Dies war sein neues Leben. Er wollte nicht wieder in die Küche zurück. Zurück zu Gillie, die ihm das Ohr verdrehte und ihn wegen seines verachtenswerten hakenischen Wesens schalt. Zurück dazu, ›Schnapp‹ gerufen zu werden, wie damals, bevor Dalton Campbell ihm eine Chance gegeben hatte, sich zu beweisen.
Beinahe hätte Snip erschrocken aufgeschrien, als Morley aufsprang und auf die Frau losstürzte.
Bevor er Gelegenheit zum Nachdenken hatte, stürmte Snip seinem Kumpel hinterher.
Claudine stockte der Atem. Sie versuchte zu protestieren, doch Morley presste ihr seine fleischige Hand auf den Mund, als er und Snip sich auf sie warfen. Snip schrammte mit dem Ellenbogen schmerzhaft über den Erdboden, als sie alle miteinander auf die Straße stürzten. Beim Aufprall, als Morley mit seinem vollen Gewicht auf ihr landete, entfuhr ihr ein tiefes Ächzen.
Sie schlug mit den Armen um sich, trat mit den Beinen aus. Sie versuchte zu schreien, brachte jedoch kaum einen Laut heraus. Selbst wenn, hätte vermutlich niemand etwas gehört, so weit draußen vor der Stadt waren sie.
Sie schien nur aus Ellenbogen und Knien zu bestehen. Sie wand sich, kämpfte um ihr Leben. Schließlich gelang es Snip, einen ihrer Arme zu packen und ihn ihr auf den Rücken zu drehen; Morley bekam ihren anderen Arm in seine Gewalt und riss sie auf die Beine. Mit einer Kordel fesselte er ihr die Handgelenke hinter dem Rücken, während Morley ihr einen Lumpen in den Mund stopfte.
Morley und Snip fassten sie jeweils unter einem Arm und gingen daran, sie die Straße hinunterzuschleifen. Sie stemmte ihre Fersen in den Boden, wand sich, zerrte. Die übrigen Männer drängten sich um sie. Zwei von ihnen umklammerten je ein Bein und hoben sie von den Füßen, ein anderer packte sie bei den Haaren.
Zusammen trabten die fünf inmitten einer dichten Traube der übrigen Männer etwa eine halbe Meile weit die Straße entlang, immer weiter aus der Stadt hinaus. Claudine Winthrop schrie, von Entsetzen gepackt, in den Knebel. Den ganzen Weg über drehte und krümmte sie sich.
Nach allem, was sie angestellt hatte, hatte sie allen Grund, so in Panik zu geraten, dachten sich die jungen Burschen.
Als sie außer Sichtweite der Stadt und noch ein Stück weiter waren, verließen sie nach rechts die Straße und durchquerten ein Weizenfeld. Sie wollten nicht auf der Straße sein, falls jemand des Weges kam; sie wollten nicht von einer Kutsche überrascht werden; sie wollten sie nicht fallen lassen und die Flucht ergreifen müssen. Dalton Campbell würde es gar nicht gerne hören, wenn sie die Sache vermasselten.
Als sie sehr viel später dann doch das Geräusch einer nahenden Kutsche hörten, erstarrten sie. Mit dem gleichen wilden Blick in den Augen standen sie alle da und lauschten.
Die Kutsche hielt.
Bevor sie Gelegenheit hatten zu ergründen, warum, und bevor jemand über die Bodenerhebung kam, wo sie ihr grausiges Werk verrichtet hatten, ergriffen sie alle miteinander die Flucht und rannten los, um sich in einen entlegenen Teich zu stürzen und sich das Blut abzuwaschen.
39
Dalton sah kurz von dem Bericht auf, als er das Klopfen hörte.
»Ja?«
Die Tür ging auf, und Rowley steckte seinen roten Haarschopf herein.
»Meister Campbell, hier draußen ist jemand, der Euch sprechen möchte. Sagt, sein Name sei Inger. Behauptet, er sei Metzger.«
Dalton hatte zu tun und war nicht in der Stimmung, sich mit Küchenproblemen abzugeben. Es gab auch so bereits genug Probleme, mit denen er sich zu beschäftigen hatte. Es gab sogar jede Menge Probleme, die ganze Skala, von Kleinigkeiten angefangen bis hin zu ernsten Dingen, die seine Aufmerksamkeit verlangten.
Der Mord an Claudine Winthrop hatte großes Aufsehen erregt. Sie war weithin bekannt und beliebt, eine wichtige Persönlichkeit. Die Stadt war in Aufruhr. Aber für jemanden, der mit diesen Dingen umzugehen wusste, erwuchsen aus der Verwirrung Möglichkeiten. Dalton war in seinem Element.
Er hatte alles darangesetzt, dass Stein seine Ansprache vor den Direktoren des Büros für kulturelle Zusammenarbeit zum Zeitpunkt des Mordes gehalten hatte, sodass niemand Verdacht gegen ihn erheben konnte. Ein Mann mit einem Umhang aus menschlichen Kopfhäuten – auch wenn diese im Krieg erbeutet worden waren – neigte dazu, Verdacht zu erregen.
Einem Bericht der Stadtwache zufolge war Claudine Winthrop gesehen worden, als sie Fairfield verließ, um zu Fuß zu dem Anwesen zurückzugehen – was selbst des Nachts nichts Ungewöhnliches war. Es war eine viel benutzte Straße, die man bis dahin für vollkommen sicher gehalten hatte. Die Wache berichtete darüber hinaus, junge hakenische Burschen hätten sich in jener Nacht vor dem Mord zusammengerottet, um sich zu betrinken. Natürlich argwöhnten die Menschen, sie sei von Hakeniern angegriffen worden, und erklärten den Zwischenfall lauthals zum neuerlichen Beweis für den Hass der Hakenier gegenüber den Anderiern.
Wer nachts zu Fuß ging, wurde fortan von Wachen begleitet.
Vielfach wurden Stimmen laut, die verlangten, der Minister solle etwas unternehmen. Edwin Winthrop, überwältigt vom Schock angesichts der Ermordung seiner Gattin, war ans Bett gefesselt. Von seinem Bett aus verlangte auch er nach Gerechtigkeit.
In der Folge waren mehrere junge Männer erst verhaftet, später aber wieder freigelassen worden, nachdem bewiesen worden war, dass sie zum Zeitpunkt des Mordes auf einer Farm gearbeitet hatten. Am darauf folgenden Abend machten sich Männer aus einem Gasthaus, vom Rum ermutigt, auf die Suche nach den ›hakenischen Mördern‹. Sie griffen mehrere hakenische Burschen auf, von deren Schuld sie felsenfest überzeugt waren, und erschlugen sie unter den Augen johlender Passanten.
Dalton hatte mehrere Ansprachen für den Minister verfasst und in seinem Namen eine Reihe von Krisenmaßnahmen angeordnet. Der Mord lieferte dem Minister einen Vorwand, in seinen feurigen Reden anzudeuten, wer sich seiner Ernennung zum Herrscher widersetze, sei für die zunehmende Missachtung der Gesetze und damit für die Gewalt verantwortlich. Er forderte schärfere Gesetze zur Bekämpfung von ›Hetztiraden‹. Wenn schon nicht die neuen Gesetze, so bereiteten doch zumindest seine Ansprachen vor dem Büro für kulturelle Zusammenarbeit jenen Direktoren weiche Knie, die den Minister im Verdacht hatten.
Vor der Menge, die zusammengekommen war, um seinen Worten zu lauschen, hatte der Minister neue, nicht näher bestimmte Maßnahmen gefordert, um mit der Gewalt fertig zu werden. Derartige Maßnahmen wurden nie näher bestimmt, und nur selten wurde tatsächlich etwas unternommen. Bereits die leidenschaftlich vorgetragene Absichtserklärung genügte, um die Menschen vom Erfolg des entschlossenen Vorgehens des Ministers zu überzeugen. Das Ziel war der äußere Schein, und der allein zählte. Dieser äußere Schein war leicht zu erzielen, erforderte nur geringen Aufwand und brauchte keiner Prüfung durch die Wirklichkeit standzuhalten.
Selbstverständlich würden die Steuern angehoben werden müssen, um die Finanzierung dieser Maßnahmen abzusichern. Das Rezept war perfekt: Widerstand galt als Begünstigung von Gewalt und stand mit der Brutalität der hakenischen Oberherren und Mörder auf der gleichen Stufe. Auf diese Weise erlangten der Minister und Dalton die Kontrolle über weite Teile der Wirtschaft. Und Kontrolle bedeutete Macht.
Bertrand fand Gefallen daran, im Zentrum all dessen zu stehen, Befehle zu erteilen, das Böse zu entlarven, die unterschiedlichen Gruppierungen besorgter Bürger zusammenzuführen, die Menschen zu beschwichtigen. Höchstwahrscheinlich würde das Ganze sehr bald im Sand verlaufen, sobald die Menschen sich anderen Dingen zuwandten und der Mord in Vergessenheit geriet.
Hildemara war glücklich; und das allein zählte für Dalton Campbell.
Rowley stand da, steckte den Kopf zur Tür herein und wartete.
»Sag Inger, er soll sich mit seinem Problem an Mr. Drummond wenden«, sagte Dalton, zu einer weiteren seiner Nachrichten greifend. »Drummond ist der Küchenmeister und für das Fest verantwortlich. Ich habe ihm eine Liste mit Anweisungen gegeben. Der Mann sollte sich mit der Bestellung von Fleisch auskennen.«