Выбрать главу

Richard stapfte hinüber und trat übertrieben deutlich das Gras nieder, um die Decke vor Du Chaillu auf der Erde auszubreiten. Mit der flachen Hand strich er die größten Falten glatt, in die Mitte stellte er einen Wasserschlauch. Als er fertig war, forderte er sie mit einer einladenden Handbewegung auf, Platz zu nehmen.

»Bitte, Du Chaillu« – er brachte es nicht über sich, sie als seine Frau anzusprechen, glaubte aber nicht, daß es wichtig war – »setz dich hin und rede mit mir. Was du zu sagen hast, ist wichtig, außerdem drängt die Zeit.«

Sie inspizierte das ganz in eine Richtung niedergetretene Gras und unterzog die Decke einer eingehenden Untersuchung. Zufrieden mit den Vorbereitungen, ließ sie sich auf der einen Seite im Schneidersitz nieder. Mit ihrem geraden Rücken, dem vorgeschobenen Kinn und den im Schoß gefalteten Händen wirkte sie in gewissem Sinne edel; vermutlich war sie es.

Während sie den Wasserschlauch dankbar entgegennahm, mußte er an ihre erste Begegnung denken. Sie hatte einen Halsring getragen und war an eine Mauer gekettet gewesen. Sie war nackt und verdreckt gewesen und hatte einen Geruch an sich gehabt, als wäre sie bereits seit Monaten dort gefangen – was sogar stimmte. Und doch hatte ihr Benehmen auf ihn ebenso edel gewirkt wie in diesem Augenblick, da sie sauber und in das Gebetskleid der Seelenfrau gehüllt vor ihm saß.

Er erinnerte sich auch noch, wie sie bei seinem Versuch, sie zu befreien, Angst bekommen hatte, er würde sie töten, und ihn deshalb gebissen hatte. Die Erinnerung genügte, um ihre Bißspuren erneut zu spüren.

Dann kam ihm der besorgniserregende Gedanke, diese Frau könnte die Gabe besitzen. Er vermochte das Ausmaß ihrer Kräfte nicht genau einzuschätzen, sah es ihr jedoch an den Augen an. Dank seines Talents konnte er den zeitlosen Blick in den Augen anderer erkennen, sofern sie zumindest ein wenig mit der Gabe der Magie gesegnet waren.

Schwester Verna hatte Richard erzählt, sie habe bei Du Chaillu gewisse Kleinigkeiten ausprobiert, um sie zu testen. Verna meinte, die von ihr auf Du Chaillu gerichteten Banne seien wie in einen Brunnen geworfene Kieselsteine verschwunden und obendrein nicht unbemerkt geblieben. Du Chaillu, hatte Verna behauptet, habe genau gewußt, was man mit ihr anzustellen versuchte, und habe es irgendwie zunichte machen können.

Bereits vor langer Zeit war Richard aufgrund von anderen Beobachtungen zu der Überzeugung gelangt, Du Chaillus Gabe beinhalte eine primitive Form der Prophezeiung. Da sie monatelang in Ketten gelegen hatte, nahm er nicht an, daß sie ihre Umwelt mit ihrer magischen Fähigkeit unmittelbar beeinflussen konnte. Wer andere mit seiner Magie deutlich erkennbar beeinflussen konnte, hatte es nicht nötig zu beißen, überlegte er, und würde auch nicht zulassen, daß man ihn gefangenhält, um später geopfert zu werden. Aber sie konnte verhindern, daß andere ihre Magie gegen sie einsetzten – keine ungewöhnliche Form eines Schutzzaubers, wie Richard erfahren hatte.

Jetzt, da die Chimären in die Welt des Lebendigen eingedrungen waren, würde Du Chaillus Magie, so mächtig sie auch sein mochte, schwinden, wenn dies nicht ohnehin längst geschehen war. Er wartete, bis sie getrunken und den Wasserschlauch zurückgereicht hatte, bevor er begann.

»Du Chaillu, ich brauche unbedingt…«

»Erkundige dich, wie es unserem Volk geht.«

Richard warf Kahlan einen Blick zu. Kahlan verdrehte die Augen und nickte ihm aufmunternd zu.

Richard legte den Wasserschlauch fort und räusperte sich.

»Du Chaillu, es freut mich zu sehen, daß du wohlauf bist. Ich danke dir, daß du meinen Rat befolgt und dein Kind behalten hast. Ich weiß, es bedeutet eine große Verantwortung, ein Kind aufzuziehen. Dein Entschluß wird mit einem Leben voller Freude belohnt werden, und das Kind durch das, was du ihm beibringen kannst, da bin ich ganz sicher. Ich weiß auch, für deine Entscheidung waren meine Worte bei weitem nicht so wichtig wie dein eigener Mut.«

Richard mußte sich nicht bemühen, aufrichtig zu klingen, er war es wirklich. »Es tut mir leid, daß du deine Kleinen zurücklassen mußtest, um auf diese lange und beschwerliche Reise zu gehen und mir deine Worte der Weisheit zu überbringen. Ich weiß, du würdest keine so langwierige und beschwerliche Reise auf dich nehmen, wenn es nicht wichtig wäre.«

Sie wartete, noch immer sichtlich unzufrieden. Richard versuchte ihr Spiel geduldig mitzuspielen, seufzte und fuhr fort.

»Bitte, Du Chaillu, erzähle mir, wie es den Baka Tau Mana geht, nun, da sie endlich in die Heimat ihrer Vorfahren zurückgekehrt sind.«

Endlich huschte ein zufriedenes Lächeln über Du Chaillus Gesicht. »Unserem Volk geht es gut. Es ist, dank dir, Caharin, in seiner angestammten Heimat glücklich, doch darüber werden wir später sprechen. Zuerst muß ich dir erklären, weshalb ich gekommen bin.«

Richard mußte sich beherrschen, um nicht die Stirn zu runzeln. »Ich kann kaum erwarten, was du zu erzählen hast.«

Sie öffnete den Mund, legte dann aber selbst die Stirn in Falten. »Wo ist dein Schwert?«

»Ich habe es nicht bei mir.«

»Warum nicht?«

»Ich mußte es in Aydindril zurücklassen. Das ist eine lange Geschichte, außerdem…«

»Aber wie kannst du der Sucher sein, wenn du dein Schwert nicht bei dir trägst?«

Richard zwang sich, tief durchzuatmen. »Der Sucher der Wahrheit ist eine Person. Das Schwert der Wahrheit dagegen ist ein Werkzeug, dessen der Sucher sich bedient, ganz so wie du die Pfeife benutzt hast, um Frieden zu schaffen. Ich kann durchaus auch ohne das Schwert der Sucher sein, genau wie du auch ohne die geschenkte Pfeife die Seelenfrau sein kannst.«

»Das erscheint mir nicht richtig.« Sie wirkte erschrocken. »Dein Schwert hat mir gefallen. Es hat mir den Ring vom Hals geschlagen und den Kopf gelassen, wo er hingehört. Es hat dich uns als Caharin angekündigt. Du solltest dein Schwert bei dir tragen.«

»Ich werde das Schwert gleich nach meinem Eintreffen in Aydindril zurückerhalten. Wir waren gerade auf dem Weg dorthin, als wir euch hier begegnet sind. Je weniger Zeit ich an einem guten Reisetag mit Herumsitzen verbringe, desto eher werde ich in Aydindril eintreffen und das Schwert zurückbekommen. Tut mir leid, Du Chaillu, wenn ich den Eindruck großer Eile erweckt haben sollte. Ich wollte dich nicht kränken, doch ich fürchte um das Leben unschuldiger Menschen, um das Leben von Menschen, die ich liebe. Meine Eile dient auch der Sicherheit der Baka Tau Mana.

Ich wäre dir dankbar, wenn du mir erklären würdest, was du hier tust. Menschen sterben. Einige aus unserem Volk haben bereits ihr Leben verloren. Ich muß herausfinden, ob ich den Chimären irgendwie Einhalt gebieten kann. Möglicherweise ist mir das Schwert der Wahrheit dabei von Nutzen. Ich muß nach Aydindril, um es zu holen. Können wir bitte fortfahren?«

Jetzt, da er ihr den angemessenen Respekt gezollt hatte, lächelte Du Chaillu bei sich. Ihre Fähigkeit, das Lächeln beizubehalten, schien im gleichen Maße nachzulassen, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Zu erstenmal wirkte sie unsicher, und plötzlich wirkte sie ganz klein und verängstigt.

»Mein Gemahl, ich hatte eine beunruhigende Vision von dir. Als Seelenfrau habe ich häufiger solche Visionen.«

»Das ist schön für dich, aber davon will ich gar nichts hören.«

Sie blickte zu ihm hoch. »Wie?«

»Du hast gesagt, es sei eine Vision gewesen.«

»Ja.«

»Ich möchte mit Visionen nichts zu schaffen haben.«

»Aber … aber … du mußt. Es war doch eine Vision.«

»Visionen sind eine Form der Prophezeiung. Bislang hat mir noch keine Prophezeiung geholfen, fast immer haben sie mir Unglück gebracht. Ich will nichts davon hören.«

»Aber Visionen können helfen.«

»Nein, das können sie nicht.«

»Sie enthüllen die Wahrheit.«

»Sie sind nicht wahrer als ein Traum.«

»Träume können ebenfalls wahr sein.«