In ihrer dünnen Schicht aus Geduld zeigten sich die ersten Risse. »Wieso beharrst du darauf, die Chimären seien schuld, obwohl Zedd uns erzählt, es sei der Lauer?«
Richard beugte sich zu ihr. »Denk doch einmal nach. Offenbar hat meine Großmutter – Zedds Frau – ihrer kleinen Tochter, meiner Mutter, eine Geschichte über eine Katze namens Lauer erzählt. Mir hat sie nur ein einziges Mal davon erzählt, doch das kann Zedd nicht wissen. Es gehörte, genau wie die hundert anderen tröstlichen Bemerkungen, wie all die Redensarten oder Geschichten, mit denen sie mir ein Lächeln entlocken wollte, zu den vielen kleinen Dingen, die mir meine Mutter eben manchmal erzählte, als ich noch klein war. Zedd gegenüber habe ich nie etwas davon erwähnt.
Aus einem bestimmten Grund wollte Zedd nicht, daß ich die Wahrheit erfahre. Wahrscheinlich kam ihm dieser ›Lauer‹ einfach als erstes in den Sinn, weil er irgendwann einmal eine Katze dieses Namens hatte. Gib zu, erscheint dir der Name ›Lauer‹ nicht ein wenig eigenartig, wenn du darüber nachdenkst?«
Kahlan verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Ihr Gesicht verriet, daß sie ihm widerstrebend Recht gab.
»Ich dachte, ich sei die einzige, die so denkt.« Sie nahm all ihre Entschlossenheit zusammen. »Aber das beweist im Grunde gar nichts. Es könnte Zufall sein.«
Richard wußte, daß es die Chimären waren. So, wie er gespürt hatte, daß das Huhn keines war, und er sich gewünscht hatte, Kahlan würde ihm glauben, so wünschte er sich von ganzem Herzen, sie würde ihm in diesem Punkt vertrauen.
»Was sind diese Wesen eigentlich, diese Chimären, die in den Grußformeln genannt werden?« fragte Cara.
Richard kehrte den anderen den Rücken zu und heftete den Blick auf den Horizont. Viel wußte er nicht über sie, aber was er wußte, ließ ihm beinahe die Haare zu Berge stehen.
»Die Menschen aus der Alten Welt wollten der Magie ein Ende bereiten, ganz so wie Jagang heute – vermutlich sogar aus denselben Gründen – um einfacher mit Hilfe des Schwertes herrschen zu können. Die Menschen aus der Neuen Welt dagegen wollten, daß die Magie weiterlebt. Um zu obsiegen, schufen die Zauberer auf beiden Seiten unvorstellbar grauenerregende Waffen, in der verzweifelten Hoffnung, den Krieg damit beenden zu können.
Viele dieser Waffen – die Mriswith, zum Beispiel – wurden aus Menschen erschaffen, indem man einer Person mit Hilfe von Subtraktiver Magie bestimmte Eigenschaften entriß um ihr dann mit Hilfe von Additiver Magie eine andere gewünschte Eigenschaft oder Fähigkeit einzupflanzen. In wieder anderen Fällen setzte man einfach zusätzlich eine gewünschte Eigenschaft ein.
Meiner Ansicht nach handelt es sich bei den Traumwandlern um solche Personen, Personen, denen man eine Eigenschaft eingesetzt hat, Personen, die von den Zauberern offenkundig als Waffe gedacht waren. Jagang ist der Nachkomme dieser Traumwandler aus der Zeit des Großen Krieges. Und nun hat man dieser Waffe die Führung eines Krieges anvertraut.
Im Gegensatz zu Jagang, der nichts weiter will, als unserer Magie ein Ende zu machen, damit er seine Magie gegen uns einsetzen kann, versuchten die Menschen während des Großen Krieges, die Magie tatsächlich vollkommen auszumerzen. Alle Magie. Genau das war die Aufgabe der Chimären – die Magie aus der Welt des Lebendigen zu entwenden. Sie wurden aus der Unterwelt – aus der Welt der Toten des Hüters – heraufbeschworen.
Wie Zedd erklärte, kann ein solches aus der Unterwelt heraufbeschworenes Wesen, ist es erst einmal entfesselt, nicht nur der Magie ein Ende machen, sondern auch das Leben an sich auslöschen.«
»Er hat auch behauptet, er und Ann würden sich dessen annehmen«, wandte Kahlan ein.
Richard sah über seine Schulter. »Wieso hat er uns dann angelogen? Warum hat er uns nicht vertraut? Wenn er wirklich dafür sorgen kann, warum erzählt er uns dann nicht einfach die Wahrheit?« Er schüttelte den Kopf. »Da ist noch etwas anderes im Spiel.«
Du Chaillu, die lange geschwiegen hatte, verschränkte ungeduldig die Arme. »Unsere Meister der Klinge werden diese dreckigen, widerlichen…«
»Still.« Richard legte ihr einen Finger auf die Lippen. »Kein Wort mehr, Du Chaillu. Das verstehst du nicht. Du machst dir keine Vorstellung, wie viele Scherereien du auslösen könntest.«
Als Richard sicher war, daß Du Chaillu auch weiter schweigen würde, kehrte er allen den Rücken zu und blickte in den aufklarenden Himmel im Nordosten, Richtung Aydindril. Er war die Diskussionen leid, wußte er doch, daß die Chimären befreit waren. Er mußte überlegen, was man gegen sie unternehmen konnte! Es gab Dinge, die er unbedingt in Erfahrung bringen mußte!
Er erinnerte sich, wie er auf der verzweifelten Suche nach weiteren Informationen in Kolos Tagebuch auf Passagen gestoßen war, in denen Kolo sich unter einer Vielzahl von anderen Dingen auch über die Chimären aus den Grußformeln ausgelassen hatte. Ständig waren Zauberer damit beschäftigt gewesen, Nachrichten und Berichte zur Burg der Zauberer in Aydindril zurückzusenden, nicht nur, um die Chimären betreffende Informationen weiterzugeben, sondern auch, um über eine Reihe anderer beängstigender und möglicherweise katastrophaler Geschehnisse zu berichten, die sich damals ereigneten.
Kolo ließ sich über diese Mitteilungen aus, zumindest über jene, die er für interessant, wichtig oder bemerkenswert hielt, ohne jedoch vollständig Rechenschaft über sie abzulegen. Offenbar sah er keinen Grund, sie in seinem privaten Tagebuch in voller Länge wiederzugeben. Richard bezweifelte, ob Kolo wollte, daß sein Tagebuch je gelesen wurde. Kolo hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die einschlägige Information einer Nachricht kurz anzudeuten und anschließend einen Kommentar zu dem in Frage stehenden Problem abzugeben, daher waren die Informationen, die Richard über die Berichte zu lesen bekam, enttäuschend unzureichend – und einseitig.
Als Kolo es dann mit der Angst bekam, wurden seine Informationen ausführlicher, fast als wollte er sein Tagebuch dazu benutzen, ein Problem bis zur Lösung zu durchdenken. Während einer bestimmten Phase versetzten ihn die Berichte über die Chimären aus den Grußformeln in Angst und Schrecken. An mehreren Stellen schrieb Kolo nieder, was er den Berichten entnommen hatte, fast als wollte er seine Angst rechtfertigen und die Gründe für seine Besorgnis für sich selbst noch einmal hervorheben.
Wie Richard sich erinnerte, erwähnte Kolo jenen Zauberer, den man ausgesandt hatte, um sich der Chimären anzunehmen. Ander irgendwas – der vollständige Name war ihm entfallen.
Zauberer Ander trug den stolzen Beinamen ›der Berg‹. Offenbar war er ein Mann von kräftiger Statur. Kolo mochte den Mann jedoch nicht sonderlich und bezeichnete ihn spöttisch als ›moralischen Maulwurfshügel‹. Richard entnahm Kolos Tagebuch, daß Ander offenbar eine hohe Meinung von sich selber hatte.
Noch deutlicher erinnerte sich Richard an eine Passage, in der Kolo seiner Empörung darüber Ausdruck verlieh, daß die Menschen es immer häufiger versäumten, das Fünfte Gesetz der Magie korrekt anzuwenden: Achte darauf, was Menschen tun, nicht was sie sagen, denn Taten verraten jede Lüge.
Offenbar war Kolo erzürnt, als er niederkritzelte, durch Nichtbeachtung der Gesamtheit ihres Tuns versäumten es die Menschen, das Fünfte Gesetz der Magie auf Zauberer Ander anzuwenden. Hätten sie dies getan, so beklagte er sich, hätten sie leicht herausfinden können, daß dieser Mann sich in Wahrheit nur sich selbst verbunden fühlte, nicht aber dem Wohl seines Volkes.
»Ihr habt immer noch nicht erklärt, was diese Chimären sind«, warf Cara ein.
Richard spürte, wie die Brise beharrlich an seinen Haaren und an seinem goldenen Umhang zerrte, als wollte sie ihn drängen, weiterzugehen. Nur wußte er nicht, wohin. Hie und da stiegen Käfer über dem feuchten Gras auf und zogen in der Luft ihre Kreise. Weit drüben im Osten, vor dem Hintergrund der sich auftürmenden Unwetterwolken, zogen Gänse als dunkle Punkte in einer wellenförmigen V-Formation dahin, Richtung Norden.
Seit das Thema bei der Hochzeit aufgekommen war, hatte Richard keinen ernsthaften Gedanken an die Chimären verschwendet. Zedd hatte ihre Besorgnis als unbegründet abgetan, außerdem waren Richard andere Dinge durch den Kopf gegangen.