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»Ja, Sir.«

Die Tür wurde geschlossen, und bis auf das sanfte Nieseln des Frühlingsregens wurde es still im Raum. Ein sanfter, gleichmäßiger Regen war gut für die Ernte. Und eine gute Ernte würde helfen, die Klagen über die zusätzliche Steuerlast auszuräumen. Dalton ließ sich entspannt in seinen Sessel zurücksinken und setzte seine Lektüre fort.

Der Verfasser der Nachricht hatte offenbar Heiler beim Betreten der Residenz des Herrschers beobachtet. Er hatte mit den Heilern nicht sprechen können, schrieb jedoch, sie seien die ganze Nacht über in der Residenz des Herrschers geblieben.

Möglicherweise hatte jemand anderes als der Herrscher Hilfe benötigt. Schließlich verfügte der Herrscher über einen gewaltigen Hofstaat – dessen Größe annähernd dem Anwesen des Ministers entsprach, nur dass er ausschließlich der persönlichen Nutzung durch den Herrscher vorbehalten war. Was, den Herrscher betreffend, an geschäftlichen Dingen zu erledigen war, wurde in einem getrennten Gebäude abgewickelt. Dort hielt er auch Audienz.

Auch auf dem Anwesen des Ministers für Kultur war es nichts Ungewöhnliches, wenn ein oder zwei Heiler über Nacht bei einem Kranken weilten, das bedeutete jedoch nicht, dass der Minister persönlich der Heilung bedurfte. Die größte Gefahr drohte dem Minister von einem eifersüchtigen Ehemann; und das war höchst unwahrscheinlich. Die Rendezvous ihrer Gemahlinnen mit hochrangigen Beamten dienten den Ehemännern eher dazu, sich Vorteile zu verschaffen. Beschwerden vorzubringen galt als wenig förderlich.

War Bertrand erst einmal Herrscher, würden möglicherweise verletzte Gefühle kein Anlass zur Besorgnis mehr sein. Eine Zusammenkunft mit dem Herrscher galt für eine Frau als große Ehre – sie kam fast einer religiösen Erfahrung gleich. Göttliche Vereinigungen dieser Art galten weithin als vom Schöpfer persönlich abgesegnet.

Jeder Ehemann würde seine Gemahlin in das Bett des Herrschers drängen, würde sie darum gebeten. Das durch diese bevorzugte Behandlung gewonnene Ansehen hatte neben der Frömmigkeit noch einen weiteren Effekt; hauptsächlicher Nutznießer dieser heiligen Handlung war der Ehemann. War die geheiligte Empfängerin der fleischlichen Aufmerksamkeiten des Herrschers jung genug, erstreckte sich der Segen sogar auf ihre Eltern.

Dalton wandte sich wieder der vorherigen Nachricht zu und las sie noch einmal durch. Die Gemahlin des Herrschers war seit Tagen nicht gesehen worden. Den offiziellen Besuch eines Waisenhauses hatte sie kurzerhand abgesagt. Vielleicht war sie es, die erkrankt war.

Oder aber sie weilte am Krankenbett ihres Gemahls.

Auf den Tod des alten Herrschers zu warten kam einem Tanz auf dem Hochseil gleich. Das Warten trieb einem den Schweiß auf die Stirn und beschleunigte den Puls. Die Erwartung war köstlich, umso mehr, als der Tod des Herrschers jenes eine Ereignis war, auf das Dalton keinen Einfluss hatte. Der Mann wurde zu schwer bewacht, um ihm über die Schwelle in sein künftiges Leben zu helfen, zumal sein Leben ohnehin am seidenen Faden hing.

Ihm blieb nichts anderes übrig als zu warten. In der Zwischenzeit jedoch galt es, alles mit großer Umsicht in die Wege zu leiten. Sie mussten bereit sein, sobald sich die Gelegenheit bot.

Dalton ging zur nächsten Nachricht über, die jedoch nichts weiter als die Beschwerde eines Mannes über eine Frau enthielt, die angeblich Banne aussprach, um ihn mit Gicht zu strafen. Der Mann hatte – in aller Öffentlichkeit – versucht, sich Hildemara Chanboors Hilfe dadurch zu versichern, dass er, um den bösen Bann auszutreiben, Sex mit ihr haben wollte, schließlich sei sie allgemein bekannt für ihre Reinheit und für ihre guten Taten.

Dalton entfuhr ein Lachen, als er sich den Paarungsakt vorstellte. Der Mann war offenkundig geistesgestört und hatte obendrein keinen Geschmack, was Frauen anbetraf. Dalton notierte den Namen des Mannes, um ihn an die Wachen weiterzuleiten, und seufzte schließlich über den Unfug, der seine Zeit in Anspruch nahm.

Es klopfte erneut. »Ja?«

Abermals steckte Rowley den Kopf zur Tür herein. »Ich hab Inger, dem Metzger, ausgerichtet, was Ihr mir aufgetragen habt. Er sagt, es handelt sich nicht um die Küche.« Rowley senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Er sagt, es geht um Ärger auf dem Anwesen, über den er mit Euch sprechen möchte. Solltet Ihr ihn jedoch nicht empfangen wollen, sagt er, wird er gezwungen sein, stattdessen zum Büro der Direktoren zu gehen.«

Dalton zog eine Schublade auf und schob die Nachrichten mit einer wischenden Handbewegung hinein. Er drehte mehrere auf seinem Schreibtisch liegende Nachrichten um, bevor er sich erhob.

»Schick den Mann herein.«

Inger, ein muskulöser Anderier, vielleicht zehn Jahre älter als Dalton, trat unter heftigem Verneigen des Kopfes ein.

»Danke, dass Ihr mich empfangt, Meister Campbell.«

»Selbstverständlich. Tretet bitte ein.«

Sich verlegen die Hände reibend, verfiel der Mann abermals in heftiges Nicken. Verglichen mit Daltons Vorstellung von einem Metzger wirkte er überraschend reinlich; er sah eher aus wie ein Kaufmann. Wenn er das Anwesen belieferte, machte Dalton sich klar, besaß der Mann wahrscheinlich einen ansehnlichen Betrieb und wäre daher eher ein Kaufmann denn ein Arbeiter.

Dalton forderte ihn mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. »Bitte, Meister Inger.«

Ingers Blicke zuckten, alles in Augenschein nehmend, im Raum umher. Um ein Haar hätte er leise gepfiffen. Ein kleiner Kaufmann, korrigierte sich Dalton.

»Vielen Dank, Meister Campbell.« Der stämmige Mann packte die Lehne eines Stuhles mit seiner fleischigen Hand und rückte ihn ein Stück näher an den Schreibtisch. »Einfach Inger genügt. Ich bin es nicht anders gewöhnt.« Seine Lippen verzogen sich kurz zu einem Lächeln. »Nur mein alter Lehrer nannte mich stets Meister Inger, und zwar immer dann, wenn ich eins auf die Finger bekam. Meistens, wenn ich eine Lesestunde versäumt hatte. In den Rechenstunden hab ich nie etwas auf die Finger bekommen. Rechnen hab ich gemocht. Rechnen hilft mir beim Geschäft.«

»Ja, das kann ich mir durchaus vorstellen«, meinte Dalton.

Inger blickte zu den Gefechtsstandarten hinüber und fuhr fort. »Mittlerweile besitze ich einen gut gehenden Betrieb. Das Anwesen des Ministers ist mein größter Kunde. Rechnen ist wichtig fürs Geschäft. Da muss man sich mit Zahlen auskennen. Ich habe eine Menge guter Leute, die für mich arbeiten. Ich lasse sie alle rechnen lernen, damit ich bei der Auslieferung nicht übervorteilt werde.«

»Nun, ich kann Euch versichern, das Anwesen ist mit Euren Diensten durchaus zufrieden. Ohne Eure geschätzte Hilfe wären die Feste nicht ein solcher Erfolg. An Euren feinen Fleisch- und Geflügelspeisen erkennt man deutlich, wie stolz Ihr auf Euer Geschäft seid.«

Der Mann feixte, als wäre er soeben von einem hübschen Mädchen in einer Jahrmarktsbude geküsst worden. »Vielen Dank, Meister Campbell. Das ist sehr freundlich von Euch. Ihr habt Recht, was meinen Stolz auf meine Arbeit betrifft. Die meisten Menschen sind nicht so freundlich, dies zu bemerken. Ihr seid genauso anständig, wie die Leute von Euch erzählen.«

»Ich tue mein Bestes, um den Menschen zu helfen, bin also nichts als ihr bescheidener Diener.« Dalton setzte ein liebenswürdiges Lächeln auf. »Kann ich Euch auf irgendeine Weise helfen, Inger? Kann ich hier auf dem Anwesen irgendwelche Hindernisse aus dem Weg räumen, um Euch die Arbeit zu erleichtern?«

Inger rutschte mit seinem Stuhl näher. Einen Ellenbogen auf den Schreibtisch gestützt, beugte er sich vor. Sein Arm war so dick wie ein kleines Fass Rum. Sein schüchternes Gehabe schien zu verfliegen, als er seine Brauen zusammenzog.

»Die Sache ist die, Meister Campbell, ich lasse mir von den Leuten, die für mich arbeiten, nichts gefallen. Ich verbringe eine Menge Zeit damit, ihnen das Zerlegen und Vorbereiten des Fleisches, das Rechnen und dergleichen beizubringen. Ich dulde keine Leute, die ihrer Arbeit nicht mit Stolz nachgehen. Grundstein eines erfolgreichen Geschäftes, sag ich immer, ist die Zufriedenheit des Kunden. Wer für mich arbeitet und sich nicht an meine Regeln hält, kriegt entweder meinen Handrücken zu spüren oder die Tür gewiesen. Manche sagen, ich sei zu hart in diesem Punkt, aber so bin ich eben. In diesem Alter ändert man sich nicht mehr.«