Das Terzerol schußbereit haltend, wartete er still und bewegungslos der Dinge, die da kommen sollten.
Er brauchte nicht lange zu warten. Er bemerkte, daß fast unhörbar von außen ein Schlüssel angesteckt wurde. Er hatte den seinigen von innen abgezogen und dann den Nachtriegel vorgeschoben. Nach seiner Ansicht war es also unmöglich, in das Zimmer zu gelangen, da der Nachtriegel ja nicht mittels eines Schlüssels zurückgeschoben werden konnte. Aber er täuschte sich. Zu seinem Erstaunen hörte er, daß der Riegel leise, ganz leise sich bewegte, und ein kühler Luftzug, welcher hereindrang, verriet ihm trotz der Dunkelheit, daß die Tür geöffnet worden sei.
Er lauschte in atemloser Spannung. Eine ganze Weile lang war nicht der Hauch eines Geräusches zu vernehmen. Es stand fest, daß derjenige, welcher geöffnet hatte, unter der Tür stand, um zu hören, ob der Kapitän fest schlafe. Dieser ließ daher jetzt ruhige, gleichmäßige Atemzüge ertönen.
Diese Manipulation war von Erfolg. Fast unhörbare Schritte nahten sich langsam. Abermals wurde gelauscht, und dann erhellte ein plötzlicher Lichtstrahl das ganze Zimmer.
Der Kapitän hielt das eine Auge fest geschlossen; das aber, welches mehr im Schatten war, öffnete er ein ganz klein wenig und gewahrte so einen Mann, welcher ungefähr drei Fuß vor seinem Bett stand und den Schein einer rasch geöffneten Blendlaterne auf das letztere fallen ließ. Eine Waffe war nicht zu sehen. Er hatte eine Maske vor das Gesicht gebunden und beobachtete den Kapitän, ob derselbe wirklich fest im Schlaf liege.
Richemonte setzte sein ruhiges Atmen fort, war aber bereit, bei der geringsten gefährlich erscheinenden Bewegung des Eingedrungenen die Hand mit dem Terzerol unter der Bettdecke hervorzustrecken.
Der Maskierte schien befriedigt zu sein. Er wendete sich ab und trat völlig unhörbar zum Schreibtisch. Dabei fiel der Schein der Laterne auf die Tür, und der Kapitän bemerkte, daß dieselbe zugeklinkt worden sei. Der Dieb schien in seinem Handwerk außerordentlich gewandt und erfahren zu sein.
Er griff in eine Tasche und zog einen Schlüssel hervor. Es zeigte sich, daß derselbe ganz genau in das Schloß jenes Faches passe, in welchem das Geld lag. Der Mann öffnete, zog den Kasten auf und steckte das Geld zu sich, und zwar mit einer Sicherheit, als ob er von den Verhältnissen auf das genaueste unterrichtet sei. Dann schloß er das Fach wieder zu, steckte den Schlüssel ein und schickte sich an, sich ebenso leise zu entfernen, wie er gekommen war.
Ihm dies zu gestatten, lag aber ganz und gar nicht in der Absicht des Kapitäns. Dieser war schlau genug, einzusehen, daß er sich vor allen Dingen der brennenden Laterne bemächtigen müsse, wenn es ihm gelingen solle, den Dieb zu fangen und einen jedenfalls gefährlichen Kampf im Finsteren zu vermeiden. Er fuhr daher in dem Augenblick, in welchem der Mann sich vom Schreibtisch abwandte, aus dem Bett empor und mit einem raschen Sprung an dem Dieb vorüber, welchem er dabei die Laterne entriß. Sich zwischen ihn und die Tür stellend, ließ er den Schein des Lichts auf ihn fallen und hielt ihm zugleich das Terzerol entgegen.
„Halt!“ gebot er ihm in nicht zu lautem, aber doch befehlendem Ton.
Der Mann war so überrascht und erschrocken, daß er einige Augenblicke lang wie erstarrt stehenblieb. Dann aber drehte er sich, da ihm die Flucht durch die Tür unmöglich schien, nach dem Fenster um.
„Abermals halt!“ gebot der Kapitän. „Auch dort lasse ich dich nicht durch, mein Bursche!“
Da zog der Mensch ein langes Messer aus der Tasche und machte Miene, sich den Ausgang mit demselben zu erzwingen.
„Steck das Messer ein, Kerl, sonst schieße ich!“
Dieser Befehl war in einem so nachdrücklichen Ton gegeben worden, daß der Dieb die Hand mit dem Messer sinken ließ.
„Weg das Messer, sage ich, sonst schieße ich!“ wiederholte Richemonte. „Eins – zwei – dr –“
Er kam nicht dazu, ‚drei‘ zu sagen. Der Dieb mochte immerhin ein verwegener Kerl sein, aber er mußte doch einsehen, daß eine Kugel schneller ist als eine Messerklinge. Er steckte also das Messer langsam wieder zu sich.
„Leg das Geld wieder hin auf dem Schreibtisch!“
Der Dieb schien zögern zu wollen, als aber Richemonte ihm mit dem erhobenen Terzerol drohend einen Schritt nähertrat, wandte er sich nach dem Tisch, zog die Beutel, in denen sich das Geld befand, hervor und legte sie an den angegebenen Ort.
„Nun die Maske ab!“ befahl der Kapitän.
„Das tue ich nicht!“
Das waren die ersten Worte, welche er hören ließ. Bei dem Ton dieser Stimme zuckte der Kapitän zusammen.
„Alle Teufel! Höre ich recht?“ fragte er. „Du willst dein Gesicht also nicht sehen lassen, mein Bursche?“
„Nein!“
„So weiß ich gar wohl, warum.“
Der Mann schwieg; darum fuhr Richemonte fort:
„Du schämst dich, dein Gesicht zu enthüllen, weil es jedenfalls schmachtvoller ist, seinen Herrn zu bestehlen als einen Fremden. Habe ich recht, Henry?“
Er erhielt keine Antwort.
„Nun“, meinte der Kapitän, „wenn du weder sprechen noch dich demaskieren willst, so ist das um so schlimmer für dich. Ich werde Leute herbeirufen, während ich im anderen Fall vielleicht geneigt sein dürfte, diese Angelegenheit unter vier Augen mit dir in Ordnung zu bringen.“
Er war sonst ganz und gar nicht der Mann, eine solche Milde walten zu lassen; aber es war ihm im gegenwärtigen Augenblick ein Gedanke gekommen, welcher mehr wert war als die Genugtuung, einen Dieb bestraft zu sehen.
„Ist das wahr?“ fragte jetzt der Mann.
„Ja.“
„So versprechen Sie es mir mit Ihrem Ehrenwort!“
„Unsinn! Einem Spitzbuben gibt man kein Ehrenwort. Das merke dir! Ich habe ja noch gar nicht gesagt, daß mit dem Ordnen unter vier Augen eine Straflosigkeit gemeint sei; aber es ist dennoch möglich, daß dieser Fall eintritt, wenn du mir nämlich unbedingt gehorchst. Versprechen aber werde ich nichts.“
„Nun, ich bin ja doch in Ihrer Hand. Diese verdammte Pistole hatte ich in meinem Programm nicht einkalkuliert. Ich muß mich also auf Gnade oder Ungnade ergeben.“
„Gut. Also fort mit der Maske!“
Jetzt gehorchte der Mann. Er nahm die Maske ab, und nun kam ein Gesicht zum Vorschein, welches einem vielleicht noch nicht ganz dreißig Jahre alten Mann gehörte. Dieses hätte keineswegs den Verdacht erregt, einem Spitzbuben anzugehören. Die Züge waren regelmäßig und beinahe hübsch zu nennen. Freilich weiß man ja, daß gerade solche Gesichter am meisten trügen.
„Henry!“ sagte der Kapitän. „Also habe ich mich doch nicht getäuscht, als ich glaubte dich an der Stimme zu erkennen. Mein eigener Diener bricht bei mir ein!“
Es mochte in dem Ton oder in dem Gesicht des Alten etwas für den Dieb Beruhigendes liegen, denn die Züge des letzteren nahmen einen frivolen Ausdruck an, indem er antwortete:
„Aber er wird dabei erwischt!“
„Ja, Mensch! Das Erwischen ist schlimmer als das Einbrechen. Ich wenigstens rechne dir das erstere viel mehr an als das letztere. Du hast dich da ganz schauderhaft blamiert.“
„Oh, Herr Kapitän, ich werde es nicht wieder tun!“
„Was? Das Einbrechen oder das Erwischenlassen?“
„Das weiß ich nicht genau.“
Der Alte bemühte sich, ein grimmiges Gesicht zu ziehen, und doch vermochte er nicht, ein befriedigtes Zucken zu verbergen. Das grimmige Zähnefletschen, welches man jetzt hätte erwarten sollen, war ganz und gar nicht zu bemerken.
„Bist du toll!“ meinte er. „Ist das die Stimme eines Spitzbuben, welcher bei der Tat ertappt worden ist?“
„Nein“, lachte der Mann, „es sind vielmehr die Worte eines ehrlichen Menschen, welcher offen sagt, was er denkt.“