Wäre ich an ihrer Stelle, wäre dies mein Plan. Ohne ihren dringenden Lebensmittelbedarf wären wir ihnen bei der Wahl eines Ortes, wo wir gegen sie Aufstellung beziehen können, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.«
»Wir könnten General Reibisch einsetzen«, dachte Richard laut nach. »Vielleicht kann er der Imperialen Ordnung den Weg versperren oder sie wenigstens aufhalten, während wir die Bevölkerung evakuieren und die Lebensmittel abtransportieren, bevor sie Jagang in die Hände fallen.«
»Der Abtransport solcher Nachschubmengen wäre eine gewaltige Aufgabe. Angenommen, Reibisch überrascht Jagangs Truppen«, meinte Kahlan, ebenfalls laut nachdenkend, »und bindet ihn, bis sein Vormarsch zum Erliegen kommt, während wir genügend Truppen von den Flanken heranführen…«
Du Chaillu schüttelte den Kopf. »Nachdem wir von den Verfassern des Gesetzes aus unserer Heimat vertrieben worden waren«, sagte sie, »zwang man uns, in dem Land der Nässe zu leben. Wenn es im Norden viele Tage lang regnete, kamen gewaltige Wassermengen. Der Fluß trat über seine Ufer, breitete sich aus.
In seinem Vorwärtsdrang, aufgewühlt, schlammdurchsetzt, voller großer, entwurzelter Bäume, riß er alles mit. Gegen die Wucht und die Wildheit dieser Wassermassen konnten wir uns nicht behaupten – niemand könnte das. Man glaubt, man könnte es, bis man es kommen sieht. Entweder findet man höher gelegenes Land, oder man stirbt.
Diese Armee ist ganz genauso. Man kann sich nicht vorstellen, wie groß sie ist.«
Als er die Angst in ihren Augen sah und hörte, wie niedergeschlagen ihre Worte klangen, bekam Richard eine Gänsehaut. Sie hatte kein Wort für diese Massen, aber das spielte keine Rolle. Er verstand, was sie ihm sagen wollte, so als leitete sie ihre Bilder und Eindrücke von der Imperialen Ordnung unmittelbar in seinen Verstand.
»Du Chaillu, ich danke dir, daß du uns diese Informationen überbracht hast. Deine Worte haben möglicherweise vielen Menschen das Leben gerettet. Wenigstens wird man uns jetzt nicht mehr überraschen können – was leicht hätte passieren können. Danke.«
»General Reibisch ist bereits auf dem Weg nach Osten, also haben wir wenigstens diesen Vorteil auf unserer Seite«, sagte Kahlan. »Wir müssen ihn umgehend benachrichtigen.«
Richard nickte. »Wir können einen Umweg nach Aydindril machen, damit wir auf ihn stoßen und entscheiden können, was als nächstes zu tun ist. Außerdem können wir uns bei ihm mit Pferden versorgen. Dadurch werden wir letztlich sogar Zeit sparen. Ich wünschte nur, er wäre nicht so weit entfernt. Zeit ist von entscheidender Bedeutung.«
Nach jener Schlacht, in der die d’Haranische Armee Jagangs riesige Eroberungsstreitmacht vernichtend geschlagen hatte, hatte Reibisch seine Armee abschwenken lassen und war in Eilmärschen nach Osten gezogen. Die D’Haraner waren im Begriff, zurückzukehren, um die aus der Alten Welt nach Norden führenden Straßen zu sichern, wo Jagang seine Truppen als Vorbereitung auf einen Einmarsch in die Midlands und möglicherweise nach D’Hara zusammengezogen hatte.
»Angenommen, wir schaffen es, uns bis zu General Reibisch durchzuschlagen und ihn vor dem Anrücken der Armee Jagangs zu warnen«, schlug Cara vor, »dann könnten wir ihn bitten, seine Boten nach D’Hara zu entsenden, um Verstärkung anzufordern.«
»Und unter anderem auch nach Kelton, Jara, Grennidon«, sagte Kahlan. »Bereits jetzt haben wir eine Reihe von Ländern mit stehenden Heeren auf unserer Seite.«
Richard nickte. »Das klingt vernünftig. Wenigstens werden wir wissen, wo sie gebraucht werden. Ich wünschte nur, wir könnten Aydindril schneller erreichen.«
»Macht das jetzt denn wirklich noch einen Unterschied?« fragte Kahlan. »Vergiß nicht, es geht um die Chimären, nicht um den Lauer.«
»Möglicherweise hat es überhaupt keinen Sinn, Zedds Bitte zu erfüllen«, meinte Richard, »andererseits können wir das nicht mit Sicherheit wissen, oder? Vielleicht hat er uns über die Dringlichkeit unseres Auftrags die Wahrheit gesagt, das Ganze aber schlicht hinter dem Namen Lauer anstelle der Chimären verborgen.«
»Wir könnten Jagang unterliegen, noch bevor die Chimären sich unserer bemächtigen können. Tot ist tot.« Kahlan entfuhr ein verzweifelter Seufzer. »Ich weiß nicht, was für ein Spiel Zedd spielt, aber mit der Wahrheit wäre uns besser gedient gewesen.«
»Wir müssen auf jeden Fall nach Aydindril«, stellte Richard entschieden fest. »Darum allein geht es.«
Sein Schwert befand sich in Aydindril.
Ganz ähnlich, wie Cara ihn über die Bande spüren und Du Chaillu seinen Aufenthaltsort wittern konnte, war Richard zum Sucher ernannt worden und mit dem Schwert der Wahrheit verbunden. Er war der Klinge über die Bande verbunden. Ohne sie hatte er das Gefühl, als klaffte in seinem Innern eine Leere.
»Du Chaillu«, fragte Richard, »als diese gewaltige Armee auf ihrem Weg nach Norden an euch vorüberzog…«
»Ich habe nie behauptet, sie seien nach Norden gezogen.«
Richard machte ein verdutztes Gesicht. »Aber … in diese Richtung müssen sie doch marschiert sein. Sie sind auf dem Weg in die Midlands – oder meinetwegen nach D’Hara. In beiden Fällen müßten sie in nördlicher Richtung marschieren.«
Du Chaillu schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein, sie ziehen nicht nach Norden. Sie sind südlich unseres Landes vorbeimarschiert, haben sich nahe der Küste gehalten, sind ihrem Verlauf gefolgt und marschieren jetzt in westlicher Richtung.«
Richard starrte sie sprachlos an. »Nach Westen?«
Kahlan ließ sich neben ihm auf die Knie. »Bist du ganz sicher, Du Chaillu?«
»Ja. Wir haben sie beschattet. Wir haben nach allen Himmelsrichtungen Kundschafter ausgesandt, weil meine Visionen mich gewarnt haben, diese Männer seien eine große Gefahr für den Caharin. Einigen Männern von Rang, die wir gefangengenommen haben, war der Name ›Richard Rahl‹ bekannt. Aus diesem Grund mußte ich kommen und dich warnen. Du bist in dieser Armee namentlich bekannt. Du hast ihnen mehrere Schläge versetzt und ihre Pläne durchkreuzt. Sie hegen einen großen Haß gegen dich. Das haben uns ihre eigenen Leute erzählt.«
»Wäre es möglich, daß deine Visionen von mir und den Flammen in Wahrheit die Flammen des Hasses meinen, den diese Menschen für mich empfinden?«
Du Chaillu dachte lange über seine Frage nach. »Du kennst dich mit Visionen aus, mein Gemahl. Es könnte sich tatsächlich so verhalten, wie du sagst. Eine Vision bedeutet nicht immer das, was sie zeigt. Manchmal deutet sie lediglich eine bestimmte Möglichkeit an – eine Gefahr, die man im Auge behalten sollte. Dann wieder verhält es sich so, wie du sagst. Sie ist eine Vision des Eindrucks, den eine Vorstellung hinterlassen hat, und nichts, was tatsächlich geschieht.«
Kahlan packte Du Chaillu am Ärmel. »Aber wohin marschieren sie nun? Irgendwo werden sie nach Norden Richtung Midlands abschwenken. Hast du herausgefunden, wo? Wir müssen unbedingt wissen, wo sie nach Norden schwenken werden.«
»Nein«, erwiderte Du Chaillu, verwirrt von ihrer Überraschtheit. »Sie planen, dem Küstenverlauf des großen Wassers zu folgen.«
»Des Meeres?« fragte Kahlan ungläubig.
»Ja, so nannten sie es. Sie wollen am großen Wasser entlangmarschieren und nach Westen ziehen. Die Männer kannten den Namen ihres Bestimmungsortes nicht, sie wußten nur, daß sie weit nach Westen marschieren würden, in ein Land, das, wie du sagst, über gewaltige Lebensmittelvorräte verfügt.«
Kahlan ließ den Ärmel der Frau los. »Bei den Gütigen Seelen«, meinte sie leise, »jetzt stecken wir in Schwierigkeiten.«
»Das würde ich auch sagen«, meinte Richard und ballte eine Faust. »General Reibisch steht weit östlich von hier und marschiert in die falsche Richtung.«
»Es ist noch schlimmer«, meinte Kahlan, während sie sich nach Südwesten drehte, als könnte sie sehen, wohin die Imperiale Ordnung marschierte.
»Aber ja«, hauchte Richard. »Dort liegt das Land, von dem Zedd sprach, in der Nähe dieses Nareef-Tales, dieses abgeschiedene Land südwestlich von hier, das Unmengen von Getreide produziert. Hab ich recht?«