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Kahlan sah sich nach den Soldaten um, die einen Ring um sie gebildet hatten. Sie legte Richard die Hände schützend auf die Brust.

»Was soll das heißen?«

Du Chaillu schob Kahlans Hände sacht beiseite.

»Es handelt sich um eine Verletzung des unsterblichen Geistes. Der Seele. Lasst mich ihn versorgen.«

Kahlan legte Richard ihre Hand zärtlich aufs Gesicht. »Woher willst du das wissen?«

»Ich bin eine Seelenfrau. Ich sehe diese Dinge.«

»Nur weil…«

»Habt Ihr eine Wunde gefunden?«

Kahlan schwieg einen Augenblick und versuchte sich über ihre Gefühle klar zu werden. »Hast du eine Idee, wie wir ihm helfen können?«

»Dies übersteigt Eure Fähigkeit zu helfen.« Du Chaillu senkte ihren Kopf mit dem braunen Haarschopf und presste Richard die Hände auf die Brust.

»Überlasst das mir«, murmelte Du Chaillu, »sonst stirbt unser Gemahl.«

Kahlan ließ sich auf die Fersen sinken und sah zu, wie die Seelenfrau der Baka Tau Mana, den Kopf gesenkt, die Hände auf Richards Körper, die Augen schloss, als versinke sie in einer Art Trance. Man hörte leise geflüsterte Worte, die vielleicht ihr selbst galten, ganz sicher aber nicht für fremde Ohren bestimmt waren. Ihre Arme zitterten.

Du Chaillu verzog schmerzgequält das Gesicht.

Unvermittelt wich sie zurück und unterbrach die Verbindung. Kahlan hielt sie am Arm fest, damit sie nicht nach hinten kippte.

»Alles in Ordnung?«

Du Chaillu nickte. »Meine Kraft. Es hat funktioniert. Sie war wieder da.«

Kahlan blickte von der Frau zu Richard. Er wirkte ruhiger.

»Was hast du gemacht? Was ist passiert?«

»Irgendetwas hat versucht, seine Seele zu rauben. Ich habe diese Kraft mit Hilfe meiner Magie zunichte gemacht und verhindert, dass der Tod nach ihm greift.«

»Deine Kraft ist zurückgekehrt?« Kahlan zweifelte daran. »Aber wie ist das möglich?«

Du Chaillu schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht. Sie kehrte zurück, als der Caharin aufschrie und von seinem Pferd stürzte. Ich wusste es sofort, weil ich meine Bande zu ihm wieder spüren konnte.«

»Vielleicht sind die Chimären geflohen und in die Unterwelt zurückgekehrt?«

Wiederum schüttelte Du Chaillu den Kopf. »Was immer es war, es lässt bereits wieder nach. Meine Kraft wird wieder schwächer.« Sie starrte einen Augenblick vor sich hin. »Jetzt ist sie wieder fort. Sie war gerade lange genug da, dass ich ihm helfen konnte.«

Du Chaillu gab ihren Männern leise Befehl, zurückzutreten, es sei vorüber.

Kahlan war alles andere als überzeugt. Sie warf abermals einen Blick auf Richard. Alles deutete darauf hin, dass er ruhiger wurde. Sein Atem ging zusehends gleichmäßiger.

Unvermittelt schlug er die Augen auf. Er blinzelte in die Helligkeit.

Du Chaillu beugte sich über ihn und tupfte ihm mit dem feuchten Lappen den Schweiß von der Stirn.

»Jetzt seid Ihr wieder wohlauf, mein Gemahl«, sagte sie.

»Du Chaillu«, murmelte er, »wie oft muss ich es dir noch erklären, ich bin nicht dein Gemahl. Du deutest die alten Gesetze falsch.«

Du Chaillu sah lächelnd zu Kahlan auf. »Seht Ihr? Es geht ihm schon wieder besser.«

»Den Gütigen Seelen sei Dank, dass du hier warst, Du Chaillu«, meinte Kahlan mit leiser Stimme.

»Erklärt ihm das, wenn er das nächste Mal jammert, ich solle ihn verlassen.«

Kahlan konnte nicht anders, sie musste über Richards Hilflosigkeit gegenüber Du Chaillu sowie ihre eigene freudige Erleichterung schmunzeln. Und plötzlich drohten ihr die Tränen zu kommen, doch sie hielt sie zurück.

»Geht es dir gut, Richard? Was ist passiert? Was hat dich vom Pferd geworfen?«

Richard versuchte sich aufzusetzen, doch sowohl Kahlan als auch Du Chaillu drückten ihn wieder hinunter.

Richard gab seinen Versuch sich aufzurichten auf. Er sah Kahlan aus seinen grauen Augen an. Sie hielt seinen Arm fest umklammert, noch einmal den Gütigen Seelen dankend.

»Was genau passiert ist, weiß ich nicht«, meinte er schließlich. »Es war, als sei dieses Geräusch – wie von einer ohrenbetäubend lauten Glocke – in meinem Kopf explodiert. Die Schmerzen waren, als ob…« Ein Teil der Farbe wich aus seinem Gesicht. »Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gespürt.«

Er setzte sich auf, diesmal die ihn zurückhaltenden Hände beiseite wischend. »Aber jetzt geht es wieder.«

»Da bin ich nicht so sicher«, zweifelte Kahlan.

»Doch, bestimmt«, meinte er. Er sah sich um. »Es war, als hätte etwas an meiner Seele selbst gezogen.«

»Es hat sie nicht bekommen«, erklärte Du Chaillu. »Es hat es versucht, aber es hat sie nicht bekommen.«

Sie meinte es todernst. Kahlan glaubte ihr.

Das Fell nervös zuckend, stand die Stute regungslos da, die Hufe in den grasbewachsenen Boden gestemmt. Ihr Instinkt riet ihr, davonzulaufen. Kleine Wellen der Panik ließen ihre Muskeln erzittern, trotzdem rührte sie sich nicht von der Stelle.

Der Mann war hinter dem herabstürzenden Wasser verschwunden, in dem dunklen Loch.

Sie mochte keine Löcher. Kein Pferd mochte die.

Er hatte geschrien. Der Erdboden hatte gebebt. Das war vor langer Zeit gewesen. Seitdem hatte sie sich nicht von der Stelle gerührt. Jetzt war alles still.

Die Stute wusste jedoch, dass ihr Freund noch lebte.

Sie stieß einen lang gezogenen, tiefen Schrei aus.

Er lebte noch, war aber nicht wieder herausgekommen.

Die Stute war allein.

Für ein Pferd gab es nichts Schlimmeres, als allein zu sein.

49

Ann schlug die Augen auf. Zu ihrer Überraschung erblickte sie in dem schlechten Licht ein Gesicht, das sie seit Monaten nicht gesehen hatte, als sie noch Prälatin gewesen war, im Palast der Propheten in Tanimura, in der Alten Welt.

Die Schwester mittleren Alters betrachtete sie. Mittleren Alters, dachte Ann bei sich, konnte man bei einem Alter von gut fünfhundert Jahren überhaupt von einem mittleren sprechen?

»Schwester Alessandra.«

Es tat weh, die Worte zu formen und laut auszusprechen. Ihre Lippen verheilten schlecht, auch ihr Kiefer ließ sich noch nicht wieder übermäßig gut bewegen. Ann wusste nicht, ob er gebrochen war. Wenn, dann war daran nichts zu ändern. Er würde so verheilen müssen, wie er eben verheilte. Es gab keine Magie, die ihr dies abnahm.

»Prälatin«, begrüßte die Frau sie reserviert.

Früher hatte sie immer einen langen Zopf getragen, erinnerte sich Ann. Einen langen Zopf, den sie stets zu einem Dutt gewunden hinten an ihrem Kopf festgesteckt hatte. Jetzt trug sie ihr ergrauendes braunes Haar kürzer geschnitten und offen. Es reichte ihr nicht ganz bis auf die Schultern. Ann fand, so glich es besser ihre leicht vorspringende Nase aus.

»Ich habe Euch etwas zu essen gebracht, Prälatin, falls Euch danach zumute ist.«

»Warum? Warum hast du mir etwas zu essen gebracht?«

»Seine Exzellenz wünscht, dass Ihr zu essen bekommt.«

»Und warum du?«

Die Frau konnte ihr Schmunzeln nicht ganz unterdrücken. »Ihr könnt mich nicht leiden, Prälatin.«

Ann tat ihr Möglichstes, wütend dreinzublicken, war sich aber nicht ganz sicher, ob es ihr mit ihrem geschwollenen Gesicht gelang.

»Um ganz offen zu sein, Schwester Alessandra, ich liebe dich ebenso wie alle anderen Kinder des Schöpfers. Ich verabscheue lediglich, was du getan hast – dass du deine Seele dem Unaussprechlichen versprochen hast.«

»Dem Hüter der Unterwelt.« Schwester Alessandras Lächeln wurde ein wenig breiter. »Ihr könnt Euch also um eine Frau, die eine Schwester der Finsternis wurde, noch immer Sorgen machen?«

Ann wandte das Gesicht ab, obwohl die dampfende Schale ganz zweifellos herzhaft duftete. Sie wollte nicht mit der gefallenen Schwester sprechen.

In ihren Ketten konnte Ann nicht ohne Hilfe essen. Sie hatte sich bedingungslos geweigert, Speisen von Schwestern entgegenzunehmen, die sie angelogen und verraten hatten, statt ihre Freiheit anzunehmen. Bis zu diesem Augenblick hatten Soldaten sie gefüttert, denen eine solche Aufgabe jedoch keineswegs behagte. Offenbar war Schwester Alessandras Erscheinen die Folge ihrer Abneigung gegen das Füttern einer alten Frau.