»Ich verfüge nicht im üblichen Sinne über die Gabe«, wandte Kahlan ein, »nicht so wie ein Zauberer oder eine Hexenmeisterin – meine Kraft ist anderer Natur –, aber du hast Recht, ich kenne mich mit Magie aus. Als Konfessor mußte ich in vielen der unterschiedlichsten Erscheinungsformen von Magie unterrichtet werden.«
»Dann beantworte mir folgende Frage, angenommen, die Magie verlangt nach einer bestimmten Bedingung. Kann diese Bedingung von einer nicht eindeutig definierten Regel erfüllt werden, ohne daß das darin geforderte Ritual tatsächlich stattfindet?«
»Ja, natürlich. Man nennt das den Spiegeleffekt.«
»Den Spiegeleffekt. Und wie funktioniert das?«
Kahlan wickelte eine lange, nasse Locke um ihren Finger und nahm sich der Frage an. »Angenommen, ein Zimmer hat nur ein einziges Fenster, so daß das Sonnenlicht niemals in eine bestimmte Ecke fällt. Kann man das Sonnenlicht dazu bewegen, in eine Ecke zu leuchten, in die es normalerweise nicht fällt?«
»Da es Spiegeleffekt genannt wird, schätze ich, man benutzt dazu einen Spiegel.«
»Richtig.« Kahlan ließ die Locke los und hob einen Finger. »Obwohl das Sonnenlicht selbst nie in die Ecke hineinscheinen könnte, kann man es dennoch mit Hilfe eines Spiegels an eine Stelle lenken, an die es normalerweise nicht fiele. Magie funktioniert manchmal ganz ähnlich. Selbstverständlich ist Magie erheblich komplizierter, aber so läßt es sich am einfachsten erklären.
Und sei es nur aufgrund eines uralten Gesetzes, das eine längst vergessene Bedingung erfüllt – der Bann kann diese Bedingung dahingehend ablenken, daß sie die verborgenen Voraussetzungen der betreffenden Magie erfüllt. Ganz ähnlich dem Wasser, das sich stets allein seinen Pegel sucht, so sucht auch ein Bann seine Lösung selbst – innerhalb der Gesetze seiner Natur.«
»Das hatte ich befürchtet«, brummte Richard.
Er tippte sich mit dem Grashalm gegen die Zähne und heftete den Blick auf die Blitze, die unheilverkündend in den weit entfernten Wolken zuckten.
»Die betreffende Magie stammt aus der Zeit der uralten Verfügung über den Caharin«, sagte er endlich. »Darin liegt das Problem.«
Kahlan packte seinen Arm und drehte ihn zu sich um. »Aber Zedd meinte…«
»Er hat uns angelogen. Ich bin darauf reingefallen.« Verzweifelt schleuderte Richard den Grashalm von sich. Zedd hatte das Erste Gesetz der Magie angewandt – die Menschen glaubten eine Lüge, entweder weil sie sie für wahr hielten oder weil sie fürchteten, sie könnte wahr sein – und hatte sie in die Irre geführt.
»Ich wollte ihm glauben«, brummte Richard vor sich hin. »Und er hat mich reingelegt.«
»Worüber sprecht Ihr?« wollte Cara wissen.
Richard seufzte schwer, niedergeschlagen. Er war in mehr als einer Hinsicht unvorsichtig gewesen. »Zedd. Die ganze Geschichte über den Lauer war erfunden.«
Cara schnitt eine Grimasse. »Warum hätte er das tun sollen?«
»Weil er uns aus irgendeinem Grund darüber im Unklaren lassen wollte, daß die in den Grußformeln genannten Chimären auf freiem Fuße sind.«
Er konnte nicht fassen, daß er so töricht gewesen war, Du Chaillu völlig zu vergessen. Kahlan war zurecht verärgert. Bei genauem Hinsehen war seine Erklärung erbärmlich unzureichend. Und er war angeblich Lord Rahl? An den die Menschen glaubten, dem sie folgen sollten?
Kahlan rieb mit den Fingerspitzen über die Falten auf ihrer Stirn. »Gehen wir der Sache auf den Grund, Richard. Es kann doch nicht sein…«
»Zedd meinte, du müßtest meine dritte Frau sein, um die Chimären in diese Welt zu rufen.«
»Unter anderem«, beharrte sie. »Er sagte, unter anderem.«
Richard hob erschöpft einen Finger. »Du Chaillu.« Er hob einen zweiten. »Nadine.« Einen dritten. »Du. Du bist meine dritte Frau. Wenigstens im Prinzip.«
»Ich sehe das vielleicht nicht so, die Zauberer aber, die diesen Bann ausgesprochen haben, dürfte es kaum interessieren, wie ich die Sache betrachten möchte. Sie haben eine Magie bewirkt, die durch das Auslösen einer vorgeschriebenen Folge von Bedingungen in Gang gesetzt worden sein dürfte.«
Kahlan gab einen langmütigen, schweren Seufzer von sich. »Einen wichtigen Umstand hast du außer acht gelassen. Als ich die drei Grußformeln aufsagte, waren wir noch gar nicht verheiratet. Ich war noch nicht deine zweite, erst recht nicht deine dritte Frau.«
»Als ich gezwungen war, Nadine zu heiraten, um mir Einlaß in den Tempel der Vier Winde zu verschaffen, und man dich gleichzeitig zwang, Drefan zu heiraten, haben wir uns im Herzen einander versprochen. Aufgrund dieses Gelübdes wurden wir in diesem Augenblick, an diesem Ort getraut – jedenfalls, soweit es die Seelen anbelangt. Ann hat selbst bestätigt, daß es sich genauso verhalten hat.«
»Du hast es gerade selbst gesagt, manchmal bedient sich Magie solch zweideutiger Voraussetzungen. Die formalen Voraussetzungen wurden, ganz unabhängig von unserem Empfinden, erfüllt – die Voraussetzungen einer uralten Magie, heraufbeschworen von Zauberern zur Zeit des Großen Krieges, als die Prophezeiung über den Caharin und das alte Gesetz schriftlich festgehalten wurden.«
»Aber…«
Richard fuchtelte energisch mit den Händen. »Es tut mir leid, Kahlan, daß ich törichterweise nicht nachgedacht habe, aber wir müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen – die in den Grußformeln genannten Chimären sind auf freiem Fuß.«
28
So begründet er selber seine Überlegungen auch fand, Richard hatte nicht den Eindruck, daß Kahlan überzeugt war. Sie schien nicht einmal der Vernunft zugänglich zu sein, sie wirkte einfach nur verärgert.
»Hast du Zedd von … ihr erzählt?« Aufgebracht deutete Kahlan mit einer Handbewegung auf Du Chaillu. »Hast du? Du muß ihm doch irgend etwas erzählt haben.«
Er konnte ihr nachempfinden, wie sie sich fühlte. Er würde auch nicht gerne erfahren wollen, daß sie bereits mit einem anderen verheiratet war, von dem zu erzählen sie aus Nachlässigkeit vergessen hatte – ganz gleich, wie unschuldig sie daran sein mochte –, selbst wenn ihr Verhältnis zu diesem Mann so unbedeutend war wie offensichtlich seines zu Du Chaillu.
Immerhin, hier ging es um etwas erheblich Wichtigeres als um irgendeine gewundene Klausel, die Du Chaillu zu seiner ersten Frau machte. Es ging um etwas extrem Gefährliches, das mußte Kahlan begreifen. Sie mußte erkennen, daß sie in großen Schwierigkeiten steckten.
Sie hatten bereits wertvolle Zeit vergeudet. Er betete zu den Guten Seelen, daß er Kahlan dazu bringen konnte, die Wahrheit dessen zu erkennen, was er ihr erzählte, ohne ihr bis in die letzte Einzelheit erklären zu müssen, woher er wußte, daß es stimmte.
»Wie ich bereits sagte, Kahlan, bis eben wußte ich selbst nicht einmal mehr davon, denn damals war ich der Ansicht, die Ehe sei nicht rechtskräftig, daher war mir auch nicht bewußt, sie könnte irgendeinen Einfluß auf all dies haben. Außerdem, wann hätte ich Zedd davon erzählen sollen? Juni starb, bevor wir Gelegenheit hatten, uns eingehend mit ihm zu unterhalten, und kurz darauf hat Zedd sich diese Geschichte über den Lauer ausgedacht und uns mit diesem sinnlosen Auftrag losgeschickt.«
»Woher wußte er dann davon? Um uns hereinzulegen, hätte er es erst einmal wissen müssen. Woher wußte Zedd, daß ich tatsächlich deine dritte Frau bin – wenn auch nur aufgrund irgendeines…« Sie ballte die Fäuste »… dummen, alten Gesetzes, das du schlauerweise vergessen hast?«
Richard warf die Hände in die Höhe. »Wenn es nachts regnet, muß man die Wolken nicht sehen, um zu wissen, daß Wassertropfen vom Himmel fallen. Sobald Zedd etwas sicher weiß und er überzeugt ist, daß es Ärger bedeutet, schert er sich nicht mehr um das Woher, sondern überlegt, wie er die undichte Stelle im Dach stopfen kann.«
Sie nahm den Nasenrücken zwischen die Zeigefinger und atmete ein. »Vielleicht glaubt er tatsächlich, was er uns über den Lauer erzählt hat.« Kahlan bedachte Richards erste Frau mit einem kühlen Blick. »Vielleicht glaubt er es, weil es die Wahrheit ist.«