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Inger hatte sie stets hart arbeiten lassen, war dabei aber gerecht gewesen. Stets hatte er dafür gesorgt, dass sie zu essen bekam. Er hatte sie nie geschlagen. Den Burschen hatte er gelegentlich eine Ohrfeige verpasst, wenn sie ihm freche Antworten gaben, den Mädchen dagegen nie. Allerdings gaben ihm die Mädchen auch gar nicht erst freche Antworten.

Ein-, zweimal war er wütend auf sie gewesen, aber geschlagen hatte er sie nie. Wenn sie etwas so Dummes tat, dass er wütend wurde, ließ er sie bis spät in die Nacht junge Hühnchen ausnehmen und von den Knochen lösen. Sehr oft hatte sie das allerdings nicht tun müssen; stets gab sie sich größte Mühe, alles richtig und keine Scherereien zu machen.

Wenn Beata etwas als wichtig erachtete, dann das, stets zu tun, was man von ihr verlangte, und keine Scherereien zu machen. Sie wusste, dass sie genau wie alle anderen Hakenier auch mit ihrem schändlichen hakenischen Wesen auf die Welt gekommen war, und hatte sich vorgenommen, ihre Natur Lügen zu strafen.

Zuweilen, wenn auch überaus selten, zwinkerte ihr Inger zu und meinte, sie habe gute Arbeit geleistet. Für dieses Augenzwinkern hätte Beata alles getan.

Bevor sie aufbrach, hatte er sie lange in die Arme genommen und sich dann hingesetzt, um den Brief für sie aufzusetzen. Als er ihn ihr vorlas, glaubte sie zu sehen, wie er feuchte Augen bekam. Sie konnte sich gerade noch zusammennehmen, um nicht selber wieder in Tränen auszubrechen.

Beatas Eltern hatten ihr beigebracht, nicht in Gegenwart anderer zu weinen, da man sie sonst für schwach und töricht halten könnte. Beata war sehr darauf bedacht, nur nachts zu weinen, wenn niemand sie hörte. Sie konnte ihre Tränen stets bis zum Abend zurückhalten, wenn es dunkel war und sie allein.

Inger war ein liebenswürdiger Mann, den sie sehr vermissen würde – selbst wenn sie sich bei ihm die Hände hatte wund schuften müssen. Arbeit machte ihr keine Angst.

Beata putzte sich die Nase und trat zur Seite, um für einen Karren Platz zu machen, der auf das Tor zurollte. Die Anlage wirkte riesig, dabei gleichzeitig einsam, so ganz abgeschieden draußen im windumtosten Nirgendwo, auf einer flachen Bodenerhebung ganz für sich. Das Tor durch das Bollwerk schien der einzige Weg nach drinnen zu sein, wenn man nicht geradewegs die steilen, erdenen Schutzwälle erklimmen wollte.

Gleich nachdem der Karren sie passiert hatte, folgte Beata ihm durch das hohe Tor und in den Burghof. Überall liefen geschäftig Menschen umher, hinter den Toren ging es zu wie in einer Stadt. Sie war überrascht, so viele Gebäude zu sehen, mit Straßen und Gassen dazwischen.

Ein Wachposten unmittelbar hinter dem Tor beendete seine Unterhaltung mit dem Fahrer des Karrens und winkte ihn weiter. Er richtete sein Augenmerk auf Beata, musterte sie kurz von Kopf bis Fuß, ohne sich im Geringsten anmerken zu lassen, was er von ihr hielt.

»Guten Tag.«

Er bediente sich desselben Tonfalls wie schon gegenüber dem Fahrer – höflich, aber sachlich, nüchtern. Sie erwiderte den Gruß auf die gleiche Weise.

Sein dunkles, anderisches Haar war im Nacken feucht von Schweiß; wahrscheinlich war es heiß unter seiner schweren Uniform. Er zeigte auf die gegenüberliegende Straßenseite.

»Dort drüben. Zweites Gebäude rechts.« Er zwinkerte ihr zu. »Viel Glück.«

Sie bedankte sich mit einem Nicken und eilte zwischen einigen Pferden hindurch, bevor diese zusammenrückten und sie ganz um sie herumlaufen musste; um ein Haar wäre sie mit ihren nackten Füßen in frischen Pferdemist getreten. Scharen von Menschen waren unterwegs in alle Richtungen. Pferde und Karren schoben sich in beiden Richtungen durch die Straßen. Es roch nach Schweiß und Pferden, nach Leder, Staub, Mist und nach dem jungen Weizen, der rund um die Anlage wuchs.

Beata war zuvor noch nie aus Fairfield herausgekommen. Es hatte etwas Einschüchterndes, gleichzeitig aber auch Aufregendes.

Das zweite Gebäude rechts war nicht schwer zu finden. Drinnen saß eine Anderierin hinter einem Schreibtisch und schrieb etwas auf ein zerknittertes, abgegriffenes Stück Papier. Auf der einen Seite ihres Schreibtisches hatte sie einen ganzen Stapel Papiere liegen, einige abgegriffen, andere neu aussehend. Als die Frau aufsah, machte Beata einen Knicks.

»Guten Nachmittag, meine Liebe.« Sie musterte Beata von Kopf bis Fuß, genau wie zuvor der Wachposten. »Weit gelaufen?«

»Von Fairfield aus, Ma’am.«

Die Frau legte ihre Schreibfeder fort. »Von Fairfield aus! Dann bist du allerdings weit gelaufen. Kein Wunder, dass du von Kopf bis Fuß mit Staub bedeckt bist.«

Beata nickte. »Sechs Tage, Ma’am.«

Ein missbilligender Ausdruck stahl sich auf das Gesicht der Frau. Sie schien zu der Sorte Frau zu gehören, die oft missbilligend die Stirn runzelte. »Wieso bist du ausgerechnet hierher gekommen, wenn du aus Fairfield bist? Es gibt jede Menge Stützpunkte, die näher liegen.«

Das war Beata bekannt. Sie wollte keinen näheren Stützpunkt, sie wollte weit fort von Fairfield, weit weg von allen Scherereien. Inger hatte ihr gesagt, sie solle hierhin gehen, zu Nummer 23.

»Ich hab bei einem Mann namens Inger gearbeitet, Ma’am. Er ist Metzger. Als ich erzählte, was ich vorhatte, meinte er, er sei schon hier gewesen und wisse, dass hier freundliche Menschen sind. Ich bin auf seinen Rat hierher gekommen, Ma’am.«

Sie verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »An einen Metzger namens Inger kann ich mich nicht erinnern, aber er muss wohl hier gewesen sein, denn was er über die Menschen hier sagt, stimmt.«

Beata setzte ihren Beutel ab und holte den Brief hervor. »Wie gesagt, er hat mir geraten, hierher zu gehen, Ma’am.«

Er hatte ihr geraten, Fairfield weit hinter sich zu lassen, und das traf auf diesen Ort zu. Sie hatte Angst, näher an den Schreibtisch heranzutreten, daher beugte sie sich vor und streckte sich, um der Frau ihren kostbaren Brief zu überreichen.

»Er hat mir dieses Empfehlungsschreiben mitgegeben.«

Die Frau faltete den Brief auseinander und lehnte sich zurück, um ihn zu lesen. Während sie beobachtete, wie ihre Augen über die Zeilen wanderten, versuchte Beata sich Ingers Worte ins Gedächtnis zurückzurufen. Zu ihrem Leidwesen musste sie feststellen, dass der genaue Wortlaut zunehmend verblasste. Nicht mehr lange, und sie würde sich nur noch an den groben Inhalt von Ingers Worten erinnern können.

Die Frau setzte den Brief ab. »Nun, Meister Inger scheint große Stücke auf dich zu halten, junge Frau. Warum solltest du eine Arbeitsstelle aufgeben, wo du dich so wohl gefühlt hast?«

Beata hatte nicht damit gerechnet, dass jemand sie fragen könnte, warum sie dies wollte. Sie überlegte kurz und beschloss dann rasch, die Wahrheit zu sagen, wenn auch nicht die ganze.

»Ich hab immer schon davon geträumt, Ma’am. Ich denke, manchmal muss man versuchen, seine Träume in die Tat umzusetzen. Es hat doch keinen Zweck, sein Leben zu leben, ohne es wenigstens einmal zu versuchen.«

»Und warum ist dies dein Traum?«

»Weil ich Gutes tun möchte. Und weil der Mi … der Minister dafür gesorgt hat, dass Frauen hier geachtet werden. Und dass sie gleichgestellt sind.«

»Der Minister ist ein großartiger Mann.«

Beata unterdrückte ihren Stolz. Stolz stand niemandem gut zu Gesicht; er behinderte einen nur.

»Ja, Ma’am. Der Minister wird von jedermann respektiert. Er hat ein Gesetz erlassen, das es hakenischen Frauen ermöglicht, Seite an Seite mit anderischen Männern und Frauen in der Armee zu dienen. Das Gesetz besagt auch, dass alle den hakenischen Frauen, die unserem Land dienen, Respekt zollen müssen. Die Hakenierinnen stehen tief in seiner Schuld. Minister Chanboor ist der Held aller hakenischen Frauen.«

Die Frau musterte sie ohne Regung. »Und außerdem hattest du Ärger mit einem Mann. Hab ich Recht? Irgendein Kerl konnte die Finger nicht von dir lassen, bis du schließlich genug davon hattest und den Mut aufbrachtest, fortzugehen.«

Beata räusperte sich. »Ja, Ma’am, das ist wahr. Aber was ich Euch erzählt habe, dass dies immer schon mein Traum war, stimmt auch. Der Mann hat mich in meinem Entschluss nur bekräftigt, weiter nichts. Es ist nach wie vor mein Traum, vorausgesetzt, man nimmt mich hier auf.«