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Dalton wollte bereits ansetzen, dies mit Beweisen zu widerlegen, als Bertrand eine Hand hob und fortfuhr.

»Selbstverständlich ist nichts daran wahr. Ich weiß, wie hart Ihr auf die Festnahme der Verbrecher hingearbeitet habt.«

»Tag und Nacht«, warf Teresa ein. »Ich kann Euch versichern, Minister Chanboor, Dalton bekommt in letzter Zeit kaum Schlaf, so hart hat er seit der Ermordung der armen Claudine geschuftet.«

»Oh, das weiß ich«, meinte Hildemara, die sich an ihrem Gemahl vorbeibeugte und vor Teresas und aller anderen auf sie gerichteten Augen Daltons Handgelenk tätschelte. »Mir ist bekannt, wie hart Dalton gearbeitet hat. Alle wissen seinen Einsatz zu schätzen. Wir wissen, welch große Zahl von Menschen er hat herbringen lassen, damit sie verhört werden können.

Nur beginnen sich einige Leute zu fragen, ob all diese Bemühungen die Schuldigen jemals ans Licht bringen werden. Die Menschen fürchten sich vor den Mördern, die noch unter ihnen sind, und warten voller Ungeduld darauf, dass die Angelegenheit zum Abschluss gebracht wird.«

»Ganz recht«, warf Bertrand ein. »Wir wollen mehr als jeder andere, dass der Mord aufgeklärt wird, damit wir unseren Seelenfrieden wieder finden und unser Volk wieder ruhig schlafen kann.«

»So ist es«, meinte Hildemara mit einem kalten Glitzern in den Augen. »Er muss unbedingt aufgeklärt werden.«

Die gebieterische Kälte in ihrem Ton war nicht zu überhören. Dalton wusste nicht, ob Hildemara Bertrand von ihren Anordnungen im Fall Claudine unterrichtet hatte, aber das dürfte für ihn kaum eine Rolle spielen. Er hatte mit der Frau nichts mehr zu schaffen und sich anderen zugewandt. Bestimmt hatte er nichts dagegen, wenn sie hinter ihm aufräumte und etwaigen Ärger im Keim erstickte.

Dalton hatte angenommen, der Minister und seine Gemahlin würden der Beschwerden der Leute überdrüssig werden, bevor die Leute es überdrüssig wurden, über die Ermordung einer prominenten Frau auf dem Anwesen zu sprechen. Vorsichtshalber hatte er bereits Pläne geschmiedet: Alles deutete darauf hin, dass er gezwungen sein würde, sie in die Tat umzusetzen.

Seine erste Alternative wäre abzuwarten, denn er wusste, das Gerede würde bald abklingen und die ganze Geschichte in Vergessenheit geraten. Schlimmstenfalls würden die Leute gelegentlich aus vorübergehender Empörung oder gar Sensationsgier mit der Zunge schnalzen. Andererseits sah Bertrand es gern, wenn man ihn in seinem Amt für kompetent hielt. Das Opfer der anderen war für ihn von untergeordneter Bedeutung, für Hildemara schien es unerheblich. Die Ungeduld der Leute jedoch war gefährlich.

»Ich wünsche mir ebenso sehr wie jeder andere, dass die Mörder gefunden werden«, meinte Dalton. »Als Mann des Gesetzes bin ich jedoch durch meinen Amtseid verpflichtet, dafür zu sorgen, dass wir die richtigen Mörder finden und nicht einfach unberechtigte Beschuldigungen erheben, nur damit jemand bestraft wird. Ich weiß, genau diesen ernsten Rat habt Ihr mir früher schon gegeben«, log Dalton für alle mithörenden Ohren.

Als er sah, dass Hildemara im Begriff war, Einwände gegen jede Verzögerung vorzubringen, setzte Dalton in leisem, plötzlich verärgertem Ton hinzu: »Es wäre nicht nur falsch, aus lauter Eilfertigkeit Unschuldige anzuklagen. Wenn wir vorschnell Männer dieses Verbrechens beschuldigen und sich nach der Bestrafung herausstellte, dass die Mutter Konfessor ihnen das Geständnis abzunehmen wünscht und dahinterkommt, dass wir Unschuldige bestraft haben, würde zudem unsere Unfähigkeit zu Recht bloßgestellt werden, und zwar nicht nur durch die Mutter Konfessor, sondern in gleichem Maße auch durch den Herrscher und die Direktoren

Er wollte absolut sichergehen, dass sie die darin enthaltenen Risiken begriffen.

»Schlimmer noch, sollten wir einen Mann zum Tode verurteilen und die Hinrichtung vollstrecken, bevor die Mutter Konfessor Erlaubnis erhält, den Fall zu überprüfen, könnte sie sich auf eine Weise einschalten, die nicht nur die Regierung zu Fall bringen könnte, sondern es könnten zur Strafe auch Spitzenbeamte von ihrer Kraft berührt werden.«

Bertrand und Hildemara hatten Daltons ruhige, aber ernüchternde Ausführungen mit großen Augen schweigend verfolgt.

»Natürlich, Dalton. Ihr habt natürlich Recht.« Bertrand fächelte sich Luft zu. »Ich wollte selbstverständlich nicht den Eindruck erwecken, als sei es mir mit diesem Vorschlag ernst. In meiner Funktion als Minister kann ich nicht zulassen, dass jemand zum Schein angeklagt wird. Ich würde bei so etwas niemals tatenlos zusehen. Es wäre nicht nur eine Ungerechtigkeit gegenüber dem zum Schein Angeklagten, ein solches Vorgehen würde es auch den tatsächlichen Mördern ermöglichen, zu entkommen und weitere Morde zu begehen.«

»Aus Euren Bemerkungen scheint hervorzugehen« – Hildemaras Stimme nahm erneut einen bedrohlichen Unterton an –, »dass Ihr kurz davor steht, die Namen der Mörder bekannt zu geben? Ich habe so viel Gutes über Eure Fähigkeiten gehört, daher nehme ich an, Ihr wollt nur gründlich sein. Als Hauptadjutant des Ministers werdet Ihr doch bestimmt bald wieder Gerechtigkeit herstellen? Die Menschen werden sich von der Kompetenz des Ministers für Kultur überzeugen wollen. Sein Anteil an der Auflösung dieses Falles muss genauso deutlich werden.«

»Ganz recht«, meinte Bertrand, der seine Frau scharf ansah, bis sie sich in ihren Sessel zurücksinken ließ. »Wir wünschen eine gerechte Lösung.«

»Hinzu kommt«, fuhr Hildemara fort, »dass man sich erzählt, erst kürzlich sei ein armes hakenisches Mädchen vergewaltigt worden. Die Gerüchte über diese Vergewaltigung greifen rasch um sich. Die Menschen glauben, es besteht eine Verbindung zwischen beiden Verbrechen.«

»Ich habe auch gehört, wie man sich dergleichen hinter vorgehaltener Hand erzählt«, meinte Teresa. »Einfach schrecklich.«

Dalton hätte sich denken können, dass Hildemara dahinter gekommen war und diesen Fall ebenfalls aus der Welt geschafft haben wollte. Er war auf diese Entwicklung vorbereitet, hoffte jedoch, dieses Problem nach Möglichkeit umgehen zu können.

»Ein hakenisches Mädchen? Wer will denn behaupten, dass sie die Wahrheit sagt? Vielleicht will sie eine außereheliche Schwangerschaft verbergen und beruft sich in diesen Zeiten überhitzter Leidenschaft auf Vergewaltigung, um sich Sympathien zu verschaffen.«

Bertrand tunkte ein Stück Schweinefleisch in eine kleine Schale Senf. »Noch hat niemand ihren Namen genannt, doch soweit ich gehört habe, glaubt man der Geschichte. Man ist nach wie vor bemüht, ihren Namen herauszufinden, um sie vor einen Friedensrichter bringen zu können.«

Bertrand runzelte die Stirn zu einem viel sagenden Blick, um Dalton zu signalisieren, dass sie von dem Mädchen des Metzgers redeten. »Man befürchtet nicht nur, die Geschichte könnte stimmen, sondern dass es sich um dieselben Kerle handelt, die auch Claudine überfallen haben. Die Menschen haben Angst, dieselben Verbrecher könnten mittlerweile zum zweiten Mal zugeschlagen haben und es womöglich noch ein drittes Mal versuchen.«

Bertrand legte den Kopf in den Nacken und ließ das Schweinefleisch in seinen Mund fallen. Stein, auf Hildemaras anderer Seite, verfolgte die Unterhaltung mit wachsender Verachtung, während er sein geröstetes Fleisch verzehrte. Er würde die Angelegenheit selbstverständlich rasch mit seiner Klinge bereinigen. Dalton ebenfalls, wenn es so einfach wäre.

»Aus diesem Grund«, meinte Hildemara, die sich erneut vorbeugte, »muss das Verbrechen unbedingt aufgeklärt werden. Die Menschen müssen erfahren, wer dafür verantwortlich ist.« Nachdem sie ihren Befehl losgeworden war, richtete sie sich in ihrem Sessel auf.

Bertrand drückte Daltons Schulter. »Ich kenne Euch, Dalton. Ich weiß, Ihr wollt nicht einfach an die Öffentlichkeit treten und Euren Erfolg verkünden, bevor Ihr die Ernte sicher eingefahren habt, denn dafür seid Ihr zu bescheiden, aber ich weiß, Ihr habt das Verbrechen längst gelöst und werdet die Mörder in Kürze bekannt geben. Und zwar bevor die Menschen sich die Mühe machen, ein armes hakenisches Mädchen vor den Friedensrichter zu schleifen. Nachdem sie wegen dieser Geschichte offenbar bereits so viel gelitten hat, wäre es doch bedauerlich, wenn sie weitere Demütigungen hinnehmen müsste.«