Passanten auf der Straße hatten mitbekommen, wie sie ihm, einem dreckigen Hakenier, die Meinung gesagt harre. Sie setzten ein zufriedenes Lächeln auf oder lachten ihn einfach aus. Snip stopfte seine Hände in die Taschen, kehrte der Straße den Rücken zu und lehnte sich mit der Schulter an den Baum. Düsteren Gedanken nachhängend wartete er, bis alle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmerten und weitergingen.
Der Fußweg zurück zum Anwesen dauerte eine Stunde. Er wollte sichergehen, dass alle, die dorthin zurückkehrten, vorgegangen waren, damit er für sich bleiben konnte und sich mit niemandem zu unterhalten brauchte. Er spielte mit dem Gedanken, sich etwas zu trinken zu kaufen. Er hatte noch immer etwas Geld übrig. Oder aber er konnte umkehren und Morley suchen, um sich anschließend mit ihm zusammen etwas zu trinken zu besorgen. Wie auch immer, sich zu betrinken schien ihm eine gute Idee.
Plötzlich wurde der Wind kühler. Ein Frösteln kroch ihm den Rücken hoch.
Fast wäre er aus den Stiefeln gefahren, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Er wirbelte herum und erblickte eine ältere Anderierin. Ihr nach hinten gebürstetes, fast schulterlanges Haar verriet ihm, dass es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelte. Graue Strähnen an den Schläfen sagten ihm, sie war alt; es war nicht hell genug, um zu erkennen, wie runzlig sie tatsächlich war, doch dass sie es war, war nicht zu übersehen.
Snip verbeugte sich vor der Anderierin. Er befürchtete, sie könnte dort weitermachen wollen, wo Beata aufgehört hatte, und ihn wegen irgendeiner Geschichte zur Rede stellen.
»Magst du dieses Mädchen?«, erkundigte sich die Frau.
Die seltsame Frage erwischte Snip in einem unbedachten Augenblick. »Ich weiß nicht«, stammelte er.
»Sie war ziemlich grob zu dir.«
»Ich hab es verdient, Ma’am.«
»Warum denn das?«
Snip zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht.«
Er wusste nicht recht, was die Frau von ihm wollte. Die Art, wie sie ihn aus ihren dunklen Augen musterte, so als wählte sie ein Huhn fürs Abendessen aus, bereitete ihm eine Gänsehaut.
Sie trug ein schlichtes Kleid, das in dem schwachen Licht so aussah, als könnte es möglicherweise dunkelbraun sein. Anders als die freizügigere Mode, die die meisten anderischen Frauen trugen, war es bis zum Hals zugeknöpft. Ihr Kleid wies sie nicht als vornehme Frau aus, ihr Haar dagegen sprach dafür, dass sie jemand Wichtiges war.
Irgendwie schien sie anders zu sein als die anderen anderischen Frauen. Eine Sache fand Snip eigenartig an ihr: Hoch oben im Nacken trug sie ein eng sitzendes schwarzes Band um ihren Hals.
»Manchmal sagen Mädchen eine Gemeinheit, wenn sie Angst haben zuzugeben, dass sie einen Jungen gern haben und befürchten, er könnte sie nicht mögen.«
»Und manchmal sagen sie eine Gemeinheit, weil sie es auch so meinen.«
»Das ist wohl wahr.« Sie lächelte. »Wohnt sie auf dem Anwesen oder hier in Fairfield?«
»Hier in Fairfield. Sie arbeitet für Inger, den Metzger.«
Das schien sie leicht zu amüsieren. »Vielleicht ist sie mehr Fleisch auf den Knochen gewöhnt. Wenn du ein wenig älter und fülliger geworden bist, findet sie vielleicht mehr Gefallen an dir.«
Snip stopfte seine Hände wieder in die Taschen. »Vielleicht.«
Er glaubte nicht daran, er glaubte auch nicht, jemals fülliger zu werden, wie sie es nannte. Er hielt sich für alt genug und glaubte nicht, dass er sich noch groß verändern würde.
Abermals betrachtete sie für eine Weile sein Gesicht.
»Möchtest du, dass sie dich mag?«, fragte sie schließlich.
Snip räusperte sich. »Na ja, manchmal schon, schätze ich. Zumindest möchte ich nicht, dass sie mich hasst.«
Die Frau lächelte, als wäre sie mit etwas sehr zufrieden, er bezweifelte jedoch, jemals zu begreifen, womit.
»Das ließe sich arrangieren.«
»Ma’am?«
»Wenn du sie magst und möchtest, dass sie dich ebenfalls mag, ließe sich das arrangieren.«
Snip blinzelte sie erstaunt an. »Wie denn?«
»Man könnte ihr etwas ins Essen oder Trinken geben.«
Mit einem Mal begriff er. Dies war eine Frau mit Magie. Endlich verstand er, wieso sie ihm so seltsam vorkam. Er hatte gehört, Menschen mit Magie seien seltsam.
»Ihr meint, Ihr könntet etwas erfinden? Irgendeinen Mann oder so was?«
Ihr Lächeln wurde breiter. »Oder so was.«
»Ich habe meine Stelle bei Meister Campbell gerade erst angetreten. Tut mir Leid, Ma’am, aber das kann ich mir nicht leisten.«
»Aha, ich verstehe.« Ihr Lächeln fiel in sich zusammen. »Und wenn doch?«
Bevor er antworten konnte, blickte sie nachdenklich blinzelnd in den Himmel. »Vielleicht genügt es, wenn es erst später fertig wird, sobald du deinen Lohn erhältst.« Ihre Stimme wurde zu wenig mehr als einem Flüstern, als redete sie mit sich selbst. »Dann hätte ich womöglich Zeit, das Problem zu erkennen, und könnte dafür sorgen, dass es noch einmal wirkt.«
Sie sah ihm in die Augen. »Was hältst du davon?«
Snip musste schlucken. Er wollte ganz bestimmt keine Anderierin kränken, erst recht keine, die die Gabe besaß. Trotzdem, er war unschlüssig.
»Na ja, Ma’am, die Wahrheit ist, sollte mich je ein Mädchen mögen, dann wäre es mir lieber, wenn sie mich mag, weil sie mich eben mag. Ich will Euch nicht kränken, Ma’am, Euer Angebot ist freundlich. Aber ich glaube, es würde mir nicht gefallen, wenn mich ein Mädchen nur wegen eines magischen Banns mag. Ich glaube, ich würde mich nicht sonderlich wohl dabei fühlen, wenn ein Mädchen nur durch Magie dazu gebracht werden könnte, mich zu mögen.«
Die Frau lachte und versetzte ihm einen Klaps auf den Rücken. Es war ein sanftes, fröhliches Lachen aufrichtiger Freude, das nicht so klang, als lache sie ihn aus. Snip konnte sich nicht erinnern, jemals einen Anderier, der sich mit ihm unterhalten hatte, dermaßen lachen gehört zu haben.
»So ist es recht.« Sie verlieh ihren Worten Nachdruck, indem sie ihren Finger hob. »Genau dasselbe meinte ein Zauberer auch einmal zu mir, vor sehr langer Zeit.«
»Ein Zauberer? Das muss schrecklich gewesen sein. Einem Zauberer zu begegnen, meine ich.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Eigentlich nicht. Er war ein netter Mann. Damals war ich noch sehr klein. Ich wurde mit der Gabe geboren, musst du wissen. Er meinte, ich solle stets daran denken, dass Magie kein Ersatz dafür ist, wenn einen jemand so mag, wie man ist.«
»Ich wusste gar nicht, dass es in dieser Gegend Zauberer gibt.«
»Hier nicht«, erwiderte sie. Sie deutete mit einer schnellen Handbewegung hinaus in die Nacht. »Unten in Aydindril.«
Er spitzte die Ohren. »In Aydindril? Im Nordosten?«
»Na, bist du ein kluger Junge. Ganz recht, in Aydindril. In der Burg der Zauberer.« Sie bot ihm die Hand. »Ich bin Franca. Und du?«
Snip ergriff die Hand und hielt sie sachte fest, während er sein Knie zu einer tiefen Verbeugung einknickte. »Ich heiße Snip, Ma’am.«
»Franca.«
»Ma’am?«
»Franca. So lautet mein Name. Ich habe dir meinen Namen genannt, damit du mich bei meinem Namen nennen kannst.«
»Verzeihung, Ma’am – ich meine Franca.«
Sie stieß wieder ihr kleines Lachen aus. »Nun, Snip, war nett, dich kennen zu lernen. Ich muss mich jetzt auf den Weg zurück zum Anwesen machen. Vermutlich wirst du losziehen und dich betrinken. Offenbar ist es das, was Jungs in deinem Alter gerne tun.«
Snip musste sich eingestehen, dass die Vorstellung, sich zu betrinken, ihm überaus behagte. Die Chance, etwas über die Burg der Zauberer zu erfahren, klang jedoch verlockend.
»Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn ich auch zum Anwesen zurückgehe. Wenn Ihr nichts dagegen habt, Euch von einem Hakenier begleiten zu lassen, würde ich gerne mit Euch gehen. Franca.« Den Namen setzte er, einem späten Einfall folgend, hinzu.
Wieder betrachtete sie sein Gesicht auf diese Weise, die ihn innerlich ganz unruhig machte.
»Ich besitze die Gabe, Snip. Das heißt, ich bin anders als die meisten, daher denken die meisten anderen Menschen – Hakenier sowohl als auch Anderier – über mich so, wie die meisten Anderier über dich denken, nur weil du Hakenier bist.«