Obwohl Morley noch kein Bote war, hatte Meister Campbell ihn gebeten, sich Snip und den Übrigen anzuschließen, die nicht mit Nachrichten zu entlegenen Orten unterwegs waren. Zu Morleys Enttäuschung war er nicht mit Snip gemeinsam als Bote eingestellt worden. Snip hatte ihm erklärt, was Meister Campbell über Morley gesagt hatte: dass er von Zeit zu Zeit für verschiedene Arbeiten einspringen und wahrscheinlich eines Tages in den Botendienst eintreten könne. Fürs Erste begnügte Morley sich mit dieser Aussicht.
Snips neue Freunde unter den Boten waren im Grunde ganz nett, trotzdem war er froh, dass Morley mit von der Partie war. Er und Morley hatten ja lange Zeit zusammen als Küchenjungen gearbeitet. Das bedeutete etwas. Wenn man sich jahrelang mit jemandem gemeinsam betrunken hatte, war man in Snips Augen einander sehr verbunden. Morley schien das ebenso zu sehen und hatte sich gefreut, als man ihn bat mitzukommen, um sich zu beweisen.
Außerdem wollte Snip trotz seiner Angst Dalton Campbell nicht im Stich lassen. Darüber hinaus hatten sowohl er als auch Morley einen Grund, den Auftrag zu übernehmen. Im Gegensatz zu den anderen spielten für sie persönliche Beweggründe eine Rolle. Immerhin bescherte dieser Auftrag Snip schweißnasse Hände, die er alle paar Minuten an seinen Knien abwischen musste.
Morley stieß Snip an. Snip spähte zur schwach beleuchteten Straße vor der Reihe aus zwei- und dreistöckigen Steingebäuden hinüber; er sah Claudine Winthrop auf den an der Vorderseite des einen Hauses befindlichen Treppenabsatz hinaustreten. Neben ihr ging ein Mann – wie Meister Campbell es vorausgesagt hatte –, ein elegant gekleideter, mit einem Schwert bewaffneter Anderier. Nach der schmalen Scheide zu urteilen, schien es sich um ein leichtes Schwert zu handeln. Eine schnelle, aber tödliche Waffe, stellte Snip sich vor, während er in Gedanken damit ein paar Paraden focht.
Rowley, in seiner Botentracht, trat auf den groß gewachsenen Anderier zu, als dieser von dem Absatz herunterstieg, und reichte ihm eine eingerollte Nachricht. Rowley und der Mann sprachen miteinander, während dieser das Siegel erbrach und das Papier auseinander rollte; Snip war allerdings zu weit entfernt, um die Worte zu verstehen.
In einem entfernten Gasthaus erklang Musik. Der Musikant im ›Fröhlichen Vagabunden‹ sang und spielte dazu auf Laute und Schalmei. Passanten auf der Straße, die meisten bekleidet mit einem leichten Umhang oder einem Tuch, unterhielten sich lachend. Ab und an erklang das gemeinsame Gelächter einer Männerrunde irgendwo in einem Saal. Elegant gekleidete Menschen fuhren in Kutschen mit aufgeklapptem Verdeck vorbei. Pferde und Karren zogen klirrend und trappelnd vorüber und trugen ihren Teil zur Geräuschkulisse am Stadtrand von Fairfield bei.
Der Mann stopfte das Papier in die Tasche seines dunklen Wamses, drehte sich zu Claudine Winthrop um und erklärte dabei gestenreich etwas, das Snip nicht verstand. Daraufhin blickte sie die nach Fairfield hineinführende Straße hinunter und schüttelte den Kopf. Mit erhobener Hand deutete sie in die Richtung des Anwesens, auf die Straße, wo Snip und die anderen Boten in ihren alten Kleidern lauerten. Sie lächelte und schien guter Laune zu sein.
Daraufhin ergriff der Mann in ihrer Begleitung ihre Hand und schüttelte sie, als wünschte er ihr eine gute Nacht. Sie winkte zum Abschied, als er die Straße entlang und in die Stadt davoneilte.
Dalton Campbell hatte Rowley die Nachricht mitgegeben. Jetzt, nachdem die Nachricht überbracht war, verschwand Rowley im Gewirr der Straßen. Rowley hatte ihnen genaue Anweisungen gegeben, wie die Sache ablaufen sollte. Sie erhielten ihre Anweisungen immer von Rowley. Wenn Dalton Campbell nicht zugegen war, wusste Rowley stets, was zu tun war.
Snip mochte Rowley. Für einen Hakenier schien der junge Mann ein recht ausgeprägtes Selbstvertrauen zu besitzen. Dalton Campbell behandelte ihn mit dem gleichen Respekt wie alle, vielleicht sogar mit ein wenig mehr. Wäre Snip blind, er hätte Rowley vielleicht für einen Anderier gehalten. Nur dass er Snip freundlich behandelte, wenn auch auf nüchterne Art.
Claudine Winthrop wandte sich allein der zum Anwesen führenden Straße zu. Zwei der patrouillierenden Stadtwachen, große, mit Knüppeln bewaffnete Anderier, kamen die Straße heraufgeschlendert und sahen ihr nach. Die Entfernung war nicht groß, vielleicht eine gute Stunde zu Fuß.
Die Nacht war angenehm, warm genug, um sich behaglich zu fühlen, aber nicht so warm, dass man durch den Fußmarsch ins Schwitzen geriet; außerdem schien der Mond. Es war eine angenehme Nacht für einen flotten Fußmarsch zurück zum Anwesen. Sie legte sich ihren cremefarbenen Schal um die Schultern, so dass ihre Blöße bedeckt war, dabei war längst nicht so viel nackte Haut zu sehen, wie Snip bereits gesehen hatte.
Sie hätte sich auf eine der Bänke setzen und auf eine der Kutschen warten können, die regelmäßig zwischen dem Anwesen und der Stadt verkehrten, doch das tat sie nicht. Es war wirklich nicht nötig. Wenn eine Kutsche sie auf dem Rückweg einholte, konnte sie sie immer noch nehmen, sollte sie das Zufußgehen leid sein.
Rowley war losgezogen, um dafür zu sorgen, dass die Kutsche sich wegen eines Sonderauftrages verspätete.
Snip wartete zusammen mit den übrigen Männern, wo Rowley ihnen zu warten aufgetragen hatte, und beobachtete, wie Claudine Winthrop schnellen Schritts die Straße entlangging. Der Takt der Musik wummerte in Snips Schädel. Er trommelte mit den Fingern auf sein gebeugtes Knie, während die Schalmei eine Snip bekannte, muntere Melodie mit Namen ›Einmal um den Brunnen und zurück‹ anstimmte. Es ging um einen Mann, der seiner Geliebten nachstellte, die ihn jedoch hartnäckig ignorierte. Schließlich hatte der Mann genug und lief ihr in dem Lied so lange hinterher, bis er sie eingeholt hatte. Anschließend hielt er sie am Boden fest und bat sie, ihn zu heiraten. Sie willigte ein. Daraufhin verließ den Mann der Mut, und nun war sie es, die ihn einmal um den Brunnen und zurück jagte.
Claudine schlenderte die Straße entlang und schien sich mit ihrem Entschluss, zu Fuß zu gehen, zunehmend unwohl zu fühlen. Sie blickte in die Weizenfelder zu ihrer Rechten und die Zuckerrohrfelder links von ihr. Als die Lichter der Stadt hinter ihr nicht mehr zu sehen waren, beschleunigte sie ihre Schritte. Nur das Mondlicht begleitete sie noch auf dem Band der Straße zwischen den schweigenden Feldern zu beiden Seiten.
Snip, auf den Fußballen hockend, spürte ein leichtes Wippen, so heftig pochte sein Herz. Er wünschte, er wäre nicht hier und müsste nicht tun, was er gleich tun würde. Er war sich bewusst, dass danach nichts mehr so sein würde wie zuvor.
Auch fragte er sich, ob er tatsächlich imstande sein würde, das zu tun, was man ihm aufgetragen hatte. Er fragte sich, ob er den Mut dazu aufbringen würde, schließlich waren genug andere Männer da. Eigentlich brauchte er überhaupt nichts zu tun. Die anderen konnten die Arbeit machen.
Aber Dalton Campbell wollte, dass er es tat. Er sollte lernen, wie man vorgehen musste, wenn jemand sich nicht an seine festen Zusagen hielt. Er wollte ihn in seiner Botentruppe.
Snip musste es tun, wenn er dieser Truppe angehören wollte. Um wirklich dazuzugehören. Die anderen würden keine Angst haben wie er. Er durfte sich seine Angst nicht anmerken lassen.
Wie erstarrt verfolgte er aus aufgerissenen Augen, wie sie immer näher kam und ihre Schuhe auf der Straße knirschten. Er spürte, wie angesichts des Planes eine entsetzliche Angst in seinem Innern hochstieg. Er wünschte, sie würde kehrtmachen und davonlaufen. Noch war sie weit genug entfernt. Alles hatte so einfach ausgesehen, als er Dalton Campbells Anweisungen mit einem Nicken quittiert hatte.
Hier im Dunkeln, draußen auf einem Feld, während er beobachtete, wie sie ganz allein immer näher kam, war dies etwas vollkommen anderes.
Er biss entschlossen die Kiefer aufeinander. Er konnte die anderen unmöglich im Stich lassen. Sie würden stolz auf ihn sein, wenn er ebenso tapfer war wie sie. Er würde ihnen beweisen, dass er fähig war, einer von ihnen zu sein.