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»Natürlich«, antwortete Lucien. »Wie sollen wir sonst nach Hause kommen?«

»Ich habe nachgedacht. Über das, was du über die Lichtmauern gesagt hast. Es sind Barrieren, die Dämonen nicht durchqueren können, richtig?«

»Worauf willst du hinaus?«, fragte der Alb erschöpft.

»Wenn die Lichtmauern aus guten Energien bestehen, halten sie Dämonen auf, aber uns nicht. Folglich müssten wir nicht das Tor benutzen, sondern könnten auf dem kürzesten Weg zur Grenze des Pandæmoniums gehen und dort die Mauer durchqueren.«

»Und was ist mit Liam?«, warf Vivana ein. »Das Licht würde ihn nicht durchlassen.«

»Oder es würde den Dämon in ihm vernichten«, gab der Erfinder zu bedenken.

»Zu riskant«, sagte Lucien. »Selbst wenn du recht hast und wir einfach hindurchgehen könnten, wissen wir nicht, wo der Mauerabschnitt an eure Welt angrenzt. Wir könnten irgendwo herauskommen. In einem fernen Land. Auf dem Grund des Ozeans. Oder zwei Meilen über dem Erdboden. Nein, wir gehen zum Tor. Mir gefällt das auch nicht, aber etwas anderes bleibt uns nicht übrig.«

Dem Dämon hatten sie wieder die Beine gefesselt und ihn an einem Felsvorsprung festgebunden. Lucien führte Vivana und ihren Vater ein Stück von ihm weg und sagte: »Hört gut zu. Was wir da tun, ist viel gefährlicher als die Sache mit dem Lügner. Das Einzige, was den Dämon davon abhält, uns zu töten, ist das Seil. Wir müssen ihn rund um die Uhr bewachen und dürfen niemals seine Fesseln lösen. Auch den Knebel nicht.«

»Aber er muss essen und trinken«, sagte Vivana.

Lucien dachte darüber nach. »Also gut. Den Knebel nur entfernen, wenn wir ihm etwas zu essen geben. Aber das ist die einzige Ausnahme.«

»Heißt das, wir müssen ihn füttern?«, fragte ihr Vater.

»Es geht nicht anders. Ihm die Hände loszubinden ist zu gefährlich.« Der Alb schien noch etwas sagen zu wollen, zögerte jedoch.

»Was ist?«, hakte Vivana nach.

»Ein Erzdämon hat normalerweise ein Gefolge. Mindere Dämonen, die ihm dienen. So wie Nachach und seine Blutsklaven. Ich frage mich, wo seine Anhänger sind.«

»Wir haben seit Tagen keine anderen Dämonen gesehen«, meinte der Erfinder.

»Das ist es ja, was mir seltsam vorkommt. Wahrscheinlich hat er keine, aber haltet trotzdem die Augen auf. Sicher ist sicher.«

»Wir sollten ihm jetzt Wasser geben«, sagte Vivana und ging zum Lager zurück.

»Warte«, sagte ihr Vater. »Lass mich das machen.«

»Ich schaffe das schon, Paps.«

Doch er und Lucien bestanden darauf, mitzukommen, als sie zu ihrem Gefangenen ging. Sie hatte ihren Wasserschlauch und etwas Brot mitgenommen und setzte sich ihm gegenüber. Die beiden Männer standen daneben, bereit, sofort einzugreifen, falls etwas geschah. Auch Ruac saß in Habachtstellung da.

»Ich entferne jetzt deinen Knebel, damit du etwas trinken kannst«, sagte Vivana. »Bitte versuch nicht, mich zu beißen oder so, sonst muss Lucien sein Brandeisen holen, klar?«

Zögernd stand sie auf. Es bereitete ihr Widerwillen, den Dämon anzufassen, denn das Geschöpf, das da vor ihr saß, sah zwar aus wie Liam, war in Wirklichkeit jedoch eine Ausgeburt des Hasses und der Bosheit. Und es stank – nicht nach Schmutz und ungewaschener Haut, sondern nach Schwefel, Blut und Verwesung. Was hat man dir nur angetan?, dachte sie voller Verzweiflung.

Sie löste den Knebel. Der Dämon schmatzte und warf einen herablassenden Blick in die Runde.

»Hört auf, ständig mit dem Brandeisen zu drohen«, sagte er mit seiner unmenschlichen Stimme. »Ihr macht euch lächerlich. Ich weiß, dass ihr es nicht benutzen werdet. Ihr habt viel zu viel Angst um das Leben des Jungen.«

»Willst du jetzt etwas trinken oder nicht?«, fragte Vivana.

»Behaltet euer Gesöff.«

»Wenn du nichts trinkst, stirbt dein Körper.«

Der Dämon bleckte gelbe Zähne. »Vielleicht will ich ja, dass das passiert. Vielleicht gefällt es mir, diesen Fleischsack verfaulen zu sehen.«

»Unsinn. Du brauchst Liams Körper.«

»Ich kann ihn so lange am Leben erhalten, wie ich will. Auch ohne euer abgestandenes Wasser.« Er spuckte aus.

»Dann müssen wir dich eben zwingen.«

»Das Wasser kriegen wir irgendwie in ihn hinein«, sagte ihr Vater. »Aber was ist mit dem Brot? Irgendwann muss er auch etwas essen.«

»Er bekommt Suppe«, schlug Lucien vor. »Genug Flüssigkeit und gleichzeitig nahrhaft.«

Sie knebelten den Dämon wieder und zündeten den Gaskocher an. Vivana machte eine dünne Brotsuppe mit etwas Salz und achtete darauf, dass sie nicht zu heiß wurde. Anschließend legten sie den Dämon auf den Rücken und entfernten den Knebel. Er wand sich in seinen Fesseln und schrie und fluchte. Lucien setzte sich mit gespreizten Beinen auf ihn, ihr Vater hielt seinen Kopf fest. Vivana schluckte nervös, als sie den Blechnapf zu seinen Lippen führte. Mit der freien Hand öffnete sie ihm den Mund, wobei sie zweimal gebissen wurde, und goss die Suppe hinein. Er spie ihr einen Schwall der lauwarmen Flüssigkeit entgegen, doch schließlich musste er schlucken.

»Das werdet ihr bereuen«, ächzte er, als Vivana fertig war.

»Schön, dass es dir geschmeckt hat«, sagte Lucien barsch und stopfte ihm den Knebel in den Mund.

Zu Tode erschöpft legte sie sich hin. Es war nicht der Vorgang an sich, der sie so viel Kraft gekostet hatte, sondern die Tatsache, dass sie gezwungen war, Liam so etwas anzutun.

Sie hasste diesen Ort, hasste ihn mehr als sonst etwas auf der Welt.

Und plötzlich schlug die ganze Verzweiflung, die sie seit Stunden unterdrückte, über ihr zusammen, und sie begann, leise zu weinen.

»Nicht«, murmelte ihr Vater. »Wir schaffen das.« Unbeholfen strich er ihr über das Haar. Sie ergriff seine Hand und hielt sie fest, auch dann noch, als sie längst schlief.

Als sie aufwachte, hatte sie bohrende Kopfschmerzen, wie nach jedem Schlaf im Pandæmonium. Ihr Vater und Lucien brachen das Lager ab. Verwirrt setzte sie sich auf. »Bin ich mit der Wache dran?«

»Dein Vater und ich haben auf den Dämon aufgepasst«, sagte Lucien. »Wir hielten es für besser, dich schlafen zu lassen.«

Sie schälte sich aus ihrer Decke und stand auf. »Ich will nicht, dass ihr das macht. Ihr sollt keine Rücksicht auf mich nehmen.«

»Wir wissen, wie schwer das alles für dich ist. Du musst uns nichts vormachen.«

Sie wollte nicht mit ihm streiten, also ließ sie es auf sich beruhen. Müde packte sie ihre Sachen zusammen. Als sie ihre Umhängetasche aufhob, stellte sie fest, dass das Gelbe Buch nicht mehr darin steckte. Von plötzlicher Panik erfüllt fing sie hektisch an, das Lager abzusuchen.

»Was ist denn?«, erkundigte sich ihr Vater.

»Das Buch – es ist weg!«

»Beruhige dich. Es ist hier.« Er hob eine Decke auf, und der Foliant kam zum Vorschein.

Vivana hob ihn auf und presste ihn schützend an sich. »Was fällt dir ein, mir so einen Schrecken einzujagen? Du hättest mich fragen müssen, bevor du es nimmst!«

»Entschuldige. Ich wollte es mir nur ansehen, als du geschlafen hast.«

Sie steckte das Buch in die Tasche. Ihr Zorn verrauchte. Sogar zum Wütendsein war sie zu erschöpft. »Und, was hast du herausgefunden?«

»Nichts. Die Schrift, in der es verfasst ist, habe ich noch nie gesehen. Wahrscheinlich ein alter Dialekt aus Yaro D’ar. Wenn wir wieder in Bradost sind, müssen wir es zu einem alten Freund von mir bringen. Er kommt aus Yaro D’ar. Vielleicht kann er uns helfen.«

»Ich habe Tante Livia versprochen, ihr das Buch zu bringen«, erwiderte Vivana.

»Livia?«, wiederholte ihr Vater argwöhnisch. Sein Verhältnis zu den Manusch im Allgemeinen und Vivanas Tante im Besonderen war nicht gerade gut. »Ich glaube nicht, dass sie die richtige Person für diese Aufgabe ist.«