Damit beabsichtigte er die Peinlichkeit für jeden Einzelnen zu erhöhen, wenn er die Geschichte von jeder einzelnen Frau erzählte und was man ihr angetan hatte. Er malte die Verbrechen in allen Einzelheiten aus. Meist wurde gar nicht viel geweint. Die Menschen waren von dem Gehörten zu schockiert, um Tränen zu vergießen, und zu verlegen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Snip zum Beispiel hatte derartige Dinge über Mann und Frau noch nie gehört, dabei hatte er von einigen der anderen Küchenjungen und Boten schon eine Menge mitbekommen. Gewiss handelte es sich bei diesen Männern um hakenische Oberherren, und gewiss waren sie alles andere als nett und freundlich. Sie wollten den anderischen Frauen wehtun, sie erniedrigen. So abscheulich waren diese Hakenier.
»Ganz zweifellos denkt ihr alle«, fuhr Meister Spink fort, »das sei alles vor langer Zeit geschehen, sei eine Ewigkeit her. Das seien die hakenischen Oberherren gewesen. Seitdem haben wir uns gebessert, das ist es doch, was ihr denkt.«
Meister Spinks Stiefel machten vor Snip Halt. »Denkst du das, Snip? Ist es das, was du denkst, seit du diese elegante Uniform trägst? Hältst du dich für besser als die hakenischen Oberherren? Glaubst du, die Hakenier hätten gelernt, bessere Menschen zu werden?«
»Nein, Sir«, antwortete Snip. »Wir sind kein bisschen besser, Sir.«
Meister Spink brummte und zog weiter. »Glaubt irgend jemand von euch, die Hakenier heute seien im Begriff, ihr hassenswertes Wesen zu überwinden? Haltet ihr euch für bessere Menschen als die in der Vergangenheit?«
Snip wagte einen verstohlenen Blick nach beiden Seiten. Vielleicht die Hälfte der Anwesenden hob zaghaft die Hand.
Meister Spink bekam einen Wutanfall. »Sieh an! Ihr glaubt also, die Hakenier heutzutage seien besser? Ihr arrogantes Pack haltet euch für besser?«
Sämtliche Hände sanken blitzschnell zurück in den Schoß.
»Ihr seid nicht besser! Euer hassenswertes Wesen hat bis zum heutigen Tag Bestand!«
Seine Stiefel nahmen erneut ihr langsames Stampfen auf, während er durch die schweigende Versammlung schritt.
»Ihr seid nicht besser«, wiederholte er, diesmal jedoch mit ruhiger Stimme. »Ihr seid ganz genauso.«
Snip konnte sich nicht erinnern, dass die Stimme dieses Mannes jemals so niedergeschlagen geklungen hätte. Er hörte sich an, als sei er im Begriff, jeden Augenblick selbst in Tränen auszubrechen.
»Claudine Winthrop war eine überaus geachtete und angesehene Frau. Zeit ihres Lebens hat sie sich für alle Menschen eingesetzt, für Hakenier und Anderier gleichermaßen. Eine ihrer letzten Arbeiten befasste sich mit der Änderung veralteter Gesetze, damit hungernde Menschen, Hakenier vor allem, Arbeit finden können. Unmittelbar vor ihrem Tod musste sie erfahren, dass ihr euch nicht von diesen hakenischen Oberherren unterscheidet, dass ihr ganz genauso seid.«
Seine Stiefel stapften durch den Raum.
»Claudine Winthrop hatte etwas mit diesen Frauen von vor langer Zeit gemein – mit jenen Frauen, von denen ich euch heute berichtet habe. Sie ereilte dasselbe Schicksal.«
Snip runzelte verwundert die Stirn. Er wusste schließlich, dass Claudine keineswegs dasselbe Schicksal ereilt hatte. Sie war eines schnellen Todes gestorben.
»Genau wie jene Frauen, wurde auch Claudine Winthrop von einer Bande Hakenier vergewaltigt.«
Snip sah auf, während die Falten auf seiner Stirn immer tiefer wurden. Als er es merkte, änderte er sofort seinen Gesichtsausdruck. Zum Glück befand sich Meister Spink gerade auf der anderen Seite des Raumes und blickte den hakenischen Jungen dort in die Augen, weshalb ihm Snips verdutzte Reaktion entging.
»Wie lange die arme Claudine Winthrop das Gelächter, den Hohn und das Gejohle der sie vergewaltigenden Männer ertragen musste, können wir nur vermuten. Wie viele dieser grausamen, brutalen Hakenier sie dieser schweren Prüfung unterzogen, dort draußen auf dem Feld, können wir bestenfalls erraten; aus der Art, wie der Weizen dort niedergetreten wurde, schließen die Behörden, dass es zwischen dreißig und vierzig Männer gewesen sein müssen.«
Der Versammlung entfuhr ein kollektives Stöhnen. Auch Snip stöhnte auf, denn sie waren nicht einmal halb so viele gewesen. Am liebsten hätte er sich von seinem Platz erhoben und gesagt, das sei nicht richtig, so etwas Gemeines hätten sie Claudine nicht angetan, außerdem habe sie es verdient, umgebracht zu werden, weil sie versucht hatte, dem Minister und zukünftigen Herrscher Schaden zuzufügen, und es sei doch seine Pflicht gewesen. Am liebsten hätte Snip gesagt, sie hätten ein gutes Werk für den Minister und für Anderith getan. Stattdessen senkte er den Kopf.
»Doch im Grunde waren es nicht nur diese dreißig oder vierzig Männer«, fuhr Meister Spink fort. Er schwenkte seinen ausgestreckten Finger langsam von einer Seite des Raumes zur anderen. »Ihr alle wart es. Ihr Hakenier habt sie alle miteinander vergewaltigt und ermordet. Weil ihr noch immer diesen Hass in euren Herzen tragt, tragt ihr alle einen Teil der Schuld an dieser Vergewaltigung, an diesem Mord.«
Er kehrte dem Raum den Rücken zu. »Und jetzt macht, dass ihr verschwindet. Ich habe für heute mehr als genug gesehen von euren hasserfüllten hakenischen Augen, ich ertrage eure Verbrechen keinen Augenblick länger. Geht. Geht und denkt bis zur nächsten Bußversammlung darüber nach, wie ihr euch bessern könnt.«
Snip sprang auf und stürzte Richtung Tür. Er wollte sie auf keinen Fall verpassen. Sie sollte nicht bis draußen auf die Straße kommen. Im Geschiebe der anderen, die es eilig hatten, nach draußen zu gelangen, verlor er sie aus den Augen, trotzdem gelang es ihm, sich fast bis an die Spitze der Schlange vorzudrängein.
Draußen in der kühlen Abendluft löste Snip sich sofort aus dem Gedränge. Er sah denen hinterher, die vor ihm hinausgegangen waren, und rannte hinaus auf die Straße, konnte sie aber nirgends entdecken. Im Schatten wartend, beobachtete er, wie die übrigen Menschen das Gebäude verließen.
Als er sie erblickte, rief er ihren Namen in weithin hörbarem Flüsterton.
Beata blieb stehen und sah herüber. Sie spähte in den Schatten hinein und versuchte zu erkennen, wer dort ihren Namen gerufen hatte. Menschen, die den Pfad entlanggehen wollten, drängten an ihr vorbei, daher trat sie von ihm herunter und machte einen Schritt in seine Richtung.
Sie trug nicht mehr das dunkelblaue Kleid, das er so gerne mochte, das Kleid, das sie an besagtem Tag getragen hatte, als sie nach oben gestiegen war, um sich mit dem Minister zu treffen. Jetzt hatte sie ein weizenfarbiges Kleid an mit einem dunkelbraunen Leibchen über einem langen, weiten Rock.
»Ich muss mit dir reden, Beata.«
»Snip?« Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Bist du das etwa, Snip?«
»Ja!«, rief er leise.
Sie wandte sich zum Gehen, doch er packte sie am Handgelenk und zog sie in den Schatten. Gerade liefen die Letzten den Pfad entlang, sie hatten es eilig, nach Hause zu kommen, und interessierten sich nicht für zwei junge Leute, die sich nach der Bußversammlung zu einem Stelldichein trafen. Beata versuchte ihren Arm zu befreien, doch er hielt ihn in festem Griff gepackt und zog sie tiefer hinein in die schwarzen Schatten der Bäume und Büsche neben dem Versammlungssaal.
»Lass los! Lass los, Snip, oder ich schreie!«
»Ich muss mit dir reden«, bat er sie flüsternd. »Komm mit!«
Stattdessen setzte sie sich gegen ihn zur Wehr. Er zerrte und schob, bis er endlich eine Stelle tiefer im Gestrüpp erreicht hatte, wo niemand sie sehen würde. Wenn sie sich still verhielten, würde sie auch niemand hören. Durch eine Lücke zwischen Gebüsch und Bäumen schien der Mond.
»Snip! Ich will nicht, dass du mich mit deinen dreckigen hakenischen Händen anfasst!«
Er drehte sich zu ihr um und ließ ihr Handgelenk los. Augenblicklich schoss ihr anderer Arm heran, um ihn zu schlagen. Das hatte er erwartet und bekam ihr Handgelenk zu fassen, woraufhin sie ihm jedoch einen deftigen Schlag mit ihrer anderen Hand versetzte.