»Ich sehe, du trägst jetzt eine elegante, neue Uniform, Snip«, meinte Meister Spink mit einer Stimme, die Snip das Blut gefrieren ließ.
Snip wusste, man erwartete eine Erklärung von ihm.
»Ja, Sir. Meister Campbell war so freundlich, mir eine Stelle als Bote zu verschaffen, obwohl ich nur ein einfacher hakenischer Küchenjunge war. Auf sein Geheiß soll ich diese Uniform tragen, damit alle Hakenier sehen, dass wir es mit anderischer Hilfe zu etwas Besserem bringen können. Außerdem möchte er, dass die Boten ein gutes Licht auf sein Büro werfen, wenn wir ihn in seinem Bestreben unterstützen, die Kunde von der erfolgreichen Arbeit des Ministers für Kultur für unser Volk unter den Menschen zu verbreiten.«
Meister Spink verpasste Snip einen deftigen Hieb seitlich gegen den Kopf, der ihn aus seiner Bank schleuderte. »Spar dir deine ungehörigen Antworten! Deine hakenischen Ausflüchte interessieren mich nicht!«
»Verzeihung, Sir.« Er war klug genug, auf Händen und Knien zu verharren.
»Hakenier haben stets eine Ausrede für ihre hassenswerten Verbrechen. Du trägst dieselbe prunkvolle Uniform, an der bereits diese mörderischen hakenischen Oberherren Gefallen gefunden haben, und du findest ebensolchen Gefallen daran wie sie, obwohl du den Eindruck zu erwecken versuchst, dem sei nicht so.
Bis zum heutigen Tag leiden wir Anderier schmerzlich unter der Geißel des niemals endenden hakenischen Hasses, der unzweifelhaft aus jedem Blick eines Hakeniers spricht. Wir werden uns niemals ganz davon befreien können. Stets wird es Hakenier geben, die an ihren Uniformen Gefallen finden und die uns an die hakenischen Oberherrn erinnern.
Dein Versuch, das Unentschuldbare zu entschuldigen – deine selbstsüchtige Überheblichkeit, dein Stolz auf dich selbst, dein Stolz auf eine Uniform –, beweist nur dein schmutziges hakenisches Wesen. Ihr alle giert danach, hakenische Oberherren zu sein. Tagein, tagaus müssen wir Anderier solche hakenischen Kränkungen über uns ergehen lassen.«
»Verzeiht mir, Meister Spink, ich habe gefehlt. Ich habe sie aus Stolz getragen. Es war falsch, mich von meinem sündigen hakenischen Wesen leiten zu lassen.«
Meister Spink bekundete seine Verachtung durch ein Grunzen, fuhr dann aber mit seiner Strafpredigt fort. Snip wusste, dass er Schlimmeres verdient hatte, und war froh, so glimpflich davongekommen zu sein. Er seufzte.
»Nach der Ermordung der Männer blieben die Frauen und Kinder des Dorfes schutzlos zurück.«
Das langsame, rhythmische Pochen der Stiefel setzte von neuem ein, als der Mann sich wieder in Bewegung setzte und zwischen den auf einfachen Bänken hockenden Hakeniern hindurchmarschierte. Erst als er sich entfernt hatte, wagte Snip, sich von Händen und Knien zu erheben und seinen Platz auf der Bank wieder einzunehmen. Sein Ohr war wie taub und schmerzte fürchterlich, wie damals, als Beata ihn geschlagen hatte. Meister Spinks Worte drangen durch dieses hohle Klingen.
»Da sie Hakenier waren, beschlossen sie selbstverständlich, durch das Dorf zu ziehen und ihrem verruchten Vergnügen nachzugehen.«
»Nein!«, schrie eine schwarz gekleidete Frau auf. Sie begann zu schluchzen.
Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, setzte Meister Spink, die Unterbrechung übergehend, seinen Weg fort; derartige Unterbrechungen gab es oft.
»Den Hakeniern war nach einem Fest zumute. Sie zogen ins Dorf. Fest entschlossen machten sie sich auf die Suche nach gebratenem Fleisch.«
Zitternd vor Angst um die Menschen, die ihnen vertraut geworden waren, sanken einige Leute auf die Knie. Im gesamten Klassenzimmer scharrten die Bänke über den Fußboden, als auch die meisten der übrigen Anwesenden auf die Knie fielen. Snip folgte ihrem Beispiel.
»Aber wie ihr wisst, war es ein kleines Dorf. Nachdem die Hakenier das Vieh abgeschlachtet hatten, stellten sie fest, dass nicht genug Fleisch vorhanden war. Da Hakenier sind, wie sie nun einmal sind, brauchten sie nicht lange auf eine Lösung zu warten. Man griff sich die Kinder.«
Mehr als alles andere sehnte Snip das Ende der Strafpredigt herbei. Er wusste nicht, ob er es ertragen konnte, länger zuzuhören. Einige der Frauen waren offenbar derselben Ansicht. Die Hände gefaltet, brachen sie mit auf den Boden gerichtetem Gesicht zusammen und beteten weinend zu den Gütigen Seelen, sie möchten diese armen, unschuldigen, geschlagenen Anderier behüten.
»Ihr alle kennt die Namen dieser Kinder. Wir werden jetzt durchs Klassenzimmer gehen, und jeder von euch wird mir einen jener Namen nennen, die ihr auswendig gelernt habt, damit wir die jungen Menschen, die auf so grausame Weise ihres Lebens beraubt wurden, niemals vergessen. Jeder von euch wird mir den Namen eines Kindes – von kleinen Jungen und Mädchen – aus diesem Dorf nennen, die vor den Augen ihrer Mütter bei lebendigem Leibe geröstet wurden.«
Meister Spink fing in der hintersten Reihe an. Nacheinander sagte jeder, sobald er auf ihn zeigte, den Namen eines dieser Kinder auf, wobei die meisten den flehentlichen Wunsch hinzufügten, die Gütigen Seelen mögen sie behüten. Bevor sie gehen durften, beschrieb Meister Spink das Grauen, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden, die Schreie, die Qualen und wie lange es dauerte, bis die Kinder gestorben waren. Wie lange es dauerte, bis ihre Leichen geschmort waren.
Das Verbrechen war so grauenerregend und entsetzlich, dass Snip an einer Stelle für einen winzigen Augenblick ins Grübeln kam, ob die Geschichte überhaupt stimmen konnte. Es fiel ihm schwer sich vorzustellen, dass jemand, selbst diese brutalen hakenischen Oberherren, eine solch grässliche Tat begehen konnte.
Doch Meister Spink war Anderier. Er würde sie niemals anlügen. Nicht, wenn es um etwas so Wichtiges wie Geschichte ging.
»Die Zeit ist bereits fortgeschritten«, meinte Meister Spink, nachdem jeder den Namen eines Kindes aufgesagt hatte, »daher werden wir uns die Geschichte über die Verbrechen dieser hakenischen Eindringlinge an den Frauen für die nächste Versammlung aufsparen. Vielleicht war es für die Kinder ein Glück, dass sie die Perversitäten, für die ihre Mütter von den Hakeniern missbraucht wurden, nicht mit ansehen mussten.«
Als sie entlassen wurden, stürzte Snip, gefolgt von den Übrigen der Gruppe, durch die Tür, froh, der Bußversammlung für diesen Abend entkommen zu können. Noch nie war ihm die kühle Nachtluft so angenehm erschienen. Ihm wurde heiß und übel, als ihm die Bilder des Todes, den die Kinder hatten erleiden müssen, immer wieder aufs Neue durch den Kopf gingen. Wenigstens war die kühle Luft auf seinem Gesicht angenehm; er sog die kühle, reinigende Luft in seine Lungen.
Während er an einen schlanken Ahornbaum gelehnt darauf wartete, dass ihn seine Beine wieder trugen, trat Beata aus der Tür. Snip richtete sich auf. Durch die offene Tür und die Fenster fiel genug Licht, sie würde keine Mühe haben, ihn zu finden – in seiner neuen Botenkleidung. Er hoffte, Beata würde sie besser gefallen als Meister Spink.
»'nabend, Beata.«
Sie blieb stehen. Seine Kleidung musternd, betrachtete sie ihn von Kopf bis Fuß.
»Snip.«
»Du siehst sehr hübsch aus heute Abend, Beata.«
»Ich sehe aus wie immer.« Sie stemmte die Fäuste in die Hüften. »Wie ich sehe, läufst du jetzt selbstverliebt in einer schicken Uniform herum.«
Snips Fähigkeit zu sprechen oder zu denken war mit einem Schlag dahin. Ihm hatten die Boten in ihren Uniformen immer gefallen, daher hatte er von ihr das Gleiche angenommen. Er hatte gehofft, sie würde vielleicht wenigstens lächeln. Stattdessen funkelte sie ihn wütend an. Plötzlich wünschte er sich mehr als alles andere, er wäre sofort nach Hause gegangen.
»Meister Dalton hat mir eine Stellung angeboten…«
»Und vermutlich freust du dich auch schon auf die nächste Bußversammlung, damit du dir anhören kannst, was diese hakenischen Bestien mit den hilflosen Frauen angestellt haben.« Sie beugte sich zu ihm vor. »Das wird dir gefallen. Es wird dir fast genauso viel Spaß machen, als wärst du selbst dabei gewesen und hättest zugesehen.«
Snip blieb offenen Mundes zurück, während sie aufgebracht davonstürmte, hinein in die Dunkelheit.