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Er schlug sofort zurück. Sein Schlag war alles andere als fest gewesen, trotzdem war sie vor Schreck wie gelähmt. Es galt als Verbrechen, wenn ein hakenischer Mann jemanden schlug. Er hatte wirklich nicht sehr fest zugeschlagen, schließlich war es nicht seine Absicht, ihr wehzutun, er wollte sie bloß überraschen, damit sie ihm genau zuhörte.

»Du musst mir zuhören«, knurrte er. »Du steckst in Schwierigkeiten.«

Im Mondschein konnte er das wütende Funkeln ihrer Augen deutlich sehen. »Du bist es, der in Schwierigkeiten steckt. Ich werde Inger erzählen, dass du mich ins Gebüsch gezogen und mich geschlagen hast, und dann…«

»Du hast Inger schon genug erzählt!«

Einen Augenblick lang war sie still. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst, deshalb gehe ich jetzt. Ich habe nicht die Absicht, hier stehen zu bleiben und mich noch einmal von dir schlagen zu lassen, jetzt, wo du bewiesen hast, wie ekelhaft du zu Frauen sein kannst.«

»Du wirst mir jetzt zuhören, und wenn ich dich zu Boden werfen und mich auf dich setzen muss!«

»Versuch das bloß, du mickriger, kleiner Hänfling.«

Die Lippen fest aufeinander gepresst, versuchte Snip die Kränkung zu ignorieren.

»Beata, bitte! Würdest du mir bitte endlich zuhören? Ich hab dir etwas Wichtiges zu sagen.«

»Wichtig? Für dich vielleicht, aber nicht für mich! Behalt es für dich, ich will nichts davon hören. Ich kenne dich. Ich weiß, wie viel Freude es dir macht…«

»Möchtest du mit ansehen müssen, dass man den Leuten, die für Inger arbeiten, etwas antut? Willst du, dass man Inger etwas antut? Es geht nicht um mich. Ich weiß nicht, warum du so schlecht von mir denkst, ich will dich aber auch gar nicht davon abbringen. Hier geht es nur um dich.«

Beata verschränkte wutschnaubend die Arme. Einen Moment lang überlegte sie. Snip vergewisserte sich mit einem Blick seitlich ins Gebüsch, dass niemand von der Straße aus herübersah. Beata strich sich das Haar hinter ein Ohr.

»Also red schon, aber erzähl mir bloß nicht, was für ein netter junger Mann du bist in deiner eleganten Uniform. Und beeil dich. Inger hat Arbeit für mich.«

Snip benetzte sich die Lippen. »Inger hat heute die Fuhre zum Anwesen begleitet. Er ist selbst gefahren, weil du dich geweigert hast, weiter zum Anwesen zu liefern…«

»Woher weißt du das?«

»Ich bekomme einiges mit.«

»Und woher wusste …?«

»Wirst du mir jetzt zuhören? Du steckst in jeder Menge Schwierigkeiten, außerdem bist du in Gefahr.«

Sie stemmte die Fäuste in die Hüften, sagte aber immer noch nichts, also fuhr er fort. »Inger glaubt, du seist auf dem Anwesen missbraucht worden. Er kam und verlangte, dass irgend etwas getan wird. Er verlangt, den Namen dessen zu erfahren, der dir das angetan hat.«

Sie musterte ihn im Mondlicht von Kopf bis Fuß.

»Woher weißt du das?«

»Hab ich doch schon gesagt, ich bekomme so einiges mit.«

»Ich hab Inger nichts von allem erzählt.«

»Spielt keine Rolle. Vielleicht ist er von ganz allein darauf gekommen, was weiß ich – wichtig ist, dass er dich mag und unbedingt will, dass etwas geschieht. Er hat sich in den Kopf gesetzt, um jeden Preis für Gerechtigkeit zu sorgen, und wird die Angelegenheit deshalb nicht auf sich beruhen lassen. Er ist fest entschlossen, Ärger deswegen zu machen.«

Sie seufzte gereizt. »Ich hätte mich nicht weigern dürfen zu fahren. Ich hätte es einfach tun sollen – ganz gleich, ob mir dasselbe vielleicht noch einmal zugestoßen wäre.«

»Ich mache dir keinen Vorwurf, Beata. An deiner Stelle hätte ich wahrscheinlich ebenso gehandelt.«

Sie musterte ihn argwöhnisch. »Trotzdem will ich wissen, wer dir das alles erzählt hat.«

»Ich bin jetzt Bote und ständig in der Nähe von wichtigen Leuten. Wichtige Leute reden darüber, was auf dem Anwesen vor sich geht. Ich bekomme mit, worüber sie sich unterhalten, das ist alles. Und das hab ich eben gehört. Die Sache ist die: Solltest du erzählen, wie es wirklich war, würde man darin einen Versuch sehen, dem Minister Schaden zuzufügen.«

»Ach, hör doch auf, Snip, ich bin ein hakenisches Mädchen. Wie könnte ich dem Minister Schaden zufügen?«

»Wie du mir selbst erzählt hast, sprechen die Leute davon, er könnte demnächst Herrscher werden. Hast du je gehört, dass jemand etwas gegen den Herrscher gesagt hätte? Nun, der Minister steht in der Tat kurz vor seiner Ernennung zum Herrscher.

Wie, meinst du, würde man es auffassen, wenn du Gelegenheit bekämst, zu erzählen, was passiert ist? Meinst du, wenn der Minister alles abstreitet, würde man glauben, du seist ein braves Mädchen und er ein Lügner? Anderier lügen nicht, das hat man uns beigebracht. Wenn du irgend etwas gegen den Minister sagst, wirst du als Lügnerin dastehen. Schlimmer noch, als Lügnerin, die versucht, dem Minister für Kultur zu schaden.«

Sie schien über seine Worte nachzudenken, als stellten sie ein unlösbares Rätsel dar.

»Na ja … eigentlich will ich ja gar nicht, aber wenn ich wirklich etwas erzählte, würde der Minister zugeben, dass es stimmt – denn es wäre ja die Wahrheit. Anderier lügen nicht, nur Hakenier sind von Natur aus verdorben. Wenn überhaupt, würde er zugeben, dass es die Wahrheit ist.«

Snip stieß einen verzweifelten Seufzer aus. Er wusste, Anderier waren rechtschaffener als sie, und Hakenier besaßen ein verdorbenes Wesen, allmählich jedoch dämmerte ihm, dass nicht alle Anderier vollkommen fehlerlos und perfekt waren.

»Sieh her, Beata, ich weiß auch, was wir gelernt haben, aber das ist nicht immer die ganze Wahrheit. Einige der Dinge, die man uns beibringt, sind einfach unlogisch. Es ist nicht alles wahr.«

»Doch, es ist alles wahr«, erwiderte sie tonlos.

»Das denkst du vielleicht, aber so ist es nicht.«

»Ach, wirklich? Ich glaube, du willst dir einfach nur nicht selber eingestehen, wie ekelhaft hakenische Männer sind. Du wünschst dir bloß, du hättest keine so lasterhafte Seele. Du wünschst dir, es wäre nicht wahr, was hakenische Männer diesen Frauen vor so langer Zeit angetan und was hakenische Männer mit Claudine Winthrop gemacht haben.«

Snip wischte sich das Haar aus der Stirn. »Denk doch mal nach, Beata. Woher könnte Meister Spink wissen, was man jeder einzelnen dieser Frauen angetan hat?«

»Aus Büchern, du Dummkopf. Falls du es vergessen haben solltest: Anderier sind des Lesens kundig. Auf dem Anwesen wimmelt es von Büchern, in denen…«

»Du glaubst tatsächlich, die Männer, die diese Frauen vergewaltigt haben, haben zwischendurch eine Pause eingelegt und Buch darüber geführt? Du glaubst, sie haben die Frauen nach ihrem Namen und allem gefragt und dann alles ganz gewissenhaft aufgeschrieben, damit es später Bücher gibt, in denen alle ihre Taten aufgelistet sind?«

»Ja, genauso haben sie es gemacht. Wie alle hakenischen Männer hatten sie ihre Freude daran, was sie diesen Frauen angetan haben. Sie haben alles aufgeschrieben. Das weiß doch jedes Kind. So steht es in den Büchern.«

»Und was ist mit dieser Claudine Winthrop? Verrate mir doch mal, wo sich das Buch befindet, in dem steht, wie sie von den Männern vergewaltigt wurde, die sie später umgebracht haben.«

»Na, jedenfalls wurde sie umgebracht, das ist doch offensichtlich. Und es waren Hakenier, denn genau das tun hakenische Männer. Du solltest dich doch mit hakenischen Männern auskennen, du kleiner…«

»Claudine Winthrop hat den Minister eines Verbrechens beschuldigt. Immerzu hat sie ihm hinterhergeschmachtet und so getan, als sei sie an ihm interessiert. Nachdem sie dann seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und sich ihm bereitwillig hingegeben hatte, beschloss sie plötzlich, sich das Ganze anders zu überlegen. Sie begann herumzuerzählen, er habe sie gegen ihren Willen mit Gewalt genommen. Genau wie das, was dir in Wirklichkeit zugestoßen ist. Und kurz nachdem sie angefangen hatte, die bösartigen Lügen zu verbreiten, er habe sie vergewaltigt, war sie plötzlich tot.«