»Sie halten mich auch für ihre Mutter?«
»Für ihren Vater«, sagte sie, unbewußt den dunklen Stein um ihren Hals liebkosend. »Ich benutzte den Bann, um dich am Leben zu halten, um zu verhindern, daß du in die Welt der Toten hinüberwechselst. Der Bann rief die Chimären auf den Plan, weil sie von der anderen Seite stammen und ebendiese Macht besitzen. Vielleicht halten sie uns, da wir beide betroffen sind, für Vater und Mutter – für ihre Eltern.«
Richard sagte nachdenklich: »Schon möglich. Ich will nicht behaupten, es ist völlig ausgeschlossen, aber als ich spürte, daß sie in der Nähe waren, hatte ich das Gefühl, es steckte noch mehr dahinter – etwas, das mir die Haare zu Berge stehen ließ.«
»Noch mehr? Was zum Beispiel?«
»Es war der überwältigende Eindruck ihrer Gier, sobald sie in meine Nähe kamen, verbunden mit einem Gefühl übermächtigen Ekels.«
Kahlan rieb sich die Arme. Die Vorstellung einer derart obszönen Bosheit mitten unter ihnen ließ sie erschaudern. Ein freudloses Lächeln, voller bitterer Ironie, huschte über ihr Gesicht.
»Shota hat immer gesagt, wir würden ein Monster zeugen.«
Richard legte ihr die Hand auf die Wange. »Irgendwann, Kahlan. Irgendwann.«
Den Tränen nahe, ließ sie von seiner Hand ab, wich seinem Blick aus und starrte unverwandt zum Horizont. Sie räusperte sich und versuchte, ihre Stimme in die Gewalt zu bekommen.
»Wenn die Magie schwindet, verliert wenigstens auch Jagang seine Helfer. Er kontrolliert die mit der Gabe Gesegneten, damit sie seine Armee unterstützen. Wenn ihm diese Fähigkeit verlorenginge, hätte das Ganze wenigstens etwas Gutes.
Er hat sich eines dieser Zauberer bedient und versucht uns umzubringen. Er hat sich einer der Schwestern des Lichts bedienen können, um die Pest aus dem Tempel der Vier Winde hervorzuholen. Schwindet die Magie tatsächlich aufgrund der Chimären, dann wenigstens auch für Jagang.«
Richard biß sich auf die Unterlippe. »Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Wenn dieses Hühnerwesen Angst vor mir hatte, weil ich Subtraktive Magie besitze, dann dürfte Jagangs Kontrolle über die mit der Gabe Gesegneten nicht mehr funktionieren, andererseits…«
»Bei den Gütigen Seelen«, sagte sie, wandte sich wieder zu ihm und hob den Kopf. »Die Schwestern der Finsternis. Sie sind vielleicht nicht damit geboren, aber sie wissen, wie man Subtraktive Magie benutzt.«
Richard nickte, widerstrebend. »Ich fürchte, Jagang hat, wenn auch niemanden sonst, noch immer die Schwestern der Finsternis in seiner Gewalt. Ihre Magie wird funktionieren.«
»Dann ruht unsere einzige Hoffnung auf Zedd und Ann. Hoffen wir, daß sie die Chimären aufhalten können.«
Richard konnte sich selbst ihr zuliebe nicht zu einem Lächeln zwingen. »Wie denn? Keiner von ihnen kann Subtraktive Magie anwenden. Ihre Magie wird wie die aller anderen schwächer. Sie werden ebenso hilflos sein wie das ungeborene Kind, das sterben mußte. Ich bin sicher, sie sind fort, aber wohin?«
Sie bedachte ihn mit einem Blick, ein Blick ganz Mutter Konfessor. »Hättest du dich an deine erste Gemahlin erinnert, als es angebracht war, hätten wir es Zedd erzählen können, Richard. Vielleicht hätte das etwas geändert. Jetzt haben wir die Gelegenheit verpaßt. Du hast dir einen sehr ungünstigen Zeitpunkt für deine Nachlässigkeiten ausgesucht.«
Er wollte widersprechen, ihr erklären, es habe sich nichts geändert, ihr erzählen, sie irre sich, brachte es aber nicht über die Lippen. Sie irrte sich nicht. Zedd wäre allein in den Kampf gegen die Chimären gezogen. Richard fragte sich, ob sie zurückgehen und seinen Großvater suchen sollten.
Schließlich ergriff sie seine Hand und liebkoste sie aufmunternd, anschließend führte sie ihn erhobenen Hauptes dorthin zurück, wo die anderen warteten. Ihr Gesicht war das einer Konfessor, bar jeder Gefühlsregung, erfüllt von Autorität.
»Wir wissen noch nicht, was wir gegen sie unternehmen werden«, verkündete Kahlan, »aber eins ist mir über jeden Zweifel hinaus klar: Die Chimären wurden auf diese Welt losgelassen.«
30
Den Jägern zuliebe wiederholte Kahlan ihre Erklärung in der Sprache der Schlammenschen. Richard wünschte, sie hätte recht gehabt mit ihrer Vermutung, es sei der Lauer und nicht die Chimären. Für den Lauer hätten sie eine Lösung gewußt.
Verständlicherweise wirkten alle beunruhigt, als sie hörten, wie Kahlan, die anfänglich so standfest darauf beharrt hatte, es sei der Lauer, ihnen jetzt erklärte, sie sehe es jenseits allen Zweifels als gegeben an, daß sie es mit nichts anderem als der überaus gefährlichen Bedrohung durch die Chimären zu tun hätten.
Nachdem sie erklärt hatte, sie sei mit ihm einer Meinung, hatte Richard nicht den Eindruck, als hätte auch nur einer von ihnen noch Zweifel. Kahlans Erklärung schien für jeden die Welt verändert zu haben.
Beklommenes Schweigen senkte sich über die Ebene.
Richard mußte unbedingt überlegen, was als nächstes zu tun war, hatte jedoch nicht die geringste Vorstellung, wo er anfangen sollte. Jetzt wurde ihm klar, was er hätte tun sollen, als sie noch Gelegenheit dazu hatten. Er war so auf die Gefahr fixiert gewesen, daß er alles andere außer acht gelassen hatte.
Er hatte sich weit von den Wäldern entfernt, die er so gut kannte, gerne wäre er wieder dort gewesen. Als Waldführer hatte er wenigstens nie vergessen, auf welchem Pfad er sich befand, und nie jemanden in einen Abgrund geführt.
Er richtete sein Augenmerk auf die dunkelhaarige Seelenfrau der Baka Tau Mana.
»Wieso habt ihr den weiten Weg bis hierher auf euch genommen, Du Chaillu? Was tut ihr hier?«
»Aha«, machte Du Chaillu, während sie ihre Hände betont langsam vor ihrem Körper faltete. »Jetzt wünscht der Caharin also, daß ich spreche?«
Die Frau stand kurz davor zu explodieren. Richard verstand nicht recht wieso, und eigentlich war es ihm auch egal.
»Richtig, wieso seid ihr hergekommen?«
»Wir waren viele Tage unterwegs. Wir haben Mühsal auf uns genommen. Wir mußten einige von denen begraben, die mit uns zusammen aufgebrochen sind. Wir mußten uns durch feindliches Gebiet kämpfen. Wir haben das Blut vieler Menschen vergossen, um zu dir zu gelangen.
Wir haben unsere Familien und Lieben verlassen, um dem Caharin eine Warnung zu überbringen. Wir haben nicht gegessen und nicht geschlafen und auf die Behaglichkeit einer sicheren Unterkunft verzichtet. Nächtelang haben wir geweint, denn wir hatten Angst und waren krank vor Sorge, so weit entfernt von unserer Heimat. Ich bin mit jenem Kind gereist, das der Caharin mich auszutragen bat, während ich zu einer Kräuterfrau gehen wollte, um es loszuwerden – um die fürchterlichen Erinnerungen loszuwerden, die ich mit ihm verbinde. Er dagegen weiß nicht einmal zu würdigen, daß ich beschloß, auf ihn zu hören und die Verantwortung für dieses mir auf gezwungene Kind auf mich zu nehmen.
Der Caharin sieht nicht einmal ein, daß ich durch das Kind, das er mich bat auszutragen, Tag für Tag an die Zeit erinnert werde, die ich in dieser stinkenden Stadt der Majendie nackt an eine Mauer gekettet verbringen mußte. Daran erinnert werde, wo ich mit diesem Kind schwanger wurde. Daran erinnert werde, wie diese Männer mich für ihr Vergnügen mißbrauchten, um mich anschließend auszulachen. An den Ort erinnert werde, wo ich Tag für Tag die Angst ertragen mußte, abgeschlachtet und geopfert zu werden. An den Ort erinnert werde, wo ich mir wegen meiner Kinder die Seele aus dem Leib geweint habe, denen man die Mutter nehmen würde, und geweint habe, weil ich ihre kleinen, lachenden Gesichter nicht mehr wiedersehen und nicht mehr die Freude erleben würde, sie aufwachsen zu sehen.
Ich dagegen habe auf ihn gehört und das Kind von Hunden ausgetragen, denn der Caharin hat mich darum gebeten.
Der Caharin schenkt seinem Volk, das diesen weiten Weg gereist ist, kaum mehr als flüchtige Beachtung, ganz so als wären wir Flöhe, derentwegen er sich kratzen muß. Er fragt nicht, wie es uns in unserer Heimat geht. Er lädt uns nicht ein, uns endlich zu ihm zu setzen, damit wir uns freuen können, wieder vereint zu sein. Er fragt nicht, ob wir im Frieden leben. Er erkundigt sich weder, ob wir zu essen haben, noch, ob wir durstig sind.