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»Meister Campbell?«

Er hob den Kopf. »Komm rein, Snip.«

Der junge Mann betrat schwungvoll den Raum und nahm vor dem Schreibtisch Haltung an. Durch das Anlegen der Uniform schien er gewachsen zu sein, umso mehr seit der Geschichte mit Claudine Winthrop. Dalton war erfreut, wie genau Snip und sein muskelbepackter Freund seine Befehle ausgeführt hatten. Einige der anderen hatten Dalton vertraulich Bericht erstattet.

Dalton legte die gläserne Tintenfeder fort. »Snip, erinnerst du dich noch, wie wir uns das erste Mal unterhalten haben?«

Die Frage brachte den jungen Mann leicht aus der Fassung. »Ja … äh, ja, Sir«, stammelte er. »Das weiß ich noch.«

»Oben im Treppenhaus. Auf dem Treppenabsatz.«

»Ja, Sir, Meister Campbell. Ich war wirklich sehr dankbar, dass Ihr nicht – ich meine, wie Ihr mich behandelt habt.«

»Dass ich nicht gemeldet habe, wie du dich an Orten herumtreibst, an denen du nichts zu suchen hast?«

»Genau, Sir.« Er benetzte sich die Lippen. »Das war sehr freundlich von Euch, Meister Campbell.«

Dalton fuhr sich mit dem Finger über die Schläfe. »Wenn ich mich recht erinnere, hast du mir an jenem Tag erzählt, was für ein rechtschaffener Mann der Minister sei und dass du niemals jemanden über ihn schlecht reden hören möchtest.«

»Ja, Sir, das stimmt.«

»Und wie sich herausstellte, hast du Wort gehalten – du hast bewiesen, dass du alles tun würdest, um ihn zu beschützen.« Dalton setzte ein kaum merkliches Lächeln auf. »Kannst du dich noch erinnern, was ich dir sonst noch an jenem Tag auf der Treppe gesagt habe?«

Snip räusperte sich. »Meint Ihr, dass ich mir eines Tages ein ›Sir‹ vor dem Namen verdienen könnte?«

»Ganz recht. Bis jetzt hast du meine Erwartungen nicht enttäuscht. Nun, erinnerst du dich, was sonst noch an jenem Tag geschehen ist?«

Dalton war absolut sicher, der Junge würde sich erinnern. Snip trat von einem Fuß auf den anderen, während er sich überlegte, wie er es gestehen sollte, ohne es direkt auszusprechen.

»Na ja, Sir, ich … also da war…«

»Snip, erinnerst du dich, wie die junge Frau dich geschlagen hat?«

Snip räusperte sich. »Ja, Sir, daran erinnere ich mich.«

»Und, kennst du sie?«

»Sie heißt Beata. Sie arbeitet beim Metzger, Sir, bei Inger. Sie geht mit mir zu den Bußversammlungen.«

»Und bestimmt hast du auch gesehen, was sie dort oben tat? Der Minister hat dich gesehen. Stein hat dich gesehen. Du musst sie doch mit ihnen zusammen gesehen haben?«

»Der Minister konnte nichts dafür, Sir. Sie hat gekriegt, was sie haben wollte, weiter nichts. Ständig ist sie in Gedanken um ihn herumscharwenzelt und hat davon geredet, wie gut er aussieht und wie wunderbar er ist. Immerzu hat sie laut gestöhnt, wenn sie seinen Namen ausgesprochen hat. Wie ich sie kenne, hat sie gekriegt, was sie haben wollte, Sir.«

Dalton lächelte bei sich. »Du hast sie gemocht, nicht wahr?«

»Na ja, Sir, ich weiß nicht. Ist nicht ganz einfach, jemanden zu mögen, der einen nicht ausstehen kann. Das macht einen mit der Zeit völlig fertig.«

Dalton war keinesfalls verborgen geblieben, was Snip für das Mädchen empfand. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, auch wenn er es abstritt.

»Nun, die Sache ist die, Snip, diese Beata könnte ganz plötzlich Interesse daran bekommen, Ärger zu machen. So etwas kommt bei Mädchen gelegentlich vor, hinterher. Das wirst du eines Tages auch noch lernen. Überleg dir ganz genau, ob du tust, um was sie dich bitten, denn manchmal werden sie später so tun wollen, als hätten sie gar nicht darum gebeten.«

Der junge Mann wirkte verstört. »Das wusste ich noch gar nicht, Sir. Danke für den Rat.«

»Nun, du sagtest es bereits, sie hat lediglich bekommen, was sie haben wollte. Zu Gewaltanwendung ist es nicht gekommen. Es könnte jedoch sein, dass sie es sich plötzlich anders überlegt und behauptet, es sei Vergewaltigung gewesen. Wie diese Claudine Winthrop zum Beispiel. Frauen kommen manchmal auf solche Ideen, wenn sie in der Gesellschaft bedeutender Männer sind – um etwas für sich herauszuschlagen. Sie werden habgierig.«

»Meister Campbell, ich bin mir sicher, sie würde niemals…«

»Eben gerade hat Inger mich aufgesucht.«

Snip erbleichte. »Hat sie ihm was davon gesagt?«

»Nein. Sie hat ihm lediglich erzählt, sie weigere sich, hierher, zum Anwesen, auszuliefern. Er glaubt den Grund zu kennen und will Gerechtigkeit für das, was er zu wissen glaubt. Wenn er dieses Mädchen Beata zwingt, Klage zu erheben, könnte der Minister ungerechterweise zum Opfer hässlicher Anschuldigungen werden.«

Dalton erhob sich. »Du bist mit diesem Mädchen bekannt. Möglicherweise könnte es erforderlich werden, dass du dich mit ihr auf die gleiche Weise befasst wie mit Claudine Winthrop. Dich kennt sie. Sie wird dich nahe an sich heranlassen.«

Snips Farbe wich vollends aus seinem Gesicht. »Meister Campbell … Sir, ich…«

»Was denn, Snip? Bist du etwa nicht mehr daran interessiert, dir ein ›Sir‹ vor dem Namen zu verdienen? Ist dein Interesse an deiner neuen Arbeit als Bote bereits erschöpft? Gefällt dir deine neue Uniform nicht mehr?«

»Nein, Sir. Das ist es nicht.«

»Was ist es dann, Snip?«

»Nichts, Sir. Schätze … wie ich schon sagte, was immer passiert ist, sie hat es nicht anders gewollt. Ich verstehe, es wäre nicht richtig von ihr, den Minister wegen einer Sache zu beschuldigen, wo er doch gar nichts getan hat.«

»Genauso wie es falsch von Claudine Winthrop war, ebensolche Anschuldigungen zu erheben?«

Snip musste schlucken. »Ja, Sir. Genauso falsch.«

Dalton kehrte zu seinem Sessel zurück. »Freut mich, dass wir uns verstehen. Ich werde dich rufen lassen, sobald sie anfängt, Schwierigkeiten zu machen. Hoffen wir, es wird nicht nötig sein. Wer weiß, vielleicht überlegt sie sich ihre hässlichen Anschuldigungen noch einmal. Vielleicht gelingt es dir ja, sie ein wenig zur Vernunft zu bringen, bevor es nötig wird, den Minister gegen ihre verletzenden Anschuldigungen zu schützen. Vielleicht kommt sie sogar zu dem Schluss, das Metzgerhandwerk sei nichts für sie, und geht fort, um auf einer Farm zu arbeiten oder etwas in der Art.«

Dalton nuckelte untätig am Ende seiner Feder, während er zusah, wie Snip die Tür hinter sich zuzog. Er fand es überaus interessant zu beobachten, wie der Junge die Sache angehen würde. Tat er es nicht, dann würde Rowley dies ganz sicher übernehmen.

Aber wenn Snip sich der Sache annahm, dann würden alle Teile seines meisterhaften Mosaiks ein weiteres Mal an ihren Platz fallen.

40

Meister Spinks Stiefel stapften über den Dielenboden, während er, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, zwischen den Sitzbänken einherschritt. Noch immer beweinten Vereinzelte die anderischen Frauen. Sie weinten über das, was die hakenische Armee ihnen angetan hatte. Snip hatte geglaubt zu wissen, wovon die Strafpredigt handelte, doch er hatte sich getäuscht. Es war viel entsetzlicher, als er sich hatte vorstellen können.

Er spürte, wie sein Gesicht so rot erglühte wie sein Haar. Meister Spink hatte Snips schemenhaftes Wissen über den sexuellen Akt durch eine Menge Einzelheiten ergänzt. Es war nicht die angenehme Erfahrung gewesen, die er sich stets erhofft hatte. Durch die Geschichten über diese anderischen Frauen war seine große Sehnsucht in Ekel umgeschlagen.

Alles wurde dadurch noch schlimmer, dass zu beiden Seiten neben ihm auf der Bank jeweils eine Frau saß. Im sicheren Wissen, was die Lektion bringen würde, hatten sämtliche Frauen versucht, sich auf die eine Seite des Raumes zu setzen, während die Männer alle auf der anderen Seite hatten Platz nehmen wollen. Normalerweise scherte es Meister Spink wenig, wo man sich hinsetzte.

Doch nachdem sie alle der Reihe nach den Raum betreten hatten, hatte Meister Spink sie gezwungen, dort Platz zu nehmen, wo er sie hinbeorderte. Immer abwechselnd Mann und Frau. Er kannte jeden Teilnehmer der Bußversammlung, wusste, wo sie lebten und arbeiteten. Er hatte sie in bunt gemischter Reihe Platz nehmen lassen, stets neben Leuten von woanders, damit man seinen Sitznachbarn nicht sehr gut kannte.