Chandalen zog seinen Speer zurück und bohrte ihn mit dem unteren Ende in die Erde seiner Heimat. »Richard mit dem Zorn spricht die Wahrheit. Es freut uns, daß euer Volk das Geschenk so verwendet hat, wie es gedacht war – als Friedensstifter. Ihr seid in unserer Heimat willkommen und in Sicherheit.«
Chandalen erteilte unter heftigem Armrudern seinen Jägern einige Befehle. Als die Männer sich daraufhin zurückzuziehen begannen, atmete Richard erleichtert auf und bedankte sich bei den Gütigen Seelen für ihren Beistand.
Kahlan faßte Du Chaillu am Arm und meinte entschieden: »Ich habe ein Wörtchen mit Du Chaillu zu reden.«
Den Baka Tau Mana behagte das ganz offenkundig nicht, mittlerweile waren sie jedoch unsicher, wie sie sich verhalten sollten. Auch Richard wußte nicht recht, ob ihm die Idee gefiel. Womöglich hatte sie den Ausbruch neuer Feindseligkeiten zur Folge.
Er beschloß jedoch widerstrebend, Kahlan ihren Willen zu lassen und ihr zu erlauben, mit Du Chaillu zu sprechen. Kahlans Gesichtsausdruck verriet ihm, daß die Entscheidung ohnehin nicht bei ihm lag. Er wandte sich zu den Meistern der Klinge.
»Kahlan, meine Gemahlin, ist die Mutter Konfessor und die Führerin aller Völker der Neuen Welt. Sie verdient den gleichen Respekt wie eure Seelenfrau, Du Chaillu. Ihr habt mein Wort als Caharin, daß die Mutter Konfessor Du Chaillu kein Leid zufügen wird. Lüge ich euch an, mögt ihr mein Leben als verwirkt betrachten.«
Die Männer bekundeten ihr Einverständnis mit einem Nicken. Richard vermochte nicht zu sagen, ob in ihren Augen er oder Du Chaillu ranghöher war, aber wenn schon sonst nichts, so half doch sein ruhiger und beschwichtigender Ton, ihre Einwände zu entkräften. Zudem wußte er, daß diese Männer ihn zumindest respektierten, und das nicht nur, weil er dreißig von ihnen getötet, sondern weil er etwas weitaus Schwierigeres vollbracht hatte: Er hatte ihnen ihre angestammte Heimat wiedergegeben.
Schulter an Schulter mit Cara verfolgte Richard, wie Kahlan Du Chaillu in das hohe Gras hinausführte. Noch immer glitzerten Tropfen nächtlichen Regens darauf, der hier und dort eine Pfütze hinterlassen hatte.
»Lord Rahl«, fragte Cara im Flüsterton, »haltet Ihr das für klug?«
»Ich vertraue auf Kahlans Urteil. Wir haben jede Menge Schwierigkeiten am Hals, wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Cara rollte den Strafer zwischen ihren Fingern und dachte eine Weile schweigend darüber nach. »Angenommen, die Magie schwindet tatsächlich, Lord Rahl, hat Eure dann bereits nachgelassen?«
»Das wollen wir nicht hoffen.«
Cara wich nicht von seiner Seite, als er sich den Meistern der Klinge näherte. Zwar erkannte er mehrere wieder, mit Namen kannte er jedoch nur einen.
»Jiaan, Du Chaillu sagte, einige aus eurem Volk seien auf dem Weg hierher ums Leben gekommen.«
Jiaan schob sein Schwert in die Scheide. »Drei.«
»Im Kampf?«
Der Mann wirkte verlegen, als er sich das schwarze Haar aus der Stirn strich. »Einer von ihnen. Die anderen beiden … kamen durch Unfälle ums Leben.«
»War an diesen Unfällen Feuer oder Wasser beteiligt?«
Jiaan seufzte niedergeschlagen. »Wasser nicht, einer jedoch fiel ins Feuer, als er Wache stand. Damals dachten wir, er müsse gestürzt sein und sich den Kopf gestoßen haben. Nach dem, was du sagst, stimmt das aber vielleicht nicht. Vielleicht haben die Chimären ihn getötet?«
Richard nickte. Niedergeschlagen sprach er leise den Namen einer der Grußformeln des Todes – Sentrosi, der Chimäre des Feuers. »Und der dritte?«
Jiaan verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß. »Als er zufällig auf einen Bergpfad stieß, glaubte er plötzlich, er könne fliegen.«
»Fliegen?«
Jiaan nickte. »Dabei konnte er nicht besser fliegen als ein Stein.«
»Vielleicht hat er den Halt verloren und ist abgestürzt?«
»Ich sah sein Gesicht, unmittelbar bevor er zu fliegen versuchte. Er lächelte wie damals, als sein Blick zum erstenmal auf unsere Heimat fiel.«
Wiederum sagte Richard leise den Namen einer Chimäre auf, der dritten. Die drei Chimären, Reechani, Sentrosi und Vasi – Wasser, Feuer und Luft – hatten weitere Menschenleben gefordert.
»Die Chimären haben auch Schlammenschen getötet. Ich hatte gehofft, sie befänden sich nur hier, bei Kahlan und mir, aber offenbar gibt es diese Chimären auch andernorts.«
Hinter den Schultern der sechs Meister der Klinge sah Richard, daß die Schlammenschen eine Grasfläche niedergetreten hatten und damit beschäftigt waren, ein Feuer anzuzünden, um mit ihren neugewonnenen Freunden ein Mahl zu teilen.
»Chandalen!« Der Mann sah auf. »Macht kein Feuer.«
Richard lief zu der Stelle, wo Chandalen und seine Jäger warteten.
»Warum willst du, daß wir kein Feuer machen?« wollte Chandalen wissen. »Wenn wir hier eine Weile Rast machen sollen, dann möchten wir auch Fleisch braten und unser Essen teilen.«
Richard kratzte sich an der Stirn. »Die böse Seele, die Juni getötet hat, kann mit Hilfe von Wasser und Feuer Menschen aufspüren. Tut mir leid, aber du mußt fürs erste verhindern, daß deine Leute Feuer benutzen. Wenn ihr Feuer benutzt, könnte es geschehen, daß weitere böse Seelen eure Leute töten.«
»Weißt du das genau?«
Richard legte Jiaan eine Hand auf die Schulter. »Diese Männer sind ebenso stark wie die Schlammenschen. Einer von ihnen wurde auf dem Weg hierher von einer aus einem Feuer stammenden bösen Seele getötet.«
Chandalen nahm Jiaans bestätigendes Kopfnicken zur Kenntnis.
»Wir wußten noch gar nicht, was geschah, als er bereits bei lebendigem Leib in dem Feuer verbrannte«, meinte Jiaan. »Er war ein kräftiger und tapferer Mann. Er gehörte nicht zu denen, die sich leichtfertig von einem Feind überwältigen lassen, trotzdem hörten wir vor seinem Tod kein Wort von ihm.«
Chandalen blickte mit vor Enttäuschung angespannten Kiefermuskeln hinaus auf die Ebene, bevor er sein Augenmerk wieder Richard zuwandte. »Aber wie sollen wir essen, wenn wir kein Feuer machen dürfen? Wir müssen Tavabrot backen und unser Essen kochen. Wir können doch nicht rohen Teig und rohes Fleisch essen. Die Frauen brauchen Feuer, um Tongefäße herzustellen. Die Männer, um Waffen zu machen. Wie sollen wir leben?«
Richard entfuhr ein verzweifelter Seufzer. »Das weiß ich auch nicht, Chandalen. Ich weiß nur, daß das Feuer die bösen Seelen – die Chimären – anlocken könnte. Ich nenne dir nur die einzige mir bekannte Möglichkeit, die Sicherheit unseres Volkes zu gewährleisten.
Vermutlich werdet ihr auf Feuer nicht ganz verzichten können, bedenkt aber bitte die Gefahren, die ihr damit heraufbeschwören könntet. Wenn jeder sich der Gefahren bewußt ist, vielleicht können wir dann das Feuer gefahrlos benutzen, falls es nicht anders geht.«
»Dürfen wir denn auch nicht trinken, weil es gefährlich sein könnte, ans Wasser zu gehen?«
»Ich wünschte, ich wüßte eine Antwort darauf, Chandalen.« Richard wischte sich erschöpft mit der Hand durchs Gesicht. »Ich weiß nur, daß Feuer, Wasser und hochgelegene Orte gefährlich sind.
Die Chimären können sich dieser Dinge bedienen, um Menschen Schaden zuzufügen. Je entschiedener wir uns von ihnen fernhalten, desto sicherer werden wir sein.«
»Aber selbst wenn wir das tun, werden die Chimären deinen Worten zufolge trotzdem töten.«
»Ich weiß nicht annähernd genug Antworten, Chandalen. Ich versuche dir alles zu erklären, was mir einfällt, damit du für die Sicherheit unseres Volkes sorgen kannst. Gut möglich, daß es noch weitere Gefahren gibt, von denen ich überhaupt nichts weiß.«
Chandalen stemmte die Hände in die Hüften und ließ den Blick über das Grasland seines Volkes schweifen. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, während er über Dinge nachdachte, die Richard bestenfalls erraten konnte. Richard wartete schweigend ab, bis Chandalen sprach.
»Stimmt es, wie du sagst, daß in unserem Dorf ein noch ungeborenes Kind wegen dieser Chimären des Todes, die auf die Welt losgelassen wurden, gestorben ist?«