Ihre Faust an seinem Kragen packte fester zu.
»Aber Claudine könnte vor das Büro für Kulturelle Zusammenarbeit zitiert und um eine Aussage gebeten werden. Die Direktoren fürchten Bertrands Macht und Einfluss, auf mich sind sie ebenfalls neidisch. Wenn sie sich dazu durchringen, könnten sie den Fall dieser Frau als Lästerung des Schöpfers auslegen, selbst wenn er außerhalb des allgemein gültigen Rechts läge.
Der Verdacht auf Lästerung des Schöpfers könnte Bertrands Berücksichtigung für das Amt des Herrschers gefährden. Die Direktoren könnten sich zusammentun und entschlossen dagegen Stellung beziehen, wodurch wir ihnen mit einem Schlag hilflos ausgeliefert wären. Ehe wir uns versehen, müssen wir uns womöglich alle auf die Suche nach neuen Quartieren machen.«
»Ich denke, Hildemara…«
Sie zog sein Gesicht ganz nah zu sich heran.
»Ich will, dass sie getötet wird.«
Dalton war stets der Ansicht gewesen, bei einer wenig ansehnlichen Frau sei es ihr freundliches und großzügiges Wesen, das sie ungeheuer anziehend macht. Hildemara war genau das Gegenteil davon; ihre eigensüchtige Willkür und ihr grenzenloser Hass gegen jeden, der sich ihrem Ehrgeiz in den Weg zu stellen wagte, ließ alles Anziehende an ihr zu hoffnungsloser Hässlichkeit verdorren.
»Selbstverständlich, Hildemara. Wenn das Euer Wunsch ist, dann wird es geschehen.« Sachte löste Dalton ihre Hand von seinem Kragen. »Irgendwelche besonderen Anweisungen, wie Ihr dies erledigt haben wollt?«
»Allerdings«, fauchte sie. »Kein Unfall diesmal. Hier geht es um Mord, und wie ein Mord soll es auch aussehen. Die Lektion ist wertlos, wenn mein Gemahl und seine anderen Bettgenossinnen sie nicht begreifen.
Ich will, dass es schmutzig wird. Etwas, das den Frauen die Augen öffnet. Kein sanftes Entschlummern im Schlaf.«
»Verstehe.«
»Wir dürfen uns diesmal auf keinen Fall die Hände schmutzig machen. Unter keinen Umständen darf ein Verdacht auf das Büro des Ministers fallen – aber es soll ein Denkzettel für all jene werden, die möglicherweise mit dem Gedanken spielen, den Mund aufzureißen.«
Dalton hatte bereits einen Plan im Sinn, er würde den Anforderungen entsprechen. Niemand würde es für einen Unfall halten, es würde ganz gewiss schmutzig werden, und er wusste ganz genau, wohin die Finger zeigen würden, sollte er auf dergleichen angewiesen sein.
Er musste zugeben, Hildemaras Argumente waren nicht von der Hand zu weisen. Man hatte den Direktoren das Aufblinken der ministeriellen Henkersaxt gezeigt. Jetzt konnte sie beschließen, in ihrem eigenen Interesse selber eine Axt zu schwingen.
Claudine konnte nach wie vor Ärger machen. Es wäre unklug, eine solche Gefahr bestehen zu lassen. Was getan werden musste, bedauerte er, doch die Notwendigkeit war unbestreitbar.
»Ganz wie Ihr wollt, Hildemara.«
Wieder huschte das Lächeln über ihr Gesicht.
»Ihr seid erst seit kurzem hier, Dalton, doch mittlerweile weiß ich Eure Fähigkeiten überaus zu schätzen. Wenn es einen Punkt gibt, in dem ich Bertrand vertraue, dann ist es seine Fähigkeit, Leute zu finden, die imstande sind zu tun, was getan werden muss. Er hat gar keine andere Wahl, als gut darin zu sein, Arbeiten an die Richtigen zu delegieren, denn seht Ihr, sonst müsste er sich tatsächlich selbst um alles kümmern, und dann wäre er gezwungen, den Schoß der Frau zu verlassen, die ihn gerade im Augenblick am meisten fasziniert.
Ich nehme an, Dalton, mit Zimperlichkeiten seid Ihr nicht dahin gekommen, wo Ihr jetzt seid?«
Er war sich völlig darüber im Klaren, dass sie diskret Erkundigungen über seine Fähigkeiten eingeholt hatte. Offenbar wusste sie bereits, dass er der Aufgabe gewachsen war. Im Übrigen hätte sie nicht gewagt, ein solches Ansinnen vorzubringen, wäre sie nicht sicher, dass er ihm entsprechen würde.
Mit äußerster Bedachtsamkeit spann er den nächsten Faden seines Spinnennetzes.
»Ihr habt mich um eine Gefälligkeit gebeten, Hildemara. Und diese Gefälligkeit liegt durchaus im Rahmen meiner Möglichkeiten.«
Es war keine Gefälligkeit, das wussten sie beide; es war ein Befehl. Trotzdem wollte er sie enger mit der Tat verknüpfen, und sei es nur in ihrer eigenen Vorstellung. Ein solcher Samen würde Wurzeln schlagen.
Das Erteilen eines Mordbefehls wog bei weitem schwerer als der Vorwurf einer unbedeutenden Vergewaltigung. Möglicherweise würde er eines Tages auf etwas angewiesen sein, das im Bereich ihrer Möglichkeiten lag.
Zufrieden lächelnd legte sie ihm zärtlich eine Hand an die Wange. »Ich wusste, Ihr seid der richtige Mann für diese Arbeit. Danke, Dalton.«
Er neigte den Kopf.
Ihr Gesichtsausdruck verdunkelte sich, als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Ihre Hand glitt an seinem Gesicht herunter, bis sie sein Kinn mit einem einzelnen Finger anhob.
»Und vergesst nicht, vielleicht steht es nicht in meiner Macht, Bertrand zu kastrieren, Euch dagegen schon, Dalton. Wann immer mir danach zumute ist.«
Dalton lächelte. »Dann werde ich Euch ganz gewiss keinen Anlass dafür bieten, Gnädigste.«
38
Snip kratzte sich durch seine verkrusteten, alten Küchenjungenkleider hindurch die Arme. Was für Lumpen das waren, war ihm erst so richtig klar geworden, nachdem er eine Weile seine Botentracht getragen hatte. Er hatte Gefallen an dem Respekt gefunden, den man ihm als Boten entgegenbrachte. Nicht, dass er auf einmal wichtig wäre, aber die meisten Menschen respektierten einen Boten als jemanden, der Verantwortung trug. Für Küchenjungen hatte niemand Respekt übrig.
Seine alten Sachen wieder anzuziehen hatte ihm ganz und gar nicht behagt. Es war, als streifte er wieder sein altes Leben über, und dorthin wollte er nie mehr zurück. Für Dalton Campbell zu arbeiten gefiel ihm, und er würde alles tun, um diese Arbeit zu behalten.
Für diesen Auftrag waren seine alten Kleider vonnöten.
Die angenehme Melodie einer Laute wehte von einem weit entfernten Gasthaus herüber. Wahrscheinlich, vermutete er, aus dem ›Fröhlichen Vagabund‹, drüben auf der Wavern-Straße. Dort sang des Öfteren ein fahrender Musikant.
Das durchdringende Trällern einer Schalmei aus Schilfrohr zerriss die Nachtluft. Gelegentlich verstummte die Schalmei, dann stimmte der Musikant Balladen an, deren Worte wegen der Entfernung unverständlich blieben; die Melodie jedoch war flott und angenehm und ließ Snips Herz schneller schlagen.
Er sah über seine Schulter und erkannte im Schein des Mondes die entschlossenen Mienen der anderen Boten. Sie steckten ebenfalls alle wieder in den Kleidern aus ihrem früheren Leben. Snip war fest entschlossen, an seinem neuen Leben festzuhalten. Er würde die anderen Männer nicht im Stich lassen – was immer auch passierte.
Sie sahen in der Tat aus wie ein abgerissener Haufen. So wie sie gekleidet waren, würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach kein Mensch erkennen. Niemand würde sie von irgendwelchen anderen jungen rothaarigen hakenischen Männern in Lumpen unterscheiden können.
In Fairfield lungerten stets junge Hakenier herum, die darauf hofften, dass jemand sie für irgendeine Arbeit anheuerte. Oft wurden sie von den Straßen vertrieben, wo sie sich zusammenrotteten. Einige gingen hinaus aufs Land, um bei der Farmarbeit zu helfen, andere fanden Arbeit in Fairfield, wenn auch nur für einen Tag, manch einer verzog sich an ein stilles Plätzchen, um zu trinken, und wieder andere lauerten im Dunkeln, um Leute auszurauben. Die lebten jedoch nicht lange, wenn sie von der Stadtwache aufgegriffen wurden, und gewöhnlich war das der Fall.
Morleys Stiefel knarzten, als er, neben Snip hockend, sein Gewicht auf den anderen Fuß verlagerte. Wie die anderen Männer auch, trug Snip für diese Geschichte seine Stiefel, obwohl sie Teil seiner Uniform waren. Nur anhand der Stiefel würde allerdings niemand etwas erkennen können.