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»Ja«, meinte Kahlan, den Blick unverwandt auf den Horizont gerichtet. »Jagang ist unterwegs in die Kornkammer der Midlands.«

»Nach Toscia«, ergänzte Richard, als ihm wieder einfiel, wie Zedd das Land genannt hatte.

Kahlan wandte sich wieder zu ihm um und nickte verzweifelt, schicksalsergeben.

»Es sieht ganz so aus«, meinte sie. »Ich hätte nie gedacht, daß Jagang einen derartigen Umweg machen würde. Ich hatte angenommen, er würde überfallartig in die Neue Welt einmarschieren, um uns keine Gelegenheit zu geben, unsere Streitkräfte zu sammeln.«

»Das hatte ich auch erwartet, General Reibisch war der gleichen Ansicht. Jetzt eilt er herbei, um einen Paß zu sichern, den Jagang überhaupt nicht benutzen wird.«

Richard tippte mit dem Finger auf sein Knie und überdachte ihre Alternativen. »Zumindest gewinnen wir dadurch vielleicht Zeit – außerdem kennen wir jetzt das Ziel der Imperialen Ordnung: Toscia.«

Kahlan schüttelte den Kopf. Sie schien ebenfalls ihre Möglichkeiten zu überdenken. »Zedd kannte den Ort unter einem alten Namen. Der Name des Landes hat sich im Lauf der Zeit verändert. Es war unter anderem bekannt unter den Namen Vengra, Vendice und Turalan. Toscia wird es schon seit geraumer Zeit nicht mehr genannt.«

»Aha«, machte Richard, der nicht wirklich zuhörte, sondern begann, in Gedanken eine Liste mit Dingen zu erstellen, die es abzuwägen galt. »Und wie heißt es jetzt?«

»Jetzt heißt es Anderith«, sagte sie.

Richard sah auf. Er spürte, wie ein eiskaltes Kribbeln durch seine Schenkel nach oben kroch. »Anderith? Warum das? Wieso wird es Anderith genannt?«

Kahlan runzelte die Stirn, als sie den Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte. »Es wurde nach einem der Gründungsväter so benannt. Sein Name lautete Ander.«

Das Kribbeln schoß durch Richards Arme und Rücken bis ganz nach oben.

»Ander.« Er sah sie verständnislos an. »Joseph Ander?«

»Woher weißt du das?«

»Der Zauberer, der ›Berg‹ genannt wurde? Der, wie Kolo schreibt, ausgesandt wurde, um sich der Chimären anzunehmen?« Kahlan nickte. »Das war sein Beiname – alle nannten ihn so. Doch sein richtiger Name war Joseph Ander.«

32

Richard hatte das Gefühl, als ob die widersprüchlichen Gedanken in seinem Kopf sich bekriegten. Einerseits suchte er verzweifelt nach einer Lösung für die gespenstisch irreale Bedrohung, gleichzeitig verfolgten ihn die Bilder endlos marschierender Truppen, die aus der Alten Welt ins Land strömten.

»Also gut«, rief er und streckte eine Hand aus, um zu verhindern, daß alle durcheinanderredeten. »Also gut. Immer mit der Ruhe. Denken wir über die Sache nach.«

»Die gesamte Welt könnte den Chimären erlegen sein, bevor es Jagang gelingt, die Midlands zu erobern«, erklärte Kahlan. »Wir müssen uns vor allem um die Chimären kümmern – davon hast du mich überzeugt. Nicht einfach nur deshalb, weil die Welt des Lebendigen womöglich ohne Magie nicht überleben kann, sondern weil wir Magie brauchen, um Jagang entgegenzuwirken. Nichts käme ihm mehr gelegen, als wenn wir ihn mit dem Schwert allein bekämpfen würden.

Wir müssen unbedingt nach Aydindril. Du hast es selbst gesagt: Was wäre, wenn das, was Zedd über das Fläschchen in der Burg der Zauberer sagte und was wir damit anstellen müssen, der Wahrheit entspricht? Wenn es uns nicht gelingt, unseren Auftrag zu erfüllen, helfen wir den Chimären womöglich bei der Eroberung der Welt des Lebendigen. Wenn wir nicht rechtzeitig handeln, ist es vielleicht für immer zu spät.«

»Und ich brauche unbedingt wieder einen funktionierenden Strafer«, sagte Cara mit quälender Ungeduld, »sonst kann ich Euch beide nicht so beschützen, wie es meine Pflicht wäre. Ich sage auch, wir müssen nach Aydindril und den Chimären Einhalt gebieten.«

Richards Blick wanderte zwischen den beiden Frauen hin und her. »Schön. Aber wie wollen wir den Chimären Einhalt gebieten, wenn Zedds Auftrag nichts weiter als eine Art Aprilscherz ist, damit wir ihm nicht in die Quere kommen? Wenn er lediglich um uns besorgt ist und nicht möchte, daß uns etwas zustößt, während er sich selber des Problems annehmen will?

Ihr wißt schon, wie zum Beispiel ein Vater, der einen verdächtigen Fremden kommen sieht und seinen Kindern sagt, sie sollen rasch ins Haus laufen und das Feuerholz in der Kiste nachzählen.«

Richard betrachtete die beiden Gesichter mit einem Gefühl verbitterter Verzweiflung. »Ich meine, es ist eine durchaus nützliche Information, daß dieser Joseph Ander, ausgesandt, den Chimären Einhalt zu gebieten, derselbe war, der dieses Land Anderith begründet hat. Möglicherweise ist das von Bedeutung, und möglicherweise war Zedd sich dieser Bedeutung nicht bewußt. Das soll nicht heißen, daß wir nach Anderith gehen sollten. Die Seelen wissen, auch ich will nach Aydindril. Ich möchte nur kein wichtiges Detail übersehen.« Richard preßte die Finger an die Schläfen. »Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.«

»Dann sollten wir nach Aydindril gehen«, meinte Kahlan. »Zumindest wissen wir, daß wir dort eine Chance haben.«

Richard dachte über diese Möglichkeit laut nach. »Vielleicht wäre das das beste. Was wäre schließlich, wenn der ›Berg‹, Joseph Ander, den Chimären ganz woanders, ganz am anderen Ende der Midlands, Einhalt geboten hätte – und danach in seinem späteren Leben, irgendwann nach dem Krieg vielleicht, geholfen hätte, dieses Land, das jetzt den Namen Anderith trägt, ins Leben zu rufen?«

»Genau. In diesem Fall müßten wir so schnell wie möglich nach Aydindril«, beharrte Kahlan. »Und darauf hoffen, den Chimären dadurch das Handwerk zu legen.«

»Hört zu«, sagte Richard und bat mit erhobenem Finger um Geduld, »der Meinung bin ich auch, nur wie sollen wir die Chimären aufhalten, wenn das alles vergeblich ist? Wenn alles Teil von Zedds Täuschungsmanöver ist? Dann hätten wir gegen keine der beiden Bedrohungen etwas unternommen. Diese Möglichkeit müssen wir ebenfalls in Betracht ziehen.«

»Lord Rahl«, ging Cara dazwischen, »eine Reise nach Aydindril wäre trotzdem sinnvoll. Dort könntet Ihr Euch nicht nur Euer Schwert wiederholen und tun, worum Zedd Euch gebeten hat, auch Kolos Tagebuch stünde Euch wieder zur Verfügung. Berdine ist ebenfalls dort. Sie kann Euch bei der Übersetzung helfen. Bestimmt hat sie während unserer Abwesenheit daran gearbeitet; vielleicht hat sie inzwischen mehr über die Chimären in Erfahrung gebracht. Vielleicht hat sie längst Antworten gefunden, die nur darauf warten, daß Ihr sie Euch anseht. Wenn nicht, hättet Ihr dennoch das Buch und wüßtet, wonach Ihr suchen müßt.«

»Das ist wahr«, meinte Richard. »Außerdem gibt es in der Burg der Zauberer auch noch andere Bücher. Kolo schreibt, die Bekämpfung der Chimären habe sich als erheblich einfacher erwiesen, als alle ursprünglich angenommen hatten.«

»Allerdings besaßen sie alle Subtraktive Magie«, gab Kahlan zu bedenken.

Das traf zwar auch auf Richard zu, allerdings wußte er herzlich wenig darüber, wie man sie einsetzen konnte. Das Schwert war der einzige Gegenstand, mit dem er wirklich umzugehen verstand.

»Vielleicht enthält eines der Bücher in der Burg der Zauberer auch die Lösung für das Verhalten gegenüber den Chimären«, sagte Cara, »und womöglich ist sie gar nicht so kompliziert. Vielleicht braucht man dazu gar keine Subtraktive Magie.«

Die Mord-Sith verschränkte die Arme, der Gedanke an Magie bereitete ihr offenkundig Mißbehagen. »Vielleicht könnt Ihr einfach mit dem Finger in der Luft herumfuchteln und verkünden, sie seien nicht mehr da.«

»Aber ja, du bist ein Mann mit Magie«, gab Du Chaillu zum besten, der Caras beißender Sarkasmus entgangen war. »Das könntest du doch tun.«

»Du zollst mir mehr Anerkennung, als ich verdient habe«, sagte er an Du Chaillu gewandt.

»Klingt, als wäre der Weg nach Aydindril unsere einzig echte Möglichkeit«, meinte Kahlan.