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»Im Gegensatz zu dir haben wir versucht, unseren Teil der Abmachung zu erfüllen. Corvas’ Leute gehen seit Wochen jedem Hinweis nach. Dass sie Lucien noch nicht gefunden haben, ist nicht unsere Schuld.«

»Du willst mir weismachen, Bradosts gefürchtete Geheimpolizei sei nicht in der Lage, ein einzelnes Schattenwesen aufzuspüren?«

»Lucien ist kein Kleinkrimineller aus dem Rattennest. Du weißt selbst, wie gerissen er ist. Außerdem ist nicht gesagt, dass er sich noch in Bradost aufhält. Einiges deutet daraufhin, dass er Wind von der Sache bekommen und die Stadt verlassen hat.«

»Ach so ist das«, sagte Torne. »Ich werde beim kleinsten Auftreten von Schwierigkeiten an die Luft gesetzt, aber wenn ihr an einer simplen Aufgabe scheitert, habe ich das klaglos hinzunehmen. Wenn ich gewusst hätte, dass das eure Vorstellung von einem Geschäft ist, hätte ich mich nie darauf eingelassen.«

Umbra schwieg wütend. Torne hatte das unangenehme Talent, jeden Angriff auf sich in einen Vorteil umzumünzen. Seiner unverschämten und hinterhältigen Art war sie nicht gewachsen.

»Ich mache dir einen Vorschlag«, fuhr der Alchymist fort. »Wir vergessen diese Unterhaltung und machen weiter wie gehabt. Ich beschaffe euch einen Doppelgänger, den ihr bekommt, sowie ihr mir Lucien gebracht habt. Das ist euch hoffentlich ein Ansporn, eure Suche von nun an mit ein wenig mehr Einsatz zu betreiben.«

Umbra gab auf. »Wie viel Zeit brauchst du?«, fragte sie barsch.

»Noch einmal sechs Wochen.«

»Du kriegst zwei.«

»Sechs Wochen. Oder ich erzähle in der ganzen Stadt herum, dass die Geheimpolizei ein Haufen unfähiger Trottel ist.«

Umbra verspürte das starke Bedürfnis, ihn mit seinem eigenen Schatten zu erwürgen. »Gut. Aber keinen Tag länger. Und glaub ja nicht, du kannst uns übers Ohr hauen, hast du verstanden?«

»Nichts liegt mir ferner. Jetzt lass mich bitte allein. Ich muss mich ausruhen. Gespräche mit dir sind immer so ermüdend.«

18

Die Aetherküchen

Der Galgen stand im Schatten der Kathedrale: ein hölzernes Podest mit einer Treppe und sechzehn Schlingen, die von einem Querbalken hingen. Tausende hatten sich auf dem Tessarionplatz versammelt, um der Hinrichtung zuzusehen. Soldaten der Miliz sperrten den Galgen ab und sorgten dafür, dass niemand den vier Käfigwagen mit den Verurteilten zu nahe kam. Die warme Spätsommerluft vibrierte schier vor Anspannung.

Jackon hielt sich auf einer kleinen Tribüne auf, die man eigens für diesen Anlass aufgestellt hatte. Mit Corvas, Umbra und Amander saß er hinter Lady Sarka, die weithin sichtbar auf einem hohen Lehnsessel Platz genommen hatte. Sie trug ein prächtiges schwarzes Kleid, und ihre Amtskette funkelte in der Sonne. Flankiert wurde sie von einigen Beamten und Würdenträgern Bradosts. Jackon fühlte sich nicht wohl inmitten all dieser mächtigen Patrizier und Minister, doch Umbra hatte ihm klargemacht, dass er sich besser daran gewöhnte. Lady Sarka zu öffentlichen Anlässen zu begleiten gehörte nun zu seinen Aufgaben.

Es war das erste Mal, dass er in der Stadt als Leibwächter der Lordkanzlerin in Erscheinung trat. Er hatte sich ein wenig vor diesem Tag gefürchtet, denn er hatte erwartet, dass die Leute hinter vorgehaltener Hand über ihn lachten: Ein fünfzehnjähriges Bürschchen Leibwächter der Lady? Einfach lächerlich! Zu seiner Verwunderung war nichts dergleichen geschehen. In den verstohlenen Blicken, die man ihm zuwarf, sah er nichts als Ehrfurcht und Respekt. Offenbar stand sein Alter hinter dem Umstand zurück, dass er in Begleitung von Corvas, Umbra und Amander auftrat. Die Angst einflößende Aura der drei schien irgendwie auf ihn abzufärben.

Nachdem sich seine anfängliche Verwirrung gelegt hatte, fand er allmählich Gefallen daran, auf dieser Tribüne zu sitzen, umgeben von einer riesigen Menschenmenge. Ganz Bradost fürchtete ihn – genauso, wie er es sich in seinen Träumen ausgemalt hatte.

Die große Glocke der Kathedrale begann zu schlagen. Die Soldaten öffneten die Käfigwagen und führten die Verurteilten der Reihe nach auf das Podest, wo der Scharfrichter ihnen die Schlinge um den Hals legte. Einige der Männer und Frauen in den grauen Sträflingskitteln hatte Jackon schon einmal gesehen – er erkannte in ihnen die Attentäter, die vor einigen Wochen versucht hatten, Lady Sarka zu ermorden. Bei den anderen handelte es sich um Drahtzieher und Hintermänner der Verschwörung. Außerdem waren zwei Männer darunter, die nichts mit dem Attentat zu tun hatten. Sie waren in der Nacht nach dem Phönixtag verhaftet worden, denn sie steckten hinter dem verheerenden Aufruhr auf dem Phönixplatz.

Der Scharfrichter entrollte eine Liste und las der Menge vor, weswegen man die sechzehn Männer und Frauen zum Tod verurteilt hatte: Teilnahme an einer Verschwörung mit dem Ziel, Lady Sarka zu töten. Gefährdung des Friedens. Hochverrat. Als der Henker anschließend zum Hebel der Falltür trat, breitete sich Totenstille auf dem Platz aus. Tausende Menschen schienen den Atem anzuhalten.

Es war nicht die erste Hinrichtung, der Jackon beiwohnte. Früher, als er noch in den Kanälen gelebt hatte, war er manchmal zum Hafenviertel gegangen, wenn dort Meuterer oder Piraten hingerichtet wurden. Eine morbide Neugier hatte ihn dazu getrieben, aber er hatte damit aufgehört, als ihm klar geworden war, dass es ihn abstieß, Menschen sterben zu sehen. Auch jetzt hätte er am liebsten den Blick abgewandt, doch er wollte sich vor den anderen keine Blöße geben. Also blickte er stur geradeaus.

Der Henker legte den Hebel um. Die Falltür klappte auf, sechzehn Seile strafften sich. Einige der Verurteilten zappelten, bevor sie starben.

Jackon war zusammengezuckt. Er hoffte, dass es niemand bemerkt hatte. Verstohlen beobachtete er seine drei Gefährten. Corvas’ Gesicht war so maskenhaft wie immer. Umbra wirkte abgelenkt, als würde sie gerade über etwas ganz anderes nachdenken. Amander lächelte dünn.

Schweinehund, dachte Jackon.

Sein Ekel beim Anblick der Gehängten hatte nichts mit Mitleid zu tun. Der alte Jackon hätte Mitleid gehabt. Der neue Jackon dachte daran, wie diese Männer und Frauen Lady Sarka niedergestochen hatten, mit der Absicht, Bradost ins Chaos zu stürzen. Wer so etwas tat, hatte es nicht besser verdient.

Anders als bei anderen Hinrichtungen, wo die Menge jubelte, wenn der Mörder oder Vergewaltiger durch die Hand des Scharfrichters starb, blieben die Leute auf dem Tessarionplatz stumm. Es gab keine ausgelassenen Rufe, niemand bewarf die Gehängten mit faulem Obst.

»Undankbares Pack«, hörte Jackon Umbra murmeln, als sie Lady Sarka von der Tribüne begleiteten.

Die Menge zerstreute sich zügig, als könnten die Leute es nicht abwarten, nach Hause zu kommen. Jackon und seine Gefährten brachten die Herrin zu den beiden Droschken, die am Rand des Platzes warteten, und kurz darauf fuhren sie die Kupferstraße hinunter, flankiert von einem Trupp berittener Soldaten.

Gespenstische Stille herrschte in den Gassen der Altstadt. Die Leute hatten nun gesehen, was mit Verbrechern und Rebellen geschah. Es würde lange dauern, bis wieder jemand wagte, gegen Lady Sarka aufzubegehren. Jackon erinnerte sich an ein Gespräch, das er vor langer Zeit mit Umbra geführt hatte. Die Leibwächterin hatte gesagt, als Herrscherin von Bradost sei Lady Sarka für das Wohl unzähliger Menschen verantwortlich. Deshalb sei es ihre Pflicht, jeden zu vernichten, der versuche, die Ordnung zu stören. Jackon war anderer Meinung gewesen und hatte argumentiert, es sei falsch, Menschen einzusperren und zu töten.