Nickend beobachtete Richard, wie Chandalen näher kam. Ihm fiel auf, daß er bis auf ein im Gürtel steckendes Messer keinerlei Waffen mitgebracht hatte. Wie es Brauch war, lächelte er nicht, als er trabend bei ihnen anlangte. Schlammenschen lächelten gewöhnlich erst nach dem Austausch der gebührenden Begrüßungen, selbst wenn sie draußen auf der Ebene auf Freunde stießen.
Mit grimmiger Miene gab Chandalen Richard, Kahlan und Cara rasch eine Ohrfeige. Obwohl er den größten Teil der Strecke gerannt war, schien er kaum außer Atem zu sein, als er sie mit ihren Titeln begrüßte.
»Kraft der Mutter Konfessor. Kraft Richard mit dem Zorn.« Seiner an Cara gerichteten Begrüßung fügte er ein leichtes Senken des Kopfes hinzu. Sie war eine Beschützerin, genau wie er. Alle drei erwiderten die Ohrfeige und wünschten ihm Kraft.
»Wohin wollt ihr?« fragte Chandalen.
»Es gibt Ärger«, meinte Richard, während er ihm den Wasserschlauch reichte. »Wir müssen zurück nach Aydindril.«
Chandalen nahm den Wasserschlauch mit einem besorgten Brummen entgegen. »Das Huhn, das keines ist?«
»In gewisser Weise, ja«, erklärte ihm Kahlan. »Wie sich herausstellte, handelt es sich um einen von den Schwestern der Finsternis – die von Jagang festgehalten werden – heraufbeschworenen Zauber.«
»Lord Rahl hat das Huhn, das keines ist, mit seiner Magie vernichtet«, warf Cara ein.
Chandalen, sichtlich erleichtert über ihre Information, trank einen ordentlichen Schluck Wasser. »Warum müßt ihr dann nach Aydindril?«
Richard stützte das eine Bogenende auf der Erde ab und umfaßte das andere mit der Hand. »Der Bann, den die Schwestern ausgesprochen haben, bringt jeden und alles in Gefahr, das Magie besitzt. Er schwächt Zedd und Ann. Sie sind in deinem Dorf zurückgeblieben und warten. Wir hoffen, in Aydindril eine Magie freisetzen zu können, die den Schwestern der Finsternis entgegenwirkt, anschließend sollte Zedd kräftig genug sein, alles wieder in Ordnung zu bringen.«
»Die Magie der Schwestern hat dieses Hühnerwesen geschaffen, das Juni getötet hat. Bis zu unserer Ankunft in Aydindril ist niemand sicher.«
Chandalen hörte aufmerksam zu, schließlich steckte er den Stöpsel wieder auf den Wasserschlauch und gab ihn zurück.
»Dann müßt ihr bald aufbrechen und das tun, was nur ihr tun könnt.« Er warf einen suchenden Blick über die Schulter. Jetzt, da Chandalen sich zu erkennen gegeben hatte, kamen auch die anderen näher. »Aber meine Männer sind auf Fremde gestoßen, die euch unbedingt noch vorher sprechen müssen.«
Richard streifte seinen Bogen wieder über die Schulter und spähte in die Ferne. Er vermochte die Leute nicht zu erkennen.
»Und, wer sind nun diese Leute?«
Chandalen wagte einen verstohlenen Blick auf Kahlan, bevor er Richard antwortete. »Es gibt bei uns ein altes Sprichwort: ›Am besten hält man in der Nähe des Kochs den Mund, sonst endet man noch zusammen mit dem Huhn im Topf, das das Gemüse fürs Abendessen aufgefressen hat‹.« Richard wußte beim besten Willen nicht wieso, aber er glaubte die Redewendung zu verstehen – so seltsam sie auch klingen mochte. Vielleicht, dachte er, handelte es sich um eine ungenaue Übersetzung.
Die näherkommenden Personen waren nicht mehr weit entfernt. Chandalen, der hatte erleben müssen, wie einer seiner treuen Jäger von dem Lauer getötet worden war, wollte bestimmt, daß Richard und Kahlan alles in ihrer Macht Stehende taten, um dem Feind Einhalt zu gebieten. Er würde nicht ohne triftigen Grund darauf bestehen, daß sie ihre Reise hinauszögerten.
»Gehen wir ihnen entgegen, wenn es ihnen so wichtig ist, mit uns zu sprechen.«
Chandalen packte Richards Arm. »Sie wollen nur dich sprechen.
Vielleicht willst du allein gehen? Anschließend könntet ihr sofort aufbrechen.«
»Warum sollte Richard allein gehen wollen?« fragte Kahlan mit wachsendem Argwohn in der Stimme. Sie setzte etwas in der Sprache der Schlammenschen hinzu, das Richard nicht verstand.
Chandalen zeigte ihr seine leeren Hände, als ob er sagen wollte, er sei unbewaffnet und habe nicht die Absicht zu kämpfen. Aus irgendeinem Grund schien er mit dem, was sich hier abspielte, nichts zu tun haben zu wollen.
»Vielleicht sollte ich…« Richard schloß den Mund sofort wieder, als ihn Kahlans argwöhnisch funkelnder Blick traf. Er räusperte sich.
»Ich wollte sagen, wir haben keinerlei Geheimnisse voreinander.« Richard nahm seine Ausrüstung vom Boden auf. »Kahlan ist stets willkommen, mich zu begleiten. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Gehen wir.«
Chandalen nickte und machte kehrt, um sie ihrem Schicksal entgegenzuführen. Richard glaubte zu sehen, wie der Mann die Augen verdrehte, als wollte er sagen: »Und behaupte nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
Richard vermochte zehn von Chandalens Jägern zu erkennen, die den sieben ihnen entgegenkommenden Reisenden folgten, während drei weitere Jäger ein Stück weit entfernt die Flanken sicherten und die Fremden auf diese Weise umzingelten, ohne übermäßig bedrohlich zu wirken. Die Jäger der Schlammenschen schienen die Fremden lediglich zu begleiten und zu führen, doch Richard wußte, sie waren bereit, auf das geringste Anzeichen von Feindseligkeit hin anzugreifen. Bewaffnete Außenstehende auf dem Gebiet der Schlammenschen waren wie Zunder kurz vor einem Gewitter.
Richard hoffte, daß auch dieses Unwetter abziehen und einen blauen Himmel zurücklassen würde. Kahlan, Cara und Richard eilten hinter Chandalen durch das feuchte, junge Gras.
Chandalens Männer bildeten die erste Verteidigungslinie der Schlammenschen. Daß fast jeder einen weiten Bogen um das Gebiet der Schlammenschen machte, sprach für ihre Erbarmungslosigkeit im Kampf.
Und doch riefen Chandalens geschickte und tödliche Jäger, die gegenwärtig zu einer Eskorte geworden waren, bei den sechs Männern in ihrer weiten Flachskleidung nicht mehr als eine gleichgültige Unbekümmertheit hervor. Irgend etwas an dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, daß sie umzingelt waren, forderte Richards Erinnerungsvermögen heraus.
Als die näherkommende Gruppe so nahe war, daß Richard sie mit einem Schlag erkannte, hielt er kurz inne.
Ein paar Augenblicke lang mußte er ganz genau hinsehen, bis er glauben konnte, was er sah. Endlich verstand er die furchtlose Unbekümmertheit, die sie Chandalens Männern entgegenbrachten. Er konnte sich nicht vorstellen, was diese Männer so fern ihrer Heimat machten.
Die Männer waren alle auf dieselbe Weise gekleidet und trugen dieselben Waffen. Obwohl Richard nur einen mit Namen kannte, waren sie ihm alle bekannt. Diese Leute hatten sich einem Ziel verschrieben, das vor Jahrtausenden von ihren Gesetzgebern – den Zauberern im Großen Krieg, die ihre Heimat eingenommen und das Tal der Verlorenen geschaffen hatten, um die Neue Welt von der Alten zu trennen – festgelegt worden war.
Ihre schwarzgriffigen Schwerter mit ihren typisch gekrümmten, zu den abgeschrägten Spitzen hin breiter werdenden Klingen blieben in den Scheiden stecken. An einem Ring am Schwertknauf eines jeden Mannes war eine Schnur befestigt; deren anderes Ende führte, als Vorsichtsmaßnahme gegen das Verlieren der Schwerter im Kampf, in einer Schlaufe um den Hals des Schwertkämpfers. Zusätzlich führte jeder der sechs Speere und einen kleinen, runden schmucklosen Schild mit. Richard hatte bereits gleichermaßen gekleidete und bewaffnete Frauen gesehen, die sich denselben Zielen verschrieben hatten, diesmal jedoch handelte es sich ausschließlich um Männer.
Für diese Männer war das Üben mit dem Schwert eine Kunst. Hatten sie tagsüber nicht die nötige Zeit gefunden, praktizierten sie diese Kunst bei Mondschein. Der Umgang mit den Schwertern kam einer religiösen Andacht gleich, der sie mit geradezu frommer Hingabe nachgingen. Diese Männer waren Meister der Klinge.