jubelten, erschallten die Dominie Dirtch in ihrer entsetzlichen Grausamkeit und rissen diesen Männern das Fleisch von den Knochen.«

Snip spürte den finster starrenden Blick von Meister Spink in seinem Nacken, als die Frauen und viele der Männer ihrem Gram lauthals schluchzend Luft machten.

»Das Jammergeschrei dieser armen anderischen Bauernjungen erhob sich in den anderischen Himmel. Es war ihr letzter Schrei in diesem Leben, während ihre Körper von den vortrefflich gekleideten, spottenden hakenischen Horden mit ihrer grausam dahinmetzelnden Waffe, den Dominie Dirtch, in Stücke gerissen wurden.«

Eine der älteren Frauen schrie vor Entsetzen auf. Meister Spink stand immer noch über Snip. In diesem Augenblick war Snip nicht mehr ganz so stolz auf seine Botenkleidung wie eben noch, als die anderen erstaunt tuschelnd die Köpfe zusammengesteckt hatten, während er sich auf seinen Platz setzte.