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Die siebte, eine Frau, war anders gekleidet und nicht bewaffnet – zumindest nicht im üblichen Sinn.

Richard war nicht besonders gut darin, diese Dinge nach dem Augenschein einzuschätzen, ein kurzes Nachrechnen ergab jedoch, daß sie mindestens im sechsten Monat schwanger sein mußte.

Ein dichter Schopf schwarzen Haars umrahmte ihr wunderschönes Gesicht, und ihr Auftreten verlieh ihrem Gesichtsausdruck, besonders ihren dunklen Augen, eine gewisse Gereiztheit. Im Gegensatz zu den weiten Männerkleidern aus schlichtem Tuch trug sie ein knielanges Kleid aus fein gewobenem, in einem satten Erdton gefärbten Flachs, der an der Taille von einem Wildledergürtel gerafft wurde. Die Gürtelenden waren mit grob geschliffenen Edelsteinen verziert.

An den Außenseiten der Arme und quer über den Schultern wies das Kleid eine Reihe von kleinen, verschiedenfarbigen Stoffstreifen auf. Jeder von ihnen war durch ein unter einem gestreiften Band befindliches Loch geknotet und, wie Richard wußte, von einem Bittsteller dort festgebunden worden.

Es handelte sich um ein Gebetskleid. Jeder einzelne der kleinen, bunten Stoffstreifen sollte, wenn er im Wind flatterte, ein Gebet an die Guten Seelen schicken. Das Kleid durfte ausschließlich von der Seelenfrau getragen werden.

Richard gingen die unterschiedlichsten Gründe durch den Kopf, warum diese Menschen sich so weit von ihrer Heimat entfernt haben mochten. Es fiel ihm kaum ein angenehmer ein, und viele, die höchst unerfreulich waren.

Richard war stehengeblieben. Kahlan stand wartend links von ihm, Cara rechts und Chandalen wiederum rechts neben ihr.

Alle anderen ignorierend, legten die Männer in den weiten Gewändern ihre Speere neben sich auf dem Boden ab und knieten vor Richard nieder. Sie beugten sich nach vorn, berührten mit der Stirn den Boden und verharrten in dieser Stellung.

Die Frau musterte ihn schweigend. In ihren dunklen Augen war jene Zeitlosigkeit zu erkennen, die Richard schon oft bei anderen aufgefallen war; unter anderem bei Schwester Verna, bei der Hexe Shota, bei Ann und Kahlan. An diesem zeitlosen Blick erkannte man die Gabe.

Während sie Richards Augen mit einem Blick musterte, der eine Weisheit anzudeuten schien, die er nie würde erlangen können, kam der Hauch eines Lächelns über ihre Lippen. Ohne ein Wort sank sie an der Spitze ihrer sechs Begleiter auf die Knie. Sie berührte den Erdboden mit der Stirn und küßte dann die Spitze seines Stiefels.

»Caharin«, hauchte sie ergeben.

Richard langte nach unten, zog sie an der Schulter ihres Kleides hoch und drängte sie aufzustehen.

»Du Chaillu, es erfreut mein Herz, zu sehen, daß du wohlauf bist, aber was tust du hier?«

Sie erhob sich, während das bedrohlich berückende Lächeln auf ihrem Gesicht immer breiter wurde.

»Ich bin selbstverständlich gekommen, um dich zu sehen, Richard, Sucher, Caharin und Gemahl.«

27

»Gemahl?« hörte Richard Kahlan im Tonfall wachsender Besorgnis wiederholen.

Ihm stockte der Atem. Der Schock der Überraschung fuhr ihm mit einem derartigen Ruck in die Glieder, daß es ihn fast von den Beinen riß. Unvermittelt kehrte die Erinnerung an Du Chaillus Erzählung über das alte Gesetz ihres Volkes zurück. Die schauderhaften Folgerungen ließen ihn unsicher wanken.

Damals hatte er ihre hartnäckigen Beteuerungen als unsinnige Überzeugungen oder vielleicht als Mißverständnis über ihre Vergangenheit abgetan; jetzt war dieses alte Gespenst unerwartet zurückgekehrt und verfolgte ihn.

»Gemahl?« wiederholte Kahlan, ein wenig lauter diesmal, mit mehr Nachdruck.

Du Chaillus dunkle Augen wandten sich Kahlan zu, als sei es ihr lästig, den Blick von Richard abzuwenden. »Sehr richtig. Gemahl. Ich bin Du Chaillu, Weib des Caharin, Gemahlin von Richard, dem Sucher.« Du Chaillu strich mit der Hand über ihren ausgeprägten Bauch. »Ich trage sein Kind.«

»Überlaß das mir, Mutter Konfessor«, rief Cara. Die bedrohliche Entschlossenheit in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Diesmal werde ich mich der Angelegenheit annehmen.«

Cara riß Chandalen das Messer aus dem Gürtel und stürzte sich auf die Frau.

Richard war schneller. Blitzartig drehte er sich zu Cara herum und stieß ihr die Fingerspitzen gegen die Brust. Damit bremste er nicht nur ihren Vorwärtsdrang, sondern stieß sie sogar noch drei Schritte weit zurück. Er hatte schon genug Probleme, auch ohne daß sie noch weitere hinzufügte. Er schubste sie drei weitere Schritte zurück, dann noch einmal drei, fort von der Gruppe von Personen.

Richard entwand ihr das Messer. »So, und jetzt hört mir zu. Ihr habt nicht die geringste Ahnung, was es mit dieser Frau auf sich hat.«

»Ich weiß…«

»Ihr wißt gar nichts! Hört zu! Ihr geht immer bis zum Äußersten. Sie ist nicht Nadine. Sie ist ein völlig anderer Fall als Nadine!«

Endlich brach seine stumme Wut aus ihm heraus. Mit einem Aufschrei entfesselten Zorns schleuderte Richard das Messer in den Erdboden. Die Wucht trieb es unter die Grasnarbe und vergrub es vollständig im Erdreich der Ebene.

Kahlan legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Beruhige dich doch, Richard. Was hat das zu bedeuten? Was wird hier gespielt?«

Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Die Zähne fest aufeinandergebissen, sah er sich um und erblickte die noch immer knienden Männer.

»Jiaan, ihr übrigen – erhebt euch von den Knien! Steht auf!«

Die Männer erhoben sich augenblicklich; Du Chaillu wartete geduldig, ohne sich zu rühren. Chandalen und seine Männer traten zurück. Die Schlammenschen hatten ihm den Namen Richard mit dem Zorn gegeben und waren daher nicht überrascht, schienen es aber trotzdem für das beste zu halten, sich ein Stück zurückzuziehen.

Chandalen und seine Männer konnten unmöglich wissen, daß sein Zorn jenem Zauber galt, der einen von ihnen getötet hatte – höchstwahrscheinlich sogar zwei, wie ihm jetzt klar wurde – und sicher noch weitere töten würde.

Kahlan musterte ihn besorgt. »Beruhige dich, Richard, und reiß dich zusammen. Wer sind diese Leute?«

Er schien weder seinen Atem beruhigen zu können noch sein Herz. Weder vermochte er seine geballten Fäuste zu entkrampfen, noch seine rasenden Gedanken zu zähmen. Alles schien ins Wanken geraten zu sein und sich seiner Kontrolle zu entziehen. Längst begraben geglaubte Ängste schienen sich befreit zu haben, neu entflammt zu sein und von ihm Besitz ergreifen zu wollen. Er hätte es früher merken müssen. Er verwünschte sich, weil er es übersehen hatte.

Es mußte doch einen Weg geben, dem ein Ende zu machen. Er mußte nachdenken. Statt sich vor ungeschehenen Dingen zu ängstigen, mußte er sich überlegen, wie man sie verhindern konnte.

Ihm wurde klar, daß das Kind bereits in den Brunnen gefallen war. Jetzt mußte er einen Ausweg suchen.

Kahlan blickte ihm erhobenen Hauptes in die Augen. »Antworte mir, Richard. Wer sind diese Leute?«

Aus Wut und Verzweiflung preßte er sich eine Hand auf die Stirn. »Die Baka Ban Mana. Das bedeutet ›die ohne Meister‹.«

»Wir haben jetzt einen Caharin, wir sind nicht mehr die Baka Ban Mana«, meinte Du Chaillu, die nicht weit entfernt stand. »Jetzt sind wir die Baka Tau Mana.«

Ohne Du Chaillus Erklärung richtig zu begreifen, wandte Kahlan ihre Aufmerksamkeit wieder Richard zu. Mittlerweile hatte ihre Stimme einen rasiermesserscharfen Unterton. »Wieso behauptet sie, du seist ihr Gemahl?«

Er hatte sich gedanklich bereits so weit in eine völlig andere Richtung entfernt, daß er sich einen Augenblick konzentrieren mußte, um Kahlans Frage zu begreifen. Sie schien sich der Folgen nicht bewußt zu sein. Angesichts der sich drohend vor ihnen auftürmenden Zukunft kam Richard Kahlans Frage so belanglos vor, als entstammte sie einer längst vergangenen Zeit.

Er versuchte ihre Besorgnis mit einer ungeduldigen Handbewegung abzutun. »Es ist nicht, wie du denkst, Kahlan.«

Sie benetzte ihre Lippen und atmete tief durch. »Schön.« Sie sah ihn fest aus ihren grünen Augen an. »Warum erklärst du es mir dann nicht einfach?«