Ann tötete nur mit größtem Widerwillen. In Anbetracht des Einsatzauftrages dieser Soldaten und der Zwecke, für die diese sie missbraucht hätten, bevor sie sie töteten, war ihr Widerwille allerdings nicht unüberwindbar.
Genau wie die Soldaten, die sich essend und Geschichten erzählend um das nächste Feuer scharten, dachte sich niemand etwas dabei, wenn sie durch ihre Reihen wanderte. Die meisten warfen ihr einen interessierten Blick zu, um sich dann aber wieder rasch ihrem Eintopf und dem harten Lagerbrot zuzuwenden, das sie mit Bier und unflätigen Geschichten hinunterspülten. Bettler entlockten ihnen kaum mehr als ein abfälliges Grunzen, das sie weiterscheuchen sollte.
Bei einer Armee dieser Größe entstand eine regelrechte Marketenderkultur. Kaufleute reisten auf ihren eigenen Karren mit oder teilten sich einen mit anderen. Sie folgten im Kielwasser der Armee und boten eine Vielzahl von Diensten an, die von der Imperialen Ordnung nicht bereitgestellt wurden. Sogar einen Künstler hatte Ann gesehen, der emsig Porträts von stolzen Offizieren auf einem erfolgreichen Feldzug zeichnete. Wie jeder Künstler mit dem Wunsch nach gesicherter Anstellung und vollständiger Fingerzahl benutzte er sein Talent, um seine Kundschaft in ein denkbar vorteilhaftes Licht zu rücken, indem er sie mit wissendem Blick und freundlichem Lächeln darstellte – oder auch einem alles erobernden finsteren Blick, je nach Geschmack des Mannes.
Fahrende Händler verkauften alles, von Fleisch und Gemüse bis hin zu seltenen Früchten aus der fernen Heimat – selbst Ann hungerte nach solchen saftigen Erinnerungen an die Alte Welt. Das Geschäft mit Glücksbringern lief glänzend. Sagte einem Soldat die von der Imperialen Ordnung bereitgestellte Verköstigung nicht zu und hatte er Geld, dann gab es Leute, die ihm nahezu alles zubereiteten, was das Herz begehrte. Spieler, Straßenhändler, Huren und Bettler umschwirrten diese gewaltige Armee wie ein Schwarm Mücken.
Als Bettlerin verkleidet, war es für Ann ein Leichtes, durch das Lager der Imperialen Ordnung zu schlendern und sich nach Belieben umzusehen. Der einzige Preis war ein gelegentlicher Tritt in den Hintern. Eine Armee von diesen Ausmaßen zu durchkämmen, blieb trotzdem ein gewaltiges Unterfangen. Seit nahezu einer Woche war sie jetzt damit beschäftigt; sie war bis auf die Knochen müde und wurde zunehmend ungeduldig.
Während dieser einen Woche hätte sie ganz gut von dem leben können, was sie in ihrer Maskerade als Bettlerin zusammengeschnorrt hatte – vorausgesetzt, sie hatte nichts dagegen, madenverseuchtes, angegammeltes Fleisch und fauliges Gemüse zu verspeisen. Sie nahm solche Spenden dankend entgegen, nur um sie, sobald sie außer Sicht war, fortzuschütten. Die Soldaten machten sich einen grausamen Spaß daraus, ihr die Abfälle zu geben, die sie ohnehin hatten wegwerfen wollen. Unter den Bettlern gab es trotzdem einige, die sie kräftig salzten und pfefferten und dann aßen.
Jeden Tag, sobald es zu spät wurde, um weiterzusuchen, kehrte sie zu den Marketendern zurück und gab selbst ein wenig ihres Geldes für eine anspruchslose, aber etwas gesündere Mahlzeit aus. Alle nahmen an, sie verdiene sich den dürftigen Betrag mit ihrer Bettelei. Um der Wahrheit gerecht zu werden: Sie beherrschte das Geschäft des Bettelns nicht gerade gut, denn ein Geschäft war es. Einige der Bettler, die Mitleid mit ihr bekamen, sobald sie sie agieren sahen, versuchten ihre Technik zu verbessern.
Ann ließ solche Ablenkungen über sich ergehen, damit niemand dahinterkam, dass sie mehr war, als sie nach außen durchblicken ließ. Einige der Bettler konnten sich auf diese Weise ganz ordentlich durchschlagen. Es galt als Zeichen ihres Könnens, Männern wie diesen eine Münze abzuluchsen.
Sie wusste, dass eine grausame Fügung des Schicksals die Menschen gelegentlich gegen ihren Willen zu hilflosen Bettlern machte. Aus jahrhundertelanger Erfahrung, diesen Menschen zu helfen, wusste sie aber auch, dass Bettler zäh am Leben hingen.
Ann traute niemandem im Lager und den Bettlern am allerwenigsten; sie waren noch gefährlicher als die Soldaten. Soldaten waren, was sie waren, sie spielten niemandem etwas vor. Wenn sie einen nicht in ihrer Nähe wollten, befahlen sie einem zu verschwinden, oder man bekam einen Tritt. Einige zückten einfach nur warnend eine Klinge. Wenn sie einen verletzen oder töten wollten, dann ließen sie an ihrer Absicht keinen Zweifel.
Bettler dagegen lebten ein Leben voller Lügen. Sie logen vom Augenblick an, da sie des Morgens die Augen aufschlugen, bis sie schließlich dem Schöpfer in ihrem Gutenachtgebet eine letzte Unwahrheit auftischten.
Von allen missratenen Geschöpfen des Schöpfers mochte Ann die Lügner am wenigsten – sowie jene, die ihre Hoffnung und ihre Sicherheit immer wieder in die Hände dieser Lügner legten. Lügner waren die Schakale der Schöpfung. Täuschung für einen edlen Zweck war zwar bedauerlich, manchmal aber im Interesse eines höheren Zieles nicht zu vermeiden. Lügen aus Eigennutz dagegen bildeten ebenjenen Humus aus Unmoral, aus dem die Ranken des Bösen sprossen.
Wer Männern traute, die eine Neigung zum Lügen an den Tag legten, bewies, was für ein Narr er war, und solche Narren waren für den Lügner nichts weiter als der Staub unter seinen Stiefeln – nur dazu da, um draufzutreten.
Ann wusste, dass Lügner ebenso wie sie Kinder des Schöpfers waren und sie ihnen pflichtgemäß mit Geduld und Nachsicht begegnen müsste, doch dazu war sie außerstande. Sie konnte Lügner einfach nicht ausstehen, mehr gab es dazu nicht zu sagen. Sie hatte sich mit der Tatsache abgefunden, dass sie in einem späteren Leben dafür würde bezahlen müssen.
Die Bettelei erwies sich als zeitraubend. Um so schnell wie möglich voranzukommen, versuchte Ann daher, sich auf das Allernötigste zu beschränken. Jeden Abend geriet das Lager aufs Neue völlig durcheinander, weshalb auf die Erkenntnisse aus vorangegangenen Streifzügen kein Verlass war, also beschloss sie, so viel wie möglich aus jedem Beutezug zu machen. Glücklicherweise neigten die Soldaten aufgrund der ungeheuren Ausgedehntheit der Armee dazu, in etwa die gleiche Reihenfolge einzuhalten – ganz ähnlich einem Zug von Lastkarren, der entlang der Straße für die Nacht Halt macht.
Nach dem Aufbruch der Spitze des Trosses dauerte es morgens weit über eine Stunde, bis sich der hinterste Teil in Bewegung setzte. Abends war der Kopf bereits mit dem Zubereiten des Abendessens beschäftigt, lange bevor die Nachhut Halt machte. Man kam jeden Tag nicht sehr weit voran, dennoch war der Vormarsch unaufhaltsam.
Nicht nur ihre Absicht, auch ihre Marschrichtung beunruhigte Ann. Die Imperiale Ordnung hatte sich vor einiger Zeit unten bei Grafan Harbour in der Alten Welt gesammelt. Als sie sich schließlich in Bewegung setzte, war sie von der Küste dort in die Neue Welt eingedrungen, dabei aber der Küste gefolgt, zunächst nach Westen bis hin zu jener Stelle, wo Ann überraschend auf sie gestoßen war.
Ann war keine Militärtaktikerin, aber das Auftauchen der Imperialen Ordnung an dieser Stelle war ihr sofort seltsam erschienen. Sie hatte angenommen, die Truppen würden in nördlicher Richtung in die Neue Welt vordringen. Dass sie sich auf einem solchen, scheinbar sinnlosen Kurs bewegten, sagte ihr, sie mussten einen guten Grund dafür haben. Jagang tat nichts ohne Grund; er war zwar grausam, überheblich und dreist, aber unbesonnen war er nicht.
Jagang war geübt in der feinen Kunst der Geduld.
Die Völker der Alten Welt hatten immer schon eine alles andere als homogene Gesellschaft gebildet, schließlich hatte Ann sie mehr als neun Jahrhunderte beobachtet. Sie empfand es als Nachsicht, wenn jemand sie lediglich als grundverschieden, zänkisch und eigensinnig bezeichnete. Niemals hatte es in der Alten Welt auch nur zwei Regionen gegeben, die sich auf die einfachsten Dinge hätten einigen können.
In den beinahe zwanzig Jahren, in denen sie ihn beobachtete, hatte Jagang die scheinbar Unregierbaren zu einer Gesellschaft vereinigt, in der man zusammenhielt. Dass sie brutal war, korrupt und von Ungleichheit geprägt, war eine ganz andere Geschichte. Er hatte sie geeint und dadurch eine Macht von noch nie dagewesenem Ausmaß geschaffen.