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»Tatsächlich? Aber Ihr seid doch Anderierin.«

»Anderierin zu sein genügt nicht, um das Schandmal der Gabe zu überwinden. Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man erleben muss, dass einen die Menschen verabscheuen, ohne wirklich etwas über einen zu wissen.

Es wäre mir eine große Freude, wenn du mich begleiten würdest, Snip.«

Snip feixte, teils wegen des Schrecks, als ihm bewusst wurde, dass er sich mit einer anderischen Frau unterhielt, richtig unterhielt, und teils aus Erschrockenheit darüber, dass Anderier sie, eine andere Anderierin, nicht mochten – weil sie Magie besaß.

»Aber respektieren sie Euch denn nicht wegen Eurer Magie?«

»Sie haben Angst vor mir. Angst hat ihre guten und ihre schlechten Seiten. Gute, weil die Menschen einen auch dann noch gut behandeln, wenn sie einen nicht mögen. Schlechte, weil Menschen dazu neigen, auf etwas, das sie fürchten, mit Gewalt zu reagieren.«

»So habe ich das noch nie gesehen.«

Er musste daran denken, wie gut er sich gefühlt hatte, als Claudine Winthrop ihn mit ›Sir‹ angeredet hatte. Er wusste, sie hatte es nur aus Angst getan, trotzdem hatte es ihm ein gutes Gefühl gegeben. Der zweite Teil von Francas Erklärung sagte ihm allerdings nichts.

»Ihr seid sehr klug. Liegt das an der Magie? Macht Magie einen Menschen klug?«

Wieder entfuhr ihr dieses rauhe Lachen, als fände sie ihn so amüsant wie einen Fisch mit Beinen.

»Wenn, dann würden die Menschen sie Burg der weisen Männer statt Burg der Zauberer nennen. Vielleicht wären manche Menschen klüger, wären sie nicht mit dem Rückhalt der Magie auf die Welt gekommen.«

Noch nie war er jemandem begegnet, der in Aydindril oder gar in der Burg der Zauberer gewesen war. Er konnte kaum glauben, dass jemand, der Magie besaß, sich mit ihm unterhielt. Und er war auch ein wenig beunruhigt, weil er nichts über Magie wusste und annahm, Franca würde ihm, wenn sie ärgerlich wurde, etwas antun.

Trotzdem, er fand sie faszinierend, auch wenn sie alt war.

Schweigend machten sie sich auf den Weg, die Straße entlang, die zum Anwesen führte. Manchmal machte Schweigen ihn nervös. Er fragte sich, ob sie mit Hilfe ihrer Magie seine Gedanken lesen konnte.

Snip sah zu ihr hinüber. Sie machte nicht den Eindruck, als würde sie auf seine Gedanken achten. Er zeigte auf ihren Hals.

»Stört es Euch, wenn ich frage, was das dort für ein Ding ist, Franca? Das Band, das Ihr um Euren Hals tragt? Ich habe nie jemanden etwas Ähnliches tragen sehen. Hat das etwas mit Magie zu tun?«

Sie musste laut lachen. »Weißt du, Snip, dass du seit sehr, sehr vielen Jahren der Erste bist, der mich danach fragt? Auch wenn es nur daran liegt, dass du zu unwissend bist, um dich zu fürchten, einer Hexenmeisterin eine derart persönliche Frage zu stellen.«

»Tut mir Leid, Franca. Ich wollte nichts Ungehöriges sagen.«

Er begann sich zu sorgen, er könnte aus Dummheit etwas gesagt haben, das sie verärgerte. Es lag bestimmt nicht in seiner Absicht, eine Anderierin, und erst recht keine mit Magie, zu verärgern. Sie schwieg eine Zeit lang, während sie weiter die Straße entlanggingen. Snip stopfte seine schweißnassen Hände in die Taschen.

Schließlich ergriff sie wieder das Wort. »Das ist es nicht, Snip. Die Frage war nicht ungehörig, meine ich. Sie weckt bloß schlimme Erinnerungen.«

»Das tut mir Leid, Franca. Ich hätte nicht davon anfangen sollen. Manchmal sage ich dumme Dinge. Tut mir Leid.«

Er begann sich zu wünschen, er wäre stattdessen sich betrinken gegangen.

Ein paar Schritte weiter blieb sie stehen und wandte sich ihm zu. »Nein, die Frage war nicht dumm. Sieh her.«

Sie zog das Halsband ein Stück herunter, damit er sehen konnte. Es war zwar dunkel, aber der Mond schien, daher konnte er eine breite, unregelmäßige, weiß und wächsern aussehende Linie erkennen, die ganz um ihren Hals herumlief. Ihm kam es vor wie eine hässliche Narbe.

»Vor langer Zeit haben einige Leute versucht, mich umzubringen. Weil ich Magie besitze.« Der Mondschein glitzerte in ihren feuchten Augen. »Serin Rajak und seine Gefolgsleute.«

Snip hatte den Namen noch nie gehört. »Gefolgsleute?«

Sie zog das Halsband wieder hoch. »Serin Rajak ist ein erbitterter Gegner der Magie. Er hat Gefolgsleute, die genauso denken wie er. Sie hetzen die Menschen gegen die, die Magie besitzen, auf. Bis sie von einem hemmungslosen Hass ergriffen werden und nach Blut schreien.

Es gibt nichts Widerwärtigeres als einen Mob von Menschen, die es sich in den Kopf gesetzt haben, jemandem Unheil zuzufügen. Einer allein brächte nicht den Mut dazu auf, aber gemeinsam ist es für sie ein Leichtes, etwas als richtig zu beschließen und durchzuführen. Ein Mob entwickelt einen ganz eigenen Willen – er bekommt ein Eigenleben. Wie ein Rudel Straßenköter, die ein auf sich gestelltes Tier in den Tod hetzen.

Rajak nahm mich gefangen und legte mir einen Strick um den Hals. Sie banden mir die Hände auf den Rücken, dann suchten sie einen Baum, warfen das andere Ende des Strickes über einen Ast und zogen mich am Strick um meinen Hals hoch.«

Snip war entsetzt. »Bei den Gütigen Seelen – das muss doch schrecklich wehgetan haben.«

»Anschließend gingen sie daran, Reisig unter mir aufzuschichten; sie wollten ein großes Feuer machen. Ich konnte jedoch fliehen, bevor sie dazu kamen, das Feuer anzuzünden.«

Snips griff sich mit den Fingern an den Hals, rieb sich den Nacken und versuchte sich dabei vorzustellen, wie es wäre, an einem Strick um seinen Hals aufgehängt zu werden.

»Dieser Mann – Serin Rajak. Ist er Hakenier?«

Sie schüttelte den Kopf, als sie von neuem aufbrachen. »Man muss kein Hakenier sein, um ein schlechter Mensch zu sein, Snip.«

Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Snip hatte das Gefühl, als sei sie mit ihren Gedanken ganz woanders und baumele wieder an dem Strick um ihren Hals. Er fragte sich, wieso sie nicht erstickt war. Vielleicht hatte das Seil nicht fest gesessen, entschied er – ohne Knoten, der die Schlaufe hielt. Er fragte sich, wie sie hatte entkommen können, spürte jedoch, dass er bereits genug gefragt hatte, und traute sich nicht weiter nachzuhaken.

Er lauschte auf das Knirschen des Schotters unter ihren Stiefeln. Ab und zu riskierte er einen verstohlenen Seitenblick. Sie wirkte nicht mehr so unbeschwert wie noch zu Anfang, deshalb wünschte er, er hätte die Frage für sich behalten.

Schließlich überlegte er, ob er ihr vielleicht eine Frage stellen sollte, mit der er sie schon einmal zum Schmunzeln gebracht hatte. Außerdem hatte er sie aus diesem Grund überhaupt erst begleiten wollen.

»Wie war die Burg der Zauberer, Franca?«

Er hatte sich nicht getäuscht; sie lächelte tatsächlich. »Gewaltig. Du kannst dir nicht einmal annähernd vorstellen, wie groß sie ist, und ich könnte es dir nicht beschreiben. Sie steht hoch oben auf einem Berg mit Blick auf Aydindril, hinter einer steinernen Brücke über einem Tausende Fuß tiefen Abgrund. Ein Teil der Burg ist in den Berg selbst hineingeschlagen. Es gibt mit Scharten versehene Festungsmauern, die wie Klippen in die Höhe ragen. Breite Wallanlagen, breiter als diese Straße, führen zu den verschiedenen Gebäuden. An etlichen Stellen erheben sich Türme hoch über der Burg. Sie war prächtig.«

»Habt Ihr je einen Sucher der Wahrheit zu Gesicht bekommen? Habt Ihr je das Schwert der Wahrheit gesehen, als Ihr dort wart?«

Sie blickte stirnrunzelnd zu ihm hinüber. »Weißt du, das habe ich tatsächlich. Meine Mutter war Hexenmeisterin. Sie ging nach Aydindril, um den Obersten Zauberer wegen irgendeiner Geschichte aufzusuchen – weswegen genau, weiß ich nicht. Wir gingen über eine dieser Wallanlagen zur Enklave des Obersten Zauberers in der Burg. Er verfügte über einen abgetrennten Bereich, wo er Wunderdinge aller Art besaß. Ich kann mich noch gut an das blinkende, glänzende Schwert erinnern.«

Es schien ihr große Freude zu machen, davon zu erzählen, daher fragte er: »Wie war sie denn, diese Enklave des Obersten Zauberers? Und das Schwert der Wahrheit?«