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Die abziehenden Gewitterwolken waren erst kurz vor dem Morgendämmern endlich nach Osten weitergezogen und hatten den Regen mitgenommen, der ihnen während ihres Aufenthaltes bei den Schlammenschen so sehr zu schaffen gemacht hatte. Es war ihr erster Reisetag und ihre erste erbärmlich kalte Nacht ohne ein Lagerfeuer gewesen. Im Regen unterwegs zu sein war überaus unangenehm. Die drei waren, so kurz nach Abzug des Regens, noch immer gereizt.

Wie er, war auch Kahlan besorgt um Zedd und Ann, zudem beunruhigte es sie, was der Lauer als nächstes anstellen würde. Außerdem war es frustrierend, eine langwierige Reise unternehmen zu müssen, wenn sie es so eilig hatten und die Angelegenheit so wichtig war, statt kurzerhand in der Sliph nach Aydindril zurückzukehren.

Richard wäre um ein Haar bereit gewesen, das Risiko einzugehen. Um ein Haar.

Cara dagegen schien eine ganz andere Sorge zu beschäftigen. Sie war so übellaunig wie eine im Sack gefangene Katze. Er verspürte nicht das geringste Bedürfnis, hineinzugreifen und sich zerfleischen zu lassen. Wenn es wirklich wichtig war, davon ging er aus, würde sie es ihnen schon erklären.

Außerdem machte Richard der Umstand zu schaffen, daß er jetzt, da es Ärger zu geben schien, sein Schwert nicht bei sich trug. Er befürchtete, der Lauer könnte versuchen, Kahlan etwas anzutun, jetzt, da er sie nicht beschützen konnte. Auch ohne den durch die Schwestern der Finsternis ausgelösten Ärger drohten einem Konfessor eine Menge ganz gewöhnlicher Gefahren, darüber hinaus gab es eine ganze Reihe von Personen, die ihre Hilflosigkeit nur zu gerne ausnutzen würden, um alte Rechnungen zu begleichen.

Jetzt, da der Bann die Magie zerfraß, würde ihre Konfessorenkraft früher oder später dahingeschwunden sein, und sie würde auf ihren Schutz verzichten müssen. Er mußte sie unbedingt beschützen können, doch ohne sein Schwert befürchtete er, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein.

Jedesmal, wenn er nach seinem Schwert griff und es nicht da war, empfand er ein Gefühl der Leere, das er nicht in Worte zu kleiden vermochte. Ihm war, als fehlte ein Stück von ihm selbst.

Richard war allerdings auch noch aus einem anderen Grund wegen ihrer Reise nach Aydindril unbehaglich zumute. Irgend etwas schien daran verkehrt zu sein. Er versuchte es mit der Sorge um Zedd zu erklären, den er in geschwächtem und verletzbarem Zustand zurückgelassen hatte. Zedd hatte ihm jedoch zu verstehen gegeben, er habe keine andere Wahl.

Bis zu dem Augenblick, da er den Fremden erblickt hatte, schien ihr zweiter Tag sonnig, trocken und insgesamt angenehmer zu werden. Richard setzte die Bogensehne leicht unter Spannung. Seit ihrer Begegnung mit dem Hühnerwesen und weil mittlerweile so viel auf dem Spiel stand, hatte er nicht die Absicht, jemanden in ihre Nähe zu lassen, solange er nicht fest davon überzeugt war, daß es sich um einen Freund handelte.

Richard runzelte die Stirn und sah zu Kahlan hinüber. »Weißt du was, wenn ich mich recht erinnere, hat mir meine Mutter mal eine Geschichte über eine Katze namens ›Lauer‹ erzählt.«

Eine Hand im Haar, damit es ihr nicht über das Gesicht geweht wurde, erwiderte sie seinen nachdenklichen Blick. »Eigenartig. Bist du ganz sicher?«

»Das nicht. Sie starb, als ich noch klein war. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich mich tatsächlich erinnere oder ob ich mir nur einrede, mich zu erinnern.«

»Und woran glaubst du dich noch zu erinnern?« wollte Kahlan wissen.

Richard überdehnte die Bogensehne, um sie zu prüfen, ließ dann die Spannung wieder ein Stück nach. »Ich glaube, ich war gestürzt und hatte mir die Knie oder irgend etwas aufgeschürft, und sie wollte mich zum Lachen bringen – du weißt schon, damit ich vergesse, daß ich mir weh getan hatte. Ich glaube, sie hat mir nur dieses eine Mal erzählt, ihre Mutter habe ihr, als sie noch klein war, von einer Katze erzählt, die ständig auf der Lauer gelegen, sich auf alles mögliche gestürzt und sich so den Namen ›Lauer‹ eingehandelt habe. Ich schwöre, ich weiß noch genau, wie sie lachend fragte, ob ich nicht fände, das sei ein komischer Name.«

»Ja, wirklich sehr komisch.« Cara ließ keinen Zweifel daran, daß sie ganz anderer Ansicht war.

Sie schob die Pfeilspitze mitsamt Bogen mit einem Finger in die Richtung jener Gefahr, die er ihrer Ansicht nach offenkundig vernachlässigte.

»Wie kommst du gerade jetzt darauf?« fragte Kahlan.

Richard deutete mit dem Kinn auf den nahenden Mann. »Ich dachte gerade darüber nach, daß dort draußen ein Mann herumläuft – du weißt schon, ich war mit dem Gedanken beschäftigt, welche Gefahren sonst noch dort lauern könnten.«

»Und während Ihr so über die Gefahren nachdachtet, die dort lauern«, meinte Cara, »habt Ihr gleich auch beschlossen, einfach stehenzubleiben und abzuwarten, bis sie über Euch herfallen, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt?«

Richard ignorierte Cara und deutete mit einer Kopfbewegung auf den Mann. »Jetzt müßtest du ihn auch erkennen.«

»Nein, ich kann immer noch nicht sehen, wo du … Augenblick…« Die Hand an der Stirn, stellte sich Kahlan auf die Zehenspitzen, als könnte sie dadurch besser sehen. »Da ist er. Jetzt sehe ich ihn.«

»Ich denke, wir sollten uns im Gras verstecken und uns dann auf ihn werfen«, meinte Cara.

»Er hat uns im selben Augenblick gesehen wie wir ihn«, widersprach Richard. »Er weiß, daß wir hier sind. Wir können ihn nicht mehr überraschen.«

»Wenigstens ist es nur einer.« Cara gähnte. »Er wird uns keine Schwierigkeiten machen.«

Cara hatte die mittlere Wache übernommen und ihn bei seinem Wachantritt nicht so früh geweckt, wie sie eigentlich sollte, sondern hatte ihn mindestens eine Stunde länger schlafen lassen. Der mittleren Wache stand üblicherweise ohnehin weniger Schlaf zu.

Richard blickte wieder über seine Schulter. »Du siehst vielleicht nur einen, es sind aber eine ganze Reihe mehr. Mindestens ein Dutzend.«

Kahlan legte ihre Hand wieder an die Stirn, um ihre Augen zu schützen. »Ich kann sonst niemanden erkennen.« Sie sah sich nach den Seiten und nach hinten um. »Ich sehe bloß den einen. Bist du sicher?«

»Ja. Als ich ihn sah und er mich, hat er sofort die anderen zurückgelassen und sich uns allein genähert. Sie warten noch immer.«

Cara nahm ein Bündel vom Boden auf. Sie stieß erst Kahlan gegen die Schulter, dann Richard. »Gehen wir. Wir können sie abhängen, bis wir außer Sicht sind, und uns dann verstecken. Wenn sie uns verfolgen, werden wir sie überrumpeln und der Jagd ein schnelles Ende machen.«

Richard erwiderte den Schubs. »Vielleicht beruhigt Ihr Euch endlich? Er kommt allein, weil er keine Pfeile auf sich ziehen möchte. Wollte er uns angreifen, hätte er all seine Männer auf einmal mitgebracht. Wir werden hier warten.«

Cara verschränkte die Arme und preßte ihre Lippen leicht vergrätzt aufeinander. Sie schien in ihrer Rolle als Beschützerin nicht ganz sie selbst zu sein. Ob sie gewillt war, ihm davon zu erzählen oder nicht, sie würden sich mit ihr unterhalten und herausfinden müssen, was sie auf dem Herzen hatte. Vielleicht hatte Kahlan dabei eine glückliche Hand.

Der Mann hob seine Arme und winkte ihnen freundlich zu.

Auf einmal erkannte Richard ihn. Er ließ die Bogensehne los und erwiderte den Gruß.

»Es ist Chandalen.«

Kurz darauf winkte auch Kahlan. »Du hast recht, es ist Chandalen.«

Richard steckte den Pfeil in den Köcher an seinem Gürtel zurück. »Ich frage mich, was er da draußen macht.«

»Du warst noch mit der Untersuchung der Hühner in den Gebäuden beschäftigt«, erklärte Kahlan, »als er aufbrach, um nach einigen seiner Männer zu sehen, die sich auf einem ausgedehnten Patrouillengang befanden. Er sagte, sie seien auf einige schwer bewaffnete Leuten gestoßen. Er war besorgt deswegen.«