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»Woher weißt du, daß er der Grund ist?«

Auf seine Frage kniff sie zweimal fassungslos die Augen zusammen. »Aber … was könnte sonst der Grund sein? Er behauptet, Magie ausschalten zu können. Seit ein paar Tagen erst ist er hier, und seitdem habe ich diese Schwierigkeiten.«

»Hattest du auch mit anderen Dingen Schwierigkeiten? Mit anderen Erscheinungsformen deiner Gabe?«

Sie wandte sich händeringend ab. »Vor ein paar Tagen sprach ich einen kleinen Bann für eine Frau, die mich aufgesucht hatte, einen kleinen Bann, der ihr den Fluß des Mondblutes zurückbringen und ihre Schwangerschaft beenden sollte. Heute morgen kam sie wieder zu mir und behauptete, es habe nicht funktioniert.«

»Nun, dabei handelt es sich zweifellos um einen komplizierten Zauber. Dabei spielt vieles eine Rolle. Vermutlich können derartige Dinge gar nicht immer funktionieren.«

Sie schüttelte den Kopf. »Vorher hat es immer funktioniert.«

»Vielleicht bist du krank. Fühlst du dich in letzter Zeit anders als sonst?«

»Ich fühle mich genau wie immer, spüre meine Kraft so stark wie eh und je. So sollte es auch sein, nur ist sie es nicht. Andere Zauberformeln haben ebenfalls versagt – ich würde das nie auf sich beruhen lassen, ohne es zu prüfen, und zwar gründlich.«

Dalton beugte sich besorgt zu ihr hinüber. »Franca, ich kenne mich mit diesen Dingen nicht gut aus, aber möglicherweise hat einiges davon mit deinem Selbstvertrauen zu tun. Vielleicht mußt du einfach nur glauben, daß du es kannst, damit es wieder funktioniert.«

Sie warf einen wütenden Blick über ihre Schulter. »Woher hast du nur diese einfältige Vorstellung von der Gabe?«

»Keine Ahnung.« Dalton zuckte mit den Achseln. »Ich gestehe, ich weiß nicht viel über Magie, aber ich glaube wirklich nicht, daß Stein die Gabe besitzt – oder über irgendeine andere Form von Magie verfügt. Dafür ist er einfach nicht der Typ. Außerdem ist er heute nicht einmal hier. Er wäre gar nicht in der Lage, deine Fähigkeit, diesen Leuten dort unten zuzuhören, zu stören. Er ist zu einem Rundritt durch die nähere Umgebung aufgebrochen und bereits seit Stunden fort.«

Franca wirkte sowohl beängstigend als auch verängstigt; die Gleichzeitigkeit dieser grundverschiedenen Züge bereitete ihm eine Gänsehaut.

»Dann, so fürchte ich«, hauchte sie, »habe ich schlicht meine Gabe verloren. Ich bin hilflos.«

»Franca, ich bin sicher…«

Sie benetzte sich die Lippen. »Du hast Serin Rajak in Ketten legen lassen, hab ich recht? Ich möchte mir nur ungern ausmalen, wie er oder seine wahnsinnigen Anhänger…«

»Ich habe es dir bereits erklärt, ja, wir haben ihn in Ketten gelegt, und ich weiß nicht einmal genau, ob er noch lebt. Nach all dieser Zeit möchte ich das bezweifeln, aber wie auch immer, es besteht nicht der geringste Grund, sich wegen Serin Rajak Sorgen zu machen.«

Sie nickte, den Blick starr in die Ferne gerichtet.

Er berührte ihren Arm. »Deine Kraft wird ganz bestimmt zurückkehren, Franca. Versuch dich nicht übermäßig zu beunruhigen.«

Ihr kamen die Tränen. »Ich habe schreckliche Angst, Dalton.«

Behutsam nahm er die weinende Frau in seine tröstenden Arme. Schließlich war sie nicht nur eine gefährliche Frau, die über die Gabe verfügte, sondern auch eine Freundin.

Der Text des Liedes beim Fest kam ihm in den Sinn.

Sie verlangen den Preis als grimmige Boten des verwunschenen Zaubers, der zum Dieb sie macht.

25

Roberta legte den Kopf in den Nacken und reckte den Hals vor, um den Blick, vorsichtig über den Rand der nahen Klippe hinwegspähend, über die fruchtbaren Felder ihres geliebten Nareeftales tief unten schweifen zu lassen. Frisch gepflügte Felder von dunkler, sattbrauner Farbe wechselten sich mit atemberaubenden, leuchtend grünen Flächen frisch ausgesäter Feldfrüchte und den dunkleren grünen Weideflächen ab, auf denen wie bedächtige, winzige Ameisen wirkendes Vieh das zarte, junge Gras abweidete. Durch all dies mäanderte, im frühmorgendlichen Licht der Sonne glitzernd, der Fluß Dammar, auf seinem Weg begleitet von einer Reihe dunkelgrüner Bäume, die extra angetreten zu sein schienen, um sich die prächtige Parade des Flusses anzuschauen.

Wann immer sie in die Wälder nahe der Nistklippe hinaufstieg, gönnte sie sich diesen Blick aus der Ferne, nur um das hübsche Tal unter ihr in Augenschein nehmen zu können. Nach diesem kurzen Ausblick richtete sie den Blick stets auf den schattigen Waldboden zu ihren Füßen, auf das herumliegende Laub und die moosbewachsenen Stellen zwischen den versprengten, sonnenbeschienenen Flecken, wo der Untergrund fest war und ihr Sicherheit gab.

Roberta verschob den über die Schulter geschlungenen Sack und setzte ihren Weg fort. Geschickt manövrierte sie über die unbewachsenen Stellen zwischen den Heidelbeer- und Weißdornsträuchern, trat auf Steine, die wie Inseln inmitten dunkler Spalten und Löcher lagen, und tauchte unter niedrigen Fichtenzweigen und Erlenästen hindurch, schlug auf der Suche – stets auf der Suche – mit ihrem Spazierstock hier einen Farn, dort einen niedrigen, wuchernden Balsamast zur Seite, während sie unablässig weiterging.

Sie erspähte einen vasenförmigen, gelben Hut und bückte sich, um ihn in Augenschein zu nehmen. Ein Pfifferling, wie sie zu ihrer Freude bemerkte, und kein giftiger Elmsfeuerpilz. Die meisten Menschen schätzten den gelben Pfifferling wegen seines nussigen Geschmacks. Sie umfaßte den Stiel mit einem Finger und pflückte ihn heraus. Bevor sie ihren Fund in den Sack steckte, strich sie, allein wegen des angenehm weichen Gefühls, mit dem Daumen über die federsanften Lamellen.

Verglichen mit all den anderen, die ringsum in die Höhe ragten, war der Berg, auf dem sie nach ihren Pilzen suchte, eher klein und – abgesehen von der Nistklippe – angenehm gerundet, mit Pfaden, die, manchmal von Menschen, meist aber von Tieren gemacht, die sanften, bewaldeten Hänge einander kreuzend überzogen. Es war die Art von Wald, die ihren alt werdenden Muskeln und den zunehmend schmerzenden Knochen zupaß kam.

Es hieß, von vielen der höheren Berge aus könne man das weit südlich gelegene Meer erkennen. Sie hatte schon oft gehört, es sei ein begeisternder Anblick. Viele kletterten alle ein, zwei Jahre dort hinauf, um die Herrlichkeit des Schöpfers an seinem Werk in Augenschein zu nehmen.

Einige dieser Pfade führten den Benutzer an den schroffen Rändern der Klippen und Geröllhänge entlang. Manch einer hütete sogar Ziegen- oder Schafherden auf diesen steilen, felsigen Hängen. Doch abgesehen von einer Wanderung als kleines Kind, als ihr Vater, möge seine Seele ruhen, sie – aus welchem Grund, war ihr entfallen – bis nach Fairfield mitgenommen hatte, war sie nie dort oben gewesen. Roberta gab sich damit zufrieden, in der Nähe des Schwemmlandes zu bleiben. Im Gegensatz zu vielen anderen stieg Roberta nie in die höheren Berge hinauf, denn große Höhen machten ihr Angst.

Weiter bergauf, im Hochland, gab es noch erheblich üblere Orte, so zum Beispiel das hoch oben gelegene Ödland, in dem die Kriegervögel nisteten.

In dieser trostlosen, unbewohnten Gegend existierte nichts außer den im giftigen Sumpfwasser gedeihenden Pakapflanzen, weder ein Grashalm noch der Schößling irgendeines verkrüppelten Gestrüpps. Auch sonst gab es dort oben nichts, wie sie hatte berichten hören, nur die endlose Weite düsteren, steinigen, sandigen Bodens sowie ein paar ausgebleichte Knochen. Es sei eine fremde Welt, berichteten jene, die es mit eigenen Augen gesehen hatten, lautlos bis auf den Wind, der den dunklen, sandigen Staub zu Hügeln schichtete, die mit der Zeit ihre Lage änderten, immer in Bewegung, als seien sie auf der Suche nach etwas, ohne es jemals zu finden.

Die tieferliegenden Berge – wie jene, auf denen sie nach Pilzen suchte – waren wundervolle, üppig bewachsene Orte, größtenteils runder und sanfter und bis auf die Nistklippe längst nicht so steil und felsig. Sie mochte es, wenn alles voller Bäume und Tiere war und alle möglichen Pflanzen gediehen. Die Wildwechsel, nach denen sie Ausschau hielt, blieben den schroffen Kanten, die ihr nicht behagten, fern und kamen der Nistklippe, wie sie genannt wurde, weil dort gern Falken nisteten, niemals wirklich nahe. Sie liebte die tiefen Wälder, in denen ihre Pilze wuchsen.