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»Nein, Träume sind niemals wahr. Sie sind nichts weiter als Träume. Visionen sind ebenfalls nicht wahr. Sie sind nichts als Visionen.«

»Aber ich habe dich in einer Vision gesehen.«

»Interessiert mich nicht. Ich will nichts davon hören.«

»Du hast in Flammen gestanden.«

Richard seufzte schwer. »Ich hatte auch schon Träume, in denen ich fliegen konnte. Dadurch wird es noch lange nicht wahr.«

Du Chaillu beugte sich zu ihm. »Du träumst, du kannst fliegen? Wirklich? Du meinst, wie ein Vogel?« Sie richtete sich auf. »So etwas habe ich noch nie gehört.«

»Es war nur ein Traum, Du Chaillu, wie deine Vision.«

»Aber ich hatte eine Vision davon. Das bedeutet, es ist die Wahrheit.«

»Nur weil ich in meinen Träumen fliegen kann, heißt das noch nicht, daß es auch stimmt. Ich stürze mich nicht mit den Armen schlagend von hoch gelegenen Orten. Es war bloß ein Traum, genau wie deine Vision. Ich kann nicht fliegen, Du Chaillu.«

»Aber verbrennen kannst du.«

Richard legte die Hände auf die Knie, lehnte sich ein Stück nach hinten und atmete tief und erfüllt von Nachsicht durch.

»Also schön, einverstanden. Was ist sonst noch in dieser Vision geschehen?«

»Nichts. Das war alles.«

»Nichts? Das war es schon? Ich, inmitten von Flammen? Da war nichts weiter als ein Traum, in dem ich in Flammen stehe?«

»Es war kein Traum.« Sie hob einen Finger, um ihre Worte zu unterstreichen. »Sondern eine Vision.«

»Und du bist diesen weiten Weg gereist, um mir das mitzuteilen? Nun, vielen Dank, daß du eine so weite Reise auf dich genommen hast, um mir das zu sagen, aber jetzt müssen wir wirklich weiter. Erzähl deinem Volk, der Caharin wünscht ihnen alles Gute. Angenehme Heimreise.«

Richard tat, als wolle er sich erheben.

»Es sei denn, du hast mir noch mehr zu sagen«, setzte er hinzu.

Die Abfuhr ließ Du Chaillu ein wenig auftauen. »Es hat mir Angst gemacht, meinen Gemahl in Flammen zu sehen.«

»Ich bekäme es auch mit der Angst, wenn ich in Flammen stünde.«

»Es würde mir nicht gefallen, wenn der Caharin in Flammen stünde.«

»Dem Caharin ebensowenig. Nun, haben dir deine Visionen auch verraten, wie ich verhindern kann, verbrannt zu werden?«

Sie senkte den Blick und zupfte verlegen an der Decke. »Nein.«

»Siehst du? Zu was taugt sie dann?«

»Sie taugt dazu, daß man von diesen Dingen erfährt«, meinte sie, während sie ein Flusenkügelchen über die Decke rollte. »Das könnte hilfreich sein.«

Richard kratzte sich an der Stirn. Sie stand kurz davor, ihren Mut zusammenzunehmen und ihm etwas noch Wichtigeres, noch Besorgniserregenderes mitzuteilen. Er vermutete, die Vision war nur ein Vorwand gewesen, deshalb mäßigte er seinen Ton, in der Hoffnung, es aus ihr herauszubekommen.

»Danke für deine Warnung, Du Chaillu. Ich werde sie im Gedächtnis behalten, damit sie mir hilft.«

Sie sah ihm in die Augen und nickte.

»Wie hast du mich gefunden?« wollte er wissen.

»Du bist der Caharin.« Jetzt sah sie wieder edel aus. »Ich bin die Seelenfrau der Baka Tau Mana, die Hüterin der alten Gesetze. Deine Gemahlin.«

Richard verstand. Sie war ihm wie die D’Haraner über die Bande verbunden – wie auch Cara. Und wie Cara vermochte auch Du Chaillu seinen Aufenthaltsort zu spüren.

»Ich war eine Tagesreise südlich von hier. Beinahe hättest du mich nicht gefunden. Bereitet es dir neuerdings Schwierigkeiten festzustellen, wo ich mich befinde?«

Sie wich seinem Blick aus und nickte. »Früher brauchte ich mich einfach nur hinzustellen und konnte, den Wind im Haar und die Sonne oder die Sterne im Gesicht, zum Horizont blicken, die Hand ausstrecken und sagen: ›In dieser Richtung befindet sich der Caharin‹.«

Sie brauchte einen Augenblick, um ihre Stimme wiederzufinden. »Es wurde immer schwieriger, zu wissen, wohin ich zeigen soll.«

»Bis vor wenigen Tagen waren wir in Aydindril«, sagte Richard. »Du mußt aufgebrochen sein, lange bevor ich hierher kam.«

»Das ist richtig. Als ich erfuhr, daß ich dich aufsuchen muß, warst du nicht hier.« Sie gestikulierte über ihre Schulter. »Du warst viel, viel weiter nordöstlich.«

»Warum kommst du dann hierher, um mich zu finden, wenn du mich viel weiter nordöstlich in Aydindril spürst?«

»Als mein Gespür für dich immer mehr nachließ, wurde mir klar, dies bedeutet Ärger. Meine Visionen sagten mir, ich muß dich aufsuchen, bevor ich dich ganz verliere. Wäre ich dorthin gereist, wo ich dich bei meinem Aufbruch wußte, wärst du bei meiner Ankunft nicht mehr dort gewesen. Stattdessen zog ich meine Visionen zu Rate, solange ich sie noch hatte, und reiste zu jener Stelle, wo du sein würdest.

Gegen Ende der Reise spürte ich, daß du inzwischen hier angekommen warst. Kurz darauf konnte ich dich nicht mehr spüren. Wir waren noch immer ein beträchtliches Stück entfernt, daher konnten wir nichts weiter tun, als unseren Weg in dieser Richtung fortzusetzen. Die Guten Seelen erhörten meine Gebete und ließen zu, daß unsere Wege sich kreuzten.«

»Es freut mich, daß die Guten Seelen dir geholfen haben, Du Chaillu. Du bist ein guter Mensch und hast ihre Hilfe verdient.«

Sie zupfte abermals verlegen an der Decke. »Aber mein Gemahl glaubt nicht an meine Visionen.«

Richard benetzte seine Lippen. »Früher hat mich mein Vater stets davor gewarnt, Pilze zu essen, die ich im Wald gefunden hatte. Meist sagte er dann, er sehe schon vor seinem inneren Auge, wie ich einen giftigen Pilz esse, woraufhin mir erst schlecht werden und ich schließlich sterben würde. Damit meinte er nicht, er konnte tatsächlich sehen, wie es passiert, sondern daß er Angst um mich hatte. Er wollte mich vor den Folgen warnen, wenn ich unbekannte Pilze esse.«

»Ich verstehe«, sagte sie mit einem verhaltenen Lächeln.

»War es denn eine echte Vision? Vielleicht war es bloß eine Vision von etwas, das geschehen könnte, das aber von den Göttinnen des Schicksals noch nicht endgültig festgelegt ist. Könnte doch sein, daß deine zu dieser Art Visionen gehörte.«

Richard ergriff ihre Hand. »Du Chaillu«, bat er sie freundlich, »erzählst du mir jetzt, weshalb du zu mir gekommen bist?«

Ehrfurchtsvoll glättete sie die bunten Stoffstreifen an ihrem Arm, als wollte sie sich der Gebete erinnern, die ihr Volk ihr mitgegeben hatte. Sie war eine Frau, die die Last der Verantwortung voller Tatkraft, Mut und Würde auf sich nahm.

»Die Baka Tau Mana freuen sich, nach vielen Generationen fernab des Ortes unseres Herzens in ihrer Heimat leben zu können. Unser Heimatland ist genau so, wie es uns in den alten Texten überliefert wurde. Der Boden ist fruchtbar, das Wetter günstig. Es ist ein guter Ort, um unsere Kinder großzuziehen. Ein Ort, an dem wir frei sein können. Unsere Herzen sind erfüllt von Freude, dort leben zu können.

Was du uns zum Geschenk gemacht hast, Caharin, sollte jedem Volk vergönnt sein. Jedes Volk sollte in Sicherheit so leben können, wie es ihm beliebt.«

Ein Ausdruck erschreckenden Kummers fiel wie ein Schatten über ihr Gesicht. »Ihr könnt das nicht. Du und dein Volk aus diesem Land in der Neuen Welt, von dem du mir erzählt hast, ihr lebt nicht in Sicherheit. Eine gewaltige Armee ist im Anmarsch.«

»Jagang«, entfuhr es Richard. »Hattest du eine Vision von dieser Armee?«

»Nein, mein Gemahl. Wir haben sie mit eigenen Augen gesehen. Ich schämte mich, dir davon zu erzählen, weil wir solche Angst vor ihr hatten und ich unsere Angst nicht zugeben wollte.

Damals, als ich an die Mauer gekettet war und wußte, die Majendie könnten jeden Tag kommen und mich opfern, hatte ich nicht so große Angst, denn damals war nur ich es, die sterben würde, nicht mein ganzes Volk. Mein Volk war stark und würde eine neue Seelenfrau ernennen, die meinen Platz einnehmen würde. Sie würden die Majendie zurückschlagen, sollten sie in das Sumpfland eindringen. Ich wäre in dem Wissen gestorben, daß die Baka Ban Mana weiterbestehen würden.