Wir üben jeden Tag mit unseren Waffen, damit niemand kommen und uns vernichten kann. Wir stehen bereit, wie es in den alten Gesetzen heißt, um gegen jeden, der uns angreift, zu kämpfen, als ginge es um unser Leben. Niemand außer dem Caharin würde es wagen, es mit einem unserer Meister der Klinge aufzunehmen.
Doch so gut unsere Meister der Klinge auch sein mögen, gegen eine solche Armee können sie nicht kämpfen. Wenn sie ihr Augenmerk schließlich auf uns richten, werden wir gegen diesen Gegner nichts ausrichten können.«
»Verstehe, Du Chaillu. Erzähl mir, was du gesehen hast.«
»Mir fehlen die Worte, zu beschreiben, was ich gesehen habe. Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, damit du verstehst, wie viele Männer wir gesehen haben, wie viele Pferde, wie viele Karren und Waffen.
Wenn sie vorüberzieht, erstreckt sich diese Armee tagelang, so weit das Auge reicht. Man kann sie nicht in Zahlen fassen. Ebensowenig könnte ich dir sagen, wie viele Grashalme auf dieser Ebene wachsen. Ich kenne kein Wort, das eine solch ungeheuer große Zahl vermitteln könnte.«
»Ich denke, das hast du gerade«, murmelte Richard. »Dann haben sie dein Volk also nicht angegriffen?«
»Nein. Sie sind nicht durch unser Heimatland gezogen. Wir fürchten erst in Zukunft um uns selbst, wenn diese Männer beschließen, daß sie uns schlucken wollen. Diese Sorte Männer wird uns nicht ewig in Frieden lassen. Diese Sorte Männer ist unersättlich, sie werden den Hals niemals vollkriegen.
Unsere Männer werden sterben, unsere Kinder der Mordgier zum Opfer fallen. Unsere Frauen werden mit Gewalt genommen werden. Gegen diesen Gegner sind wir rettungslos verloren.
Du bist der Caharin, deshalb mußt du über diese Dinge unterrichtet werden. So steht es im alten Gesetz. Als Seelenfrau der Baka Ban Mana schäme ich mich, dir meine Angst eingestehen zu müssen, und ich sage dir, unser Volk hat Angst, wir alle könnten zwischen den Zähnen dieses Monstrums zermalmt werden. Wie gerne würde ich dir berichten, daß wir tapfer in den Abgrund des Todes blicken, doch so ist es nicht. Wir sehen ihm bebenden Herzens entgegen.
Du bist der Caharin, du kannst das nicht wissen. Du kennst keine Furcht.«
»Du Chaillu«, wandte Richard mit einem verdutzten Lacher ein, »ich fürchte mich oft.«
»Du? Ausgeschlossen.« Sie senkte den Blick auf die Wolldecke. »Das sagst du nur, damit ich mich nicht schäme. Du hast den dreißig Männern ohne Furcht die Stirn geboten und sie besiegt. Nur der Caharin ist zu so etwas fähig. Der Caharin kennt keine Angst.«
Richard hob ihr Kinn an und schaute ihr in die Augen. »Ich habe den dreißig Männern die Stirn geboten, aber nicht ohne Furcht. Ich hatte schreckliche Angst, so wie ich jetzt schreckliche Angst vor den Chimären und dem uns bevorstehenden Krieg habe. Die eigene Angst einzugestehen bedeutet keine Schwäche, Du Chaillu.«
Seine freundlichen Worte brachten sie zum Lächeln. »Danke, Caharin.«
»Dann hat die Imperiale Ordnung gar nicht versucht, euch anzugreifen?«
»Im Augenblick sind wir sicher. Ich kam, um dich zu warnen, weil sie in die Neue Welt vorrücken. Sie sind an uns vorübergezogen. Zuallererst haben sie es auf dich abgesehen.«
Richard nickte. Sie befanden sich auf dem Weg nach Norden, in die Midlands.
General Reibischs Armee von nahezu einhunderttausend Mann marschierte in östlicher Richtung, um die südlichen Regionen der Midlands zu sichern. Der General hatte Richard um Erlaubnis gebeten, nicht nach Aydindril zurückkehren zu müssen, da es sein Plan war, die von Süden in die Midlands führenden Pässe und vor allem die Schleichwege nach D’Hara hinein zu sichern. Richard hatte das für eine vernünftige Idee gehalten.
Und jetzt verfügte das Schicksal, daß dieser Mann mitsamt seiner d’Haranischen Armee Jagangs Weg kreuzte.
Reibischs Streitmacht war vielleicht nicht groß genug, um es mit der Imperialen Ordnung aufzunehmen, doch die D’Haraner waren leidenschaftliche Kämpfer und für die Sicherung der nach Norden führenden Pässe bestens geeignet. Sobald sie wußten, wohin Jagangs Armee marschierte, konnten zusätzliche Truppen entsandt werden, um sich Reibischs Armee anzuschließen.
Jagang hatte mit der Gabe gesegnete Zauberer und Schwestern in seiner Armee. Auch General Reibisch wurde von einer Anzahl Schwestern des Lichts begleitet. Schwester Verna – mittlerweile Prälatin Verna – hatte Richard ihr Wort gegeben, die Schwestern würden gegen die Imperiale Ordnung und die von ihr eingesetzte Magie kämpfen. Und nun schwand die Magie, allerdings auch die Magie derer, die Jagang unterstützten, abgesehen vielleicht von den Schwestern der Finsternis und den Zauberern in ihrem Gefolge, die wußten, wie man Subtraktive Magie bewirkte.
General Reibisch hatte, wie Richard und die anderen Generäle in Aydindril und D’Hara auch, darauf gezählt, die Schwestern würden ihre Fähigkeiten einsetzen, um Jagangs Armee bei ihrem Vormarsch in die Neue Welt nicht aus den Augen zu verlieren, und mit diesem Wissen der d’Haranischen Armee bei der Auswahl eines vorteilhaften Geländes zu helfen, wo man Aufstellung nehmen konnte. Jetzt schwand die Magie und machte sie blind.
Zum Glück hatten Du Chaillu und die Baka Tau Mana sich nicht von der Imperialen Ordnung überraschen lassen.
»Das ist eine große Hilfe, Du Chaillu.« Richard lächelte sie an. »Du bringst wichtige Neuigkeiten. Jetzt kennen wir Jagangs Plan. Dann haben sie also nicht versucht, durch euer Land zu marschieren? Sie haben euch einfach links liegenlassen?«
»Sie hätten einen Umweg machen müssen, um uns zu diesem Zeitpunkt anzugreifen. Wegen ihrer gewaltigen Zahl kamen die Ausläufer ihrer Armee in unsere Nähe, doch ganz wie ein Stachelschwein im Magen eines Hundes, haben unsere Meister der Klinge dafür gesorgt, daß es eine schmerzhafte Erfahrung für sie wurde, uns zu streifen.
Wir haben einige Anführer dieser zweibeinigen Hunde gefangengenommen. Sie erzählten uns, zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei ihre Armee nicht an unserem kleinen Land und seinem Volk interessiert und bereit, uns nicht weiter zu beachten. Eines Tages jedoch werden sie zurückkommen und die Baka Tau Mana von diesem Land tilgen.«
»Sie haben euch ihre Pläne verraten?«
»Jeder redet, wenn man ihn richtig fragt.« Sie lächelte. »Die Chimären sind nicht die einzigen, die Feuer benutzen. Wir…«
Richard hob eine Hand. »Ich verstehe schon.«
»Sie erzählten uns, ihre Armee marschiere an einen Ort, der sie mit Nachschub beliefern kann.«
Richard fuhr sich nachdenklich mit dem Finger über die Unterlippe, während er sich diese bedeutsame Information durch den Kopf gehen ließ.
»Das klingt logisch. Bereits seit einiger Zeit sammeln sie ihre Streitkräfte in der Alten Welt. Sie können nicht ewig an Ort und Stelle verharren, nicht eine Armee von dieser Größe. Eine Armee muß mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Eine Armee von diesem Ausmaß muß normalerweise in Bewegung bleiben, da sie auf Nachschub angewiesen ist, auf gewaltige Mengen von Nachschub. Die Neue Welt wäre für sie, als Ergänzung zu ihren Eroberungen, ein verlockender Happen.«
Er sah zu Kahlan auf, die hinter seiner linken Schulter stand. »Wo würden sie diese Nachschubmengen am ehesten suchen?«
»Da käme eine Reihe von Orten in Frage«, antwortete Kahlan. »Sie könnten beim Einmarsch in jede Stadt Beute machen und sich alles, was sie benötigen, auf ihrem weiteren Vormarsch in die Midlands beschaffen. Solange sie das bei der Auswahl ihrer Route beachten, könnten sie ihre Armee auf dem Marsch ernähren wie eine Fledermaus, die im Flug Käfer fängt.
Oder sie überfallen einen Ort, an dem größere Mengen an Vorräten lagern. Lifany könnte ihnen riesige Getreidemengen einbringen, Sanderia verfügt über ausgedehnte Schafherden, die ihnen Fleisch liefern könnten. Wenn sie sich Ziele mit ausreichend großen Lebensmittelvorräten aussuchen, könnten sie ihre Armee auf lange Sicht mit Nachschub versorgen, was ihnen wiederum ermöglicht, ihre Ziele nach Belieben aus rein strategischen Erwägungen auszusuchen. Für uns brächen schwere Zeiten an.