»Das ist doch die Summe, die ihr bei den Frauen entdeckt habt, nicht wahr?« fragte Petrucchio.
»Ja, du hast recht«, sagte Lecchio und sah noch einmal schnell in die Geldbeutel.
»Da scheint vieles zusammenzupassen«, sagte Petrucchio mißtrauisch.
»Es könnte alles ein Zufall sein«, sagte Lecchio.
»Natürlich«, beeilte sich Chino zuzustimmen.
»Vielleicht erscheint es euch als ein Zufall, aber jemandem wie mir, einem Mitglied der Kriegerkaste, dem man Mißtrauen und Urteilsvermögen beigebracht hat, kommt es so vor, als stecke mehr dahinter«, sagte Petrucchio.
»Ach ja?« meinte Chino.
»Ja.«
»Es gibt in Pseudopolis gar keinen Weinhändler namens Groppus!« sagte Rowena.
»Die Diebinnen sollen auch geschickte Lügnerinnen sein«, sagte Chino.
»Ich vermute, daß die drei Frauen in meiner Begleitung nicht das sind, was sie zu sein vorgeben«, deutete Petrucchio düster an.
»Was!« rief Chino.
»Was!« rief Lecchio.
»Es könnte durchaus möglich sein«, sagte Petrucchio und beugte sich zu Chino und Lecchio hin, »daß die Frauen in meiner Begleitung die entflohenen Sklavinnen sind, von denen ihr gesprochen habt.«
»Nein!« entfuhr es Chino.
»Nein!« entfuhr es Lecchio.
»Denkt doch einmal nach«, sagte Petrucchio. »Sie haben meine Dienste mit Falschgeld bezahlt. Das ist doch schon verdächtig. Wie wir uns vergewissert haben, macht ihr Geld genau die Summe aus, die dem geschädigten Groppus aus Pseudopolis gestohlen wurde. Außerdem fand der Diebstahl statt, kurz bevor wir die Stadt verließen, also hatten sie die Gelegenheit, am Ort des Verbrechens zu sein, so wie sie genug Zeit hatten, aus der Stadt zu fliehen. Dann sind sie zu dritt, und sie reisen in diesen Gewändern in diese Richtung.«
Chino und Lecchio sahen sich beeindruckt und furchtsam an.
Petrucchio richtete sich wieder auf und zwirbelte bedeutsam den Schnurrbart.
»Was sollen wir tun?« fragte Chino und sah Petrucchio hilfesuchend an, was in dieser Situation völlig natürlich war.
»Erst einmal müssen wir das Geld behalten, bis festgestellt werden kann, wer der wahre Besitzer ist«, sagte Lecchio.
»Ganz genau«, sagte Petrucchio.
»Worüber unterhaltet ihr euch da?« fragte Rowena.
»Gebt uns unser Geld zurück«, sagte Lady Telitsia.
Petrucchio drehte sich um und sah die Frauen stirnrunzelnd an. Sie schreckten unter dem finsteren Blick zurück.
Lecchio und Chino füllten in der Zwischenzeit schnell die Münzen in ihre Geldbeutel um.
»Seid ihr freie Frauen?« fragte Petrucchio.
»Aber sicher!« sagte Rowena.
»Aber sicher!« sagte Lady Telitsia.
»Aber sicher!« rief Bina.
»Wie hießen die entflohenen Sklavinnen?« fragte Petrucchio.
»Lana, Tana und Bana«, sagte Chino schnell.
»Ja, das stimmt«, bestätigte Lecchio.
»Seid ihr Lana, Tana und Bana?« fragte Petrucchio.
»Nein«, rief Rowena, »Ich bin Lady Rowena aus Pseudopolis!«
»Und ich bin Lady Telitsia aus Pseudopolis!« sagte Lady Telitsia.
»Und ich Lady Bina aus Pseudopolis!« sagte Bina.
»Wie es scheint, ist unser Verdacht unbegründet«, sagte Petrucchio erleichtert. »Denn es handelt sich nicht um Lana, Tana und Bana, entflohene Sklavinnen, sondern um die Ladies Rowena, Telitsia und Bina aus Pseudopolis.«
Chino und Lecchio tauschten einen ungläubigen Blick. Dann sagte Chino: »Es sei denn, sie lügen.«
»Hm«, machte Petrucchio nachdenklich und zwirbelte den Schnurrbart.
Schließlich räusperte er sich. »Ich weiß, was wir tun«, sagte er. »Ich werde die Frauen nach Pseudopolis zurückbringen. Dort wird sich herausstellen, ob sie die Wahrheit sprechen. Sind sie Sklavinnen, werde ich zweifellos eine hohe Belohnung erhalten.«
Die Frauen protestierten empört, aber Petrucchio warf ihnen nur einen finsteren Blick zu. Sie wichen zurück und verstummten mit hängenden Köpfen.
»Nun, meine Freunde«, sagte Petrucchio, »dann laßt uns aufbrechen.«
»Wir heißen deine Gesellschaft willkommen«, sagte Chino. »Es wird eine ungefährliche Reise werden, es sei denn, man kommt aus Turia. Übrigens, woher sagtest du, stammst du?«
»Aus Turia«, sagte Petrucchio verblüfft.
Chino runzelte die Stirn. »Das könnte schlimme Folgen haben«, sagte er besorgt.
»Wieso denn das?«
»Aber andererseits wird es sicher keine Rolle spielen, bei deinen Kampfeskünsten.«
»Ich verstehe nicht«, sagte Petrucchio.
»Du hast es vermutlich noch nicht gehört«, sagte Chino. »Vielleicht aber doch. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.«
»Welche Nachricht?«
»Der Krieg«, sagte Chino.
»Welcher Krieg?« fragte Petrucchio.
»Der Krieg mit Turia«, sagte Chino.
»Welcher Krieg mit Turia?«
»Zehn Dörfer im Umkreis von Pseudopolis haben Turia gerade den Krieg erklärt. Alle Männer sind unterwegs. Sie sind auf der Suche nach Leuten aus Turia.«
»Wieso denn das?« fragte Petrucchio aufgeregt.
»Das weiß ich nicht genau«, sagte Chino. »Bei dem ganzen Gebrüll und Waffengeklirr war es schwer zu verstehen. Es ging wohl darum, sie in Tarskfett zu braten oder sie lebendig in Tharlarionöl zu kochen. Ich weiß es wirklich nicht genau.«
Petrucchio begann vor Entsetzen am ganzen Leib zu zittern.
»Ich sehe, daß du vor Kampfeslust bebst«, sagte Chino.
»Genau«, versicherte Petrucchio hastig.
»Du bist uns willkommen. Die Abwehr blutrünstiger Soldaten und entfesselter feindseliger Horden dürfte für dich ja nicht schwierig sein.«
»Das ist wahr«, sagte Petrucchio. »Doch bin in trotz meines wilden Erscheinungsbildes manchmal ein sanftmütiger Bursche, der oft zögert, blindlings alle zu massakrieren, die sich ihm in den Weg stellen. Welch ein Zufall, erst heute morgen habe ich mein Schwert von den Spuren der letzten Schlägerei gesäubert und würde es nur ungern so schnell wieder in Blut tauchen.«
»Du würdest die entfesselten Horden und Stadtmilizen also verschonen?«
»Vielleicht.«
»Das ist ein glücklicher Tag für dieses Land«, sagte Chino.
»Bringt die Frauen fort«, schlug Petrucchio vor. »Ich werde hier auf euch warten.«
»Es könnte schwierig werden, einen Weg zurück durch das Kriegsgebiet zu finden«, sagte Chino. »Es könnte auch gefährlich sein, an diesem Ort zu verharren.«
»Gefährlich?« fragte Petrucchio.
»Ja, für die Horden und die Soldaten«, sagte Chino. »Sie durchstreifen das Land auf der Suche nach Turianern. Sollten sie dich hier finden, erginge es ihnen schlecht, selbst wenn es viele wären.«
»Gewiß, gewiß«, sagte Petrucchio und sah sich besorgt um. »Was also schlagt ihr vor?«
Chino sah zum imaginären Horizont. »Ich frage mich, wovon der Staub am Horizont herrührt?«
»Ich sehe nichts.«
»Vielleicht ist es auch nur meine Einbildungskraft.«
»Kapitän Petrucchio, darf ich sprechen?« rief da Rowena.
»Natürlich«, sagte Petrucchio.
»Laß dich nicht von diesen Schurken täuschen. Ich versichere dir, wir sind freie Frauen. Diese Unholde wollen uns nur in die Sklaverei führen!«
»Tatsächlich?« fragte Petrucchio und wurde erneut schwankend.
»Ja!«
»Ich bin verblüfft«, sagte Petrucchio ans Publikum gewandt. »Und doch glaube ich, daß ich als Soldat sofort zur Tat schreiten muß!« Er wandte sich an Chino und Lecchio. »Wartet ihr Schurken!« rief er dann. »Ich vermute eine Täuschung, für die ihr teuer bezahlen sollt. Zittert! Erbebt! Schüttelt euch vor Angst, denn ich, Petrucchio, ziehe jetzt mein Schwert!« Er wollte das große Holzschwert aus der Scheide zerren. Wie so oft schien es sich verklemmt zu haben. Chino trat vor und half Petrucchio, die hölzerne Klinge Stück für Stück aus der Scheide zu ziehen. Dann trat Lecchio dazu und half ebenfalls.