Er schreit nur herum und behauptet, wir seien nicht sein Volk, weil er die heiligen Gesetze nicht kennt, nach denen wir zahllose Jahrhunderte gelebt haben, und tut dieselben Gesetze nur deshalb ab, weil ihm ihr Wortlaut nicht geläufig ist, als würde das allein sie unbedeutend machen. Manch einer ist um dieser Gesetze willen gestorben, damit er aus ihnen lernt und weiterleben kann.
Er verschwendet nicht mehr Gedanken an sein Volk als an den Mist unter seinen Stiefeln. Ohne zu überlegen, verbannt er sein rechtmäßig angetrautes Weib aus seinen Gedanken. Er behandelt sein rechtmäßig angetrautes Weib wie einen lästigen Menschen, den man von sich weist, bis man ihn wieder braucht.
In den alten Gesetzen wurde uns ein Caharin versprochen. Ich gebe es zu, uns wurde niemand versprochen, der sein Volk und dessen Sitten und Gesetze achtet, die unseren Zielen verpflichtet sind, ich dachte allerdings, ein jeder würde die Menschen achten, die so viel für ihn gelitten haben.
Ich habe den Tod meiner Ehemänner durch deine Hand erlitten und getrauert, wo du mich nicht sehen konntest, damit du nicht darunter leiden mußtest. Tapfer haben meine Kinder den schmerzhaften Verlust ihrer Väter durch deine Hand hingenommen. Zur Schlafenszeit weinen sie um den Mann, der sie auf die Stirn geküßt und ihnen schöne Träume von der Heimat gewünscht hat. Du dagegen machst dir nicht einmal die Mühe, dich zu erkundigen, wie es mir ohne diese Ehemänner geht, die ich und meine Kinder immer noch von ganzem Herzen lieben, noch fragst du, wie sich meine Kinder in ihrem Kummer fühlen.
Du fragst nicht einmal, wie es mir ohne meinen neuen, kraft unseres Gesetzes angetrauten Gemahl geht, während er unterwegs ist, um neue Frauen zu erwerben. Du hast eine so geringe Meinung von mir, daß du deiner neuen Frau sogar noch meine Existenz verschweigst.«
Du Chaillu reckte empört das Kinn vor.
Sie verschränkte die Arme und kehrte ihm den Rücken zu.
Richard starrte auf ihren Hinterkopf. Die Meister der Klinge blickten in die Ferne, so als wären sie taub und hätten keinen anderen Wunsch, als vielleicht einen Vogel am Himmel zu erspähen.
»Du Chaillu«, erwiderte Richard, selbst ein wenig wütend geworden, »gib mir nicht die Schuld am Tod dieser Menschen. Ich habe nach bestem Wissen alles versucht, um zu verhindern, daß ich mit ihnen kämpfen und sie verletzen muß, das weißt du. Ich bat dich, dem Einhalt zu gebieten. Es stand in deiner Macht, doch wolltest du davon nichts wissen. Ich hatte nicht die geringste Lust, zu tun, was ich getan habe. Du weißt, ich hatte keine Wahl.«
Sie funkelte ihn an. »Du hattest eine Wahl. Du hättest dich statt für das Töten für den Tod entscheiden können. Aus Respekt für das, was du für mich getan hast, als du mich vor dem Menschenopfer der Majendie gerettet hast, versprach ich dir einen schnellen Tod, wenn du dich nicht wehrst. Dann wäre ein Leben statt deren dreißig verloren gewesen. Wärest du also wirklich so großmütig auf den Erhalt von Menschenleben bedacht, hättest du dich dafür entschieden.«
Richard knirschte mit den Zähnen und drohte ihr mit dem Finger. »Du läßt deine Männer mich angreifen und erwartest, daß ich mich einfach ermorden lasse, statt mich zu verteidigen? Nachdem ich dich gerettet hatte? Wäre ich anstelle dieser Männer gestorben, wäre das Morden erst richtig losgegangen! Du weißt, ich habe einen Frieden ausgehandelt, durch den viele Menschenleben gerettet wurden. Und von allem anderen hast du nicht die geringste Ahnung.«
Sie schnaubte beleidigt. »Da täuschst du dich, mein Gemahl.« Sie drehte sich wieder um. »Ich verstehe mehr, als dir lieb sein dürfte.«
Cara verdrehte die Augen. »Ihr müßt wirklich lernen, Eure Ehefrauen mehr zu respektieren, Lord Rahl, sonst werdet Ihr zu Hause nie einen Augenblick der Ruhe finden«, raunte sie ihm zu, als sie an ihm vorbei nach vorne trat. »Erlaubt, daß ich mit ihr spreche – von Frau zu Frau. Mal sehen, ob ich die Wogen für Euch glätten kann.«
Cara hakte eine Hand unter Du Chaillus Arm und führte sie ein Stück fort, um sich unter vier Augen mit ihr zu unterhalten. Sechs Schwerter wurden blank gezogen. Nur einen einzigen Augenblick später sah man Stahl im Morgenlicht wirbeln, als die Meister der Klinge vorrückten, die kreisenden Waffen von einer Hand in die andere wechselnd.
Die Jäger der Schlammenschen traten vor, um ihnen den Weg zu versperren. In der Zeitspanne eines einzigen Herzschlags hatte sich die Ebene verwandelt; eben noch ein Ort angespannter Friedfertigkeit, stand plötzlich der Ausbruch eines blutigen Gemetzels bevor.
Richard riß die Hände in die Höhe. »Aufhören, alle miteinander!«
Er stellte sich vor Cara und Du Chaillu und versperrte so den vorrückenden Männern den Weg.
»Laßt sie los, Cara. Sie ist ihre Seelenfrau, Ihr dürft sie nicht anfassen. Die Baka Ban Mana wurden jahrtausendelang von den Majendie verfolgt und als Opfergaben mißbraucht. Verständlicherweise reagieren sie gereizt, sobald ein Fremder sie berührt.«
Cara ließ Du Chaillus Arm wieder los, doch keine der beiden Gruppen von Kriegern war bereit, als erste klein beizugeben. Die Schlammenschen hatten es plötzlich mit feindlich gesinnten Fremden zu tun, und die Baka Tau Mana waren auf einmal umgeben von Männern, die sie angriffen, weil sie ihre Seelenfrau verteidigen wollten. Angesichts der erhitzten Gemüter war das Risiko groß, daß irgend jemand sich einen Vorteil verschaffen wollte, indem er als erster losschlug und erst hinterher nach der Zahl der Toten fragte.
Richard hob eine Hand. »Hört mir zu! Alle!«
Er zog mit der anderen Hand am Lederriemen um Du Chaillus Hals, in der Hoffnung, dort, verborgen unter dem Ausschnitt ihres Kleides, das zu finden, was er dort vermutete.
Die Jäger bekamen große Augen, als Richard den Riemen hervorholte und sie an dessen Ende die Pfeife des Vogelmannes erblickten.
»Dies ist die Pfeife, die der Vogelmann mir vermacht hat.« Er blickte aus den Augenwinkeln zu Kahlan hinüber und raunte ihr zu, sie solle übersetzen. Während Richard fortfuhr, begann sie in der Sprache der Schlammenschen zu den Jägern zu sprechen.
»Wie ihr wißt, hat mir der Vogelmann diese Pfeife als Geste des Friedens geschenkt. Diese Frau, Du Chaillu, ist eine Beschützerin ihres Volkes. Zu Ehren des Vogelmannes und um seine Hoffnung auf Frieden zu bekräftigen, schenkte ich ihr die Pfeife, damit sie die Vögel herbeirufen konnte, die das von ihren Feinden ausgesäte Saatgut fressen sollten. Aus Angst, die Ernte könnte ihnen verlorengehen und sie müßten verhungern, willigten ihre Feinde schließlich in einen Frieden ein. Zum ersten Mal schlossen diese beiden Völker Frieden miteinander, und diesen Frieden verdanken sie dem großzügigen Geschenk des Vogelmannes, seiner Pfeife.
Die Baka Tau Mana stehen tief in der Schuld der Schlammenschen, aber auch die Schlammenschen stehen in der Schuld der Baka Tau Mana, denn diese haben das Geschenk so angenommen, wie es gedacht war, nämlich als Friedens- und nicht als Unheilstifter. Die Schlammenschen sollten stolz sein, daß die Baka Tau Mana darauf vertraut haben, das Geschenk der Schlammenschen werde ihren Familien Sicherheit schenken.
Eure beiden Völker sind in Freundschaft miteinander verbunden.«
Niemand rührte sich, während alle über Richards kleine Ansprache nachdachten. Schließlich legte Jiaan sein Schwert über die Schulter und hängte es, gehalten vom Band an seinem Hals, hinter seinen Rücken. Er riß seine Kleider auf und entblößte seine Brust vor Chandalen.
»Wir danken dir und deinem Volk für die Sicherheit und den Frieden, die uns dein Geschenk von mächtiger Magie gebracht hat. Wir werden nicht gegen euch kämpfen. Solltet ihr den Wunsch haben, den Frieden zurückzunehmen, den ihr uns geschenkt habt, so mögt ihr versuchen, unsere Herzen zu durchbohren. Gegen so mächtige Friedensstifter wie das Volk der Schlammenschen werden wir uns nicht zur Wehr setzen.«