Später jedoch, nachdem besagtes Huhn vor dem Seelenhaus getötet und Juni ermordet worden war und ihm das Hühnerwesen jedesmal eine Gänsehaut bereitete, sobald es sich in seiner Nähe zeigte, und nachdem Zedd ihm einige ergänzende Informationen gegeben hatte, hatte ein wachsendes Gefühl des Unbehagens Richard bewogen, sich so gut es irgend ging an alles zu erinnern, was mit den Chimären in Zusammenhang stand. Damals hatte er Kolos Tagebuch nach Lösungen zu anderen Problemen durchforstet und nicht ausdrücklich auf Hinweise geachtet, die die Chimären betrafen, doch dank seiner fast niemals nachlassenden Konzentration und einer manchmal geradezu tranceähnlichen Anstrengung war ihm vieles im Gedächtnis geblieben.
»Bei den Chimären handelt es sich um Wesen, die in der Unterwelt entstanden sind. Um ihnen den Zugang in die Welt des Lebendigen zu ermöglichen, muß die Huldigung durchbrochen werden. Da sie aus der Unterwelt stammen, werden sie ausschließlich durch die Subtraktive Seite heraufbeschworen und erzeugen durch ihre Anwesenheit in dieser Welt ein Ungleichgewicht. Magie jedoch verlangt nach Ausgewogenheit. Da sie vollkommen subtraktiv sind, benötigen sie für ihr Hiersein Additive Magie, um in dieser Erscheinungsform überhaupt existieren zu können, denn das Sein selbst ist eine Form Additiver Kraft. Darum entziehen die Chimären dieser Welt Magie, solange sie sich hier aufhalten.«
Cara, nach außen hin nie mit einer Begabung für Magie gesegnet, schien seine Antwort mehr denn je zu verwirren. Richard fand ihre Verwirrung verständlich, wußte er doch selbst nicht viel über Magie und begriff selber kaum, was er ihr gerade erklärt hatte. Er war nicht einmal sicher, ob es überhaupt genau zutraf.
»Aber wie stellen sie das an?« fragte sie.
»Man könnte sich die Welt des Lebendigen als eine Art Wasserfaß vorstellen. Die Chimären sind ein Loch in diesem Faß, das soeben entkorkt wurde, um das Wasser abfließen zu lassen. Ist alles Wasser abgeflossen, trocknet das Faß aus, die Dauben schrumpfen, und es ist nicht mehr dasselbe Behältnis, das es einst war. Man könnte behaupten, es sei eine tote Hülse, die nur vage an ihre vorherige Existenz erinnert.
Genau wie jenes Loch im Faß entziehen die Chimären der Welt des Lebendigen allein durch ihre Anwesenheit Magie, andererseits aber wurden sie, um in diese Welt gerufen werden zu können, als Wesen erschaffen. Sie verfügen über eine eigene Natur. Sie können töten.
Da es sich um Geschöpfe der Magie handelt, können sie nach Belieben die äußere Gestalt jenes Geschöpfes annehmen, das sie töten – wie zum Beispiel des Huhns. Dennoch bleibt ihnen die Kraft dessen, was sie in Wahrheit sind, erhalten. Als ich das Huhn mit einem Pfeil tötete, verließ die Chimäre dessen Phantomkörper; das echte Huhn hatte von Anfang an tot hinter der Mauer gelegen. Die Chimäre hat seine äußere Erscheinungsform lediglich als Modell benutzt, als Verkleidung – um uns in die Irre zu führen.«
Caras Gesicht nahm einen für sie ungewohnt besorgten Ausdruck an. »Wollt Ihr mir erzählen« – sie ließ den Blick über die Umstehenden wandern – »daß jeder hier eine Chimäre sein könnte?«
»Nach meinem Dafürhalten sind es durch einen Zauber heraufbeschworene Geschöpfe, die keine Seele besitzen, daher können sie auch nicht die äußere Erscheinungsform einer Person annehmen – lediglich die von Tieren. Laut Zedd ist das Gegenteil richtig; Jagang besitzt eine Seele und kann nur deswegen in den Verstand eines Menschen eindringen, weil dafür eine Seele erforderlich ist.
Als die Zauberer aus Menschen diese Waffen schufen, besaßen die von ihnen geschaffenen Wesen noch Seelen. Auf diese Weise waren sie, wenigstens in gewissem Umfang, noch zu kontrollieren. Die Chimären dagegen konnten, nachdem sie erst einmal hier waren, nicht mehr im Zaum gehalten werden. Das war einer der Gründe für ihre Gefährlichkeit. Es ist, als wollte man einem Blitz vernünftig zureden.«
»Also schön« – Cara hob einen Finger, als wollte sie sich etwas merken – »Menschen können sie also nicht sein. Das ist gut.« Sie deutete in den Himmel. »Könnte denn einer dieser Wiesenstärlinge eine Chimäre sein?«
Richard hob den Kopf und warf einen flüchtigen Blick auf die vorüberflatternden, gelbbrüstigen Vögel. »Vermutlich. Wenn sie ein Huhn sein können, dann können sie bestimmt auch jedes andere Tier töten und dessen Gestalt annehmen. Das wäre aber gar nicht erforderlich.« Richard zeigte auf den feuchten Untergrund. »Ebensogut könnten sie sich in der Pfütze zu Euren Füßen verstecken. Einige von ihnen haben offenbar eine Vorliebe für Wasser.«
Cara warf einen Blick auf die Pfütze und trat einen Schritt zurück.
»Soll das heißen, die Chimäre, die Juni getötet hat, hat sich im Wasser verborgen? Und ihm aufgelauert?«
Nach einem Blick zu Chandalen hinüber räumte Richard mit einem kurzen Nicken ein, dies sei seine Überzeugung.
»Chimären verstecken sich oder lauern an dunklen Orten«, fuhr er fort. »Irgendwie bewegen sie sich am Rand der Dinge entlang, wie zum Beispiel an Felsspalten, oder am Rand von Wasser. Das vermute ich zumindest; nach Kolos Worten schleichen sie an den Grenzen entlang, dort, wo zwei Dinge aufeinandertreffen. Manche verstecken sich im Feuer und können sich von den Funken forttragen lassen.«
Als er aus den Augenwinkeln zu Kahlan hinübersah, mußte er daran denken, wie das Haus der Toten – in dem Junis Leichnam gelegen hatte – in Flammen aufgegangen war. »Werden sie gereizt oder geärgert, brennen sie ein Haus manchmal einfach aus Gehässigkeit nieder.
Es hieß, einige seien von solcher Schönheit, daß ihr Anblick einem den Atem raubt – und zwar für immer. Solange man nicht ihre Aufmerksamkeit erregt, sind sie nur schwer zu erkennen. In Kolos Tagebuch klang das so, als würden sie sich, sobald ein Opfer sie erblickt, teilweise nach dem Verlangen dieses Opfers formen, und dieses Verlangen sei unwiderstehlich. Offenbar ist das die Methode, mit der sie Menschen in den Tod locken.
Vielleicht ist es das, was Juni widerfahren ist. Vielleicht hat er etwas so Schönes gesehen, daß er seine Waffen und sein Urteilsvermögen, ja sogar seinen gesunden Menschenverstand aufgab und der Chimäre bis ins Wasser folgte, wo er dann ertrank.
Andere wiederum sehnen sich nach Aufmerksamkeit und haben es gerne, wenn man sie vergöttert. Vermutlich teilen sie des Hüters Gier nach Verehrung, da sie ebenfalls aus der Unterwelt stammen. Es hieß, einige von ihnen beschützten ihre kritiklosen Bewunderer sogar, was jedoch ein gefährlicher Balanceakt sei. Laut Kolo lullt es sie ein. Hört man jedoch auf, sie zu verehren, wenden sie sich gegen einen.
Am meisten Freude bereitet ihnen die Jagd, der sie niemals müde werden. Sie machen Jagd auf Menschen und kennen dabei kein Erbarmen. Vor allem töten sie gerne mit Feuer.
Die vollständige Übersetzung ihres Namens aus dem Hoch-D’Haran bedeutet ungefähr ›die Chimären des Verderbens‹, oder auch die ›Chimären des Todes‹.«
Du Chaillu runzelte schweigend die Stirn. Die meiste Zeit über gelang es den Meistern der Klinge der Baka Tau Mana, einen unbekümmerten, zurückhaltenden und entspannten Eindruck zu erwecken, dennoch hatte sich eine Unruhe in ihr Verhalten eingeschlichen, die für Richard unübersehbar war.
»Wie auch immer«, meinte Cara seufzend, »ich denke, wir können uns jetzt ein ungefähres Bild machen.«
Schließlich ergriff Chandalen, der aufmerksam zugehört hatte, das Wort. »Aber du bist anderer Ansicht, Mutter Konfessor? Du glaubst, was Zedd gesagt hat, daß es sich nicht um diese Chimären des Todes handelt?«
Kahlans und Richards Blicke kreuzten sich, bevor sie das Wort an Chandalen richtete. Sie klang nicht erbost.
»Zedds Erklärung des Problems ist in vielerlei Hinsicht ähnlich und könnte die Vorfälle daher ebenso leicht erklären, doch gerade weil sie ähnlich ist, wird das Problem dadurch nicht geringer. Nach seinen Worten liegt der entscheidende Unterschied darin, daß wir der schwierigen Situation gleich nach unserem Eintreffen in Aydindril ein Ende machen können. Auch wenn es mir widerstrebt, ich behaupte nach wie vor, Zedd hat recht. Ich glaube nicht, daß es sich um diese Chimären handelt.«