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»Sie sagt, es sei wichtig.«

Seufzend legte Umbra die Zeitung hin und stand auf. »Ist sie in ihren Gemächern?«

Cedric nickte. »In der Bibliothek.«

Es war bereits zu dunkel für ein Schattentor. Müde machte sie sich auf den Weg.

Auf der Treppe stürzte ihr ein aufgeregter Jackon entgegen.

»Umbra!«, sprudelte es aus ihm heraus. »Ich muss dir etwas erzählen! Wir sind mit dem Luftschiff geflogen! Mit der Phönix ! Und weißt du, was wir gesehen haben? Zitteranemonen! Ein ganzer Schwarm! Sie haben...«

Umbra bekam schlagartig Kopfschmerzen. »Stopp«, sagte sie unwirsch. »Nicht jetzt. Ich muss zur Herrin.«

»Sehen wir uns später? Es war großartig! Ich muss dir unbedingt alles erzählen.«

»Wenn es sich nicht vermeiden lässt«, seufzte Umbra und ließ ihn stehen.

Lady Sarka stand mit verschränkten Armen an einem Fenster der Bibliothek und warf einen flüchtigen Blick über die Schulter, als sie Umbra hereinkommen hörte.

»Ihr wolltet mich sprechen, Herrin?«

In Gedanken versunken betrachtete Lady Sarka die abendliche Stadt. »Welchen Eindruck hast du von Jackon?«, fragte sie nach einer Weile.

»Was meint Ihr?«

»Die Art, wie er sich entwickelt. Wie seine Kräfte wachsen und Teil von ihm werden.«

»Er scheint auf einem guten Weg zu sein«, sagte Umbra. »Er wird immer selbstbewusster und scheint allmählich zu lernen, mit seinen Kräften umzugehen.«

»Er hat große Fortschritte gemacht. Ich glaube, er ist jetzt so weit.«

»Wofür?«

»Aziel herauszufordern.«

Umbra wählte ihre nächsten Worte mit Bedacht. »Es wäre gefährlich, etwas zu überstürzen.«

»Ich weiß«, erwiderte Lady Sarka scharf. »Aber ich kann nicht länger warten. Ich warte schon zu lange.«

»Gebt ihm mehr Zeit. Nur ein paar Wochen. Damit er seine Kräfte festigen kann.«

»In ein paar Wochen hat sich Aziel vielleicht von seiner Niederlage erholt.«

Umbra konnte spüren, wie die Ungeduld in Lady Sarka arbeitete, sie von innen heraus auffraß. »Darf ich offen sprechen?«

»Bitte.«

»Jackon hat Angst. Er fürchtet Aziel mehr als alles andere. Es dürfte schwer werden, ihn dazu zu bringen, gegen ihn zu kämpfen.«

»Natürlich hat er Angst. Aber Liebe ist stärker.« Lady Sarka lächelte dünn. »Der Junge vergöttert mich, Umbra. Du hättest ihn heute sehen sollen. Ein Wort von mir, und er würde in den Tod gehen, nur um mir zu gefallen. Mit Freuden würde er das tun.«

20

Der Körperdieb

Vivana bekam keine Luft mehr. Sie packte Liams Hände und versuchte, sich zu befreien, doch sein Griff war unglaublich stark. Erst als sie ihm einen Faustschlag ins Gesicht versetzte, ließ er von ihr ab. Sie taumelte zurück, fiel hin und hustete. Jeder Atemzug brannte wie Feuer.

»Was soll das?«, schrie sie. »Bist du verrückt geworden?«

Lucien half ihr auf. »Das ist nicht Liam. Lauf.«

Mit krallenhaft gekrümmten Fingern stand Liam da, ein Lauern im Blick und bereit zum Sprung. »Misch dich nicht ein, Alb«, knurrte er. »Das Mädchen gehört mir.«

Seine Stimme klang harsch, alt, kratzig – ganz und gar nicht wie Liams.

Vivana schluckte. Der unerwartete Angriff hatte sie völlig aus der Fassung gebracht. Sein Körper gehört jetzt mir, und ich gebe ihn nie wieder her... Und dann der Ausdruck in seinen Augen – der blanke Hass. »Nicht Liam? Was ist mit ihm los?«

Liam stieß ein kehliges Kichern aus – und sprang. Lucien warf sich ihm entgegen, sie gingen zu Boden und wälzten sich auf dem Schutt.

»Nicht!«, rief Vivana. Sie stürzte sich auf die Kämpfenden, bekam einen Schlag ins Gesicht, versuchte irgendwie, Lucien und Liam voneinander zu trennen. Lucien schüttelte sie ab, während er Liam mit einer Hand am Boden hielt.

»Aufhören! Du tust ihm weh!«

»Verdammt, Vivana, er ist besessen!«, stieß der Alb hervor. »Er ist ein Dämon! Er hat...« Er keuchte, als Liam ihm einen Hieb in die Magengrube versetzte und dadurch freikam.

In ihrem Kopf drehte sich alles. Besessen, dachte sie, besessen. Benommen richtete sie sich auf. Liam hatte sich währenddessen auf Lucien gewälzt und seine Arme gepackt.

»Nestor«, ächzte der Alb. »Hilf mir...«

Erst jetzt bemerkte Vivana, dass ihr Vater zu ihnen gestoßen war. Mit seiner mechanischen Hand ergriff er Liam von hinten und warf ihn zu Boden. Die beiden Männer stürzten sich auf den Blonden und hielten ihn fest.

»Mein Seil«, rief Lucien ihr zu. »Mach schnell!«

Vivana bezwang das Entsetzen, das sie schier lähmte, und lief zu Lucien. Das Seil steckte hinter seinem Gürtel. Um heranzukommen, hätte er Liam loslassen müssen, der zappelte und keuchte und sich mit aller Kraft wehrte. Vivana zog es hervor.

»Fessel ihn«, keuchte der Alb. »Zuerst die Beine.«

Vivana biss die Zähne zusammen. Ein Dämon hatte Liams Körper gestohlen, steckte irgendwie in ihm, lenkte seine Bewegungen. Doch daran durfte sie jetzt nicht denken. Sie schlang das Seil um Liams Fußknöchel. Er trat nach ihr, obwohl ihr Vater seine Beine festhielt. Mit zitternden Händen machte sie einen Knoten.

Nein, falsch. Sie durfte den Strick nicht so weit in der Mitte verknoten. Sie musste es so anstellen, dass noch genug Seil für seine Arme übrig blieb.

Konzentrier dich!

Fahrig löste sie den Knoten wieder und band ihm das kurze Ende um die Knöchel. Liam tobte, schnappte mit den Zähnen nach Lucien und ihrem Vater und gab dabei Laute von sich, die sie noch nie von einem menschlichen Wesen gehört hatte. Als sie fertig war, drehten sie Liam auf den Bauch. Er bekam einen Arm frei und zerkratzte ihrem Vater die Wange. Der Erfinder schlug ihm mit der mechanischen Hand ins Gesicht, und sein Kopf prallte gegen den Steinboden. Benommen blieb er liegen.

Vivana fesselte ihm die Arme. Lucien überprüfte die Knoten. »Gut gemacht«, murmelte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Liam bewegte sich schwach und stöhnte leise.

»Du hast ihn doch nicht verletzt, oder?«, fragte sie ihren Vater.

»Er kommt schon wieder zu sich.«

Wie in Trance setzte Vivana sich auf einen Steinblock. Sie fühlte sich innerlich taub, wie tot, als wären ihr Körper und ihr Verstand nicht in der Lage, ein solches Übermaß an Entsetzen zu fassen, wie sie es angesichts der vergangenen Minuten hätte empfinden müssen.

Ihr Vater und Lucien standen ratlos da. »Bringen wir ihn zur Höhle«, sagte der Alb schließlich. »Dort überlegen wir dann, was wir mit ihm machen.«

Mechanisch half Vivana dabei, Liam zu ihrem Unterschlupf zu tragen. Drinnen legten sie ihn auf den Boden und zogen die Fesseln fester, damit er sich nicht aufrichten und womöglich befreien konnte.

»Vorsichtig!«, sagte sie zu Lucien, der nicht gerade zimperlich vorging.

»Es muss sein. Er hat versucht, dich zu töten.«

Liams Wange begann von dem Faustschlag anzuschwellen. Alles in Vivana schrie, wie sie ihn so zugerichtet und zusammengeschnürt daliegen sah, und sie musste sich wieder und wieder sagen: Das ist nicht Liam. Das ist nicht Liam.

»Ich verstehe das alles nicht«, murmelte ihr Vater. »Was ist mit ihm passiert?«

»Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen«, erklärte Lucien. »Vermutlich der Bewohner dieser Ruinen. Es hat mich schon gewundert, warum wir hier keine Dämonen angetroffen haben. Er muss Liam gefunden haben, nachdem er durch Seths Tor gefallen ist. Statt ihn zu töten, hat er sich seinen Körper geschnappt.«