Beata verstummte. Snip wusste, dass Claudine dem Minister nur Schwierigkeiten hatte machen wollen – denn das hatte Dalton Campbell ihm gesagt. Andererseits, was Beata widerfahren war, war nicht freiwillig geschehen, trotzdem hatte sie nicht die Absicht, deswegen Ärger zu machen.
Die Grillen zirpten, während sie im Dunkeln stand und ihn unverwandt ansah. Snip vergewisserte sich abermals, dass niemand in der Nähe war. Durch das Gestrüpp konnte er Leute erkennen, die die Straße entlangschlenderten. Niemand achtete auf das im Dunkeln liegende Gebüsch, in dem die beiden sich versteckt hielten.
Schließlich sprach sie, aber ihre Stimme klang nicht mehr so hitzig wie zuvor. »Inger weiß überhaupt nichts, und ich hab nicht die Absicht, ihm etwas zu erzählen.«
»Dafür ist es zu spät. Er war bereits auf dem Anwesen und hat die Leute aufgescheucht, du seist dort vergewaltigt worden. Und zwar wichtige Leute. Er hat Forderungen gestellt. Er verlangt Gerechtigkeit. Inger wird dich zwingen zu sagen, wer dir das angetan hat.«
»Das kann er nicht.«
»Er ist Anderier, du bist Hakenierin. Er kann. Selbst wenn er es sich anders überlegt und es wegen des Wespennestes, in dem er gestochert hat, bleiben lässt, könnten gewisse Leute auf dem Anwesen beschließen, dich vor den Friedensrichter zu schleppen und ihn dazu bringen, dich mit Hilfe einer Verfügung zu zwingen, besagte Person zu nennen.«
»Ich werde einfach alles abstreiten.« Sie zögerte. »Damit können sie mich nicht zwingen.«
»Nein? Na ja, wenn du dich weigerst zu erzählen, was passiert ist, wärst du auf jeden Fall eine Kriminelle. Sie sind überzeugt, dass es Hakenier waren, also wollen sie die Namen. Inger ist Anderier und behauptet, es ist passiert. Wenn du ihnen nicht erzählst, was sie hören wollen, werden sie dich höchstwahrscheinlich in Ketten legen, bis du es dir anders überlegst. Selbst wenn nicht, würdest du zumindest deine Arbeit verlieren. Du wärst eine Ausgestoßene. Du hast erzählt, eines Tages wolltest du der Armee beitreten – das sei dein Traum. Kriminelle dürfen nicht in die Armee. Der Traum wäre dahin. Du wärst eine Bettlerin.«
»Ich würde andere Arbeit finden. Ich kann hart arbeiten.«
»Du bist Hakenierin. Wenn du einem Friedensrichter die Zusammenarbeit verweigerst, handelst du dir damit eine Einstufung als Kriminelle ein. Du würdest als Prostituierte enden.«
»Ganz bestimmt nicht!«
»Doch, ganz sicher. Du musst nur kalt und hungrig genug sein, und schon ist es passiert. Du müsstest dich an Männer verkaufen. Alte Männer. Meister Campbell hat mir erzählt, dass Prostituierte sich die entsetzlichsten Krankheiten holen und sterben. Genauso würdest du auch sterben, weil du mit alten Männern zusammen warst, die…«
»Ganz bestimmt nicht! Das würde ich niemals tun, Snip. Ganz bestimmt nicht.«
»Wovon willst du denn leben? Wie willst du leben, nachdem man dich nach deiner Weigerung, die Fragen eines Friedensrichters zu beantworten, als hakenische Kriminelle eingestuft hat? Und selbst wenn du alles erzählst, warum sollten sie dir glauben? Man würde dich als Lügnerin bezeichnen, und damit wärst du genauso eine Kriminelle, denn du hättest Unwahrheiten über einen anderischen Beamten verbreitet. Auch das ist ein Verbrechen, musst du wissen – wenn man Unwahrheiten über anderische Beamten verbreitet, indem man falsche Beschuldigungen erhebt.«
Sie sah ihm einen Augenblick lang prüfend in die Augen. »Aber sie wären ja gar nicht falsch. Du könntest doch bezeugen, dass es stimmt, was ich sage. Du hast erzählt, du willst der Sucher der Wahrheit sein, erinnerst du dich noch? Das sei dein Traum. Mein Traum ist es, der Armee beizutreten, und deiner, Sucher der Wahrheit zu werden. Als Mann, der Sucher werden möchte, müsstest du aufstehen und sagen, dass es die Wahrheit ist.«
»Siehst du? Eben noch hast du behauptet, du würdest niemals etwas erzählen, und jetzt redest du schon selbst davon.«
»Aber du könntest mir doch zur Seite stehen und die Wahrheit sagen.«
»Ich bin Hakenier. Meinst du wirklich, sie glauben eher zwei Hakeniern als dem Minister für Kultur persönlich? Hast du den Verstand verloren? Kein Mensch hat Claudine Winthrop geglaubt, dabei war sie Anderierin und obendrein eine wichtige Persönlichkeit. Sie hat die Anschuldigung erhoben, weil sie dem Minister schaden wollte, und jetzt ist sie tot.«
»Aber wenn es doch die Wahrheit ist…«
»Und was ist die Wahrheit, Beata? Dass du mir erzählt hast, was für ein großartiger Mann der Minister ist? Dass du mir erzählt hast, für wie gut aussehend du ihn hältst? Dass du seufzend zu seinem Fenster hochgeschaut und ihn Bertrand genannt hast? Dass du einen völlig verklären Blick hattest, als man dich nach oben zu einem Stelldichein mit dem Minister bat? Dass Dalton Campbell dich am Ellenbogen stützen musste, damit du nicht vor lauter Glückseligkeit davon schwebst, nur weil der Minister dich kennen lernen wollte, um dich zu bitten, Inger auszurichten, wie sehr ihm seine Fleischwaren munden?
Ich weiß nur, du und er, ihr habt … Vielleicht hast du Ansprüche gestellt, hinterher. Ich hab gehört, so was kommt bei Frauen schon mal vor: dass sie Ansprüche stellen. Erst tun sie so, als seien sie willig, anschließend erheben sie Anschuldigungen, um für sich etwas herauszuschlagen. Erzählt man sich jedenfalls.
Nach allem, was ich weiß, warst du vielleicht so begeistert, ihn kennen zu lernen, dass du zum Zeichen deiner Bereitwilligkeit die Röcke hoch geschoben und ihn gefragt hast, ob er dich nicht haben will. Mir hast du nichts davon gesagt. Von dir hab ich nichts bekommen als eine Ohrfeige – wahrscheinlich weil ich mitgekriegt habe, wie du dir mit dem Minister einen schönen Nachmittag gemacht hast, während du eigentlich hättest arbeiten sollen. Nach allem, was ich über die Geschichte weiß, hätte es durchaus so gewesen sein können.«
Beatas Kinn zitterte, während sie blinzelnd versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken. Sie ließ sich zu Boden sinken, hockte sich auf ihre Fersen und weinte in ihre Hände.
Snip stand eine Minute lang daneben und überlegte stumm, was er tun sollte. Schließlich kniete er vor ihr nieder. Sie weinen zu sehen erfüllte ihn mit Angst und Sorge. Er kannte sie schon lange, und nie hatte er gehört, dass sie wie andere Mädchen geweint hätte. Jetzt heulte sie wie ein kleines Kind.
Snip legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. Sie schüttelte die Hand herunter.
Da sie offenbar nicht getröstet werden wollte, hockte er einfach da, auf seinen Fersen, und schwieg. Er spielte kurz mit dem Gedanken, zu gehen und sie ihren Tränen zu überlassen, fand dann aber, er sollte wenigstens zur Stelle sein, falls sie etwas brauchte.
»Snip«, sagte sie, von Schluchzern unterbrochen, während ihr die Tränen über die Wangen liefen, »was soll ich bloß tun? Ich schäme mich so. Ich habe alles vermasselt. Es ist alles meine Schuld – ich habe einen rechtschaffenen Anderier mit meinem widerwärtigen, böswilligen Wesen in Versuchung geführt. Das wollte ich nicht, glaube ich jedenfalls, trotzdem hab ich es getan. Was er getan hat, ist allein meine Schuld.
Aber ich kann nicht lügen und behaupten, ich sei willig gewesen, wenn ich es nicht war. Ich hab versucht, mich gegen sie zur Wehr zu setzen, aber sie waren zu stark. Ich schäme mich so. Was soll ich bloß tun?«
Snip versuchte trotz des Kloßes in seiner Kehle zu schlucken. Er hätte es lieber verschwiegen, aber ihr zuliebe musste er es sagen. Tat er es nicht, würde sie wahrscheinlich enden wie Claudine Winthrop – und er wäre derjenige, an den man sich deswegen wenden würde. Dann wäre alles vorbei, denn er wusste, dass er das unmöglich tun konnte. Er würde wieder in der Küche landen und Töpfe schrubben – im günstigsten Fall. Aber lieber das, als Beata ein Leid zuzufügen.
Snip ergriff ihre Hand und öffnete sie sacht. Er griff in seine Jackentasche und holte etwas hervor. Dann drückte er ihr die Anstecknadel mit dem spiralförmigen Ende in die Hand. Jene Anstecknadel, mit der Beata den Kragen ihres blauen Kleides zu schließen pflegte. Die Anstecknadel, die sie an besagtem Tag im dritten Stock verloren hatte.