»Feuer?« Snip war verwirrt. »Wovon redest du?«
Morley riss die Arme in die Höhe und erzeugte mit dem Speichel ein prasselndes Geräusch in der Kehle. Er breitete die Arme aus, offenbar, um die um sich greifenden Flammen nachzuahmen. »Plötzlich schoss es ungeheuer in die Höhe. Hat das ganze Brot verbrannt. Es wurde so heiß, dass ein Kessel geplatzt ist.«
»Nein«, meinte Snip erstaunt. »Wurde jemand verletzt?«
Morleys Gesicht verzog sich zu einem breiten, gehässigen Grinsen. »Gillie hat ziemlich schwere Verbrennungen abbekommen.« Er versetzte Snip einen Stoß in die Rippen. »Sie war gerade dabei, eine Soße zuzubereiten, als das Feuer verrückt zu spielen begann. Sie hat sich ihr hässliches Dörrpflaumengesicht verbrannt. Ihr Haar und alles brannte lichterloh.«
Morley lachte mit dem selbstzufriedenen Gefühl eines Menschen, der jahrelang auf Vergeltung gewartet hatte. »Es heißt, sie wird wahrscheinlich nicht überleben. Aber wenigstens wird sie für den Rest des Lebens entsetzliche Schmerzen haben.«
Snips Gefühle waren gemischt. Er empfand keinerlei Mitleid für Gillie, andererseits…
»Du solltest dich nicht so darüber freuen, dass eine Anderierin verletzt wurde, Morley. Das beweist bloß wieder unser hassenswertes hakenisches Wesen.«
Morley zog ein verächtliches Gesicht, und sie setzten sich abermals in Bewegung. Sie legten die gesamte Strecke rennend zurück und mussten sich dreimal in die Felder werfen, als eine Kutsche die Straße entlangkam. Sie versteckten sich entweder im Weizen oder im Zuckerrohr, je nachdem, welche Seite die beste Deckung bot. Dort blieben sie liegen und verschnauften, bis die Kutsche vorüber war.
In gewisser Hinsicht empfand Snip die Erfahrung des Fortlaufens eher als einen Akt der Befreiung denn als schreckliche Flucht. Weit weg vom Anwesen hatte er weniger Angst, gefasst zu werden. Jedenfalls nachts.
»Ich denke, wir sollten uns tagsüber verstecken«, meinte er zu Morley. »Wenigstens anfangs. Tagsüber verstecken wir uns unterwegs irgendwo, an einem Ort, wo wir sehen können, ob jemand kommt. Nachts können wir marschieren, ohne dass die Leute uns sehen, und wenn doch, werden sie nicht erkennen können, wer wir sind.«
»Aber was ist, falls uns jemand tagsüber findet, wenn wir schlafen?«
»Wir werden Wache stehen müssen. Genau wie die Soldaten. Einer von uns steht Wache, während der andere schläft.«
Morley schien Snips zwingende Argumentation für ein kleines Wunder zu halten. »Darauf wäre ich nie gekommen.«
Als sie sich den Straßen Fairfields näherten, wurden sie langsamer und gingen im Schritttempo weiter. Dort wussten sie sich ebenso sicher zu verstecken wie in den Feldern, wenn eine Kutsche die Straße entlangkam.
»Wir können uns Pferde besorgen«, meinte Snip, »und heute Nacht noch ein gutes Stück vorankommen.«
Morley dachte einen Augenblick nach. »Wie sollen wir aus Anderith herauskommen? Meister Campbell meinte, es gebe Orte, wo es keine Rolle spielt, dass wir Hakenier sind. Aber wie sollen wir an den Grenztruppen und den Dominie Dirtch vorbeikommen?«
Snip packte die Schulter von Morleys Wams und zog daran. »Wir sind Boten. Schon vergessen?«
»Na und?«
»Wir werden sagen, wir sind in offiziellen Geschäften unterwegs.«
»Boten haben offizielle Geschäfte außerhalb von Anderith?«
Snip ließ sich das eine Weile durch den Kopf gehen. »Nun, wer will schon das Gegenteil behaupten? Wenn wir sagen, wir seien in dringenden Geschäften unterwegs, kann uns niemand aufhalten, es sei denn, er erkundigt sich. Und das würde zu lange dauern.«
»Sie könnten verlangen, die Nachricht zu sehen.«
»Aber wir können doch niemandem geheime Nachrichten zeigen, oder? Wir werden einfach sagen, wir seien in geheimem Auftrag in ein fremdes Land unterwegs, dessen Namen wir nicht nennen können, mit einer wichtigen Nachricht, die wir niemandem zeigen dürfen.«
Morley grinste. »Ich glaube, das wird funktionieren. Ich glaube, wir schaffen es, von hier wegzukommen.«
»Darauf kannst du wetten.«
Unvermittelt riss Morley Snip zurück. »Aber wo wollen wir überhaupt hin, Snip? Hast du dir darüber schon mal Gedanken gemacht?«
Diesmal war es Snip, der grinste.
43
Beata blinzelte in die strahlend grelle Sonne, als sie ihre Tasche absetzte; erschöpft strich sie sich das windzerzauste Haar aus dem Gesicht. Da sie nicht lesen konnte, vermochte sie auch nicht zu entziffern, was auf dem Schild über dem turmhoch aufragenden Tor stand, davor jedoch befand sich eine Zahclass="underline" 23. Mit Zahlen kannte sie sich aus, daher wusste sie, dass sie am richtigen Ort angekommen war.
Sie starrte auf das Wort hinter der Zahl und versuchte es sich einzuprägen, um es eines Tages wieder zu erkennen, es war jedoch unmöglich, daraus klug zu werden. Es schien aus nichts als unverständlichen, in ein Stück Holz geschnitzten Zeichen zu bestehen. Die krakeligen Hühnerspuren im Sand waren nicht weniger unverständlich. Ein solches Gekritzel konnte sie sich unmöglich einprägen; es war ihr unbegreiflich, wie Menschen sich diese scheinbar unentzifferbaren Zeichen merken konnten, und dennoch taten sie es.
Sie nahm den Stoffbeutel wieder in die Hand, der all ihre Siebensachen enthielt. Es war mühselig gewesen, dieses unhandliche Gepäckstück mitzuschleppen, das ihr ständig gegen die Hüfte schlug, aber genau genommen hatte sie ja nicht übermäßig viel eingepackt: ein paar Kleidungsstücke, ihre vom Flickschuster angefertigten Schuhe, die zuvor ihrer Mutter gehört hatten und die Beata nur zu besonderen Anlässen anzog, um sie nicht vorschnell aufzutragen, ein aus Horn geschnitzter Kamm, Seife, ein paar Andenken von ihren Freundinnen, etwas Wasser, ein Stück Spitze, das man ihr geschenkt hatte, und Nähzeug.
Inger hatte ihr jede Menge zu essen mitgegeben; sie hatte eine Unmenge verschiedener Würste aus den unterschiedlichsten Fleischsorten dabei, manche so dick wie ihr Arm, andere lang und dünn, wieder andere zu Ringen gebogen. Sie waren das Schwerste in ihrem Beutel. Obwohl sie unterwegs mehrere an Leute verschenkt hatte, die Hunger litten, eine davon an einen Farmer und seine Frau, die sie auf ihrem Karren zwei Tage lang mitgenommen hatten, schienen ihre Würste noch immer für mindestens ein ganzes Jahr zu reichen.
Darüber hinaus hatte Inger ihr einen Brief mitgegeben. Er war auf ein Stück feinen Pergaments geschrieben und zweimal gefaltet. Lesen konnte sie ihn nicht, er hatte ihn ihr jedoch vor ihrem Aufbruch vorgelesen, damit sie seinen Inhalt kannte.
Unterwegs hatte sie den Brief bei jeder Rast hervorgeholt, behutsam auf ihrem Schoß ausgebreitet und so getan, als lese sie ihn. Sie hatte sich Ingers Worte ganz genau einzuprägen versucht, um unterscheiden zu können, welches Wort zu welchem gehörte. Es gelang ihr nicht, für sie war das alles nichts weiter als bedeutungsloses Gekrakel.
Snip hatte einst ein Zeichen in den Staub geritzt und ihr erklärt, das Wort bedeute ›Wahrheit‹. Snip! Sie schüttelte den Kopf.
Inger hatte sie nicht fortlassen wollen. Er sagte, er brauche sie. Sie erwiderte, es gebe doch genügend andere, die er einstellen könne. Er könne doch einen Mann einstellen, der einen kräftigeren Rücken habe als sie; er sei doch nicht auf sie angewiesen.
Inger hatte jedoch erwidert, sie sei in den Dingen gut, die für ihn wichtig seien. Er sagte, sie sei fast wie eine Tochter für ihn. Dann erzählte er ihr von der Zeit, als ihre Eltern zu ihm gekommen seien, um zu arbeiten, und sie noch nicht einmal richtig habe laufen können. Als er sie bat zu bleiben, hatte er ganz rote Augen gehabt.
Fast hätte Beata abermals losgeheult, doch sie unterdrückte ihre Tränen. Sie erklärte ihm, sie liebe ihn wie einen Lieblingsonkel, und eben deshalb müsse sie fortgehen – wenn sie bliebe, würde es Ärger geben, der ihn nur verletzen würde. Er meinte, damit würde er schon fertig werden. Sie meinte, wenn sie bliebe, würde man ihr etwas antun oder sie sogar töten, außerdem habe sie Angst. Darauf hatte auch er keine Antwort mehr gewusst.