»Ich denke, wir sollten die Gelegenheit ergreifen und vor dem nächsten Gang hören, was dieser weitgereiste Gentleman uns mitzuteilen hat.«
Der Herrscher hatte sichtlich Mühe, wach zu bleiben, und wollte Stein sprechen hören, bevor er einnickte. Der Minister erhob sich abermals, um das Wort an den Saal zu richten.
»Liebe Freunde, wie Ihr vielleicht wißt, herrscht ein Krieg, der im Begriff ist, sich auszuweiten. Jede Seite verfügt über Argumente, weshalb wir uns ihr anschließen sollten. Anderith hat keinen anderen Wunsch als Frieden. Wir haben nicht das geringste Verlangen, mit ansehen zu müssen, wie unsere jungen Männer und Frauen in einem unnötigen Kampf verbluten. Unser Land bekleidet insofern eine Sonderstellung, als es unter dem Schutz der Dominie Dirtch steht, weswegen wir keine Gewalt von außen fürchten müssen. Allerdings spielen auch noch andere Erwägungen eine Rolle, von denen eine nicht unbedeutende der Handel mit der Welt jenseits unserer Grenzen ist.
Wir haben die Absicht, uns anzuhören, was Lord Rahl von D’Hara und die Mutter Konfessor zu sagen haben. Sie haben gelobt, sich zu vermählen, wie Ihr zweifellos von den aus Aydindril zurückgekehrten Diplomaten gehört habt. Damit schlösse sich D’Hara den Midlands an, wodurch eine ungeheure Macht entstünde. Wir harren voller Respekt ihrer Angebote.
Heute abend jedoch werden wir uns anhören, was die Imperiale Ordnung uns mitzuteilen wünscht. Kaiser Jagang hat einen Abgesandten aus der Alten Welt jenseits des Tales der Verlorenen geschickt, das jetzt, zum ersten Mal seit Jahrtausenden, wieder für die Durchreise geöffnet wurde.« Bertrand streckte seine Hand aus. »Darf ich Euch den Fürsprecher des Kaisers vorstellen, Meister Stein.«
Die Menschen spendeten höflich Beifall, der jedoch erstarb, als Stein, eine eindrucksvolle, furchteinflößende und faszinierende Gestalt, sich erhob. Er hakte seine Daumen hinter seinen leeren Waffengurt.
»Wir sind in einen Kampf um unsere Zukunft verwickelt, der ganz jener Auseinandersetzung ähnelt, deren Zeuge Ihr soeben wart, wenn auch in weitaus größerem Maßstab.«
Stein nahm einen kleinen Laib harten Brotes in die Hand. Er zerdrückte ihn zwischen seinen riesigen Händen, bis er zerbröckelte. »Wir, die Rasse der Menschheit, und das schließt auch das redliche Volk der Anderier ein, werden langsam zerdrückt. Man wirft uns Prügel zwischen die Beine. Man nimmt uns die Luft zum Atmen. Man versagt uns unsere Bestimmung, man enthält uns unsere Zukunft vor, das Leben selbst.
So wie es bei Euch Männer ohne Arbeit gibt, weil eigennützige Gilden über das Leben anderer herrschen, ihnen Arbeit verweigern und damit die Ernährung ihrer Kinder, so herrscht bei uns über alles die Magie.«
Im Saal entstand ein Summen, als sich allgemeines Getuschel erhob. Die Menschen waren verwirrt und ein kleines bißchen besorgt. Manch einer verabscheute Magie, viele aber respektierten sie.
»Magie nimmt Euch die Entscheidung über Euer Schicksal ab«, fuhr Stein fort. »Die, die Magie besitzen, herrschen über Euch, ohne daß Ihr dem aus freien Stücken zugestimmt hättet. Sie besitzen die Macht und halten Euch in ihrem Griff. Die, die Magie besitzen, sprechen Banne aus, um denen zu schaden, die ihren Neid geweckt haben. Die, die Magie besitzen, fügen unschuldigen Menschen Leid zu, vor denen sie sich fürchten, die ihnen mißfallen, die sie beneiden, oder ganz einfach, um die Massen in Schach zu halten. Die, die Magie besitzen, herrschen über Euch, ob Euch das gefällt oder nicht. Der Geist der Menschheit könnte erblühen, gäbe es keine Magie. Es ist an der Zeit, daß gewöhnliche Menschen entscheiden, was geschehen soll, ohne daß die Magie ihren Schatten über diese Entscheidungen und Euer aller Zukunft wirft.«
Stein hielt seinen Übermantel seitlich in die Höhe. »Dies sind die Skalps von Menschen mit der Gabe der Magie. Ich habe jeden einzelnen von ihnen eigenhändig getötet und so jede dieser Hexen daran gehindert, das Leben normaler Menschen zu verbiegen.
Die Menschen sollten den Schöpfer fürchten, nicht irgendeine Hexenmeisterin, irgendeinen Zauberer. Wir sollten den Schöpfer verehren und niemanden sonst.«
Ein erstes Raunen der Zustimmung wurde laut.
»Die Imperiale Ordnung wird der Magie in dieser Welt ebenso ein Ende machen, wie wir die Magie vernichtet haben, die die Menschen in der Alten und der Neuen Welt über Jahrtausende voneinander trennte. Die Imperiale Ordnung wird obsiegen. Der Mensch wird sein Schicksal selber in die Hand nehmen. Auch ohne Euer Zutun werden ständig immer weniger Menschen mit der Gabe geboren, denn selbst der Schöpfer in seiner nahezu grenzenlosen Langmut wird ihrer Schlechtigkeit müde. Die alte Religion der Magie erlischt. Somit hat der Schöpfer selbst dem Menschen ein Zeichen gesetzt, sich von der Magie loszusagen.«
Abermals ging ein zustimmendes Raunen durch den Saal.
»Wir haben nicht die Absicht, gegen das Volk von Anderith zu kämpfen. Auch wollen wir Euch nicht gegen Euren Willen zwingen, zu den Waffen zu greifen und Euch uns anzuschließen. Aber wir sind fest entschlossen, die von diesem Bastard aus D’Hara angeführten Streitmächte der Magie zu vernichten. Wer immer sich ihm anschließt, wird durch unsere Klinge fallen, genau wie die mit Magie« – bei diesen Worten hielt er erneut seinen Übermantel in die Höhe – »durch meine Klinge gefallen sind.«
Sein Finger glitt langsam über die Menge hinweg, während er mit der anderen Hand weiterhin seinen Übermantel hochhielt. »So wie ich diese mit der Gabe gesegneten Hexen getötet habe, die mich angegriffen haben, so werden wir jeden töten, der sich uns entgegenstellt. Darüber hinaus verfügen wir noch über andere, wirksamere Mittel als die Klinge, um der Magie ein Ende zu bereiten. So wie wir die Magie gestürzt haben, die uns voneinander trennte, so werden wir auch der Magie insgesamt ein Ende machen. Das Zeitalter des Menschen steht uns bevor.«
Der Minister hob beiläufig eine Hand. »Und was verlangt die Imperiale Ordnung nun von uns, wenn nicht die Schwerter unserer mächtigen Armee?«
»Ihr habt Kaiser Jagangs Wort. Solltet Ihr Euch den Streitkräften nicht anschließen, die gegen die, die Magie besitzen, kämpfen, werden wir Euch nicht angreifen. Wir haben keinen anderen Wunsch, als mit Euch Handel zu treiben, so wie Ihr mit anderen Völkern Handel treibt.«
»Tja«, meinte der Minister, für die Menge den Part des Skeptikers übernehmend, »wir haben bereits Abmachungen getroffen, einen großen Teil unserer Waren den Midlands zu überlassen.«
Stein lächelte. »Wir zahlen das Doppelte des höchsten Preises, den irgend jemand sonst bietet.«
Der Herrscher hob seine Hand und brachte damit sogar das Tuscheln zum Verstummen. »In welchem Umfang wärt Ihr am Kauf der Erzeugnisse Anderiths interessiert?«
Steins Blick wanderte über die Menge. »In vollem Umfang. Wir sind eine gewaltige Streitmacht. Ihr braucht die Klingen nicht zu heben, um in diesem Krieg zu kämpfen, das Kämpfen übernehmen wir, aber wenn Ihr uns Eure Güter überlaßt, werdet Ihr in Sicherheit sein, und Euer Land wird reicher werden, als Ihr Euch dies je erhofft oder erträumt habt.«
Der Herrscher erhob sich und blickte prüfend in den Saal. »Ich danke Euch für die Worte des Kaisers, Meister Stein. Wir werden gewiß noch weitere Einzelheiten hören wollen. Fürs erste jedoch haben Eure Worte uns eine Menge zum Nachdenken gegeben.« Seine Hand strich über die Menge hinweg. »Das Fest möge weitergehen.«
23
Snip plagten entsetzliche Kopfschmerzen; das frühmorgendliche Licht schmerzte ihm in den Augen. Obwohl er ein kleines Stück Ingwer lutschte, gelang es ihm nicht, den üblen, säuerlichen Geschmack ganz hinten in seinem Hals loszuwerden. Vermutlich stammten die Kopfschmerzen und der fürchterliche Geschmack von den Unmengen an Wein und Rum, die Morley und er sich gegönnt hatten. Trotzdem war er guter Dinge und schrubbte die schmutzverkrusteten Töpfe mit einem Lächeln auf den Lippen.
Er bewegte sich gemächlich und versuchte zu verhindern, daß das Gefühl in seinem Kopf sich noch verschlimmerte, trotzdem verkniff es sich Meister Drummond, ihn anzubrüllen. Der kräftige, dicke Mann schien erleichtert, daß das Fest vorüber war und alle wieder ihren üblichen Küchenarbeiten nachgehen konnten. Der Küchenmeister hatte ihn eine Reihe von Dinge besorgen lassen, ohne ihn jedoch ein einziges Mal ›Schnapp‹ zu rufen.